Ich schaffe das! Wann Leistung in der Kanzlei befriedigt und Wachstum bringt und wann sie unglücklich und krank macht. Gastbeitrag von Rechtsanwältin und Anwalts-Coach Friederike Matheis

„Ich schaffe das!“ So klingt ein optimistischer, motivierender Satz, der positive Leistungsenergie bewirkt. Da ist eine neue Herausforderung, eine spannende Aufgabe, ein attraktives Ziel. Ein Ziel, bei dessen Erreichung die Belohnung der Anerkennung winkt.

Ein inneres Lächeln, Noradrenalin und Dopamin, die leistungsfördernden Hormone im Gehirn, treiben uns an unser Bestes zu geben. Zum Beispiel das Ziel einen überzeugenden Schriftsatz zu fertigen, der – wie beantragt – eine einstweilige Verfügung oder einen Prozessgewinn zur Folge hat. Ein zufriedener Mandant, eine umgehend bezahlte Honorarnote, eine  erfreuliche Weiterempfehlung an andere, neue Mandanten. Ein gutes Ansehen. Wertschätzung von Klienten und den Kollegen in der Kanzlei. Und nach diesen Erfolgen mit Lust weitermachen. So die Idealvorstellung.

Die Realität sieht oft anders aus. Von meinen Klienten und Coachées höre ich immer wieder diesen Dreiklang: „Ich muss es schaffen!“ – „Ich bin geschafft!“ – Ich schaffe es nicht mehr!“

Der Dauertiger hat wieder zugeschlagen

Was ist geschehen?

Da hat der „Dauertiger“ seine Beute gepackt und der berüchtigte Burnout ist da.

In neurowissenschaftlichen Erläuterungen zum Thema Burnout wird gerne das „Tiger-im-Urwald“-Beispiel herangezogen, um das Phänomen von Stress bildlich zu erklären: Das Gehirn des Menschen ist evolutionsbedingt so ausgestattet, dass wir in akuten Gefahrensituationen blitzschnell lebenserhaltend reagieren können. Begnen wir zum Beispiel einem hungrigen Tiger in freier Wildbahn, dann ist Stress die lebenserhaltende, biologisch gesunde Reaktion unseres Gehirns auf die akute Gefahr.

In Millisekunden-Geschwindigkeit werden alle Energien von der Erfüllung längerfristiger Aktivitäten im Körper abgezogen und der Handhabung der gegenwärtigen Gefahr in Form des bedrohlichen Tigers zur Verfügung gestellt. Wenn dieses gefährliche Tier plötzlich vor dir steht, rettet dir dieser Stress das Überleben: Verteidigung oder Flucht sind angesagt! Und zwar ohne lange nachzudenken, was du jetzt wohl am besten tun könntest.

Alles geht rasend schnell. Das Herz-Kreislaufsystem wird beeinflusst, das Herz schlägt schneller und der Atem beschleunigt sich, um vermehrt Sauerstoff ins Blut und dieses anschließend in die Muskeln von Armen und Beinen zu transportieren. Um zu kämpfen oder wegzulaufen, und zwar so schnell wie möglich.

Im mittleren Gehirn werden dabei gleichzeitig die Hormone Adrenalin und das Angst erzeugende Cortisol wirksam.  Dieser Vorgang verringert unter anderem die Funktion des Immunsystems, sodass man anfälliger für Infekte wird.

Dieser zeitlich begrenzte „Tiger-Stress“ ist an sich nicht schlecht und nicht schädlich. Aber wenn der Stress noch zunimmt und sich verstetigt – wenn der Tiger zum „Dauertiger“ wird – dann wird der entstehende Disstress ungesund. Der Dauertiger packt zu und wir verlieren mehr und mehr Kraft. Unsere Reserven werden angegriffen und wenn wir sie nicht mehr auftanken können, bricht unser System zusammen. Die Leistungslust verschwindet, die sozialen Beziehungen – zuhause wie im Büro – leiden. Ehen und Familien werden überbelastet und scheitern. Das ist keine Neuigkeit mehr: Depressionen und körperliche Krankheiten nehmen zu.

Die Freiheit des Rechtsanwaltsberufes

Aber was genau ist es, dass Kollegen und Mitarbeiter in Anwaltskanzleien zur Beute des Dauertigers werden? Es ist nicht die Arbeit an sich. Auch nicht die viele Arbeit. Es ist etwas anderes, aber sehr Wesentliches.

Rechtsanwälte sind Freiberufler. Das Berufsbild ist geprägt von Selbstbestimmung. Auf diese Freiheit und – oft idealisierte – Selbstgestaltungsmöglichkeiten im Berufsleben sind Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen stolz.

Aber wie groß ist die Freiheit und Selbstbestimmung wirklich?

In Anwaltskanzleien herrscht, wie in anderen Wirtschaftsunternehmen auch, ein Klima von wachsender Beschleunigung und von Leistungsoptimierungsprozessen. Besonders die „freien MitarbeiterInnen“ und angestellte Anwälte und Anwältinnen, aber auch die Partner in Anwaltskanzleien erleben enormen Druck. Aber nur teilweise ist dieser Druck von Terminen und Fristen, also von außen bestimmt. Ein ganz überwiegender Teil dieses Drucks ist hausgemacht. Kämpferische Wettbewerbshaltung untereinander, überzogene Umsatz-Zielvereinbarungen und Akquisitions-Vorgaben, eine unauthentische, oft verletzende Kommunikation innerhalb der Kanzlei und mangelnde Anerkennung und Wertschätzung kreieren ein ungesundes Kanzleiklima, in dem sich der Dauertiger bequem einrichten kann.

In diesem Klima erwächst die Leistung  nicht mehr aus dem selbstbestimmten und motivierenden „Ich schaffe das!“, sondern aus dem reaktiven und defensiven „Ich muss es schaffen, sonst…“. Sie verstehen schon: andauernde Angst ist Futter für den Dauertiger.

Leistung aus Freude und Motivation heraus ist befriedigend. Am Ende steht dann das : „Ich habe es getan und geschafft, weil ich es wollte – nicht weil ich es musste.“ Das gibt neue Energie. Dieser Erfolg motiviert.

Dieses Phänomen der Freiheit und Selbstbestimmtheit wird in sehr vielen Kanzleien nicht verstanden und daher missachtet. Führungskräfte tragen so dazu bei, dass wertvolles Leistungspotenzial verbrannt wird. Ein neues Kanzleiklima, eine fruchtbare Kanzleikultur tut Not und ist machbar. Mit Achtsamkeit, echter Empathie und Wertschätzung schaffen Sie Leistung, die glücklich macht.

Friederike Matheis, Rechtsanwältin und Anwalts-Coach in Hamburg, www.rechtsanwalt-coaching.de und www.beyourselfcoaching.de

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