Nicht oben ohne – Beitrag von Tobias Freudenberg, Schriftleiter der NJW

Derzeit wird viel über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Rechtsberatungsmarkt geschrieben. Was an dieser Entwicklung ist disruptiv, lautet eine zentrale Frage. Überhaupt ist im Zusammenhang mit der Digitalisierung viel von Disruption die Rede. Intelligente Maschinen und Algorithmen werden die Menschen bald aus dem Berufsleben verdrängen, heißt es. Auch die Juristen.
Wenn die Roboter da mal nicht unser Beharrungsvermögen unterschätzen.
Unabhängig davon, dass natürlich ausgerechnet unsere Profession viel zu anspruchsvoll ist, um automatisiert zu werden, gibt es ein anschauliches Beispiel, wie wir der Digitalisierung trotzen: Der Kleidungsstil des Computerzeitalters ist betont leger. Oder casual, wie es im Business-­Sprech heute heißt. Der Chef von Apple, Tim Cook, präsentiert etwa seine Produktneuheiten stets in Jeans und Sneakern (so nennt man heute Turnschuhe). Dazu trägt er dunkle Hemden, die natürlich lässig aus der Hose hängen. Mark Zuckerberg, der Chef von Facebook, hält es ähnlich. Statt Hemd trägt er aber T-­Shirt und Hoodie (so nennt man heute Kapuzenpullover, die so etwas wie die Uniform der IT-­Branche sind).
Da wollen deutsche Spitzenmanager natürlich nicht nachstehen. Man könnte ihnen ansonsten ja auch vorhalten, sie hätten den Zug der Zeit verpasst. Der Vorstandsvorsitzende von Daimler, Dieter Zetsche, trägt neuerdings auch häufig Jeans und Turnschuhe. Das wirkt, ohne dem Mann zu nahe treten zu wollen, immer etwas pseudolässig. Zumal er an seinem buschigen Schnauzer festhält, anstatt auf einen Hipster-­Rauschebart umzustellen, und weiterhin eine randlose Brille trägt, obwohl nur überdimensionale Horngestelle wirklich in sind. Zetsche ist übrigens kein Einzelfall: Auch in anderen DAX-­Konzernen verzichten viele Obere inzwischen auf den Anzug, zumindest aber auf die Krawatte.
Und die Juristen? Die lässt die Digitalisierung zumindest beim Outfit völlig unbeeindruckt. Ich war in den vergangenen Monaten auf mehreren Veranstaltungen, die sich mit dem Thema Legal Tech beschäftigten. Selbst auf diesen Digital-­Kongressen blieben sich die Rechtsexperten treu. Anzug und Krawatte bei den Herren, Kostüm bei den Damen. Ok, einige Wagemutige verzichteten auf den Binder, das war dann aber auch das Maximum an Nonchalance.
Auch unser Bundesjustizminister geht stets adrett gekleidet mit ­gutem Beispiel voran. Im vergangenen Jahr wurde Heiko Maas (SPD) von einem Männermagazin wegen seiner „perfekt sitzenden Anzüge“ zum „best dressed Man 2016“ gewählt. Weil er mit smartem Auftreten nicht nur politisch Haltung zeige!
Wir Juristen sind eben Traditionalisten. Hemd und Krawatte gelten vielerorts noch als Teil der Amtstracht. Ein Anwalt mit offenem Hemd oder gar T-­Shirt? Ausgeschlossen (OLG München, NJW 2006, 3079). Daran wird auch die Digitalisierung nichts ändern. Zumindest kleidungsmäßig sind die Juristen gegen die Disruption gut gewappnet.

Tobias Freudenberg ist Rechtsanwalt und Schriftleiter der NJW, Frankfurt a. M.

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