Vertragsverhandlungen: eine anwaltliche Schlüsselkompetenz – Interview mit Stefanie Jung und Peter Krebs

Guten Tag Frau Professor Jung, guten Tag Herr Professor Krebs! Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage: Ihr gemeinsames Werk „Die Vertragsverhandlung – taktische, strategische und rechtliche Elemente“ widmet sich schwerpunktmäßig der Verhandlungsführung. Wird dieses Thema – insbesondere in der juristischen – Ausbildung vernachlässigt?

In den USA bietet praktisch jede Law School Schulungen in diesem Bereich an, da Verhandlungen für Anwälte zum täglichen Geschäft gehören und Kenntnisse in diesem Bereich damit zu den Schlüsselkompetenzen eines Anwalts zählen. In Deutschland ist ein solches Angebot dagegen wohl immer noch die Ausnahme. Selbst dort, wo es existiert, reichen die angebotenen Schulungsplätze meist nur für einen Bruchteil der Studierenden. Einzig die Mediatorenausbildung enthält auch in Deutschland eigentlich immer Elemente zur Verhandlungsführung. Aufgrund des Ausbildungsmankos der deutschen Anwälte sind wir von einer größeren Kanzlei beispielsweise gebeten worden, die jüngeren Anwälte in Verhandlungsführung zu schulen.

Halten Sie „Verhandlungsführung“ für eine erlernbare Schlüsselkompetenz eines Anwalts?

Wir glauben, dass „Verhandlungsführung“ die Schlüsselkompetenz schlechthin für Anwälte ist. Die Arten der Verhandlungen sind zwar sehr verschieden, aber ein Großteil des anwaltlichen Berufslebens besteht gerade aus Verhandlungen. Hierzu gehören insbesondere das Aushandeln von Verträgen für Dritte, Mediationsverhandlungen, Vergleichsverhandlungen für Mandanten, Verhandlungen innerhalb der Anwaltskanzlei z.B. mit eigenen Mitarbeitern, aber auch mit Mandanten und Dienstleistern. Außerdem heißt die inzwischen im Zivilrecht ja selten gewordene Gerichtsverhandlung nicht nur Verhandlung, sondern enthält auch zentrale Elemente einer Verhandlung. Das Gute ist, dass die Schlüsselkompetenz „Verhandeln“ erlernbar ist. Zwar gibt es auch hier, wie in anderen Bereichen, Begabungen und Talente, die eine Rolle spielen, aber praktisches Üben, wissenschaftlich fundiertes Training, sowie Kenntnisse, die es überhaupt erlauben, Erlebtes zu bewerten und daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen, sind daneben zentral für den Verhandlungserfolg. Die Beschäftigung mit Vertragsverhandlungen hilft definitiv, bessere Verhandlungsergebnisse zu erzielen.

Wie kann man diese Kompetenz praktisch einüben? Haben Sie hier eine Idee für unsere Leser, wann man dies auch im Alltag üben kann?

Um etwas einüben zu können, bedarf es in einem ersten Schritt des Wissens, was genau man einüben möchte. Es ist also zunächst wichtig, sich (theoretisches) Wissen über grundlegende Strategien und Taktiken anzueignen. Dies kann durch Schulungen, Literatur zum Selbststudium und die Beobachtung von Verhandlungen erreicht werden. Schulungen enthalten neben der Theorie in der Regel viele Simulationen und Übungen, damit das Erlernte direkt angewendet werden kann.

Aber vor allem kann im Alltag geübt werden. Daher eine Bitte an die Sozien: Lassen Sie ihre Junganwälte schon früh als stille Beobachter, wir nennen sie dann Analytiker, Verhandlungen miterleben. Dadurch können sie neben den Fähigkeiten des Vorbildes vor allem das Zuhören, Beobachten und Analysieren lernen; Fähigkeiten, deren Bedeutung häufig unterschätzt wird. Dieses Vorgehen kostet natürlich Zeit. Außerdem ist dann darüber hinaus auch die Bereitschaft der Verhandler wichtig, sich mit den Junganwälten auszutauschen und eine kritische Reflektion zuzulassen. Das hilft dann allerdings nicht nur den jungen Anwälten, sondern auch den erfahrenen Verhandlern. Denn selbst der beste Verhandler verhandelt nicht immer fehlerlos.

Und noch ein praktischer Tipp: Aufgrund des sog. „similar to me-Effektes“ haben Menschen grundsätzlich eine positive Grundeinstellung zu einem Gegenüber, das ihnen ähnlich ist. Ähnlichkeit führt somit zu Sympathie, welche wiederum die Verhandlungen erleichtert. Positive Gemeinsamkeiten zu finden, kann man hervorragend üben. Bei jedem Small Talk mit einer Person, die man bisher nicht kannte, sei es im privaten oder beruflichen Umfeld, kann man üben, über Gemeinsamkeiten eine gute Beziehung zum Gegenüber herzustellen. Das mag z.B. der Gerichtspförtner oder die Sekretärin eines Mandanten sein (zu denen ein positives Verhältnis generell empfehlenswert ist). Profiverhandler bereiten sich sogar oftmals gezielt vor, indem sie versuchen, sich Informationen über positiv besetzte Themen beim Gegenüber zu verschaffen.

Gibt es Fallstricke, die bei fast jeder Verhandlung auftreten und auf die man sich daher quasi vorbereiten kann?

Vorbereitung ist ein sehr gutes Stichwort. Viele größere Verhandlungen werden schlecht geführt, weil sich die Beteiligten nicht genug Zeit für die Vorbereitung genommen haben. Zentral ist es, im Rahmen der Vorbereitung die Interessen der eigenen Seite (diese sind vorrangig gegenüber Positionen), die Interessen der anderen Seite sowie die jeweils gegenüber einer Einigung bestehenden Alternativen festzustellen. Darüber hinaus sollten ein Minimal- sowie ein Maximalziel sowie ggf. Verhandlungsabbruchkriterien besprochen werden. Auch das Durchspielen von Verhandlungsszenarien und die Festlegung einer Verhandlungsstrategie inklusive dem Durchdenken potentiell geeigneter Taktiken gehören zur Verhandlungsvorbereitung. Daneben steht die Zusammenstellung des passenden Teams an sowie weitere organisatorische Aufgaben, wie die Planung von Zeit, Ort und die Einholung von relevanten Informationen. Bei sehr wichtigen Verhandlungen können auch Mock Negotiations (Übungsverhandlungen) sinnvoll sein, bei denen man innerhalb der eigenen Seite mit zwei Teams den möglichen Verlauf der Verhandlung simuliert.

Welche weiteren Fähigkeiten sollte ein Anwalt mitbringen, um wirklich ein guter Verhandler zu werden?

Entscheidend sind vor allem analytische Fähigkeiten, emotionale Intelligenz, sprachliche Fähigkeiten, die Kunst des Zuhörens, Durchsetzungsvermögen und natürlich juristische Fähigkeiten, zu denen z.B. die Kunst des freien Formulierens einer Regelung gehört. Darüber hinaus stellen Kreativität, Flexibilität, Geduld, körperliche Fitness, ein gutes Gedächtnis, Reflexionsfähigkeit und mentale Stärke jedenfalls wichtige Fähigkeiten dar.

Wie wichtig sind aus Ihrer Erfahrung Auftreten und z.B. auch Kleidung, um Verhandlungen gut führen zu können?

Menschen bilden sich in wenigen Sekunden ein erstes Bild, vor allem über die Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz des Gegenübers. Der erste Eindruck wird dabei durch das Aussehen, die Stimme, das Auftreten aber auch z.B. dadurch geprägt, wer die neue Person vorgestellt hat. Auch hier spielt der similar to me-Effekt eine Rolle. Daneben greifen hier zudem gruppenspezifische und individuelle Erwartungshaltungen. Businesskleidung vermittelt Seriosität. Wichtig ist, dass man sich in seiner Kleidung wohlfühlt, um selbstsicher aufzutreten. Der erste Eindruck ist auch deshalb so entscheidend, da Menschen zur Bestätigung anfänglicher Einschätzungen neigen (confirmation bias). Neben dem ersten Eindruck ist übrigens vor allem der letzte Eindruck prägend. Insgesamt geht es beim Auftreten darum ein gewisses Bild von sich zu zeichnen, z.B. das eines fairen sowie gleichzeitig durchsetzungsstarken und kompetenten Verhandlers.

Gibt es Verhandlungskonstellationen, die man besser vermeiden sollte?

Besonders risikoreich sind Verhandlungen, in denen der Verhandler selbst emotional betroffen ist, sei es, weil es um seine eigenen Interessen oder die naher Angehöriger geht, oder weil er die Ziele der eigenen Seite oder der Gegenseite oder handelnde Personen emotional stark ablehnt. Denn in Verhandlungen empfiehlt es sich, Emotionen und Probleme nicht zu vermischen. Zwar haben Profiverhandler ihre Emotionen häufig weitgehend unter Kontrolle, aber diese emotionale Beherrschung ist belastend und schwächt spürbar die rationalen Fähigkeiten. Das ist den meisten Anwälten auch bewusst, die daher z.B. oftmals nur ungern für sich selbst verhandeln.

Verhandlungen sollten zudem nur geführt bzw. weitergeführt werden, wenn dies rational sinnvoll ist. Denn Verhandlungen sind kostspielig. Aufgrund des Sunk Cost Bias kommt es jedoch immer wieder vor, dass trotz entgegenstehender rationaler Gründe weiterverhandelt wird.

Wann sollte man eine Verhandlung also abbrechen? Und wie bricht man – höflich – ab?

Verhandlungen sollten wie gesagt nur geführt werden, wenn dies rational betrachtet sinnvoll erscheint. Gibt es beispielsweise keine Einigungszone (ZOPA – Zone Of Possible Agreement) sollten die Verhandlungen abgebrochen werden, es sei denn sie dienen z.B. der Informationsgewinnung. Geboten ist ein Verhandlungsabbruch in diesem Zusammenhang dann, wenn das maximal erzielbare Einigungsergebnis schlechter als alternative Ergebnisse mit anderen Partnern oder auch schlechter als die Erhaltung des Status Quo ist. Das sog. BATNA (Best Alternative To A Negotiated Agreement) ist daher eine zentrale Kategorie der Verhandlungswissenschaft. Der Abbruch sollte so erfolgen, dass keine negativen Gefühle entstehen. Dadurch bleibt die Option in der Zukunft erneut Verhandlungen aufzunehmen. Verhandler sollten der anderen Seite daher vor allem das Gefühl vermitteln, dass sie ernst genommen wurde und man sich ihr gegenüber respektvoll verhalten hat.

Neben diesen rationalen Gründen werden Verhandlungen häufig nach Drohungen abgebrochen, auf die der Andere nicht wie gefordert nachgegeben hat. Auch emotionale Provokationen können im schlimmsten Fall zum Verhandlungsabbruch führen. Aus rationaler Sicht ist der Verhandlungsabbruch in beiden Fällen selten sinnvoll. Hier besteht die Herausforderung vielmehr darin, die angespannte emotionale Situation zu meistern.

Was ist die unglaublichste Geschichte, die Ihnen im Rahmen einer Verhandlung einmal passiert ist? Haben Sie zum Abschluss eine Anekdote für unsere Leser?

Wenn wir in Sitzungen Verhandlungen beobachten, überrascht uns immer wieder, dass Verhandler oft nicht erkennen, dass das Angebot der Gegenseite ihren Interessen entspricht. Gerade in angespannten Situation werden solche vorteilhaften Vorschläge oft kategorisch abgelehnt, weshalb man auch von reaktiver Abwertung (reactive devaluation) spricht. Auch Fehler, die der Gegenseite unterlaufen, werden vor lauter Konzentration auf die eigenen nächsten Schritte häufig nicht wahrgenommen und dementsprechend auch nicht genutzt.

Vielleicht ein letzter Tipp zum Abschluss: Informationsgewinnung ist ein zentraler Bestandteil von Verhandlungen. Hier funktioniert häufig die Prämissenfrage. Dabei baut der Fragende auf einer Prämisse, die er bisher nicht bestätigt hat, eine Folgefrage auf (z.B. Wie wollen Sie den Weggang des Mitarbeiters X kompensieren?). Der Antwortende bemerkt die Prämisse (Weggang des Mitarbeiters X ist noch nicht bestätigt) häufig nicht und bestätigt oder widerlegt durch seine Antwort die Prämisse.

Frau Professor Jung, Herr Professor Krebs, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Frau Professor Jung und Herr Professor Krebs (beide Universität Siegen) sind Autoren des Buches „Die Vertragsverhandlung – taktische, strategische und rechtliche Elemente“ (Springer Gabler, 525 Seiten, 2016) lehren und schulen zu Verhandlungen und forschen auch empirisch in diesem Bereich (vgl. Forschungsgruppe: http://www.wiwi.uni-siegen.de/contractgovernance/).

Reflexionen über den Rechtsmarkt – Beitrag von Rechtsanwalt Markus Hartung, NJW 14/2017, S. 7

Ad astra

Per aspera ad astra, durch das Raue zu den Sternen, durch die Nacht zum Licht, ursprünglich bei Seneca. Beethovens 5. Symphonie ist die Vertonung dieses Prinzips, vom dramatischen c-moll con brio im ersten Satz zum strahlenden C-Dur im Finale. Damit sind jedenfalls frühere Generationen großgeworden.

Sterne sind immer noch wichtig, auch wenn Per aspera vielleicht nicht mehr so bekannt ist. Auch im Rechtsmarkt geht es offenbar nicht mehr ohne Sterne. Denn im Internet werden Angebote mit Sternen gekennzeichnet, um dem Surfer zu signalisieren, hier könne er Qualität erwarten und vertrauen. Diese Systeme nennt man R&R, Ratings and Reviews Systems. Erstmalig verwendet von ebay im Jahre 1998, heute absoluter Standard. Plattformen brauchen solche Systeme, denn sie vermitteln ja nur zwischen Anbieter und Nachfrager, haben aber selber keinen Einfluss auf die Qualität der angebotenen Produkte. Also gibt man den Plattformbenutzern die Möglichkeit, sich gegenseitig zu bewerten, von einem Stern (miserable Leistung) bis fünf Sterne (super). Vermutlich sind wir inzwischen so einjustiert, dass wir auf ein reines „sehr gut“ ohne Sterne nicht mehr reagieren. Dabei gibt es inzwischen Studien, die zeigen, dass die Bewertungen häufig verfälscht sind, aus vielen verschiedenen Gründen, entweder viel zu gut oder viel zu schlecht. Soll man als Kunde fünf oder drei Sterne vergeben, wenn der Internethändler die bestellte Sache mängelfrei geliefert hat, also letztlich nur seine vertragliche Verpflichtung erfüllt hat? Oft werden fünf Sterne vergeben, weil man nicht von den Bitt- oder Drohbriefen des Lieferanten genervt werden will, für den drei Sterne existenzbedrohend sein können; jedenfalls glaubt er das. Trotzdem: Bisher gibt es keine taugliche Alternative, und so leben wir mit den Sternen.

Alle Anwaltsplattformen verwenden das System, man kann als Anwalt manchmal wählen, ob man daran teilnimmt oder nicht. Anders Ärzte: Für die gibt es ein Bewertungsportal, und da kann es schon mal hoch hergehen. Ärzte können sich diesen Bewertungen nicht entziehen.

Ähnlich hat es jetzt die Richter ereilt, mit Richterscore. Ein Bewertungssystem mit Sternen für Schnelligkeit, Vorbereitung, Hinweisbereitschaft, Objektivität und Rechtskenntnis. Schon diese Kriterienauswahl spricht Bände. Man kann lange darüber diskutieren, wie sinnvoll ein solches System ist. Oder wie man die Leistung eines Spruchkörpers bewerten soll. Oder was man als Normalsterblicher machen soll, wenn der Anwalt einem mitteilt, heute gehe es zu einem miserabel bewerteten Ein-­Sterne-­Richter. Aber das ist vielleicht zu kurz gedacht, denn offenbar gibt es ein Bedürfnis nach mehr Informationen über die Personen, die über einen richten. Die Regel, dass wir vor Gericht und auf hoher See nur in Gottes Hand sind, akzeptiert heute auch nicht mehr jeder.

Auch wenn Richterscore noch unbeholfen wirkt: Da kommt etwas auf die Richterschaft zu. Woanders ist man bereits weiter, das schauen wir uns in einer der nächsten Kolumnen an.

Markus Hartung ist Rechtsanwalt und Mediator in Berlin, Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession und Vorsitzender des Berufsrechtsausschusses des DAV

Was Sie über die Erbschaftsteuerreform wissen sollten…

Liebe Kolleginnen und Kollegen

sollten Sie sich mit den Änderungen zur Erbschaftsteuerreform 2016 beschäftigen, finden Sie wichtige Informationen sowie ein Videointerview mit Dr. Stephan Viskorf von Pöllath + Partners hier.

Wir wünschen informative Lektüre!

Mit den besten Grüßen im Namen des Kanzleiforum-Teams

RA Katharina Nitsch

Business-Lunch – Gut essen und dabei auch noch abnehmen. Gastbeitrag von Dr. Frank Lang

Der geplagte Sitzarbeiter hat es nicht nur zuverlässig im Rücken, sondern auch auf den Hüften, meist als Folge der zahlreichen (Frust-) Snacks mit zu vielen Kalorien aus der Büroschublade („A moment on the lips, a lifetime on the hips“). Sollen aus unserem Winterspeck wirklich Frühlingsrollen werden? Nein! Was also tun?

Ein wenig Theorie vorweg

Neben Bewegung (für Rücken und Hüften gut) wird vor allem empfohlen, richtig zu essen, um dem Übergewicht zu trotzen. Was aber bedeutet „richtig“ in diesem Zusammenhang? Um Gewicht zu verlieren und das Wunschgewicht auch zu halten finden sich unzählige Methoden. Ein aktuelles Buch hat gerade mit den in diesem Zusammenhang üblichen Mythen, falschen Heilsversprechen und Anleitungen zum Selbstbetrug aufgeräumt. Abnehmen bedeutet danach: die Summe der täglich verzehrten Kalorien muss deutlich unter den im selben Zeitraum verbrauchten liegen. Ein Kilogramm Fett hat rund 7.000 bis 9.000 kcal; jeder kann also selbst ausrechnen, wie lange ungefähr die tägliche Kalorienbilanz um welchen Wert negativ sein muss, um diese „angesparte“ Menge zu verbrennen. So einfach in der Theorie.

By the way: Für gewöhnlich unterschätzen wir nach Meinung der Autorin unsere Kalorienaufnahme um rund 20 % – unterstützt durch falsche Angaben auf den Lebensmittelverpackungen – und überschätzen unser Maß an Bewegung um denselben Wert!

Ab in die Umsetzung

Es ist ein Gemeinplatz, dass der Sixpack in der Küche und nicht im Fitnessstudio gemacht wird. Deshalb hier die 5 einfachsten und schnell umsetzbaren Tipps  für den diätetisch wertvollen Business-Lunch:

1. Finger weg vom Brotkorb

Vor allem Brot aus Weißmehl liefert völlig überflüssige Kalorien und kaum Nährwert. Vollkornprodukte werden zwar als Ballaststoffe grundsätzlich dringend benötigt, haben aber immer noch einen hohen Brennwert. Und ich kenne nicht viele Lokale, in denen überhaupt Vollkorn im Brotkorb zu finden ist.

2. Nudeln und Reis als Beilage sind: TABU

Gerade diese beiden sehr beliebten und vergleichsweise (für den Wirt) preiswerten Füllmaterialien (lassen den Teller so richtig gut gefüllt aussehen) verfügen über so viele Kalorien, dass schon diese eine Hauptmahlzeit die gesamte Tagesbilanz zunichtemachen kann. Auch hier suchen Sie die Vollkorn-Varianten auf der Speisekarte für gewöhnlich vergeblich. Besser: Fleisch oder Fisch nur mit Gemüse kombinieren.

3. Das Kreuz mit dem Dressing und den Ingredienzien

Der Mimikry-Salat der selbsternannten Fitness-Adepten ist für gewöhnlich eher eine Mogelpackung: Mit Croutons, Käse, Schinken etc. sowie dem Dressing deckt er alleine den gesamten Tagesbedarf eines Erwachsenen an Kalorien. Also: Raus mit den unnötigen Zutaten und verfeinern nur mit Essig und (in Maßen!) Olivenöl.

4. Auf den Nachtisch verzichten

muss niemand. Aber die Wahl sollte weniger auf die zuckerhaltigen Naschereien denn auf ein Stück Obst fallen. Nur am Rande: Es gibt die Theorie, beim Eisessen werde so viel Energie verbrannt, um das Gefrorene auf Körpertemperatur zu bringen, dass die Bilanz am Ende dennoch gut aussehe. Dann aber eher zum Sorbet greifen oder wenigstens auf die Waffel verzichten zugunsten des Bechers …

5. Im Wasser sterben die Fische, …

aber Mineralwasser löscht zuverlässig und ohne unnötige Kalorien den Durst. Viele von uns torpedieren ihre Abnehmbemühungen mit Fruchtsaftschorlen, Smoothies und anderen flüssigen Kalorienbomben. Auch Alkohol zur Mahlzeit ist schädlich, nicht nur wegen der darin enthaltenen Kalorien, sondern auch weil der parallele Alkoholabbau die Verdauung und den Fettabbau beeinträchtigt. Kurz vor dem Essen ein großes Glas Wasser zu trinken soll angeblich zu einer schnelleren Sättigung bei weniger Nahrungsaufnahme führen.

Übrigens: Milch ist ein Nahrungsmittel, kein Getränk. Es wird seinen Grund haben, warum kein echter Italiener nach 11 Uhr morgens Cappuccino trinkt, schon gar nicht im Anschluss an eine Mahlzeit.

Guter Rat zum Schluss

Eine gemeinsame Mahlzeit unter Kollegen oder mit Mandantschaft dient in erster Linie der entspannten Kommunikation und weniger der Nahrungsaufnahme. Deshalb mein dringender Rat: Besser nicht über die Östrogene im Schweineschnitzel und deren Folgen für die menschliche Gesundheit dozieren! Wir wollen doch keine Oberlehrer sein!

Umfrage zum Thema Umgang mit Mandanten

Ein guter Rechtsanwalt hat nicht nur juristische Fachkenntnisse, sondern kennt auch die Wünsche, Fragen und Nöte seiner Mandanten. Während das juristische Handwerkszeug fester Bestandteil der anwaltlichen Ausbildung ist, muss der Umgang mit Mandanten in den ersten Berufsjahren selbst erlernt werden.

Kein Wunder, dass es zu diesem Bereich viele Ansichten gibt. Mit einer Umfrage fängt der FFI-Verlag jetzt ein aktuelles Stimmungsbild zu diesem Thema ein. Worauf sollte man beim Umgang mit Mandanten achten? Was ist wichtiger: fachliche Beratung oder Engagement?

Helfen Sie mit, diese und weitere Fragen zu beantworten und unterstützen Sie den Verlag bei der Themenentwicklung zum Umgang mit Mandanten. Zur Umfrage geht es hier.

Der Rechtsfachwirt – Karrierechance für Rechtsanwaltsfachangestellte, Beitrag von Rechtsanwältin Dr. Sonja Fischer

Jahrelang gab es für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Anwalts- und Notarkanzleien, die sich nach ihrer Ausbildung zur/zum Rechtsanwalts- und/oder Notarfachangestellten noch weiterbildeten, kein einheitliches Berufsbild. Gleichzeitig wurde und wird von den Mitarbeitern in ihrer täglichen Arbeit in Rechtsanwaltskanzleien, Unternehmen, Verbänden und Behörden ein hohes Maß an rechtlichen Kenntnissen, eigenverantwortliche Organisation des Büros und Entlastung der jeweiligen Vorgesetzten erwartet. Doch ohne optimale Fortbildungsmöglichkeiten und der Möglichkeit, einen qualifizierten Abschluss zu erlangen, war dies nur schwer möglich. Diesem Missstand half der Bundesgesetzgeber mit der am 23.08.2001 erlassenen Verordnung über die Prüfung zum anerkannten Abschluss „Geprüfte/r Rechtsfachwirt/in“ ab (BGBl. I, 2250). Zuständig für die Abnahme der Prüfung und für die Verleihung des staatlich geschützten Titels sind dabei die Rechtsanwaltskammern.

Das Fortbildungsprofil der Bundesverordnung beschreibt die Qualifikation der/des Geprüften Rechtsfachwirtin/Rechts-fachwirtes wie folgt: „Geprüfte Rechtsfachwirte sind befähigt, die Kanzlei eines Rechtsanwaltsbüros zu verwalten, zu organisieren und zu leiten. Sie beherrschen das nicht anwaltliche Aufgabenfeld eines Rechtsanwaltsbüros und können qualifizierte Sachbearbeitung im anwaltlichen Aufgabenfeld leisten […].“

Geprüfte Rechtsfachwirte sind professionelle Allrounder: Aufgrund ihrer qualifizierten und vielseitigen Ausbildung sind sie in der Lage, sowohl Verwaltungs- und Personalverantwortung zu tragen als auch eigenständige Sachbearbeitung zu leisten. Eine „preiswerte Alternative“ zum angestellten Juristen ist der Rechtsfachwirt jedoch keinesfalls. Er kann den Anwalt (oder auch Assessor) nicht ersetzen, wohl aber ergänzen. Wer eine/-n Rechtsfachwirt/-in beschäftigt, darf sicher sein, eine gut ausgebildete Fachkraft zu haben, die kompetent und mit Sachverstand agiert.

Durch ihre fundierten Kenntnisse, welche sie während des zweijährigen Studiengangs erwerben, sind geprüfte Rechtsfachwirte vor allem im Bereich des Kosten- und Gebührenrechts sowie Zwangsvollstreckung und Inkasso unentbehrliche Mitarbeiter, da sie in diesen Bereichen auch gutachterliche Prüfungen vornehmen können. Weitere Einsatzmöglichkeiten gibt es in der Wohnungseigentumsverwaltung und in der Insolvenzabteilung. Damit Rechtsfachwirte dauerhaft erfolgreiche Leistungen erbringen können, müssen sie aktuelle Rechts- und Praxisentwicklungen, wie z.B. Gesetzesänderungen im Verfahrensrecht, Neuerungen im Vergütungs- und Kostenrecht und Zwangsvollstreckungsrecht, sicher beherrschen und zudem ein „Organisationsprofi“ sein. Sie sind ferner zuständig für alle Belange des anwaltsnachgeordneten Personals und Ansprechpartner bei allen auftretenden Problemen und Differenzen zwischen Mitarbeitern.

Seit Jahrzehnten bietet daher u.a. das Fortbildungsinstitut der Rechtsanwaltskammer Stuttgart Fachstudiengänge zum Geprüften Rechtsfachwirt an, die ideal und professionell auf die genannten umfangreichen Arbeitsgebiete in der Praxis vorbereiten. Daneben findet eine konzentrierte Prüfungsvorbereitung statt. Nach erfolgreich bestandener Prüfung zum Geprüften Rechtsfachwirt eröffnen sich neben den Karrierechancen in Rechtsanwaltskanzleien, Wirtschaftsunternehmen und Behörden darüber hinaus noch weitere berufliche Optionen. In vielen Bundesländern erwerben die geprüften Rechtsfachwirte eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung, insbesondere zu einem Studium der Rechtswissenschaften. Die Weiterbildung zum/zur Geprüfte/-n Rechtsfachwirt/-in dient damit sowohl der Verbesserung und Vertiefung der in der täglichen Praxis notwendigen Fertigkeiten als auch der Erlangung theoretischer Voraussetzungen für eine akademische Karriere.

Zusammenfassend ist damit festzustellen, dass sich das Berufsbild eines Rechtsfachwirtes ein sehr vielseitiges, spannendes Betätigungsfeld darstellt und sowohl in Anwaltskanzleien als auch Wirtschaftsunternehmen eine hervorragende Karrierechance bietet. Eine Weiterbildung, die sich für jeden Rechtsanwaltsfachangestellten lohnt.

Die Autorin Dr. Sonja Fischer ist Rechtsanwältin und seit mehreren Jahren Dozentin am Fortbildungsinstitut der Rechtsanwaltskammer Stuttgart. Sie bereitet dort die angehenden Rechtsfachwirte in den Fächern materielles Zivilrecht, materielles Strafrecht und Strafprozessrecht sowie in speziellen Prüfungsvorbereitungskursen diejenigen vor, die sich dort berufsbegleitend auf die Prüfung zum „Geprüften Rechtsfachwirt“ vorbereiten. Daneben ist die Dozentin auch Prüferin im Prüfungsausschuss der Rechtsanwaltskammer Stuttgart. Ferner ist sie Co-Autorin der Reihe „Prüfungsfälle für Rechtsfachwirte“ für das Materielle Recht.

Jungbauer (Hrsg.)
ReFaWi - Übungsfälle
2016, Rund 1022 S., C.F. Müller, ISBN 978-3-8114-4338-9,
Preis 154,99 € inkl. MwSt.

 

Interview zum neuen Anti-Doping-Gesetz

Guten Tag Herr Rechtsanwalt Dr. Lehner, guten Tag Herr Professor Nolte, guten Tag Herr Professor Putzke. Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage an Sie, Herr Dr. Lehner: Wie kam es dazu, dass Sie sich mit Sportrecht und dem Thema Anti-Doping beschäftigen?

Dr. Lehner:
Sportrecht als eigenständige Disziplin gab es während meiner Juristenausbildung in den 1970er Jahren nicht. Doping war zwar schon national und international verboten, aber – zumal in Zeiten des „Kalten Krieges“ – sowohl bei den Sportverbänden wie in der Politik auch in Deutschland eher als legitimes Erfolgsmittel begriffen.
Da gab es aber eine mutige Universitätsstadt im Süden der Republik, die sich dank eines weltweit anerkannten Wissenschaftlers des Deutschen Krebsforschungszentrums Prof. Dr. Werner Franke und seiner tapferen Ehefrau Brigitte Berendonk als erste Antidopinghochburg der Republik rüstete. Da gab es auch einen damals noch jungen Rechtsanwalt, der die allesamt zutreffenden Enthüllungen des ersten Buches von Brigitte Berendonk „Doping von der Forschung zum Betrug“ über Doping in Ost und West in, wenn ich richtig zähle, mehr als 20 Rechtsstreitigkeiten erfolgreich gegen Dopinglügner juristisch verteidigt hat. Da war ich plötzlich als eher gesellschaftsrechtlich und arbeitsrechtlich ausgebildeter und in einer baurechtlich orientierten Kanzlei tätiger Jurist mitten im Dopingthema und mitten in der Aufdeckung und Abarbeitung des staatlichen Dopings der DDR. Das blieb nicht nur ein bloßer juristischer Job. Zumal als Amateurmarathonläufer und Langstreckentriathlet dem Sport sehr verbunden, wurde das Engagement und vor allem auch Mitgefühl für die zahlreichen Sportlerinnen und Sportler der ehemaligen DDR, die schon als Minderjährige ohne medizinisch erforderliche Aufklärung und der Folge erheblicher in einigen dramatischen Fällen zum Tode führender Körperverletzung unwissend über die Gefahr eines jahrelangen Dopings in das DDR-Staatsdopingsystem hineingezwungen worden waren. Als Initiator habe ich mit den Freunden meines örtlichen Rotary Clubs in Weinheim zur Unterstützung dieser Dopingopfer den auch heute noch aktiven Doping-Opfer-Hilfe-Verein gegründet und konnte im Lobbyismus für die Dopingopfer eine Durchsetzung von Schadensersatzforderungen und auch staatliche Hilfe im Rahmen des von der Politik geschaffenen Doping-Opfer-Hilfegesetzes erreichen. Eine große persönliche Erfahrung auch für das eigene Geschichtsverständnis war die Übernahme des Mandats für fast alle DDR-Dopingopfer, die sich der Anklage in den Berliner Strafprozess gegen die politisch und medizinisch Verantwortlichen des DDR-Dopingsystems als Nebenkläger angeschlossen hatten.
Für mein Athletenengagement und mein Eintreten für einen ehrlichen Sport bekannt geworden, haben in der Folgezeit, national und international, zahlreiche Athleten meinen (sport)rechtlichen Rat gesucht. Besonders medial präsent, aber auch mit dem schlussendlichen Ausschluss von Olympia in Sydney 2000, ich möchte formulieren tragisch, der auch verfilmte Fall Dieter Baumann, der mit der dopingkontaminierten Zahnpastatube die Sportwelt gespalten hat.

Herr Professor Nolte, Sie sind Inhaber der einzigen, ausschließlich dem Sportrecht gewidmeten Professur in Deutschland. Was macht dieses Rechtsgebiet für Sie so interessant?

Professor Nolte:
Sportrecht ist eine komplexe, inter- sowie intradisziplinäre Materie, die nicht nur auf den sportrelevanten Normen des (zwischen-)staatlichen Rechts, sondern vor allem auch auf den selbst gesetzten (Sport-)Regeln privater Sportorganisationen beruht. Zwischen diesen Säulen gibt es zahlreiche Wechselwirkungen. Dies sieht man etwa bei dem Zusammenspiel zwischen dem Anti-Doping-Gesetz (ADG) und dem Nationalen Anti Doping Code. Hinzu kommen die zahlreichen rechtstatsächlichen – etwa gesellschaftspolitischen oder wirtschaftlichen – Dimensionen des Sports, die bei der Lösung der Rechtsfragen im Sport zu berücksichtigen sind. Das macht Sportrecht zu einem faszinierenden Rechtsgebiet.

Herr Professor Putzke, Sie sind Strafrechtler – was hat das Strafrecht mit Sport zu tun?

Professor Putzke:
Auf den ersten Blick und unmittelbar bezogen auf den einzelnen Sportler bislang eher wenig. Sport fand lange Zeit in einer eigenen Welt statt mit eigenen Regeln. Es war weder erwünscht noch nötig, dass der Staat sich dort mit all seiner institutionellen Macht einmischt. Doch die Zeiten haben sich geändert – im Sport lässt sich immer mehr Geld verdienen. Und wo das der Fall ist, werden in der Regel auch rasch Betrüger angelockt. Wer dopt, ist genau das: ein Betrüger. Das war zwar schon immer so, aber es hat sich gezeigt, dass die sportrechtlichen Mechanismen nicht durchgängig ausreichend sind im Kampf gegen Doping im Sport. Deshalb hat der Gesetzgeber sich entschlossen, wie ich meine, aus durchaus nachvollziehbaren Gründen, die Strafbarkeit auch auf Sportler zu erweitern, die dopen. Und auch darüber hinaus wurde die Strafbarkeit ausgedehnt. Deshalb ist seit Inkrafttreten des Anti-Doping-Gesetzes Doping im Sport unmittelbar und untrennbar verknüpft mit dem Strafrecht. Ob es abschreckend wirkt, ist freilich eine ganz andere Frage.

Das ADG gilt als Meilenstein in der Dopingbekämpfung, weil es erstmals Selbstdoping durch Spitzen- und Berufssportler unter Strafe verbietet. Wissen Sie, wie viele Strafverfahren seit seinem Inkrafttreten vor ca. 14 Monaten gegen Spitzensportler wegen Selbstdopings eingeleitet wurden?

Professor Nolte:
Seit Inkrafttreten des ADG sind knapp 30 Strafverfahren gegen Spitzensportler wegen Selbstdopings eingeleitet worden, in wenigen Fällen gab es Strafbefehle, gegen die Einspruch erhoben wurde. Einige Verfahren sind bereits wieder eingestellt worden. Eine Verurteilung gibt es bislang nicht. Die Beurteilung, ob das ADG seine Zwecke erfüllt hat, kann aber nicht von einer vereinfachenden Betrachtung – etwa nach der bloßen Anzahl eingeleiteter Strafverfahren und ihrem Ausgang – abhängig gemacht werden. Erforderlich ist vielmehr eine begleitende Evaluierung nach quantitativen und qualitativen Maßstäben über einen mehrjährigen Zeitraum von ca. drei Jahren.

Dr. Lehner:
Für den organisierten Sport, was will heißen für die Spitzensportverbände in Deutschland, war es lange Zeit undenkbar, dass mit einem staatlichen Anti-Doping-Gesetz in das vereinsautonome Dopingsanktionssystem eingegriffen wird. Die Angst des Verlustes der eigenen Unabhängigkeit war zu groß. Wohl nicht ganz zu Unrecht ist diese Verweigerung der Verbände auch als bloße, das System schützende Abwehrhaltung einer dopingverseuchten Sportwelt verstanden worden.
Ich denke, dass der von mir als Verteidiger des Radprofis Stefan Schumacher in einem von der Justiz groß auferlegten Strafprozess erzielte Freispruch vom Verdacht des Betruges durch Doping ein zumindest mitentscheidender Auslöser für Politik und den organisierten Sport war, sich zur Schaffung eines staatlichen Anti-Doping-Gesetzes in Deutschland durchzuringen, um die durch das Prozessergebnis offenbarte Strafbarkeitslücke im staatlichen Strafrecht zu schließen.
Ich vertrete schon immer die Auffassung, dass jedes staatliche oder verbandsrechtliche Sanktionssystem, so auch das Dopingsanktionssystem des organisierten Sportes die natürlichen Verteidigungsrechte der Beschuldigten besonders wahren muss, um selbst glaubhaft zu bleiben. Nur ein solches Sanktionssystem kann auch von den Betroffenen angenommen werden. Eine dadurch bewirkte Akzeptanz des Systems trägt dann wieder dazu bei, das ausgesprochene Dopingverbot mehr zu achten und so das sportliche Fairplay zu stärken. Wichtig für mich ist die Herstellung einer auch rechtlichen Augenhöhe zwischen Anti-Doping-Organisation und dem als Dopingsünder angeklagten Athleten. Es verstößt gegen mein auch persönliches Rechtsverständnis, wenn nur zur Erleichterung der Überführung von tatsächlichen oder vermeintlichen Dopingtätern die Rechte der eines Dopingvergehens beschuldigten Athleten eingeschränkt werden. Der medizinische Nachweis von Doping ist kompliziert und nicht selten mit falsch positiven Testergebnissen verbunden. Die Unschuldsvermutung ist ein wichtiges Rechtsgut, das weder durch einen Dopinggeneralverdacht noch durch die Gestaltung des Dopingsanktionsverfahrens aufgeweicht werden darf.

Professor Putzke:
Die Schlagkraft des Anti-Doping-Gesetzes bei Selbstdoping dürfte auch und vor allem von der Verwertbarkeit der im Dopingkontrollverfahren gewonnenen Proben abhängen. In meiner Kommentierung zu § 4 in dem von uns herausgegebenen Kommentar zum Anti-Doping-Gesetz vertrete und begründe ich die Auffassung, dass insoweit ein Beweisverwertungsverbot besteht. Es ist juristisch höchst spannend, wie die Justiz, vor allem wie die Gerichte diese Rechtsfrage beantworten werden. Wer das Prinzip der Selbstbelastungsfreiheit ernst nimmt, kommt an einem Verwertungsverbot genau genommen nicht vorbei.

Herr Professor Nolte, der Nomos Handkommentar „Anti-Doping-Gesetz“ ist unter Ihrer Mitherausgeberschaft kürzlich erschienen. Sicher widmen Sie sich bereits wieder weiteren Forschungsvorhaben am Institut für Sportrecht an der Deutschen Sporthochschule. Welche Themen beschäftigen Sie gerade?

Professor Nolte:
Aktuell laufen vier drittmittelfinanzierte Vorhaben zur Bekämpfung von Diskriminierungen im Fußball, zur Evaluierung des Nationalen Anti Doping Codes sowie zur Dopingbekämpfung im Kontext Olympischer Spiele und zum aktuellen Glücksspielstaatsvertrag, insbesondere zu Regulierung des Sportwettenmarktes. Ein weiteres mehrjähriges Projekt zur Bekämpfung von Spielmanipulationen ist gerade beantragt.

Warum beschäftig uns das Thema Doping – auch außerhalb der Sportwelt – so sehr und ist immer wieder in den Medien präsent?

Dr. Lehner:
Das Bild eines sogenannten sauberen Sportes ist das, was der hochkommerzialisierte Sport als eines seiner wichtigsten Produkte anbietet. Das dabei gerade auch vom organisierten Sport geschnürte Paket hat einen eigentlich nicht mischbaren Inhalt aus dem „dabei sein ist alles“ des olympischen Amateurgedanken eines Coubertin und des „Schneller, höher, weiter“ bzw. eines „Leistung über alles“, mit dem sportliche Spitzenleistungen verkauft werden, die eigentlich „sauber“ in vielen Bereichen nicht erzielt werden können. Der idealisierte Anspruch des Sportes kann so nicht funktionieren und deshalb wird das Thema Doping und Sportbetrug auch ewiges Thema des Sportes und damit auch der Medien bleiben. Sport ist nur das Spiegelbild einer Gesellschaft, die eben nicht immer nur gut ist.
Die weltweiten Anti-Doping-Gesetze, wie sie in den letzten Jahren und jetzt auch in Deutschland etabliert wurden, fügen sich so nahtlos in den Widerspruch der Sportwelt ein, die sich einerseits sauber und ethisch korrekt präsentieren will und andererseits sich mit Höchstleistungen und Goldglanz glaubt verkaufen zu müssen. Dieser Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit führt zu sportpolitischen Fragestellungen, um die sich unser Kommentar weder bezogen auf die Sportgerichtsbarkeit noch auf die Strafbarkeit des Eigendopings gedrückt hat. Unser Anti-Doping-Gesetz-Kommentar steht somit mit seinen Diskussions- und Denkanstößen mitten im Sport.

Herr Rechtsanwalt Dr. Lehner, Herr Professor Nolte, Herr Professor Putzke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Lehner / Nolte / Putzke (Hrsg.)
Anti-Doping-Gesetz
2017, 294 S., Nomos, ISBN 978-3-8487-3105-3,
Preis 78,00 € inkl. MwSt.

Legal-Tech als Chance? Gastbeitrag von Rechtsanwalt Peter Lotz

Wir Anwälte sehen dunkle Wolken aufziehen. Auf der einen Seite scheinen uns disruptive Plattformen in einen gnadenlosen Preiskampf zu treiben. Auf der anderen Seite übernehmen Plattformen wie geblitzt.de oder flightright.de am unteren Ende des Spektrums anwaltliche Tätigkeiten. Gleichzeitig scheinen die internationalen Großkanzleien durch Einsatz von Legal-Tech effizienter und noch wettbewerbsstärker zu werden. Sitzt der anwaltliche Mittelstand also in der Klemme?

Letztlich sind die Kräfte der Marktwirtschaft auch in den bislang vergleichsweise behüteten Rechtsmarkt eingedrungen. Legal-Tech – oder besser: die Nutzung von (neuen) Technologien in der Kanzlei – eröffnet uns jedoch die Möglichkeit, hierauf zu unserem Vorteil zu reagieren. Gewiss werden einige von uns ihre Wertschöpfungsmodelle überdenken müssen. Auch, wenn wir als Risikomanager zu einem gewissen Berufspessimismus tendieren, ist das Glas jedoch nicht halb leer. In Wahrheit eröffnet sich uns ein wahrer Schatz an neuen Möglichkeiten. Oder anders ausgedrückt: Es ist jetzt an der Zeit den Kausalverlauf nicht aus der Hand zu geben.

Es fängt schon beim Alltäglichen an: Unwuchten im Büroalltag, Dynamiken unter den Angestellten, krankheitsbedingte Ausfälle. Ich behaupte, dass noch immer eine Mehrzahl der Kanzleien an erheblichen Reibungsverlusten leiden, die durch einen Büroablauf, der im Wesentlichen noch den Standards der 50er Jahre entspricht, hervorgerufen werden. Eine IT-basierte Optimierung des internen Workflows kann hier Transparenz, Entlastung und Verfügbarkeit von Kapazitäten – auch „zur Unzeit“, d.h. außerhalb der regulären Arbeitszeiten – schaffen. Die Hürden des hierzu notwendigen Change Managements sind in traditionellen Kanzleien jedoch hoch und werden oft gescheut. Wie wäre es also mit komplementierenden Anwendungen in der Übergangszeit?

Einen Anfang könnten z.B. kleine IT-basierte Helferlein im Büro darstellen. Gewiss, Sie diktieren bereits digital und haben einige Word-Vorlagen für Standard-Schreiben angelegt. Aber das meine ich nicht. In meinem Beitrag „beck-online & LiquidText“ zeige ich z.B., wie man die Arbeit mit und Extraktion von Information aus juristischen Texten mit einer kleinen App auf ein völlig neues Niveau heben kann. Auch die Einrichtung eines WIKIs (z.B. DokuWiki oder Confluence) kann zu einer erheblichen Steigerung des eigenen – am besten kanzleiweiten – Wissensmanagements beitragen. Schließlich erwarten Mandanten in Zeiten wie diesen in weniger Zeit ein Mehr an Expertise. Das will gemanagt sein.

Gegebenenfalls bietet sich auch die Einrichtung eines Mandantenportals an. Zwar gibt es hierzu meines Wissens noch keine Standardsoftware, allerdings könnte eine auf dem eigenen Server gehostete Cloud einen Anfang für den elektronischen Dokumentenaustausch mit dem Mandanten darstellen. Die Anwendung „OwnCloud“ stellt den Klassiker dar, „NextCloud“ will einen Schritt weiter gehen – um nur zwei Beispiele zu nennen. Der Datenaustausch per SSL-Verschlüsselung über eine (eigene) Cloud ist jedenfalls sicherer, als Word-Dateien per unverschlüsselter Email zu versenden. Freilich muss man seine Cloud vor unliebsamen Eindringlingen schützen. Solange die Nutzung von Public Cloud-Systemen standesrechtlich noch nicht geklärt ist, stellt eine eigene Cloud m. E. eine interessante Alternative für einen ersten Schritt in diese Richtung dar.

Wer richtig tief einsteigen will, kann mit der Software NEOTA sein eigenes AI-System zur automatisierten Prüfung leicht standardisierbarer Ansprüche einrichten und dem aktuellen Trend unter Großkanzleien wie z.B. CMS oder Norton Rose Fulbright folgen. Und bei einem entsprechenden Deal-Volumen lohnt sich ggf. sogar der Rückgriff auf Dienstleister wie Leverton.

Insbesondere im Hinblick auf Expertensysteme fokussiert der Blick derzeit auf die internationalen Großkanzleien und deren wirtschaftliches Potential. Ich behaupte dagegen, dass das wahre „disruptive“ Potential von Legal Tech bei den Boutiquen und kleineren Kanzleien liegen wird. Zum einen werden die kleineren Einheiten das notwendige Change Management leichter durchführen können. Ferner werden wir die Bildung von neuen Boutiquen erleben, die ihre internen Workflows von vornherein auf die Anwendung von Legal Tech optimiert ausrichten. Letztlich wird die Anwendung von Legal-Tech es kleineren Kanzleien ermöglichen, weiter in die traditionell von Großkanzleien besetzten Geschäftsfelder einzudringen. Um nur ein plakatives Beispiel zu wählen: Wenn zukünftig der Computer die Due Diligence ausführt, fokussiert die Wahl des M&A-Beraters auf die Expertise einer Kanzlei und weniger auf deren Größe.

Nicht alle vorbenannten Applikationen werden für Sie die passenden sein. Es gibt jedoch bereits jetzt eine Vielzahl von Lösungen, die unsere internen Abläufe, unsere Kommunikation aber auch die Arbeit in unserem Kerngeschäft – der juristischen Beratung – effizienter gestalten können. Und wir befinden uns erst am Anfang der Entwicklung. Packen wir’s also an.

Haben Sie bereits Legal Tech-Anwendungen in Ihrer Kanzlei implementiert und wie sind Ihre Erfahrungen? Was hält Sie gegenwärtig von der Implementierung ab? Über Ihren Kommentarbeitrag würde ich mich freuen.

Rechtsanwalt Peter Lotz, M.C.J. (NYU), MAYRFLED LLP, Frankfurt, Beirat des Kanzleiforums

Infobrief für junge Juristen

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die neue Ausgabe des Infobriefs ist da!

Erfahrene Praktiker geben neue und wichtige Tipps für junge Juristen. In dieser Ausgabe enthalten:

Sabine Jungbauer: beA-Serie Teil 2 – Die Einreichung von Schriftsätzen und deren Anlagen in elektronischer Form

Carmen Schön: Wie stelle ich fest, ob meine Kanzlei zu mir passt?
Volker Fritze: Zeugenvernehmen bei außergerichtlichen Strafverhandlungen – Darauf sollten Sie achten.
Katrin Volkmer-Jäger: Gel(i)ebte Leitbilder schaffen – Es lohnt sich von Anfang an!

Interview mit Pia Löffler: „Kanzleimarketing kostet Zeit. Aber die muss man sich nehmen.“
Interview mit Ilona Cosack: Zur MkG-Sonderausgabe „Die Wahl der ersten Anwaltssoftware“

Literaturtipps zum Download: Kurz, gut, gratis!
GratisFormular: Musterformular zur Insolvenz des Schuldners

Mit den besten Grüßen aus München

 

RA Katharina Nitsch