Interview mit Rechtsanwalt Stefan Winheller

beck-shop.de: Guten Tag Herr Rechtsanwalt Winheller. Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage: Wen es nach Abschluss des Referendariats nicht in den Staatsdienst zieht, sondern sich als Anwalt/Anwältin zulässt, hat meistens die klassischen Rechtsgebiete wie Arbeits-, Familien- oder Wirtschaftsrecht im Blick. Sich auf die Beratung von gemeinnützigen Körperschaften, wie z.B. Vereinen oder Stiftungen, zu spezialisieren, liegt nicht unbedingt auf der Hand. Warum entdeckten Sie diesen Bereich für sich?

Stefan Winheller: Vielen Dank für die Einladung zum Gespräch.

Das Gemeinnützigkeitsrecht ist mir zum ersten Mal im Studium und dann erneut im Referendariat begegnet. Ich hatte das Glück, drei hervorragende Professoren im Steuerrecht in Heidelberg kennenlernen zu dürfen: Professor Kirchhof, Professor Feddersen und Professor Heuer. Herr Professor Heuer hat mir damals mit auf den Weg gegeben, dass man sich spezialisieren muss, wenn man erfolgreich sein will. Das habe ich mir zu Herzen genommen. Im Referendariat, das ich bei ihm absolvieren durfte, habe ich dann einen ersten kleinen Einblick ins Stiftungsrecht erhalten und fand das einerseits sehr spannend und andererseits sehr befriedigend. Das Gemeinnützigkeitsrecht unterscheidet sich ja insoweit vom „normalen“ Steuerrecht, als man regelmäßig die „Guten“ in der Beratung hat. Nonprofit-Organisationen steuerlich zu beraten ist etwas ganz anderes und empfand ich als viel erfüllender, als irgendwelche Steuerschlupflöcher zu suchen oder durch gewagte, wirtschaftlich nicht selten sinnlose, Strukturierungen die Steuerlast des Mandanten zu „optimieren“. Letzteres ist zwar auch hoch spannend, aber zumindest in meinen Augen weniger sinnstiftend. Ich bin sehr froh, dass meine Arbeit meist sehr sinnvoll ist.

beck-shop.de: Wie strukturiert sich eine typische Beratung?

Stefan Winheller: Eine typische Beratung im Gemeinnützigkeitsrecht gibt es nicht. Dafür ist das Thema viel zu breit angelegt. Es gibt aber sicher einen typischen Ablauf für jede Art von Beratung: 1. Der Berater muss zuhören, wenn der Mandant ihm seine Ziele erläutert, 2. er muss nachfragen, um sicherzustellen, dass er die Interessenlage wirklich verinnerlicht hat, 3. er beantwortet die Fragen dann entweder spontan oder aber nimmt eine ausführlichere Prüfung vor und 4. erläutert dem Mandanten auf verständliche Art und Weise, was zu tun ist, damit der Mandant seine gewünschten Ziele erreicht.

beck-shop.de: Beschränkt sich Ihre Beratung nur auf den Gründungsprozess als solchen oder beraten Sie auch darüber hinaus? Welches sind die häufigsten Problemfelder?

Stefan Winheller: Gründungsberatung ist nur ein kleiner Teil unserer Leistungen. Wir sind für zahlreiche Verbände, Vereine, Stiftungen, gGmbHs und Genossenschaften ständiger Ansprechpartner bei einer Vielzahl von Fragestellungen. Häufig sind wir die „Haus- und Hof-Kanzlei“ des Mandanten. Nicht selten werden wir aber auch als Spezialisten hinzugezogen und bearbeiten nur einen Ausschnitt eines Falles gemeinsam mit anderen Kollegen.

Häufige Problemfelder sind aktuell z.B. das Thema Umsatzsteuer auf Mitgliedsbeiträge und Zuschüsse, das Thema Vorsteuerabzug, das Problem der Aberkennung der Gemeinnützigkeit wegen zu intensiver politischer Betätigung durch eine gemeinnützige Körperschaft, bankaufsichtsrechtliche Fragen in den Fällen, in denen gemeinnützige Träger z.B. Zahlungsdienste anbieten oder in größerem Umfang Darlehen vergeben, Fragen rund um das Thema Arbeitnehmerüberlassung zwischen gemeinnützigen Trägern, Fragen der Anerkennung von Religionsgemeinschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts, also sozusagen als Kirchen, und natürlich gesellschaftsrechtliche Umwandlungsvorgänge: Die strenge Rechtsprechung des Kammergerichts Berlin hat zu einer Vielzahl von Umwandlungen von Vereinen in gGmbHs geführt, z.B. im Bereich Schulen und Kindergärten. Das ist ein Thema, in dem wir bundesweit aktiv sind, d.h. wir beraten die Einrichtungen bei ihren Planungen und helfen ggf. bei der praktischen Umsetzung der Umwandlung.

beck-shop.de: Welches Know-how setzt Ihrer Erfahrung nach die Beratung von gemeinnützigen Körperschaften voraus?

Stefan Winheller: Nachwuchsjuristen, die sich für diese Spezialisierung interessieren, sollten sich zunächst gute steuerrechtliche Kenntnisse erarbeiten. Auf soliden Grundkenntnissen aufbauend lässt sich das Gemeinnützigkeitsrecht – zumindest in den Grundzügen – dann recht schnell erarbeiten. In der Praxis holt sich der junge Kollege mit den Jahren den weiteren Feinschliff. Das Spannende am Gemeinnützigkeitsrecht ist, dass man auch nach Jahren nicht auslernt. Obwohl es nur um wenige Paragrafen im Gesetz geht, ist jeder Fall doch wieder anders und auf neue Art und Weise interessant. Natürlich muss der Berater auch sozial kompetent sein, d.h. die nötigen soft skills mitbringen. Andererseits schadet auch eine gewisse professionelle Distanz zum Mandanten nicht: Es ist wenig zielführend, wenn man als Berater von jedem neuen gemeinnützigen Projekt, das man kennenlernt, so sehr begeistert ist, dass man sich vereinnahmen lässt. Am besten berät man, wenn man die Dinge nicht zu eng an sich heranlässt. Das ist in anderen Berufen so, das ist auch in der Juristerei nicht anders.

beck-shop.de: Ist es hilfreich wenn man selbst in einem Verein engagiert ist? In welchen Vereinen sind Sie denn Mitglied?

Stefan Winheller: Es schadet nicht, wenn man einmal die internen, meist eher langsamen und ggf. auch politisch gefärbten, Abläufe in einem Verein oder in einer anderen Rechtsform live miterlebt hat.  Generell würde ich erwarten, dass man sich im Rahmen seiner Möglichkeiten gesellschaftlich engagiert. Das erweitert den Horizont und verschiebt die innere Werteskala in die richtige Richtung. Ob das aber nun in einem Verein erfolgt oder auf andere Art und Weise, ist meines Erachtens zweitrangig. Ich selbst bin zwar Mitglied in diversen Vereinigungen, viele davon haben aktuell allerdings einen eher beruflichen Hintergrund.

beck-shop.de: Welche anderen Rechtsgebiete werden bei der Beratung häufig berührt? Ist es wichtig in einem interdisziplinären Team zu arbeiten oder beantworten Sie alle sich ergebenden Fragen, z.B. auch im Arbeits- oder Strafrecht, selbst?

Stefan Winheller: Nein! Wer kann schon alles? Unser Konzept bei WINHELLER ist ganz klar auf Spezialisierung angelegt. Jeder von uns im Team ist auf Dinge spezialisiert, die der andere nicht kann. Wir haben eine klare interne Zuständigkeitenverteilung, d.h. z.B. Kollegen, die im Arbeitsrecht firm sind, andere, die im Bank- und Kapitalmarktrecht Experten sind, Gesellschaftsrechtler und IP-Rechtler und nicht zuletzt unsere Steuerabteilung, die für die laufende Steuerberatung und Buchhaltungsfragen zuständig ist. Selbst innerhalb der Spezialisierung „Gemeinnützigkeitsrecht“ haben wir verschiedene Zuständigkeiten. Andererseits darf man das auch nicht auf die Spitze treiben. Jeder von uns hat so viel Branchenerfahrung, dass er oder sie Probleme identifizieren kann. Die Lösung muss dann aber nicht jeder von uns erarbeiten können. Stattdessen springt dann der Spezialist ein.

beck-shop.de: Ist Ihre Beratung auf deutsche gemeinnützige Körperschaften beschränkt?

Stefan Winheller: Nein, wir vertreten einige große ausländische Organisationen, die auf dem deutschen Markt aktiv sind oder sonstwie in Berührung mit dem deutschen Recht kommen. Häufig werden wir z.B. darum gebeten, ausländischen gemeinnützigen Körperschaften dabei zu helfen, in Deutschland eine gemeinnützige Tochter zu gründen. Umgekehrt helfen wir deutschen NPOs dabei, im Ausland ihre Projekte umzusetzen oder im Ausland Niederlassungen zu errichten, Mittelweiterleitungsvereinbarungen zu entwerfen, zu verhandeln oder zu schließen oder sog. Hilfspersonen im Ausland mit in die Projektumsetzung einzubinden.

beck-shop.de: Würden Sie neu zugelassenen Kolleginnen und Kollegen empfehlen, sich auf dieses Beratungsgebiet zu spezialisieren?

Stefan Winheller: Sicher. Wer Spaß am Steuerrecht hat und wenig Interesse verspürt, typischer „Corporate Tax“-Anwalt in einer Großkanzlei zu werden, wird als Anwalt oder Anwältin für Gemeinnützigkeitsrecht in einer mittelständischen Einheit eine sehr spannende und für viele Jahre herausfordernde Beschäftigung finden, die so schnell nicht aus der Mode kommen wird. Der gemeinnützige Sektor wächst ja weiterhin stark. Und gute Berater sind immer gefragt. Und wenn ich mir das erlauben darf: Wir freuen uns in der Tat sehr über Bewerbungen guter junger Kollegen, damit auch wir weiter wachsen können.

beck-shop: Im Nomos-Verlag wird voraussichtlich im August der Kommentar „Gesamtes Gemeinnützigkeitsrecht“ erscheinen, an dem Sie maßgeblich mitgewirkt haben. Können Sie kurz etwas zum Inhalt und Anliegen des Werkes sagen.

Stefan Winheller: Das Gemeinnützigkeitsrecht ist eine Querschnittsmaterie: Die Regelungen zu den steuerlichen Vergünstigungen für gemeinnützige Körperschaften sind genauso wie die Vorschriften zum Spendenrecht über diverse Steuergesetze verstreut. Für die Rechnungslegung sind wiederum z.B. die Regelungen des HGB von großer Bedeutung. Auch die unterschiedlichen Rechtsformen des gemeinnützigen Sektors, also z.B. der Verein, die Stiftung, die GmbH und die Genossenschaft, sind in unterschiedlichen Gesetzen geregelt. Das alles erschwert dem Rechtsanwender die Recherche erheblich. Mit unserem Kommentar wollen wir erstmals die wichtigsten Regelungen an einer einzigen Stelle zusammenführen. Der Praktiker hat so ein einziges verlässliches Werk zur Hand und kann sich die Anschaffung mehrerer Kommentare an sich sparen. Über 30 Autoren aus der Praxis, der Wissenschaft, der Finanzverwaltung und der Rechtsprechung haben an dem Kommentar mitgewirkt. Jedem einzelnen von ihnen und natürlich auch den beiden Mitherausgebern Frau Prof. Jachmann-Michel und Herrn Prof. Geibel möchte ich ein ganz herzliches Dankeschön sagen für ihr Engagement und ihre Geduld. Ich freue mich sehr, dass das Werk bald erscheint und hoffe, dass es gut angenommen wird.

beck-shop.de: Herr Winheller, wir danken für das Gespräch.

 

Winheller_Gemeinnützigkeitsrecht

 

 

Gesamtes Gemeinnützigkeitsrecht

2016, Nomos, ISBN 978-3-8487-1061-4,

Preis 198,00 € inkl. MwST.

 

 

 

 

Zum Autor Stefan Winheller:

Rechtsanwalt Stefan Winheller, LL.M. Tax (USA), ist Gründer und Managing Partner der auf das Gemeinnützigkeitsrecht sowie Bank- und Kapitalmarktrecht spezialisierten Kanzlei WINHELLER Rechtsanwaltsgesellschaft mbH. Als Fachanwalt für Steuerrecht berät er bundesweit gemeinnützige Organisationen und Unternehmen. Stefan Winheller studierte an den Universitäten Heidelberg, Bielefeld, Speyer und Köln Jura mit dem Schwerpunkt Steuerrecht und absolvierte nach der Zulassung als Rechtsanwalt ein Aufbaustudium im US-amerikanischen Steuerrecht an der Golden Gate University, San Francisco (USA). Er ist unter anderem Lehrbeauftragter an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin sowie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Dort betreut er die die Master-Studiengänge zum Nonprofit-Management.

E-Mail: info@winheller.com

Web: www.winheller.com

Adressen im Netz:

Blog: winheller.com/blog/

Facebook: facebook.com/winheller/

Twitter: twitter.com/Nonprofitrecht

LinkedIn: linkedin.com/company/winheller

Google+: plus.google.com

Xing: xing.com/companies/winhellerrechtsanwaltsgesellschaftmbh

 

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.