Stil ist nicht diskutabel – oder doch? Gastbeitrag von Dr. Frank Lang

Stil ist nicht diskutabel – oder doch?

Stil sei nicht diskutabel, ist eine landläufige Ansicht. Entweder man habe ihn oder eben nicht. Lernen könne man das alles als Erwachsener ohnehin nicht mehr. Soweit diejenigen, welche sich aus dem lebenslangen Lernprozess schon verabschiedet haben, weil er zu mühevoll erscheint.

Was aber ist Stil nun eigentlich?

Der Kolumnist einer renommierten britischen Tageszeitung schrieb vor einigen Jahren, Stil sei die Art und Weise, wie man mit dem Unbill umgehe, welches einem täglich von seinen Mitmenschen angetragen werde. Damit können wir uns der Sache doch ein wenig nähern:

Vorbilder

Hochachtungsvoll bewundere ich immer wieder Menschen, die völlig gelassen bleiben angesichts von Provokationen, Beleidigungen, groben Regelverletzungen und den anderen netten Dingen, welche uns den Alltag und das Zusammenleben so regelmäßig vermiesen. Jedes Mal, wenn ich das Vergnügen habe, solcherlei als Zeuge zu erleben, frage ich mich ehrfürchtig (und ja: ein wenig neidisch): Wie schaffen die das? Den aufsteigenden Ärger reaktionslos scheinbar „durchzuleiten“ und am Ende sogar noch eine spontane, höfliche Entgegnung parat zu haben. Während üblicherweise der Reiz den Schalter trifft und die Abwehr auf Angriff umschaltet.

Praxis

In meiner ländlich geprägten Heimat gibt es eine klare Regel: Mit den Schweinen steigt man nicht in den Ring, denn man macht sich nur schmutzig und die Schweine haben noch ihren Spaß dabei (frei nach Regina Barreca). Das Beste scheint also zu sein, präventiv jede unnötige Form von Konfrontation zu vermeiden.

In der „klinischen Situation“ (Gerichts-) Verhandlung, Besprechung (vulgo Business-Meeting) oder auch Personalgespräch lässt sich das aber nicht zuverlässig verhindern. Es muss also ein Rezept für eine innere Distanzierung zu geben, welches die gleichmütige Resilienz gegenüber dem gemeinen Wadenbeißer ermöglicht. Wer sich aufregt, nimmt die Sache meist viel zu ernst. Denn das ist einer der größten Irrtümer: es gehe in solchen Zusammenkünften um irgendeine Sache. Nein, der Gegenstand des Interesses ist fast immer schon vorher alleine oder in kleineren, informellen Runden auf der Grundlage von Vorurteilen beschlossen und es geht nun nur noch darum, die vorgefasste Entscheidung hierarchiegerecht förmlich zu gebären und damit quasi rituell in die Welt zu setzen. Wer seinen Platz im Stall der Alphatierchen noch nicht gefunden hat oder sich dessen nicht sicher ist, muss also: kämpfen. Wer sich hingegen entspannt zurücklehnt und den anderen bei der Drecksarbeit zuschauen kann, scheint der „Ober“ zu sein.

Diejenigen, welche wirklich etwas zu sagen haben, schweigen ohnehin und die übrigen muss man gewöhnlich mit aller Gewalt vom Reden abhalten. Es hört Ihnen ja doch niemand zu: „Des Menschen Wort ist wie eine gesprungene Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln, nach der kaum ein Bär tanzt, während wir die Sterne bewegen möchten.“ (Gustave Flaubert (1, 234), Madame Bovary).

Ein Beispiel gefällig?

Wer regelmäßig das verfolgt, was im Fernsehen gerne als politische Debatte (neudeutsch Polit-Talk) verkauft wird, weiß: Dort diskutieren Menschen völlig befreit von jeder Sachkenntnis zum gewählten Thema, ohne profunde Tatsachengrundlage und unfähig, differenzierte Lösungsvorschläge zu präsentieren (als „postfaktisch“ wurde das neuerdings entlarvt). Die Moderatoren scheinen die Aufgabe zu haben, eine schlagzeilenfähige Bemerkung zu provozieren, um dem Ganzen auch in den folgenden Tagen noch ausreichend mediale Aufmerksamkeit zu garantieren (der Prototyp eines selbstreferenziellen Systems).

Wir grüßen also höflich die Diskutanten, danken für die zahlreichen Wortbeiträge, wenden uns mit dem Hinweis auf dringende familiäre Verpflichtungen ab und zahlen den Rundfunkbeitrag künftig fürs Nichtsehen. Wäre das guter Stil?

Die erste Lektion

für guten Stil scheint also zu sein, schweigen zu lernen. Om. Bitte mit einem Lächeln, denn wir wollen ja bella figura machen mit unserer seit Neuestem immer korrekt gebundenen Krawatte.

Dr. Frank Lang, Lektor, Verlag C.H.BECK oHG

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