Legal-Tech als Chance? Gastbeitrag von Rechtsanwalt Peter Lotz

Wir Anwälte sehen dunkle Wolken aufziehen. Auf der einen Seite scheinen uns disruptive Plattformen in einen gnadenlosen Preiskampf zu treiben. Auf der anderen Seite übernehmen Plattformen wie geblitzt.de oder flightright.de am unteren Ende des Spektrums anwaltliche Tätigkeiten. Gleichzeitig scheinen die internationalen Großkanzleien durch Einsatz von Legal-Tech effizienter und noch wettbewerbsstärker zu werden. Sitzt der anwaltliche Mittelstand also in der Klemme?

Letztlich sind die Kräfte der Marktwirtschaft auch in den bislang vergleichsweise behüteten Rechtsmarkt eingedrungen. Legal-Tech – oder besser: die Nutzung von (neuen) Technologien in der Kanzlei – eröffnet uns jedoch die Möglichkeit, hierauf zu unserem Vorteil zu reagieren. Gewiss werden einige von uns ihre Wertschöpfungsmodelle überdenken müssen. Auch, wenn wir als Risikomanager zu einem gewissen Berufspessimismus tendieren, ist das Glas jedoch nicht halb leer. In Wahrheit eröffnet sich uns ein wahrer Schatz an neuen Möglichkeiten. Oder anders ausgedrückt: Es ist jetzt an der Zeit den Kausalverlauf nicht aus der Hand zu geben.

Es fängt schon beim Alltäglichen an: Unwuchten im Büroalltag, Dynamiken unter den Angestellten, krankheitsbedingte Ausfälle. Ich behaupte, dass noch immer eine Mehrzahl der Kanzleien an erheblichen Reibungsverlusten leiden, die durch einen Büroablauf, der im Wesentlichen noch den Standards der 50er Jahre entspricht, hervorgerufen werden. Eine IT-basierte Optimierung des internen Workflows kann hier Transparenz, Entlastung und Verfügbarkeit von Kapazitäten – auch „zur Unzeit“, d.h. außerhalb der regulären Arbeitszeiten – schaffen. Die Hürden des hierzu notwendigen Change Managements sind in traditionellen Kanzleien jedoch hoch und werden oft gescheut. Wie wäre es also mit komplementierenden Anwendungen in der Übergangszeit?

Einen Anfang könnten z.B. kleine IT-basierte Helferlein im Büro darstellen. Gewiss, Sie diktieren bereits digital und haben einige Word-Vorlagen für Standard-Schreiben angelegt. Aber das meine ich nicht. In meinem Beitrag „beck-online & LiquidText“ zeige ich z.B., wie man die Arbeit mit und Extraktion von Information aus juristischen Texten mit einer kleinen App auf ein völlig neues Niveau heben kann. Auch die Einrichtung eines WIKIs (z.B. DokuWiki oder Confluence) kann zu einer erheblichen Steigerung des eigenen – am besten kanzleiweiten – Wissensmanagements beitragen. Schließlich erwarten Mandanten in Zeiten wie diesen in weniger Zeit ein Mehr an Expertise. Das will gemanagt sein.

Gegebenenfalls bietet sich auch die Einrichtung eines Mandantenportals an. Zwar gibt es hierzu meines Wissens noch keine Standardsoftware, allerdings könnte eine auf dem eigenen Server gehostete Cloud einen Anfang für den elektronischen Dokumentenaustausch mit dem Mandanten darstellen. Die Anwendung „OwnCloud“ stellt den Klassiker dar, „NextCloud“ will einen Schritt weiter gehen – um nur zwei Beispiele zu nennen. Der Datenaustausch per SSL-Verschlüsselung über eine (eigene) Cloud ist jedenfalls sicherer, als Word-Dateien per unverschlüsselter Email zu versenden. Freilich muss man seine Cloud vor unliebsamen Eindringlingen schützen. Solange die Nutzung von Public Cloud-Systemen standesrechtlich noch nicht geklärt ist, stellt eine eigene Cloud m. E. eine interessante Alternative für einen ersten Schritt in diese Richtung dar.

Wer richtig tief einsteigen will, kann mit der Software NEOTA sein eigenes AI-System zur automatisierten Prüfung leicht standardisierbarer Ansprüche einrichten und dem aktuellen Trend unter Großkanzleien wie z.B. CMS oder Norton Rose Fulbright folgen. Und bei einem entsprechenden Deal-Volumen lohnt sich ggf. sogar der Rückgriff auf Dienstleister wie Leverton.

Insbesondere im Hinblick auf Expertensysteme fokussiert der Blick derzeit auf die internationalen Großkanzleien und deren wirtschaftliches Potential. Ich behaupte dagegen, dass das wahre „disruptive“ Potential von Legal Tech bei den Boutiquen und kleineren Kanzleien liegen wird. Zum einen werden die kleineren Einheiten das notwendige Change Management leichter durchführen können. Ferner werden wir die Bildung von neuen Boutiquen erleben, die ihre internen Workflows von vornherein auf die Anwendung von Legal Tech optimiert ausrichten. Letztlich wird die Anwendung von Legal-Tech es kleineren Kanzleien ermöglichen, weiter in die traditionell von Großkanzleien besetzten Geschäftsfelder einzudringen. Um nur ein plakatives Beispiel zu wählen: Wenn zukünftig der Computer die Due Diligence ausführt, fokussiert die Wahl des M&A-Beraters auf die Expertise einer Kanzlei und weniger auf deren Größe.

Nicht alle vorbenannten Applikationen werden für Sie die passenden sein. Es gibt jedoch bereits jetzt eine Vielzahl von Lösungen, die unsere internen Abläufe, unsere Kommunikation aber auch die Arbeit in unserem Kerngeschäft – der juristischen Beratung – effizienter gestalten können. Und wir befinden uns erst am Anfang der Entwicklung. Packen wir’s also an.

Haben Sie bereits Legal Tech-Anwendungen in Ihrer Kanzlei implementiert und wie sind Ihre Erfahrungen? Was hält Sie gegenwärtig von der Implementierung ab? Über Ihren Kommentarbeitrag würde ich mich freuen.

Rechtsanwalt Peter Lotz, M.C.J. (NYU), MAYRFLED LLP, Frankfurt, Beirat des Kanzleiforums

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