Interview zum neuen Anti-Doping-Gesetz

Guten Tag Herr Rechtsanwalt Dr. Lehner, guten Tag Herr Professor Nolte, guten Tag Herr Professor Putzke. Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage an Sie, Herr Dr. Lehner: Wie kam es dazu, dass Sie sich mit Sportrecht und dem Thema Anti-Doping beschäftigen?

Dr. Lehner:
Sportrecht als eigenständige Disziplin gab es während meiner Juristenausbildung in den 1970er Jahren nicht. Doping war zwar schon national und international verboten, aber – zumal in Zeiten des „Kalten Krieges“ – sowohl bei den Sportverbänden wie in der Politik auch in Deutschland eher als legitimes Erfolgsmittel begriffen.
Da gab es aber eine mutige Universitätsstadt im Süden der Republik, die sich dank eines weltweit anerkannten Wissenschaftlers des Deutschen Krebsforschungszentrums Prof. Dr. Werner Franke und seiner tapferen Ehefrau Brigitte Berendonk als erste Antidopinghochburg der Republik rüstete. Da gab es auch einen damals noch jungen Rechtsanwalt, der die allesamt zutreffenden Enthüllungen des ersten Buches von Brigitte Berendonk „Doping von der Forschung zum Betrug“ über Doping in Ost und West in, wenn ich richtig zähle, mehr als 20 Rechtsstreitigkeiten erfolgreich gegen Dopinglügner juristisch verteidigt hat. Da war ich plötzlich als eher gesellschaftsrechtlich und arbeitsrechtlich ausgebildeter und in einer baurechtlich orientierten Kanzlei tätiger Jurist mitten im Dopingthema und mitten in der Aufdeckung und Abarbeitung des staatlichen Dopings der DDR. Das blieb nicht nur ein bloßer juristischer Job. Zumal als Amateurmarathonläufer und Langstreckentriathlet dem Sport sehr verbunden, wurde das Engagement und vor allem auch Mitgefühl für die zahlreichen Sportlerinnen und Sportler der ehemaligen DDR, die schon als Minderjährige ohne medizinisch erforderliche Aufklärung und der Folge erheblicher in einigen dramatischen Fällen zum Tode führender Körperverletzung unwissend über die Gefahr eines jahrelangen Dopings in das DDR-Staatsdopingsystem hineingezwungen worden waren. Als Initiator habe ich mit den Freunden meines örtlichen Rotary Clubs in Weinheim zur Unterstützung dieser Dopingopfer den auch heute noch aktiven Doping-Opfer-Hilfe-Verein gegründet und konnte im Lobbyismus für die Dopingopfer eine Durchsetzung von Schadensersatzforderungen und auch staatliche Hilfe im Rahmen des von der Politik geschaffenen Doping-Opfer-Hilfegesetzes erreichen. Eine große persönliche Erfahrung auch für das eigene Geschichtsverständnis war die Übernahme des Mandats für fast alle DDR-Dopingopfer, die sich der Anklage in den Berliner Strafprozess gegen die politisch und medizinisch Verantwortlichen des DDR-Dopingsystems als Nebenkläger angeschlossen hatten.
Für mein Athletenengagement und mein Eintreten für einen ehrlichen Sport bekannt geworden, haben in der Folgezeit, national und international, zahlreiche Athleten meinen (sport)rechtlichen Rat gesucht. Besonders medial präsent, aber auch mit dem schlussendlichen Ausschluss von Olympia in Sydney 2000, ich möchte formulieren tragisch, der auch verfilmte Fall Dieter Baumann, der mit der dopingkontaminierten Zahnpastatube die Sportwelt gespalten hat.

Herr Professor Nolte, Sie sind Inhaber der einzigen, ausschließlich dem Sportrecht gewidmeten Professur in Deutschland. Was macht dieses Rechtsgebiet für Sie so interessant?

Professor Nolte:
Sportrecht ist eine komplexe, inter- sowie intradisziplinäre Materie, die nicht nur auf den sportrelevanten Normen des (zwischen-)staatlichen Rechts, sondern vor allem auch auf den selbst gesetzten (Sport-)Regeln privater Sportorganisationen beruht. Zwischen diesen Säulen gibt es zahlreiche Wechselwirkungen. Dies sieht man etwa bei dem Zusammenspiel zwischen dem Anti-Doping-Gesetz (ADG) und dem Nationalen Anti Doping Code. Hinzu kommen die zahlreichen rechtstatsächlichen – etwa gesellschaftspolitischen oder wirtschaftlichen – Dimensionen des Sports, die bei der Lösung der Rechtsfragen im Sport zu berücksichtigen sind. Das macht Sportrecht zu einem faszinierenden Rechtsgebiet.

Herr Professor Putzke, Sie sind Strafrechtler – was hat das Strafrecht mit Sport zu tun?

Professor Putzke:
Auf den ersten Blick und unmittelbar bezogen auf den einzelnen Sportler bislang eher wenig. Sport fand lange Zeit in einer eigenen Welt statt mit eigenen Regeln. Es war weder erwünscht noch nötig, dass der Staat sich dort mit all seiner institutionellen Macht einmischt. Doch die Zeiten haben sich geändert – im Sport lässt sich immer mehr Geld verdienen. Und wo das der Fall ist, werden in der Regel auch rasch Betrüger angelockt. Wer dopt, ist genau das: ein Betrüger. Das war zwar schon immer so, aber es hat sich gezeigt, dass die sportrechtlichen Mechanismen nicht durchgängig ausreichend sind im Kampf gegen Doping im Sport. Deshalb hat der Gesetzgeber sich entschlossen, wie ich meine, aus durchaus nachvollziehbaren Gründen, die Strafbarkeit auch auf Sportler zu erweitern, die dopen. Und auch darüber hinaus wurde die Strafbarkeit ausgedehnt. Deshalb ist seit Inkrafttreten des Anti-Doping-Gesetzes Doping im Sport unmittelbar und untrennbar verknüpft mit dem Strafrecht. Ob es abschreckend wirkt, ist freilich eine ganz andere Frage.

Das ADG gilt als Meilenstein in der Dopingbekämpfung, weil es erstmals Selbstdoping durch Spitzen- und Berufssportler unter Strafe verbietet. Wissen Sie, wie viele Strafverfahren seit seinem Inkrafttreten vor ca. 14 Monaten gegen Spitzensportler wegen Selbstdopings eingeleitet wurden?

Professor Nolte:
Seit Inkrafttreten des ADG sind knapp 30 Strafverfahren gegen Spitzensportler wegen Selbstdopings eingeleitet worden, in wenigen Fällen gab es Strafbefehle, gegen die Einspruch erhoben wurde. Einige Verfahren sind bereits wieder eingestellt worden. Eine Verurteilung gibt es bislang nicht. Die Beurteilung, ob das ADG seine Zwecke erfüllt hat, kann aber nicht von einer vereinfachenden Betrachtung – etwa nach der bloßen Anzahl eingeleiteter Strafverfahren und ihrem Ausgang – abhängig gemacht werden. Erforderlich ist vielmehr eine begleitende Evaluierung nach quantitativen und qualitativen Maßstäben über einen mehrjährigen Zeitraum von ca. drei Jahren.

Dr. Lehner:
Für den organisierten Sport, was will heißen für die Spitzensportverbände in Deutschland, war es lange Zeit undenkbar, dass mit einem staatlichen Anti-Doping-Gesetz in das vereinsautonome Dopingsanktionssystem eingegriffen wird. Die Angst des Verlustes der eigenen Unabhängigkeit war zu groß. Wohl nicht ganz zu Unrecht ist diese Verweigerung der Verbände auch als bloße, das System schützende Abwehrhaltung einer dopingverseuchten Sportwelt verstanden worden.
Ich denke, dass der von mir als Verteidiger des Radprofis Stefan Schumacher in einem von der Justiz groß auferlegten Strafprozess erzielte Freispruch vom Verdacht des Betruges durch Doping ein zumindest mitentscheidender Auslöser für Politik und den organisierten Sport war, sich zur Schaffung eines staatlichen Anti-Doping-Gesetzes in Deutschland durchzuringen, um die durch das Prozessergebnis offenbarte Strafbarkeitslücke im staatlichen Strafrecht zu schließen.
Ich vertrete schon immer die Auffassung, dass jedes staatliche oder verbandsrechtliche Sanktionssystem, so auch das Dopingsanktionssystem des organisierten Sportes die natürlichen Verteidigungsrechte der Beschuldigten besonders wahren muss, um selbst glaubhaft zu bleiben. Nur ein solches Sanktionssystem kann auch von den Betroffenen angenommen werden. Eine dadurch bewirkte Akzeptanz des Systems trägt dann wieder dazu bei, das ausgesprochene Dopingverbot mehr zu achten und so das sportliche Fairplay zu stärken. Wichtig für mich ist die Herstellung einer auch rechtlichen Augenhöhe zwischen Anti-Doping-Organisation und dem als Dopingsünder angeklagten Athleten. Es verstößt gegen mein auch persönliches Rechtsverständnis, wenn nur zur Erleichterung der Überführung von tatsächlichen oder vermeintlichen Dopingtätern die Rechte der eines Dopingvergehens beschuldigten Athleten eingeschränkt werden. Der medizinische Nachweis von Doping ist kompliziert und nicht selten mit falsch positiven Testergebnissen verbunden. Die Unschuldsvermutung ist ein wichtiges Rechtsgut, das weder durch einen Dopinggeneralverdacht noch durch die Gestaltung des Dopingsanktionsverfahrens aufgeweicht werden darf.

Professor Putzke:
Die Schlagkraft des Anti-Doping-Gesetzes bei Selbstdoping dürfte auch und vor allem von der Verwertbarkeit der im Dopingkontrollverfahren gewonnenen Proben abhängen. In meiner Kommentierung zu § 4 in dem von uns herausgegebenen Kommentar zum Anti-Doping-Gesetz vertrete und begründe ich die Auffassung, dass insoweit ein Beweisverwertungsverbot besteht. Es ist juristisch höchst spannend, wie die Justiz, vor allem wie die Gerichte diese Rechtsfrage beantworten werden. Wer das Prinzip der Selbstbelastungsfreiheit ernst nimmt, kommt an einem Verwertungsverbot genau genommen nicht vorbei.

Herr Professor Nolte, der Nomos Handkommentar „Anti-Doping-Gesetz“ ist unter Ihrer Mitherausgeberschaft kürzlich erschienen. Sicher widmen Sie sich bereits wieder weiteren Forschungsvorhaben am Institut für Sportrecht an der Deutschen Sporthochschule. Welche Themen beschäftigen Sie gerade?

Professor Nolte:
Aktuell laufen vier drittmittelfinanzierte Vorhaben zur Bekämpfung von Diskriminierungen im Fußball, zur Evaluierung des Nationalen Anti Doping Codes sowie zur Dopingbekämpfung im Kontext Olympischer Spiele und zum aktuellen Glücksspielstaatsvertrag, insbesondere zu Regulierung des Sportwettenmarktes. Ein weiteres mehrjähriges Projekt zur Bekämpfung von Spielmanipulationen ist gerade beantragt.

Warum beschäftig uns das Thema Doping – auch außerhalb der Sportwelt – so sehr und ist immer wieder in den Medien präsent?

Dr. Lehner:
Das Bild eines sogenannten sauberen Sportes ist das, was der hochkommerzialisierte Sport als eines seiner wichtigsten Produkte anbietet. Das dabei gerade auch vom organisierten Sport geschnürte Paket hat einen eigentlich nicht mischbaren Inhalt aus dem „dabei sein ist alles“ des olympischen Amateurgedanken eines Coubertin und des „Schneller, höher, weiter“ bzw. eines „Leistung über alles“, mit dem sportliche Spitzenleistungen verkauft werden, die eigentlich „sauber“ in vielen Bereichen nicht erzielt werden können. Der idealisierte Anspruch des Sportes kann so nicht funktionieren und deshalb wird das Thema Doping und Sportbetrug auch ewiges Thema des Sportes und damit auch der Medien bleiben. Sport ist nur das Spiegelbild einer Gesellschaft, die eben nicht immer nur gut ist.
Die weltweiten Anti-Doping-Gesetze, wie sie in den letzten Jahren und jetzt auch in Deutschland etabliert wurden, fügen sich so nahtlos in den Widerspruch der Sportwelt ein, die sich einerseits sauber und ethisch korrekt präsentieren will und andererseits sich mit Höchstleistungen und Goldglanz glaubt verkaufen zu müssen. Dieser Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit führt zu sportpolitischen Fragestellungen, um die sich unser Kommentar weder bezogen auf die Sportgerichtsbarkeit noch auf die Strafbarkeit des Eigendopings gedrückt hat. Unser Anti-Doping-Gesetz-Kommentar steht somit mit seinen Diskussions- und Denkanstößen mitten im Sport.

Herr Rechtsanwalt Dr. Lehner, Herr Professor Nolte, Herr Professor Putzke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Lehner / Nolte / Putzke (Hrsg.)
Anti-Doping-Gesetz
2017, 294 S., Nomos, ISBN 978-3-8487-3105-3,
Preis 78,00 € inkl. MwSt.
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