Der Ruf nach einer „neuen Elite“

Vor einiger Zeit beklagte sich ein Kommentator einer großen Wochenzeitschrift über Leserzuschriften, die aus seiner Sicht neben inhaltlichen insbesondere Schwächen der Rechtschreibung und Grammatik – vor allem der Unkenntnis bei der Verwendung des Konjunktivs – aufwiesen. Als Konsequenz forderte er ein „gesundes Elitebewusstsein“ und hat nun noch einmal nachgelegt, indem er für politische Spitzenämter nicht nur Abitur, sondern auch einen Hochschulabschluss verlangt.

Wenn jenes tatsächlich die Merkmale einer gesellschaftlichen Elite sind, können wir Juristen umgehend den Finger heben: Abitur und Staatsexamina begründen die formale Qualifikation, der Umgang mit der Sprache – insbesondere dem Konjunktiv – ist uns seit Anbeginn des Studiums vertraut und damit tägliches Brot. Aber was haben einzelne Kommilitonen nicht alles angerichtet in der Vergangenheit und sind trotzdem auch nach dem Krieg noch in herausgehobener gesellschaftlicher Position tätig geblieben. Wenn dann noch publik wird, wie heute junge Juristen ticken, stellt sich ernsthaft die Frage, ob man das Etikett „Elite“ wirklich allein aufgrund einer formalen Qualifikation vergeben sollte.

Was passieren kann, wenn eine Verfassung formale, universitäre Anforderungen an einen Staatspräsidenten stellt, konnten wir ebenfalls jüngst nachlesen. Die Diskussion, ob ein/e Justizminister/in eine juristische Ausbildung vorweisen muss, ist nun schon fast ein alter Hut.

Ein chinesisches Sprichwort besagt, man solle drei Mal durch sein eigenes Haus gehen, bevor man die Welt verbessere. Die Frage, ob der deutsche Journalismus ein Qualitätsproblem haben könnte (wenn ich etwa an die Berichterstattung zur Geiselnahme von Gladbeck und die weitgehend unterbliebenen praktischen Konsequenzen daraus denke), sollen deshalb lieber andere diskutieren. Aber es scheint doch in einzelnen Redaktionen eine gewisse Unkenntnis darüber zu herrschen, dass Demokratie nicht Herrschaft einer Elite, sondern eben des Volkes bedeutet. Die Lektüre von Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes bringt insoweit Licht in den trüben Redaktionsalltag.

Im selben Organ war schon vor einigen Jahren zu lesen: „Die Deutschen sind vielleicht kein Volk von Volkstribunen, aber eines von Oberlehrern.“ Wie wahr!

Vielleicht gehen wir noch einmal auf „Los“, vergessen Rechtschreibung sowie Grammatik und beginnen die Debatte von vorne, was eine Elite sein könnte und ob unsere Demokratie diese wirklich braucht.

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