Die Entwicklung des (Steuer-)Beraters zum „Alleskönner“?  – Gastbeitrag von Alexander Potthoff

Digitalisierung, Internationalisierung, gebietsübergreifendes „Know How“ und nicht zuletzt Haftungsverschärfungen im Sinne des BGH Urteils zur Steuerberaterhaftung vom 26.01.2017
bedeuten massive Herausforderungen. Doch jede Herausforderung bietet auch Chancen!

Faktische Risiken und Herausforderungen                      
Digitale Entwicklungen, international agierende Unternehmen, komplexe gebietsübergreifende Sachverhalte; Rechts-, Steuer- und Wirtschaftsberatung können immer weniger voneinander losgelöst betrachtet werden, um den modernen Kundenanforderungen gerecht zu werden. Was offenbar für die mittelgroßen und großen Beratungsunternehmen Chancen und Wachstumspotential birgt, scheint für kleine und mittlere Berater häufig ausschließlich Risiko und Unsicherheit zu bedeuten. Stellt diese Sachlage nicht schon genug Herausforderung dar, kommen noch verschärfte Haftungsrisiken hinzu. Trotz oder gerade wegen dieser Entwicklungen  gilt es jedoch nicht den „Kopf in den Sand“ zu stecken, sondern für die Zukunft, durch entsprechende Anpassung und Erlangung des erforderlichen „Know Hows“, Risiken zu minimieren und Chancen zu nutzen.

Verschärfung von Haftungsrisiken        
Neben den genannten faktischen Herausforderungen, kommen verstärkt rechtliche Haftungsrisiken hinzu, mit denen aus Beratersicht umzugehen ist. Dies gilt ganz besonders für Mandanten die sich bereits in wirtschaftlicher Bedrängnis befinden. Für die Situation des Steuerberaters zeigt dies exemplarisch das viel diskutierte Urteil des BGH zur Steuerberaterhaftung vom 26.01.2017 in dem der BGH Prüfungs- und Hinweispflichten des Steuerberaters aufstellt. Im Tenor des Urteils heißt es:

Der mit der Erstellung eines Jahresabschlusses für eine GmbH beauftragte Steuerberater ist verpflichtet zu prüfen, ob sich […] tatsächliche oder rechtliche Gegebenheiten ergeben, die einer Fortführung der Unternehmenstätigkeit entgegenstehen können.

[Der] Steuerberater hat die Mandantin auf einen möglichen Insolvenzgrund und die daran anknüpfende Prüfungspflicht ihres Geschäftsführers hinzuweisen, wenn entsprechende Anhaltspunkte offenkundig sind und er annehmen muss, dass die mögliche Insolvenzreife der Mandantin nicht bewusst ist

Ob man in der Entscheidung eine grundlegende Rechtsprechungsänderung sieht oder nur eine konsequente Anwendung bisheriger Haftungsmaßstäbe ist letztlich nicht ausschlaggebend. Praktisch entscheidend ist, dass der Steuerberater sich (nunmehr) nicht nur auf die steuerliche und bilanzielle Prüfung beschränken und hinsichtlich der wirtschaftlichen und (insolvenz-) rechtlichen Folgen alleine auf den Mandanten verweisen kann. In letzter Konsequenz sollte sich der Steuerberater vielmehr in Teilen auch zum Wirtschaftsberater entwickeln und seine Rechtskenntnisse ausweiten, um guten Gewissens Haftungsfallen vermeiden zu können.

Risiken für die Vergütung          
Behandelt das Urteil des BGH alleinig Haftungsfragen, ist das damit einhergehende Risiko für die Vergütung des Steuerberaters als weitere „Baustelle“ zu identifizieren. Der Steuerberater sieht sich folgendem Konflikt gegenüber: Weist der Steuerberater auf eine mögliche Insolvenz hin, lässt dies Rückschlüsse auf entsprechende Kenntnisse zu und birgt die Gefahr einer späteren Insolvenzanfechtung des Vergütungsanspruchs. Unterlässt der Steuerberater den Hinweis, droht die Haftung. Doch, wie man so schön sagt, für jedes Problem, gibt es (hoffentlich!) auch eine Lösung. Liegen zwischen Leistung und Bezahlung nicht mehr als 30 Tage scheidet insolvenzrechtlich eine Anfechtung aus. Eine zeitnahe Rechnungsstellung ist also oberstes Gebot.

Chancen als Kehrseite der Risiken         
Letztlich bieten die angesprochenen Risiken kehrseitig auch Chancen. Die Digitalisierung sollte hierbei nicht als Gegner, sondern als Helfer begriffen werden. Aufgaben die zukünftig der Computer übernehmen kann und wird, sollten nicht weiter verfolgt werden. Die technische Entwicklung kann allerdings genutzt werden, um anspruchsvolle und komplexe Gestaltungsberatung zu optimieren. Anders ausgedrückt: Die Maschine ersetzt nicht die geistige Arbeit des Menschen, sondern der Mensch nutzt die Maschine, um seine intellektuelle Arbeit zu vereinfachen und zu verbessern.

Strukturell kann sich der Steuerberater, bspw. auch im mittelständischen Bereich, Kooperationen öffnen, um ein breiteres „Know How“ abzubilden. Für den einzelnen Steuerberater bietet sich die Möglichkeit, dass er nicht mehr „nur“ als Steuerberater, sondern darüber hinaus, als  umfassender Wirtschafts- und Strategieberater wahrgenommen wird. Auch kleine Unternehmen haben ein Interesse an einer umfassenderen, auch betriebswirtschaftlichen Beratung. Diese sehen sich den gleichen komplexen Zukunftsherausforderungen gegenüber, haben jedoch vielfach neben den Kenntnissen ihres Kerngeschäfts nur wenige Rechts- Steuer- und Wirtschaftskenntnisse. Häufig kann eine nachhaltige Betriebsführung hingegen nur bei Vernetzung dieser drei Bereiche Erfolg haben. Der Steuerberater hat den Vorteil, dass er in dem hochkomplexen und praktisch sehr relevanten Bereich der Steuern bereits Experte ist. Gerade für Unternehmen in der Krise, kommt darüber hinaus eine spezielle Sanierungsberatung in Betracht.

Für internationale Sachverhalte ist eine entsprechende sprachliche und fachliche Schulung unersetzlich, bietet allerdings die Chance auch internationale Mandanten zu gewinnen. Insoweit ist bspw. an kostenbewusste kleinere in Deutschland agierende ausländische Unternehmen zu denken.

Eine demnach bedeutsame Ausweitung des „Know Hows“ und Geschäftsmodells des (Steuer-)Beraters kann letzten Endes „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“. Zum einen können weitere Umsatzmöglichkeiten geschaffen werden. Zum anderen kann hierdurch Haftungs- und Vergütungsfallen vorgebeugt werden.

Der (Steuer-)Berater als „Richtigkönner“          
Der Beruf des klassischen (kleinen) Steuerberaters steht einer Vielzahl von Herausforderungen und Risiken gegenüber. Diese sind sowohl tatsächlicher (bspw. in Form der Digi- und Internationalisierung), als auch rechtlicher (besonders haftungsrechtlicher) Natur. Für viele betroffene Berater kann das Fahrwasser der Zukunft nicht als wirklich ruhig bezeichnet werden. Auch wenn hierüber das bedrückende Gefühl aufkommen könnte, der Steuerberater müsse sich zum „Alleskönner“ entwickeln, ohne zureichend wirtschaftlich und finanziell davon profitieren zu können, ist dieser Schluss zu pauschal. Die geistige Kernarbeit des Steuerberaters ist und bleibt elementar in einem komplexen Steuersystem. Bei genauer Betrachtung der derzeitigen Entwicklungen geht es auch nicht darum „Alles zu können“, sondern vielmehr an der richtigen Stelle, das „Richtige zu können“.

 „Know How“ als Schlüssel        
Der Schlüssel zur Weiterentwicklung und gleichzeitigen Vermeidung von Haftungsgefahren, liegt letztendlich in dem Erwerb von zweckmäßigem Wissen und nutzbaren Kenntnissen und Erfahrungen („Know How“). Nur hierdurch kann die intellektuelle Arbeit des Beraters im Wettbewerb bestehen und profitabel ausgeübt werden. Eine adäquate, haftungsfreie Beratung sowohl im Kernbereich, als auch in weiteren Geschäftsfeldern kann nur bei entsprechendem „Know How“ Erfolg haben. Wie nicht zuletzt das Urteil des BGH vom 26.01.2017 zeigt, sollte der Steuerberater, quasi als äußerste Grenze, zwingend die berufs- und haftungsrechtlichen Schranken seiner jeweiligen Tätigkeit kennen. Soweit der Steuerberater Spezialsituationen, wie bspw. einen Krisenmandanten, vorfindet oder Geschäftsfelder ausweitet, bspw. in Form der betriebswirtschaftlichen Strategie- oder Sanierungsberatung, ist entsprechendes Spezialwissen zwingend erforderlich.

Aktives Handeln notwendig     
Alles in Allem wäre es unehrlich die herausfordernden Entwicklungen zu verschweigen und achtlos, diese zu ignorieren. Dem gegenüber wäre es genauso falsch, allein ein düsteres Zukunftsbild zu malen. Die tatsächlichen und rechtlichen Entwicklungen sollten nicht zur Sorge oder Resignation führen, sondern vielmehr zum aktiven Handeln bewegen. Hierbei sind Risiken und Chancen ehrlich zu identifizieren, sachgerechte Schlüsse zu ziehen und notwendige Anpassungen vorzunehmen. Der Steuerberater muss hierbei nicht zum „Alleskönner“ werden. Allerdings ist der Blick über den „Tellerrand“ essentiell, um an der richtigen Stelle „Richtigkönner“ zu werden. Die Erlangung des jeweils fruchtbaren Fachwissens sollte hierbei mit Abstand den Schwerpunkt bilden, um die Risiken der Zukunft zu meistern und die damit einhergehenden Chancen zu nutzen.

Ass. iur. Alexander Potthoff ist als Jurist im Bereich Wirtschaftsrecht beim NWB Verlag  in Herne tätig. Jura studierte er an der RUB in Bochum, der WWU in Münster und der KU Leuven in Belgien. Seine primäre akademische Ausrichtung galt dem Zivil-, Wirtschafts- und rechtsanwaltlichen Berufsrecht sowie der Rechtsgestaltung. Vor und im Rahmen des Referendariats war er beim Juristischen Repetitorium Hemmer in Münster, als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Rechtsanwaltssozietät Hengeler Mueller in Düsseldorf sowie bei der AHK Toronto in Kanada tätig

Gräfe / Lenzen / Schmeer
Steuerberaterhaftung
2017, XIV, 1014 S., NWB Verlag, ISBN 978-3-482-50566-9,
Preis 159,00 € inkl. MwSt.
Römermann (Hrsg.)
Sanierungshandbuch für Steuerberater
2017, XXVI, 243 S., NWB Verlag, ISBN 978-3-482-66761-9,
Preis 54,90 € inkl. MwSt.
NWB Steuer- und Wirtschaftsrecht • direkt (Zeitschrift und Datenbank)
2017, NWB Verlag, ISSN 1860-9449,
Preis 496,80 € inkl. MwSt.

 

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