Innovative Kanzleigründungen – Gastbeitrag von Claudia Schieblon

Das Jurastudium ist ein langes und intensives Studium. Danach gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie man ins Berufsleben starten kann – eine davon ist selbst eine Kanzlei zu gründen. Doch erfüllt dieser Weg wirklich die großen Hoffnungen mancher Kanzleigründer von eigenverantwortlichem Arbeiten, echter Work-Life-Balance und gutem Einkommen? Und wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen um zu starten?

Laut einer Untersuchung des Soldan Instituts* wagen 28 Prozent der Berufseinsteiger direkt nach dem Studium den Weg in die Selbständigkeit. Viele gründen jedoch erst später und so liegt der Anteil der Anwälte bei Kanzleigründern mit bis zu acht Jahren Berufserfahrung schon bei 44,5 Prozent.

Auch Dr. Max Peiffer hat sich nach einigen Jahren Erfahrung in deutschen und internationalen Großkanzleien mit seinem Partner unter dem Namen „Assmann Peiffer“ in München selbständig gemacht. Sein Rat: „Es ist durchaus ein Startvorteil wenn man ein paar Jahre in einer etablierten Kanzlei gearbeitet hat und mit einigen guten Referenzen im Gepäck den Sprung in die Selbständigkeit wagt.“

Allgemeinkanzlei oder Spezialisierung?

Doch wie stellen Kanzleigründer ihr Angebot auf? Laut der erwähnten Untersuchung des Soldan Instituts starten 43 Prozent als Allgemeinkanzlei, bei Gründern einer allein geführten Kanzlei sind dies sogar 49 Prozent.

Kann man hier von einem Start aufgrund einer tollen Geschäftsidee reden? In den meisten Fällen wohl nicht. Die Ausrichtung der Kanzlei auf bestimmte Rechtsthemen, Branchen, Mandantengruppen oder auch Regionen ist vielversprechender, wie nicht allein erfolgreiche Beispiele zeigen.

Rebecca Mohr hat sich nach sechs Jahren Berufstätigkeit und Spezialisierung als Fachanwältin für Medizinrecht in Berlin selbständig gemacht. Ihr Fokus liegt ausschließlich auf der rechtlichen Beratung von medizinischen Leistungserbringern, also Ärzten, Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Zuvor hat sie den Markt gründlich analysiert. Neben der fachlichen Spezialisierung ist ihr Plus die schnelle und unkomplizierte Zusammenarbeit mit ihren Mandanten. „Meine Mandanten wollen in der Regel keine juristischen Romane – das Ergebnis zählt. Sie bekommen von mir fachliche Expertise ohne den üblichen Anwaltsduktus.“, so die Gründerin.

Eine genaue Analyse der eigenen Stärken, des Marktes und die Entwicklung eines Geschäftsplans sind unabdingbare Voraussetzungen für eine erfolgreiche Existenzgründung. Ideal ist es, wenn man bereits Kontakte zu Wunschmandanten hat, mit denen man die eigene Gründungsidee diskutieren kann. Findet man dabei eine klar abgegrenzte und kaum besetzte Nische, die glaubhaft zu den Themen passt, mit denen man sich bereits beschäftigt hatte, heißt es Durchzustarten.

Mit Branding punkten

Um für den Start die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen, braucht man ein klares Erscheinungsbild. Das ist die Sprache der Werber und meint, dass Name, Logo, Slogan, Web-Auftritt usw. zur Geschäftsidee und zu den Gründerpersönlichkeiten passen müssen.

„Führend im Energiemarkt“ – mit dieser Leitidee hat es Assmann Peiffer geschafft, sich in dem stark wandelnden Energiemarkt als Boutique-Kanzlei für deren Rechtsthemen zu positionieren. Die Gründungspartner haben eine mutige Vision und entsprechend dazu ein modernes Branding entwickelt, das auch zu ihrer Zielgruppe passt.

Für das Design sollte man sich unbedingt eine gute Agentur mit ins Boot holen, da auch jeder Laie die Unterschiede zu selbst gestricktem Design sofort sieht.

Doch neben der Ausrichtung auf bestimmte Zielgruppen gibt es weitere Möglichkeiten, sich von Wettbewerbern abzugrenzen. So haben die Gründer von Pier 11 in Hamburg einen ganz anderen Weg gewählt. Sie entwickelten ein Honorarmodell, das sich am Mehrwert ihrer Leistung für den Mandanten ausrichtet und als Alternative zur Stundenabrechnung bei der anwaltlichen Beratung angeboten wird. Bei diesem Modell legt die Kanzlei das Honorar zu Beginn fest und schafft Planungssicherheit für den Mandanten. Ohne Erfahrung klappt das allerdings nicht. „Wir haben vor unserem Start in Wirtschaftskanzleien bzw. Rechtsabteilungen gearbeitet und können abschätzen, welchen Umfang bestimmte Beratungsmandate haben. Ohne das ginge es nicht.“, so Dr. Oliver Rossbach, einer der drei Gründer von Pier 11.

Selbständig arbeiten = immer und ständig arbeiten?

Laut der Untersuchung des Soldan Instituts ist die hohe Arbeitsbelastung eines der größten Probleme von Kanzleigründern. Gerade Anwälte, die alleine arbeiten, haben oft niemanden, dem sie Arbeit abgeben können oder der sie vertreten kann, wenn sie mal im Urlaub oder aber krank sind. Ein „Plan B“ ist da wichtig, um Mandanten zu halten, wenn man mal nicht sofort antworten kann.

Rebecca Mohr arbeitet alleine, mit einem Of Counsel als Begleiter. Trotz Selbständigkeit hat sie Familienzuwachs bekommen; ihre Kinder sind erst ein und drei Jahre alt. Das klappt nur mit einer robusten Physis, Humor und einem modernen Ehemann, denn für eine längere Auszeit war bei beiden Geburten keine rechte Zeit. Trotz des hohen Leistungspensums ist sie zufrieden. „Ich verliere meine beiden kleinen Söhne aber auch mich und mein Unternehmen nicht aus den Augen. Ich lebe intensiv und manchmal ist es anstrengend. Aber es ist der Weg, den ich gewählt habe und der mich glücklich macht.“, so Rebecca Mohr.

Auszeichnungen für Kanzleigründer

Beispiele erfolgreicher Kanzleigründungen zeigen die Preisträger in der Kategorie „Newcomer“ bei den PMN Management Awards. Diese werden von einer hochkarätigen Jury vergeben und zeichnen innovative Geschäftsmodelle im Markt der wirtschaftsberatenden Kanzleien aus. Kanzleigründer, die maximal drei Jahre am Markt sind, können sich bewerben. Die Preisträger waren meist Kanzleien, die sich auf die juristische Beratung einer Rechtsthematik oder einer Branche spezialisiert haben. In diesem Jahr sind drei Kanzleien nominiert, die jeweils klare Positionierungen herausgearbeitet haben: Bluedex, Lupp + Partner sowie Novacos. Sie alle arbeiten in Teams. Wer den ersten Preis holt, wird bei der PMN Award Gala im September verkündet. Ein Benchmark für Kanzleigründer sind die drei Kanzleien allemal.

*Quelle: Kilian, Matthias (Soldan Institut für Anwaltsmanagement): „Die junge Anwaltschaft: Ausbildung, Berufseinstieg und Berufskarrieren“, Deutscher Anwaltverlag 2014

Claudia Schieblon, Leitung Professional Management Network (PMN), www.pm-network.net

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