Der Anwalt und die Medien – Beitrag von Professor Dr. Joachim Jahn, Mitglied der NJW-Schriftleitung

Meist ist es ja eher unangenehm, wenn man selbst in der Zeitung steht – etwa als Opfer eines Verkehrsunfalls, eines Raubüberfalls oder gar eines Flugzeugabsturzes. Anders, wenn man aus erfreulichem Anlass in den Medien auftaucht: Ein Verteidiger dürfte sich in aller Regel freuen, wenn über sein flammendes Plädoyer in einem spektakulären Strafprozess berichtet wird. Oder ein Zivilanwalt über einen  Artikel darüber, wie er einen Vermieter von einer „Mietnomade“ erlöst oder einem schikanierten Arbeitnehmer den Job gerettet hat.

Seien wir ehrlich: Solche Erwähnungen, Berichte, Interviews schmeicheln nicht nur der Eitelkeit. Vor allem können sie der Akquise neuer Mandanten nützen. Ganz abgesehen davon, dass Anwälte damit zugleich die Reputation ihres Berufsstandes mehren. Zeigen Sie damit doch der Öffentlichkeit, wie nützlich und unentbehrlich ihre Dienste für die Bürger, ja für die gesamte Gesellschaft sind. Wie die Standesorganisationen das gerne pathetisch formulieren: Sie verschaffen Menschen in Notsituationen den „Zugang zum Recht“.

Was kann man aber tun, wenn man als Anwalt auf eine Berichterstattung erpicht ist, jedoch partout kein Journalist anruft? Große und zunehmend auch mittelgroße Kanzleien bedienen sich dazu einer PR-Agentur (oder gar eigener Inhouse-Mitarbeiter). Das mag helfen, kostet aber Geld, und die Auswahl des richtigen Beraters ist verdammt schwierig. Die großen Agenturen sind die teuersten, aber haben oft erschreckend wenig Ahnung von der Welt des Rechts und vom Rechtsjournalismus und dessen Akteuren. Kleine PR-Firmen hingegen sind von höchst unterschiedlicher Qualität, auch wenn sich dort einige wenige Perlen finden.

Da ist die „Do it yourself“-Methode durchaus eine Option. Es gibt ein recht bekanntes und aktuelles Beispiel: nämlich die Anwaltskanzlei Tilp aus dem beschaulichen Kirchentellinsfurt bei Tübingen. Der Kanzleiinhaber gilt bundesweit als der Experte für Verfahren nach dem KapMuG auf der Seite der Kapitalanleger. Gerade hat er vom OLG Celle den Zuschlag bekommen, um den Musterkläger in einem Milliardenprozess gegen Porsche zu vertreten; neulich hat er hier am OLG Frankfurt das Verfahren der 17.000 Telekom-Aktionäre auf Schadensersatz (grundsätzlich jedenfalls) gewonnen. Längst schreibt Tilp dagegen seine Pressemitteilungen selbst. Das geht, und er findet damit Gehör. Vor Verkündung des Musterentscheids hatte er drei verschiedene Versionen seiner Presserklärung vorbereitet – und musste im Saal auf seinem Smartphone dann nur noch die richtige anklicken, als klar war, wohin die Reise ging. Eine Methode, die sonst nur Journalisten von Nachrichtenagenturen wie der DPA beherrschen, für die es auf jede Sekunde Vorsprung vor der Konkurrenz ankommt.

Aber auch ohne ein Verfahren von oder gegen Prominente, das ohnehin im Rampenlicht steht, gibt es viele Türen und Einflugschneisen. Wer mag, kann Redaktionen einen Gastbeitrag vorschlagen, wenn es in dem jeweiligen Medium beispielsweise eine regelmäßige Ratgeberrubrik oder Rechtsseite gibt. Aber bitte – schlagen Sie ein konkretes Thema vor! Die Anfrage, worüber Sie einmal etwas schreiben könnten, führt selten zum Ziel.

Natürlich können Sie auch auf einen eigenen Fall hinweisen, was insbesondere in Wirtschafts- und Lokalredaktionen auf fruchtbaren Boden fallen kann. Schließlich werden Zeitungsseiten nicht von alleine voll! Ganz im Gegenteil, als örtlicher Gerichtsreporter geht man mitunter regelrecht hausieren auf der Suche nach einer Geschichte. Keineswegs interessiert sich die Presse nur für Sex & Crime! Sie können sich auch als Experten, als Zitatgeber oder Interviewpartner anbieten für ein aktuelles Rechtsproblem oder für ein öffentlichkeitswirksames Verfahren, an dem Sie gar nicht selbst beteiligt sind. Dabei kann man durchaus ganz von sich aus kurze Zitate als „O-Ton“ an die Redaktionen mailen. Einige Advokaten der jüngeren Generation haben zudem mit regelmäßigen Blogbeiträgen oder Podcasts im Internet oder mit Erklärvideos auf Youtube einen beträchtlichen Bekanntheitsgrad, wenn nicht gar einen gewissen Kultstatus erreicht.

Ein kleiner Tipp: Wer Kontakt zu Redaktionen sucht, sollte im Vorfeld recherchieren, wer der beste Ansprechpartner dort ist. Mailen Sie denjenigen dann gezielt an – aber (mit Verlaub): Rufen Sie nicht eine halbe Stunde später an und fragen, ob er oder sie die Mail erhalten hat und ob er sie verwenden möchte. Schon gar nicht nachmittags, wenn der Redaktionsschluss naht. Beides sind absolute „dont’s“. Verkaufen Sie den zuständigen Reporter auch nicht für dumm: Mich hat einmal ein sehr bekannter Anwalt angerufen, um mir voller Stolz zu erzählen, er habe nun von der Staatsanwaltschaft ein Aktenzeichen mitgeteilt bekommen – als ob das etwas über den Erfolg seiner Strafanzeige besagen würde, die er groß in die Zeitung bringen wollte.

Vor allem: Verwenden Sie eine klare Sprache und um Himmels willen nicht das berüchtigte Juristendeutsch, den fürchterlichen Kanzleistil. Feilschen Sie bei Zitaten nicht um jedes Komma und jeden einschränkenden Nebensatz; und bitte auch nicht um die Nennung Ihres Doktortitels oder um die Aufzählung Ihrer Buchveröffentlichungen, Top-Mandate oder Auszeichnungen. Es soll sogar schon vorgekommen sein, dass ein Anwalt verlangt hat, dass man ihn als „Staranwalt“ bezeichnet. Kein seriöses Medium wird sich darauf einlassen. Aber da gibt es durchaus ein „do ut des“, quasi einen Tauschhandel – genau wie im schuldrechtlichen Synallagma. Eine exklusive Information des Anwalts wird womöglich mit einer umso wohlwollenderen und opulenteren Berichterstattung belohnt. Das ist dann (bewusst oder unbewusst) oft die Währung, mit der Redaktionen bezahlen (und nur äußerst selten ist es das berüchtigte Scheckbuch).

Aber Vorsicht: Rechtskenntnisse darf man bei einem Journalisten allenfalls bei den „Qualitätsmedien“ voraussetzen. Je zugespitzter und reißerischer er seinen Artikel hinterher schreibt, umso schöner für ihn – aber nicht unbedingt für den Anwalt; oder für die Richtigkeit des Berichts und damit die Öffentlichkeit, die redlich informiert werden will.

Vertrauen ist ebenfalls sozusagen eine Vertrauenssache: Die allermeisten Reporter und Redakteure halten sich zwar wirklich daran, wenn man mit ihnen vereinbart, dass sie eine bestimmte Information nur vertraulich mitgeteilt bekommen. „Hintergrundgespräch“ kann man das nennen; im politischen Berlin und im Wirtschaftsjournalismus spricht man auch davon, etwas sei „nur unter 3“ gesagt worden. Aber andererseits: Mancher Schreiberling würde für eine gute Schlagzeile seine eigene Großmutter verkaufen. Oder Ihnen knallhart sagen, dass er Sie nur zitiert, wenn Ihre Aussage seiner vorgefassten These für seinen Artikel entspricht.

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