Einsatz von künstlich intelligenter Software bei Immobilienverträgen

Legal Tech bzw. die Digitalisierung der Rechtsbranche ist derzeit in aller Munde. Konferenzen und Tagungen reihen sich aneinander, um einen besseren Eindruck davon zu bekommen, wie die Zukunft der Rechtsbranche aussehen könnte. Bei vielen Beteiligten hat sich der Eindruck verstetigt, dass Digitalisierung auch vor der Rechtsbranche nicht Halt machen wird. Nach der Frage des „ob“, rückt nun die Frage des „wie“ stärker in den Blick. Ausgehend von der eigenen Praxis fragen sich Anwälte, wie sich die Potentiale von Digitalisierung heben können. Ausgangspunkt für viele ist hierbei die Frage der Automatisierung bestehender Prozesse bzw. Rechtsprodukte. Die Definition von Gartner[1] zum Thema Digitalisierung, „… the use of digital technologies to change a business model and provide new revenue and value-producing opportunities; it is the process of moving to a digital business“, bringt es kurz und knapp auf den Punkt: Bei Digitalisierung geht es um den Einsatz von Technologie, um bestehende Angebote und Geschäftsmodelle zu digitalisieren, und somit einerseits Effizienz zu steigern und andererseits neue Geschäftsmodelle zu kreieren.

Betrachtet man den Einsatz von Software bei der anwaltlichen Beratung im Immobiliengeschäft, liegt der momentane Schwerpunkt auf der Effizienzgewinnung, also auf der Automatisierung bestehender Prozesse. Dies ist ein gewöhnlicher Vorgang bei der Digitalisierung: Zunächst werden bestehende Prozesse durch den Einsatz von Technologie optimiert.

Der Anwalt des Immobilienwirtschaftsrechts beschäftigt sich vorwiegend mit Immobilientransaktionen: Hier steht die Due Diligence im Mittelpunkt, wobei die rechtlichen Rahmenbedingungen eines Immobilienerwerbs in öffentlich-rechtlicher, sachenrechtlicher, mietrechtlicher und häufig auch bewirtschaftungsrechtlicher Hinsicht geprüft werden. Im Share Deal kommt hier die steuerrechtliche, gesellschaftsrechtliche und arbeitsrechtliche Bewertung hinzu.

Legal Tech-Programme können bei diesen sehr zeit- und arbeitsintensiven Prozessen unterstützen, insbesondere bei der Sachverhaltsermittlung (Datensammlung und -extraktion), sowie bei der rechtlichen Bewertung:

Digitale Datenräume sind bei Immobilientransaktionen inzwischen Standard. Häufige Herausforderungen im Bereich der Datenräume sind die Vervollständigung des Datenbestandes sowie dessen Auswertung. Bei der intelligenten Aufbereitung von Datenräumen helfen mittlerweile Anbieter, die mit Hilfe von softwaregestützten Prozessen Klassifizierungen und Vollständigkeitsprüfungen durchführen. Hierdurch kann die Datenlage signifikant verbessert werden. Um die digitale Datenbasis für Immobilientransaktionen zu verbessern, bedarf es letztendlich eines digitalen Eco-Systems rund um das Immobilienobjekt. Alle Dokumente, die zu einem Mietobjekt gehören, müssen digital über Plattformen und Register (Grundbücher, etc.) vollständig abrufbar sein. Nur mit einer digitalisierten Datenbasis können die weiteren Schritte der Digitalisierung angegangen werden.

Der nächste Effizienzschritt ist die softwaregestützte Datenextraktion der Dokumente, oder anders formuliert: eine digitalisierte Sachverhaltsermittlung. Hier setzen einige Legal Tech-Programme an, indem sie bei Immobilientransaktionen softwareunterstütze Prozesse für die Datenextraktion anwenden. Stammdaten, die vormals mit hohem Zeitaufwand händisch aus Verträgen herausgelesen und abgetippt wurden, können heute mit künstlich intelligenter Software automatisiert ausgelesen werden. Hierdurch können Stammdaten nicht nur schneller und günstiger extrahiert werden, sondern auch mit höherer Datenqualität. Die extrahierten und strukturierten Daten können dann mittels Software zugänglich gemacht werden.  Hierdurch wird ein essentieller Prozess der Immobilientransaktion signifikant optimiert. Der Anwalt kann zu besseren, wettbewerbsfähigeren Preisen anbieten und sich im Pitch als technologienah positionieren, was von vielen Mandanten bei der Auftragsvergabe wertgeschätzt wird. Des Weiteren kann er sich auf seine Kernkompetenz fokussieren, welche die fachmännische Bewertung der vorliegenden Informationen und nicht das mühselige Auslesen der Daten ist.

Nichtsdestotrotz ist auch künstliche Intelligenz (noch) keine Zauberei. Die rechtliche Bewertung von Dokumenten rund um die Immobilie liegt derzeit noch in der Zukunft. Aufgrund der hohen Komplexität und Diversität der Verträge werden hier nur Machine Learning-basierte Ansätze zum Erfolg führen. Der fundamentale Schritt hin zur Digitalisierung der rechtlichen Dokumentation rund um die Immobilie werden Smart Contracts sein, welche eine Datensammlung und -strukturierung überflüssig machen und per se 100% digital sind.

[1] http://www.gartner.com/it-glossary/digitalization/

Hinweis zum Autor:

 Dr. Micha-Manuel Bues ist Managing Director der LEVERTON Servicing GmbH, Berlin.

Von 2013 bis 2016 hat Dr. Bues als Anwalt der internationalen Anwaltskanzlei Gleiss Lutz gearbeitet. Er studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Passau, Bonn und Oxford, und verfasste seine Promotion an der Universität Köln. Seit vielen Jahren befasst sich Dr. Bues intensiv mit der Interaktion von Recht und Technologie und mit der Digitalisierung juristischer Prozesse. Er ist bekannter Blogger in den Feldern Legal Tech, Legal Innovation und Legal Start-Ups (www.legal-tech-blog.de).

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