Der Rechtsfachwirt – Karrierechance für Rechtsanwaltsfachangestellte, Beitrag von Rechtsanwältin Dr. Sonja Fischer

Jahrelang gab es für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Anwalts- und Notarkanzleien, die sich nach ihrer Ausbildung zur/zum Rechtsanwalts- und/oder Notarfachangestellten noch weiterbildeten, kein einheitliches Berufsbild. Gleichzeitig wurde und wird von den Mitarbeitern in ihrer täglichen Arbeit in Rechtsanwaltskanzleien, Unternehmen, Verbänden und Behörden ein hohes Maß an rechtlichen Kenntnissen, eigenverantwortliche Organisation des Büros und Entlastung der jeweiligen Vorgesetzten erwartet. Doch ohne optimale Fortbildungsmöglichkeiten und der Möglichkeit, einen qualifizierten Abschluss zu erlangen, war dies nur schwer möglich. Diesem Missstand half der Bundesgesetzgeber mit der am 23.08.2001 erlassenen Verordnung über die Prüfung zum anerkannten Abschluss „Geprüfte/r Rechtsfachwirt/in“ ab (BGBl. I, 2250). Zuständig für die Abnahme der Prüfung und für die Verleihung des staatlich geschützten Titels sind dabei die Rechtsanwaltskammern.

Das Fortbildungsprofil der Bundesverordnung beschreibt die Qualifikation der/des Geprüften Rechtsfachwirtin/Rechts-fachwirtes wie folgt: „Geprüfte Rechtsfachwirte sind befähigt, die Kanzlei eines Rechtsanwaltsbüros zu verwalten, zu organisieren und zu leiten. Sie beherrschen das nicht anwaltliche Aufgabenfeld eines Rechtsanwaltsbüros und können qualifizierte Sachbearbeitung im anwaltlichen Aufgabenfeld leisten […].“

Geprüfte Rechtsfachwirte sind professionelle Allrounder: Aufgrund ihrer qualifizierten und vielseitigen Ausbildung sind sie in der Lage, sowohl Verwaltungs- und Personalverantwortung zu tragen als auch eigenständige Sachbearbeitung zu leisten. Eine „preiswerte Alternative“ zum angestellten Juristen ist der Rechtsfachwirt jedoch keinesfalls. Er kann den Anwalt (oder auch Assessor) nicht ersetzen, wohl aber ergänzen. Wer eine/-n Rechtsfachwirt/-in beschäftigt, darf sicher sein, eine gut ausgebildete Fachkraft zu haben, die kompetent und mit Sachverstand agiert.

Durch ihre fundierten Kenntnisse, welche sie während des zweijährigen Studiengangs erwerben, sind geprüfte Rechtsfachwirte vor allem im Bereich des Kosten- und Gebührenrechts sowie Zwangsvollstreckung und Inkasso unentbehrliche Mitarbeiter, da sie in diesen Bereichen auch gutachterliche Prüfungen vornehmen können. Weitere Einsatzmöglichkeiten gibt es in der Wohnungseigentumsverwaltung und in der Insolvenzabteilung. Damit Rechtsfachwirte dauerhaft erfolgreiche Leistungen erbringen können, müssen sie aktuelle Rechts- und Praxisentwicklungen, wie z.B. Gesetzesänderungen im Verfahrensrecht, Neuerungen im Vergütungs- und Kostenrecht und Zwangsvollstreckungsrecht, sicher beherrschen und zudem ein „Organisationsprofi“ sein. Sie sind ferner zuständig für alle Belange des anwaltsnachgeordneten Personals und Ansprechpartner bei allen auftretenden Problemen und Differenzen zwischen Mitarbeitern.

Seit Jahrzehnten bietet daher u.a. das Fortbildungsinstitut der Rechtsanwaltskammer Stuttgart Fachstudiengänge zum Geprüften Rechtsfachwirt an, die ideal und professionell auf die genannten umfangreichen Arbeitsgebiete in der Praxis vorbereiten. Daneben findet eine konzentrierte Prüfungsvorbereitung statt. Nach erfolgreich bestandener Prüfung zum Geprüften Rechtsfachwirt eröffnen sich neben den Karrierechancen in Rechtsanwaltskanzleien, Wirtschaftsunternehmen und Behörden darüber hinaus noch weitere berufliche Optionen. In vielen Bundesländern erwerben die geprüften Rechtsfachwirte eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung, insbesondere zu einem Studium der Rechtswissenschaften. Die Weiterbildung zum/zur Geprüfte/-n Rechtsfachwirt/-in dient damit sowohl der Verbesserung und Vertiefung der in der täglichen Praxis notwendigen Fertigkeiten als auch der Erlangung theoretischer Voraussetzungen für eine akademische Karriere.

Zusammenfassend ist damit festzustellen, dass sich das Berufsbild eines Rechtsfachwirtes ein sehr vielseitiges, spannendes Betätigungsfeld darstellt und sowohl in Anwaltskanzleien als auch Wirtschaftsunternehmen eine hervorragende Karrierechance bietet. Eine Weiterbildung, die sich für jeden Rechtsanwaltsfachangestellten lohnt.

Die Autorin Dr. Sonja Fischer ist Rechtsanwältin und seit mehreren Jahren Dozentin am Fortbildungsinstitut der Rechtsanwaltskammer Stuttgart. Sie bereitet dort die angehenden Rechtsfachwirte in den Fächern materielles Zivilrecht, materielles Strafrecht und Strafprozessrecht sowie in speziellen Prüfungsvorbereitungskursen diejenigen vor, die sich dort berufsbegleitend auf die Prüfung zum „Geprüften Rechtsfachwirt“ vorbereiten. Daneben ist die Dozentin auch Prüferin im Prüfungsausschuss der Rechtsanwaltskammer Stuttgart. Ferner ist sie Co-Autorin der Reihe „Prüfungsfälle für Rechtsfachwirte“ für das Materielle Recht.

Jungbauer (Hrsg.)
ReFaWi - Übungsfälle
2016, Rund 1022 S., C.F. Müller, ISBN 978-3-8114-4338-9,
Preis 154,99 € inkl. MwSt.

 

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