Legal-Tech oder: Warum der Weg zur Innovation steil, aber lohnend ist

Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen (chinesisches Sprichwort)

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht wieder von „disruptive innovations“ gesprochen wird, die den gesamten Rechtsmarkt verändern werden. Glaubt man einigen Presseberichten, so stehen ganze Abteilungen von Anwaltskanzleien kurz vor der Ersetzung durch Maschinengehirne. Blickt man jedoch in den Arbeitsalltag von Kanzleien, sieht das Bild etwas differenzierter aus: Legal-Tech-Produkte haben in der Breite noch nicht Einzug in den Arbeitsalltag von Kanzleien gehalten. Warum ist dies so? Worin liegt die Schwierigkeit, erfolgreiche Legal-Tech-Lösungen zu entwickeln?

Viele Produktideen

Mangel an Produktideen ist zunächst kein Problem von Legal-Tech. Im Gegenteil: Nahezu alles soll sich in Zukunft automatisieren lassen, da „Recht programmierbar“ sei, wie es letztens in einer prominenten Fachtagung platziert wurde. Tatsächlich zeigen zahlreiche Ansätze, dass insbesondere Teilprobleme des Rechts algorithmisch gut zu bewältigen sind. Auch mit Dokumenten, die in einigermaßen standardisierter Form vorliegen, werden beim automatisierten, mit künstlicher Intelligenz verbundenen Auswerten schon gute Erfahrungen gemacht.

Hohe Komplexität

Bei vielen Fragestellungen zeigt sich allerdings, dass das juristische Denken nicht so leicht in Algorithmen zu packen ist, wie dies zunächst vermutet wird. Dies liegt an der starken Betonung der Sprache und der zu Grunde liegenden Lebenssachverhalte. Das Recht an sich ist zwar im Grundsatz logisch aufgebaut. Doch unterliegt jeder sprachliche Begriff einer gewissen Unschärfe und gewinnt nur im Zusammenspiel mit anderen Begriffen an Bedeutung. Darin liegt eine besondere Herausforderung: Wenn ein Algorithmus bewerten soll, ob eine Kündigung gerechtfertigt ist, reicht es nicht, die Struktur des Kündigungsschutzgesetzes zu implementieren. Vielmehr muss der Nutzer vom Algorithmus „befragt“ werden, ob beispielsweise ein Fehlverhalten vorliegt, das zur Kündigung berechtigt. Dabei gelangt man sehr schnell in Grenzbereiche, in denen Wertungsfragen überwiegen. Das Programmieren derartiger Wertungsfragen stellt sich allerdings als sehr aufwändig heraus, da hier eine Art von semantischem Verständnis gefordert wird.

Einsatz neuer Technologien

Der Einsatz neuer Technologien kann im Hinblick auf die hohe Komplexität solcher Fragestellungen helfen. So ist es mit den zur Zeit viel diskutierten neuronalen (selbstlernenden) Netzen denkbar, die oben beschriebenen Wertungsfragen von Sachverhalten zu lösen. Die Software hat dann eben nicht fest beschriebene – und im Zweifelsfall kaum zu überblickende – Lösungswege für die unterschiedlichen Sachverhalte, sondern lernt anhand vieler Fälle selbstständig, richtige Entscheidungen zu treffen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass selbstlernende Systeme durchaus ein großes Potential bieten, allerdings der Programmier- und Trainingsaufwand vergleichsweise hoch ist.

Die Schnittstellenproblematik und der programmierende Jurist

Auch bei vergleichsweise überschaubaren Projekten tritt regelmäßig die Frage auf: Wie wird das juristische Problem dem Programmierer verständlich gemacht? Wie versteht der Jurist, welchen Fragestellungen und Entscheidungen sich der Programmierer gegenübersieht? Als Lösung für dieses bekannte Dilemma bietet sich der „programmierende Jurist“ an, wie er jetzt vielfach propagiert wird. Ein spezifisch juristischer Content erfordert einen Softwareentwickler, der in der Lage ist, juristische Fragestellungen zu begreifen und auch mögliche neue Ansätze zu antizipieren. Der „programmierende Jurist“, der Jurist, der auch Programmieren kann, ist daher eine oft vorgestellte und beschriebene Vision. Tatsächlich lässt sich so ein wesentlicher Schritt hin zur funktionierenden Legal-Tech-Software gehen.

Gestiegene Anforderungen an Software im Endkundenbereich

Ist das Produkt schließlich marktreif, so kann es vorkommen, dass die gesamte Funktionalität implementiert ist und auch so funktioniert, wie man es möchte. Und trotzdem wird das Produkt vom Markt nicht angenommen. Das liegt nicht selten an den in den letzten Jahren erheblich gestiegenen Anforderungen an Software im Endkundenbereich: Gewünscht wird nicht mehr die Expertensoftware, die erst nach der Lektüre handbuchartiger Anleitungen zu verstehen ist, sondern eine einfach gehaltene Software ohne Einarbeitungsaufwand, die leichtgewichtig und schnell zu bedienen ist. Oft wird auch gefordert, dass die Software auf die individuellen Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten werden kann. Der damit verbundene Aufwand ist allerdings nicht zu unterschätzen, vielfach sind es gerade diese Anforderungen, die die Entwicklung nochmal deutlich aufwändiger gestalten.

Fazit

Legal-Tech-Produkte werden den Rechtsmarkt verändern, teilweise einschneidend und disruptiv. Dabei ist jedoch die Entwicklung solcher Produkte keineswegs unproblematisch. Vielfache Herausforderungen, die teils noch über die Komplexität durchschnittlicher Software hinausgehen, sind zu bewältigen. Nicht zuletzt werden neue Berufsbilder, wie der programmierende Jurist oder der juristische Programmierer gesucht. Wer sich jedoch diesen Fragen stellt, wird mit gut überlegten Produkten einen nachhaltigen Mehrwert im Rechtsmarkt schaffen können. Denn in einem besteht weitgehend Einigkeit: Legal Tech steht erst am Anfang. Das wirkliche Potential dieses Ansatzes können wir momentan wahrscheinlich noch nicht einmal umrisshaft erkennen.

Hinweis zum Autor:

Dr. Wolfgang Dannhorn ist Rechtsanwalt/FA für Arbeitsrecht und Vorstand der Cetonis AG, Stuttgart.

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