Business-Kleidung richtig tragen – die Zweite. Gastbeitrag von Dr. Frank Lang

Zahlreiche unmittelbare (niemand hat sich scheinbar getraut, die Kommentarspalte des Artikels direkt zu bereichern) Reaktionen sind hier eingegangen zum kleinen Beitrag über Herrenmode. Überraschend viele Hinweise kamen zu angeblichen Modesünden, über die vermeintlich nicht geschrieben wurde. Es tut mir leid, liebe Freunde gepflegter Regelkultur: So gerne ich alles in meiner Macht stehende für euch tue, es ist unmöglich, ein ewiges, allseits verpflichtendes Manual aller Aspekte der „korrekten“ Bekleidung aufzulisten und jeden Aspekt abzuarbeiten. Das ist ein großes Missverständnis! Denn: „Wer auf die Welt gekommen ist, sie ernstlich und in den wichtigen Dingen zu belehren, der kann von Glück sagen, wenn er mit heiler Haut davon kommt.“ (Schopenhauer, P II 493).

Die Deutschen und die Welt

Das mit den Regeln scheint einen Nerv getroffen zu haben in unserer deutschen Seele. Aber welchen? Den des strebsamen Schülers („Herr Lehrer, ich weiß auch noch etwas…!“)? Den des deutschen Oberlehrers, der (selbst saturiert) gerne andere – etwa die armen Südländer beim Geld ausgeben – reglementiert? Oder jenen des ebenso germanischen (die Nazi-Vergangenheit seiner Ahnen verdrängenden) Weltverbesserers, der – getrieben von den selbsternannten „Meinungsmachern“ in den hiesigen Medien – in den heiligen Krieg zieht, um die von ihm zielsicher auf Basis seiner individuellen Vorurteile identifizierten Ungläubigen zwangszubekehren? By the way: Auch der hierzulande so gescholtene Donald Trump ist letztlich ein Deutscher!

Der Faktor Unsicherheit

Der Deutsche mag keine Unsicherheit, das macht ihn nervös. Aber die Mode wechselt, denn deren Hersteller wollen doch auch Wert schöpfen. Grün und blau schmücke jede Sau, hat mir eine altgediente Schneiderin einmal nahe gebracht. Stimmt aber doch schon lange nicht mehr! Gleiches gilt etwa für die Kombination von grau und braun. Die Krawatte ist mal schmäler wie zuletzt, in der übernächsten Saison wieder breiter. Ebenso waren nun einige Jahre die Hosen schmal, im kommenden Sommer sind sie wieder weiter geschnitten. Die Ausführungen zur Brusttasche des Sakkos (dort „The Essential“: Umberto Angeloni ist ja nun doch auch nicht irgendwer!) können morgen schon Geschichte sein. Ob jetzt Krawatte und Einstecktuch identisch sind, ist doch letztlich einerlei. Ende der Auflistung!

Die Entscheidung zwischen Trendsetter und Modeopfer ist eine Frage des persönlichen Mutes, des Instinktes (wer wird schon gerne als „Brioni-Kanzler“ geschmäht) und auch des Umfeldes. Der Geck entlarvt sich selbst dann, wenn er alle „Vorgaben“ peinlichst befolgt. Wahrscheinlich gerade deswegen …

Emanzipation für Anfänger

Auch als Mann sollte man sich einfach von (echten wie vermeintlichen) Regeln emanzipieren: „Denn selbst muss der Freie sich schaffen: Knechte erknet‘ ich mir nur!“ lässt Richard Wagner Wotan seine Brünnhilde belehren. Die zahlreichen dunkelblau und grau gewandeten Business-Knechte in den Unternehmen – oft als „sprechende Anzüge“ diffamiert, manchmal auch als „Stiefellecker“ und „Schleimspurkriecher“, etwas vornehmer wäre vielleicht die Bezeichnung „Wasserträger“; die Liste beleidigungsfähiger Zuschreibungen ließe sich beliebig fortsetzen – zeugen meist vor allem von übertriebener Anpassung und servil wirkender Unterwürfigkeit. Folgen wir also den Frauen und machen uns frei: Der immer weiter um sich greifenden kindischen Blödheit in Politik, Medien und Wirtschaft gilt es mit innerer Haltung zu begegnen statt mit äußerer Uniformiertheit. Korrekte, modische und individuell passende Kleidung kann allenfalls externalisierter Ausdruck solch resilienter Grandezza sein; alles andere wirkt bestenfalls verkleidet. Der erwachsene Mensch wirkt durch seine Haltung, sein Benehmen, die wohl überlegten Worte und nicht zuletzt seine Taten.

Hören wir also nun auf, unsere Mitmenschen zu manipulieren und arbeiten an unserer inneren Haltung. Omm.

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