Rezension Praktikerliteratur: Technik und Taktik der Befragung!

Beide Autoren waren Richter am OLG Stuttgart und halten seit vielen Jahren Seminare u.a. zu Fragen der Vernehmung von Auskunftspersonen. Sie haben sich bei diesem Handbuch über die Technik und Taktik der Befragung zum Ziel gesetzt, ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus – addiert – 70 Berufsjahren weiterzugeben. Diese Kenntnisse sollen u.a. zu „besseren, d.h. letztlich gerechteren Urteilen“ führen. Doch nicht nur an Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte richtet sich dieses Fachbuch, sondern laut Vorwort auch an im juristischen Alltag tätige Sachverständige, Mitarbeiter von Unternehmen, die im Bereich Corporate Governance, Anti Fraud und Compliance tätig sind sowie Sachbearbeiter von Versicherungen.

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel und beginnt der Thematik entsprechend mit der Vernehmungslehre und Vernehmungstaktik. Dieses wichtige erste Kapitel umfasst mehr als ein Viertel des Werkes und legt den Grundstein für das weitere Verständnis. Praktikerfreundlich sind die wichtigen Passagen mit farblich abgesetzten, abschließenden Fazits gespickt.

So finden sich neben anderen Hinweisen Appelle an die Prozessbeteiligten, wie sie auf eine der Wahrheitsfindung dienende Vernehmung von Zeugen oder Parteien hinwirken können. Die Auskunftsperson hat zunächst immer einen freien Bericht über ihre Wahrnehmung zu erstatten. Anschließend sollten – um typische Fehler bei einer Vernehmung zu vermeiden – Fragen nacheinander gestellt und beantwortet werden. Denn die Häufung von Fragen ist mit dem Risiko von Informationsverlusten verbunden. Es werden zudem u.a. Tipps zum Umgang mit der Verunsicherung der Auskunftsperson (Vermeiden oder Verhindern) oder dem Problem von Suggestivfragen gegeben.

Hiernach werden im zweiten Kapitel die Wahrheit bzw. die Lüge thematisiert. Die Abgrenzung zwischen Wahrheit und Lüge ist von elementarer Bedeutung für den Gang der Vernehmung und die Bewertung ihres Resultats. Das hierzu erforderliche Werkzeug in Form der Aussagebewertung (basierend auf der von höchstrichterlicher Rechtsprechung konkretisierten Aussageinhaltsanalyse) einschließlich grundlegender Kenntnisse des Inhalts und der Feststellung von Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit wird dem Leser an die Hand gegeben.

Anschließend wird im dritten Kapitel der Irrtum näher erläutert, insbesondere indem die Fehlerquellen bei der Wahrnehmung und der Erinnerung aufgezeigt werden.

Für die Vermittlung eines grundlegenden Verständnisses könnte die Darlegung der Glaubhaftigkeitslehre (beginnend mit der Aussageentstehung einschließlich ihrer Fehlerquellen und nachfolgender Behandlung der Lüge) vor der Vernehmungslehre hilfreich sein.

Es folgt nach den grundlegenden ersten drei Kapiteln die Beschreibung dreier Sonderkonstellationen. So beschäftigt sich das vierte Kapitel mit der Vernehmung von Ausländern. Es werden die oftmals in der Praxis vernachlässigten Besonderheiten, wie beispielweise der kulturelle Hintergrund der Auskunftsperson oder Abweichungen in der Körpersprache, die herkunftsbedingt sein können, anhand von Beispielen beschrieben. Sie können dazu führen, dass Aussageinhalte falsch, überbetont oder unvollständig erfasst werden. Um solche eventuellen Fehlerquellen bei der Aussagewürdigung aufzuspüren, wird die Aussageanalyse unter diesen Gesichtspunkten sehr umfangreich behandelt. Es fehlen nach Ansicht der Rezensenten hierbei allerdings Ausführungen, wie man angesichts der besonderen Situation während der Vernehmung den richtigen Aussageinhalt herausarbeiten kann. Hilfreich wären Hinweise zu Fragetechniken, die sicherstellen, dass wichtige Begriffe von der jeweiligen Vernehmungsperson kritisch hinterfragt werden.

Das fünfte Kapitel richtet sich vornehmlich an den Rechtsbeistand bzw. Rechtsanwalt und dessen vorbereitende Tätigkeit in Bezug auf eine Vernehmung von Zeugen oder Mandanten. Dieser Abschnitt ist für die Rezensenten – beide als Rechtsanwälte im Wirtschaftsstrafrecht tätig – von besonderem Interesse. Auf den acht dieser Thematik gewidmeten Seiten können jedoch nur die Grundzüge abgehandelt werden. So werden der tatsächliche und der rechtliche Rahmen der Begleitung und Vorbereitung einer Auskunftsperson durch einen Rechtsanwalt behandelt. Verweise auf das Standes- und Strafrecht sensibilisieren den Leser für die Gefahren bei der „Vorbereitung des Zeugen“. Durch den Anriss weiterer relevanter Problemkreise, wie die Wahrheitspflicht im Zivil- und Strafverfahren oder die potentielle Zeugenbestechung durch Kostenerstattung bietet dieses Kapitel eine erste Orientierung.

Mit der Thematik des sechsten Kapitels „Gesprächsführung (insbesondere am Telefon), Leiten im Gespräch, Umgang mit „schwierigen Typen“ hebt sich das Handbuch von anderen Werken mit der Thematik Aussagepsychologie ab. Hier erfolgt auf 25 Seiten eine grundlegende „Schulung“ im Hinblick auf die genannten Themenkreise.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass dieses Handbuch für die erfolgreiche Durchführung von Gesprächen und Interviews im Allgemeinen sowie insbesondere für die äußerst praxisrelevanten Vernehmungen von Zeugen ein gelungener Leitfaden ist.

Der Anspruch einer guten „Lesbarkeit“ des Buches wurde durch die Wahl einer lebendigen, nicht streng wissenschaftlichen Sprache erfüllt. Die wissenschaftliche Vertiefung ermöglicht der Rückgriff auf die in zahlreichen Fußnoten benannten Quellen sowie auf die beigefügte CD-ROM, die sämtliche aufgeführten Entscheidungen im Langtext enthält.

 

Dr. Konrad Schmidt/ Dr. Jennifer Schumacher

Wendler / Hoffmann
Technik und Taktik der Befragung
2015, 220 S., Kohlhammer, ISBN 978-3-17-023341-6,
Preis 39,99 € inkl. MwSt.

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