„Wer fragt, erhält Antworten, wer richtig fragt, die richtigen.“ Interview mit Axel Wendler

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Guten Tag Herr Wendler. Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage: Ihr gemeinsam mit Dr. Helmut Hoffmann verfasstes Werk „Technik und Taktik der Befragung“ widmet sich schwerpunktmäßig der Zeugeneinvernahme. Wird dieses Thema in der Ausbildung vernachlässigt?

Ein klares Ja. In der Ausbildung erhält das Thema quasi überhaupt keinen Raum. Anwälte, Richter und Staatsanwälte befassen sich häufig erst in ihrer Berufszeit mit dem Thema und buchen dann ein berufsbegleitendes Seminar – oft nachdem sie in ihrer Praxis einen Fall hatten, der ihnen ihr Defizit aufgezeigt hatte.

Halten Sie die Taktik der Zeugenbefragung für eine Schlüsselkompetenz eines Strafverteidigers?

Nicht nur eines Strafverteidigers, sondern fast jedes Juristen. Es geht in dem Buch auch nicht nur um die Befragung von Zeugen, sondern insgesamt um zielorientierte Kommunikation von Juristen. Das wichtigste „Handwerkszeug“ für Juristen – egal ob Rechtsanwalt, Richter oder Staatsanwalt – ist die Kommunikation. Bei der Mehrzahl aller Verfahren geht es um Sachverhaltsfeststellung. Hier ist insbesondere die Prüfung der Glaubhaftigkeit der Angaben der Beteiligten und die Taktik der Befragung wichtig, unabhängig vom Rechtsgebiet. Kann im Zivilrecht Beweis geführt werden, treffen im Strafrecht die Belastungen zu, als Beispiel aus dem öffentlichen Recht stimmt das behauptete Verfolgungsschicksal, handelt es sich um einen Dubiosschaden oder einen echten Haftungsfall bei Versicherungen. Betrugsfälle sind durch richtige Fragen leicht aufdeckbar! Es geht in dem Buch darüber hinaus allgemein um Kommunikation von Juristen in schwierigen Situationen, z.B. der Umgang mit den Beteiligten in hoch emotionalisierten Situationen, etwa im Familienrecht, der Umgang von Anwälten mit problematischen Mandanten usw.

Wie kann man diese Kompetenz praktisch einüben? Haben Sie hier eine Idee für unsere Leser, wann man dies auch im Alltag ausprobieren kann?

Seien Sie offen für alles, was Ihnen zu diesem Thema begegnet. Gehen Sie mit den Tipps und Anregungen „spielerisch“ um. Testen Sie für sich unterschiedliche Fragetechniken. Es gibt auch viele Seminare zu dem Thema. Da werden Techniken geübt, idealerweise mit Video. Interessant sind oft die Erfahrungen, die man in einem Rollentausch macht. Als Anwalt spielt man z.B. einen Richter und „erlebt“ so, was in ihm vorgeht, warum er auf den Anwalt in einer bestimmten Weise reagiert. Daraus kann man dann wiederum wertvolle Rückschlüsse für das künftige eigene Verhalten ziehen. Grundsätzlich gilt aber hier wie überall: Es ist ein lebenslanger Prozess des Lernens und Übens.

Sie beide sind Richter, können Sie sich denn problemlos die anwaltliche „Brille“ aufsetzen?

Ja, absolut problemlos. Allerdings muss ich sagen, dass ich persönlich immer eine „kritische Distanz“ zu meinem Richterberuf hatte. Dies sollte ein guter Richter meiner Meinung nach immer haben. Sie ist wichtig, um eine ausreichende „Bodenhaftung“ zu behalten. Zudem habe ich verschiedene psychologische und systemische Zusatzausbildungen gemacht, die mir den Perspektivwechsel erleichtern. Ich denke, für das Thema des Buchs ist es geradezu ein Vorteil, dass wir aus eigener Erfahrung wissen, wie Richter „ticken“.

Können Sie von einem besonders positiven Erlebnis berichten, das Ihnen im Rahmen der Beschäftigung mit dem Thema passiert ist?

Ich habe etliche Male positive Rückmeldungen von Anwälten erhalten, die nach einem Seminarbesuch einen bis dahin scheinbar aussichtslosen Fall durch taktische Zeugenbefragung o.ä. zu einem erfolgreichen Abschluss führen konnten. Das freut mich natürlich immer besonders.

Abschließend möchte ich noch aus einem BGH-Urteil zitieren:

„Vernehmungslehre und Vernehmungstaktik können … auch in anderen Fachgebieten von Bedeutung sein. Die Beklagte verweist zutreffend darauf, dass jeder forensisch tätige Rechtsanwalt vom Besuch eines derartigen Seminars profitieren könnte … Ein Rechtsanwalt, der die Grundlagen der Vernehmungslehre und Vernehmungstaktik beherrscht, wird überdies den auf diesem Gebiet nicht besonders geschulten Rechtsanwälten regelmäßig überlegen sein.“

BGH, AnwZ (Brfg) 46/13 verkündet am 18. Juli 2016

Wendler / Hoffmann
Technik und Taktik der Befragung
2015, 220 S., Kohlhammer, ISBN 978-3-17-023341-6,
Preis 39,99 € inkl. MwSt.

 

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