Interview mit Professor Dr. Dr. h.c. Peter Ehlers zum Schifffahrtsrecht

Guten Tag Herr Professor Ehlers. Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für den Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Sie haben sich bereits in Ihrer Promotion direkt nach Ihrem Studium mit dem Thema Seeschifffahrt auseinander gesetzt. Wie kamen Sie auf die Idee, sich diesem nicht unbedingt klassischen Rechtsgebiet zu widmen?

Ich bin an der Küste aufgewachsen, wollte nach dem Abitur selbst zur See fahren und habe mich immer für Schifffahrt und Meere interessiert. Durch meine Promotion über die Internationale Seeschifffahrts-Organisation kam ich in Kontakt mit dem Bundesverkehrsministerium und begann meine berufliche Laufbahn in der Schifffahrtsverwaltung des Bundes. In meiner vierzigjährigen beruflichen Tätigkeit  vor allem in der Abteilung Seeverkehr des Bundesverkehrsministeriums und als Präsident des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie habe ich mich immer wieder auch mit seerechtlichen Themen befasst. Seit Anfang der 1990er habe ich Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Rostock wahrgenommen. Während sonst an den Universitäten eher das internationale Seerecht behandelt wird, habe ich mich auf das nationale öffentliche Seerecht konzentriert, bei dem es gerade um die Anwendung und Durchsetzung internationaler Regelungen geht, und dabei meine in der Verwaltungspraxis gewonnenen Erfahrungen eingebracht.

beck-shop: Welchen „Hintergrund“ muss jemand mitbringen, der sich auf dieses Gebiet spezialisieren möchte? Welches Know-how ist Ihrer Erfahrung nach unerlässlich?

Eine Spezialisierung allein auf das öffentliche Seerecht ist für jemanden, der als Anwalt tätig werden will, sicher nicht ausreichend; es sei denn, dass er sich vor allem auf den maritimen Umweltschutz und die Sicherheit des Schiffsverkehrs konzentriert.  Häufiger werden jedoch das Seehandelsrecht und Seeversicherungsrecht, daneben auch das Seearbeitsrecht und das Gesellschaftsrecht im Vordergrund stehen. Ganz allgemein sind neben einem fundierten juristischen Allgemeinwissen Interesse und Verständnis für maritim-naturwissenschaftliche und technische Zusammenhänge, insbesondere aber auch für Wirtschaftsfragen wichtig, wenn man sich auf das See- und Schifffahrtsrecht spezialisieren will.

beck-shop: Mit welchen Fragen setzen Sie sich regelmäßig auseinander?

Ich befinde mich nun schon seit acht Jahren im – zugegebenermaßen eher unruhigen – Ruhestand, bin aber nach wie vor im maritimen Bereich in unterschiedlichsten Funktionen tätig. Dabei spielt das öffentliche Seerecht vor allem bei meiner Lehrtätigkeit bei der World Maritime University in Malmö, dem International Maritime Law Institute auf Malta und der jährlichen Summer Academy der Internationalen Seerechtsstiftung in Hamburg eine wichtige Rolle. Meine Aktivitäten gehen aber weit darüber hinaus und erfassen auch meereswissenschaftliche und meerestechnische Themen genauso wie Wirtschaftsfragen der Schifffahrt und den Meeresumweltschutz. Mir geht es vor allem um zwei Aspekte: Wie schaffen wir es, Nutzung und Schutz der Meere in eine Balance zu bringen? Und wie können wir junge Menschen vor allem aus weniger entwickelten Ländern so ausbilden, dass sie in Zukunft für eine nachhaltige Entwicklung im maritimen Bereich sorgen können?  Konkreter auf das Seerecht bezogen setze ich mich zur Zeit mit der Frage auseinander, wie man die immer größere Flut von internationalen und europäischen Regelungen so in das deutsche Recht übertragen kann, dass der Rechtsanwender überhaupt noch den Durchblick behält.

beck-shop: Arbeiten Sie eng mit Rechtsanwaltskanzleien zusammen?

Ich habe viele persönliche Kontakte zu Kanzleien, die im Schifffahrtsbereich einen Schwerpunkt haben und werde gelegentlich auch um Begutachtung einzelner Fragen gebeten.

beck-shop: Würden Sie neu zugelassenen Kolleginnen und Kollegen empfehlen, sich auf das Beratungsfeld Recht des Seeverkehrs zu spezialisieren? Eignet es sich überhaupt für kleine und mittlere Kanzleien?

Nicht zuletzt wegen der erforderlichen Spezialisierung, die nicht auf das deutsche See- und Schifffahrtsrecht begrenzt sein darf, werden seeverkehrs- und schifffahrtsrechtliche Fragen eher von großen, meist auch international aufgestellten Kanzleien betreut. Die Karriere für junge Juristinnen und Juristen geht daher eher über diese Kanzleien, die weiterhin Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs haben. Wir haben deshalb z. B. an der Universität Hamburg, an der ich noch tätig bin, einen Schwerpunkt „Maritimes Wirtschaftsrecht“ eingerichtet, der auch das öffentliche Seerecht als wichtige Komponente enthält. Empfehlenswert ist die Ergänzung durch die Promotion mit einem seerechtlichen Thema.

beck-shop: Das Recht des Seeverkehrs ist sicherlich stark international ausgerichtet, oder?

Seeschifffahrt ist ein globaler Verkehrsträger, die Meere sind grenzenlos. Das macht internationale Regelungen unerlässlich. Hierfür ist vor allem die Internationale Seeschifffahrtsorganisation, eine Sonderorganisation der UN, zuständig, die für ein umfassendes Regelwerk sorgt. Dabei handelt es sich um eine große Zahl von Übereinkommen, ergänzenden Codes, Richtlinien, Standards und Empfehlungen mit unterschiedlicher rechtlicher Bindungswirkung. Hinzu kommen zusätzliche Regelungen der EU, die teils der harmonisierten Anwendung der internationalen Normen dienen, teils aber auch zusätzliche Anforderungen begründen. National geht es darum, diese Regelungen in das deutsche Rechtssystem einzupassen. Dies so zu gestalten, dass es für den Rechtsanwender noch überschaubar und verständlich bleibt, ist immer wieder eine Herausforderung.

beck-shop: Im Nomos-Verlag ist aktuell ein Kommentar von Ihnen zum Recht des Seeverkehrs erschienen. Bitte seien Sie so nett und sagen Sie etwas zum Inhalt und Anliegen des Werkes.

Unser innerstaatliches Recht des Seeverkehrs wird von einer großen Zahl von Einzelgesetzen und Rechtsverordnungen geprägt. Deren Vorschriften greifen vielfach ineinander, verweisen auf andere Rechtsquellen oder nehmen darauf Bezug. In mehr als sechzig Jahren historisch gewachsen, ist nicht immer die gewünschte Konsistenz, Transparenz, Systematik und einheitliche Begrifflichkeit gewährleistet. Das kann den notwendigen Überblick für den Betroffenen erschweren und die Anwendung verkomplizieren. Die Rechtswissenschaft hat sich bisher vorzugsweise mit dem internationalen Seerecht auseinandergesetzt. Hingegen fehlt es weitestgehend an Untersuchungen zur Durchdringung des nationalen Rechts. Rechtsprechung liegt nur zu einigen wenigen Einzelfragen vor. Um die Lücke zu schließen, werden in dem Kommentar die wichtigsten den Seeverkehr betreffenden Gesetze – Seeaufgabengesetz, Flaggenrechtsgesetz, Schiffssicherheitsgesetz, Seelotsgesetz und Seesicherheits-Untersuchungsgesetz – näher erläutert und in einem Anhang um wichtige Durchführungsverordnungen ergänzt, auf die in den Erläuterungen vielfach Bezug genommen wird. Mir liegt daran, mit dem Kommentar die Rechtsanwendung zu erleichtern und zur besseren Durchdringung der Materie beizutragen.

beck-shop: Herr Professor Ehlers, wir danken für das Gespräch.

 

Ehlers
Recht des Seeverkehrs
2016, 523 S., Nomos, ISBN 978-3-8487-3025-4,
Preis 78,00 € inkl. MwSt.

 

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