Kollegen aufgepasst: Rechtliches Know-how ist kein Alleinstellungsmerkmal!

Können sich die Älteren von Ihnen an eine Zeit erinnern, in der die Welt der Juristen stärker im Umbruch war als heute? Herr LegalTech treibt sein Unwesen, sagt man, und verändert alles. Das erzählen uns zumindest diverse (kommende) Bücher, Messen, Konferenzen, Vorträge und Zeitschriften. Aber ist der Umbruch wirklich so stark? Kommt die Veränderung wirklich durch LegalTechs?

Ehrlich gesagt: Nein. Die Veränderung ist die Digitalisierung und die hat bereits vor vielen Jahren bei Ihren Kunden angefangen. Ihr Kunde – pardon „der Mandant“ – ist im Internet. Er bucht seine Maledivenreise im Internet und kauft einen individuell-ausgestatteten Tesla direkt online ein. Er bewertet Ärzte und macht online Termine bei Schönheitschirurgen (mit oder ohne Übernachtung?; Vorher noch eine Beratung?).

Die These der Anwaltschaft: Für das intime Verhältnis zwischen Rechtsanwalt und Kunde – pardon „Mandant“, welches in Wahrheit ein Verhältnis voller Unverständnis und Misstrauen ist, kann über das Internet maximal ein Blogeintrag distribuiert werden. Eine richtige Rechtsberatung kann und wird über das Internet nicht stattfinden.

Diese These ist schlichtweg falsch. Rechtliches Know-how ist heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr und der Mandant von heute wünscht sich Service, Komfort und Qualität – in einem und sofort.

Umdenken und sich die Digitalisierung zu Nutze machen – Pionier werden

Vorangetrieben wird die Marktveränderung von Rechtsanwälten und Unternehmern mit einem LegalTech-Mindset, welches viel mehr die Fähigkeit des Umdenkens bestehender Konventionen und nicht die des Entwickelns von Software meint.

Die Strategie des Umdenkens ist mit der Gründung einer neuen Kanzlei zu vergleichen:

  1. Was ist das Produkt? (Produkt)
  2. Wie ist das Geschäftsmodell? (Strategie)
  3. Wie begeistern Sie Kunden für Ihr Produkt? (Marketing/Vertrieb)
  4. Wie hoch ist aus Sicht des Kunden die Hürde mein Produkt zu nutzen? (Prozesse)
  5. Können Sie dieses Produkt skalieren? (Prozesse, Marke)
  6. Welches Know-how benötigen Sie? (Recht)

Im Grunde fangen Sie damit an, die eigene Dienstleistung als Produkt zu sehen. Denken Sie vom Kunden her und fragen Sie sich, ob dieses Produkt profitabel abzubilden und skalierbar einzukaufen (bzw. zu akquirieren) ist. Letzteres wissen viele Rechtsanwälte über ihre eigenen Mandate nicht.

Das rechtliche Know-how als letzte Position bei einer Strategie des Umdenkens für eine Kanzlei hat einen guten Grund: Der Markt für Recht für Verbraucher interessiert sich in erster Linie für Service und Komfort. Je einfacher das Produkt zu greifen ist (z. B. vom Handy direkt nutzbar), desto eher wird ein Service erfolgreich – Beispiele flightright.de, hartz4widerspruch.de, abfindungsheld.de, geblitzt.de.

Der Einwand, all diese Rechtsdienstleister würden keine richtige Rechtsberatung erbringen, ist viel zu kurz gedacht. Alle haben zu Beginn einer software-basierten und datengetriebenen Rechtsberatung auf Produkte gesetzt, die von Kanzleien nicht profitabel abgebildet werden können. Für Mandate, die sowieso für Kanzleien profitabel sind, bleibt noch genügend Zeit.

(Stichwort Komplexität: Der größte Irrtum der Anwaltschaft ist die Tatsache, dass diese Rechtsdienstleister irgendwann an der Komplexität der Rechtsmaterie scheitern. Dieser Gedanke ist gefährlich: Jeder dieser LegalTech-Rechtsdienstleister ist in der Lage bei hochkomplexen Rechtsfällen in einen manuellen Modus zu schalten. Jeder einzelne ist so groß, dass rechtliche Expertise einfach über Legal-Outsourcing-Anbieter wie z. B. edicted.de eingekauft wird.)

Zweiter Schritt: Digital werden und den Komfort für die Kunden erhöhen!

Jede kleine und mittlere Kanzlei kann sich heute für wenig Geld eine Website aufsetzen, welche allein durch bestehende Software-as-a-Service-Anbieter so mächtig wird, dass ganze Vertriebsprozesse automatisiert werden können. Administrative Arbeit kann heute mit simpler Kenntnis über diese am Markt vorhandenen bestehenden Tools (keine Kanzleisoftware!) auf ein Mindestmaß eingeschränkt werden.

Beispiel: Die ersten 4.000 Mandate der Kanzlei rightmart wurde aus einer Google-Tabelle heraus gesteuert. Diese war über bestehende (größtenteils kostenlose) Software-Lösungen so automatisiert, dass 1.000 Dokumente und Prozesse automatisch auf Basis dieser Tabelle ausgeführt wurden. Diese Google-Tabelle war der Grundstein unseres zentralen Wissensmanagements.

Sich mit obigen Fragen zu befassen und gleichzeitig einen Überblick über bestehende Software-Lösungen und Marketingmöglichkeiten zu verschaffen, ist der Kern des Erfolgs – zumindest zukünftig. Dieses Thema aufzubrechen ist nicht einfach und erfordert viel Mut und Ehrgeiz.

Ein kleines How-to finden Sie im Kapitel über die Gründung von rightmart in Legal Tech – die Digitalisierung des Rechtsmarkts

Marco Klock ist CEO der rightmart Software GmbH in Bremen

 

Hartung / Bues / Halbleib
Legal Tech
2018, XXI, 308 S., C.H.BECK, ISBN 978-3-406-71349-1,
Preis 89,00 € inkl. MwSt.

 

 

 

1 Antwort
  1. Stefan Schimkat
    Stefan Schimkat says:

    Viele fühlen sich berufen, über mögliche Auswirkungen von Legal Techs zu spekulieren; wenige wirken an Ihnen mit: Herzliche Einladung in meine XING-, Facebook- und Meetup-HandsOn-Gruppen, um dies zu ändern!

    Antworten

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