Das muss man tun, wenn man als Anwalt wirtschaftlich überleben will

Müssen sich Anwälte über kurz oder lang dem Kundenwunsch fügen und den Ausgang eines Rechtsstreits konkret prognostizieren? Hier lesen Sie einen spannenden Auszug aus dem Buch „Prozessrisikoanalyse“ von den Autoren Prof. Dr. Jörg Risse und Dr. Matthias Morawietz. 

Juristen rechnen nicht. Juristen können gar nicht rechnen! Das haben schon die alten Römer erkannt und in das geflügelte Wort des „Iudex non calculat“ umgesetzt.

Längst hat dieses Bonmot seinen Anwendungsbereich über die ursprünglich adressierten Richter hinaus erweitert und erstreckt sich auch auf Anwälte und Unternehmensjuristen.

Viele Juristen leben ganz gerne mit dem Klischee, wonach die Anwendung mathematischer Grundregeln nicht zu ihrem Pflichtenkreis gehörte. Sie betonen zwar leidenschaftlich das „Wissenschaftliche“ an der Rechtswissenschaft, doch heben sie im gleichen Atemzug hervor, die Juristerei sei nun mal keine Naturwissenschaft, weshalb das Ergebnis eines Rechtsstreits nicht mit mathematischer Genauigkeit prognostiziert werden könne.

Schon im Studium lernt der angehende Jurist, dass er in seinen Klausuren bis hin zum Examen fast jedes Ergebnis vertreten kann, wenn er es nur gut begründet. Ein objektiv „richtiges“ Ergebnis gebe es also nicht.

Im Berufsleben ändert sich an dieser Einstellung nichts. Der Anwalt teilt seinem Mandanten zwar seine Rechtseinschätzung in allgemeinen Worten mit, hebt aber gewöhnlich hervor, dass „man natürlich nie weiß, wie ein Richter entscheidet“.

Was Unternehmen von Ihren Anwälten erwarten

Die eigene Rechtseinschätzung wird bewusst unscharf mit Wendungen verkleidet wie „die besseren Argumente sprechen für eine Klageerhebung“. Kaum ein Anwalt käme je auf den Gedanken, dem Fall seines Mandanten eine 83 %ige Erfolgschance zu attestieren und diese präzise Einschätzung dem Mandanten auch noch zu offenbaren.

Viel zu hoch erscheint das eigene Haftungsrisiko, wenn sich das scheinbar willkürlich bezifferte Restrisiko am Ende realisiert. Dann doch lieber unscharfe Prognosen, die sich mit Allgemeinplätzen wie „Auf hoher See und vor Gericht sind wir in Gottes Hand“ oder „Vom Richter bekommen Sie ein Urteil, Gerechtigkeit gibt’s nur im Himmel“ garnieren lassen.

Was aber denken die Mandanten? Sie als Nachfrager juristischer Dienstleistung mögen die Mathematikfeindlichkeit der Juristen nicht. Die internationale Wirtschaftskanzlei Baker & McKenzie gab vor einigen Jahren eine Umfrage in Auftrag, um zu ermitteln, was große und mittelständische Wirtschaftsunternehmen als das wichtigste Qualitätsmerkmal eines Anwalts ansehen.

Das Ergebnis überrascht: Die Unternehmen erwarten von ihren Anwälten vor allem eines – einen klaren und eindeutigen Ratschlag! Dieses Qualitätskriterium rangierte deutlich vor der Erreichbarkeit des Anwalts, der juristischen Fachkunde oder der wirtschaftlich­pragmatischen Herangehensweise. Der Mandant will also genau das, was die Anwälte ihm nicht geben wollen: eine Bezifferung seiner Prozess­ und Erfolgschancen und eine darauf gestützte konkrete Handlungsempfehlung.

Was für ein Dilemma! Anwaltliches Dienstleistungsangebot und Erwartungshaltung des Kunden entsprechen sich nicht. Theoretisch gibt es drei Möglichkeiten, diese Diskrepanz aufzulösen: Der Kunde kann sich mit seinen Erwartungen der Mathematikfeindlichkeit seines Anwalts anpassen und seinen Wunsch nach klarer Bezifferung seiner Prozesschancen aufgeben.

Rechtsberatung ist zum Nachfragermarkt geworden

Oder alles bleibt, wie es ist, anwaltliches Beratungsangebot und Mandantenwunsch stehen sich weiter unversöhnlich gegenüber. Die dritte Möglichkeit besteht darin, dass der Anwalt sein Dienstleistungsangebot ändert und dem Kundenwunsch nach klaren Aussagen entspricht. Man muss kein Hellseher sein, um die weitere Entwicklung vorauszusehen: Rechtsberatung ist längst zu einem Nachfragermarkt geworden, nachdem sich die Anwaltszahl in weniger als zwei Jahrzehnten verdoppelt hat und gleichzeitig die Zahl der Rechtsstreite stagniert.

Das Bild von einem Anwalt, der hinter seinem Mahagonischreibtisch auf lukrative Mandate und zahlungswillige Mandanten wartet, ist passé. Wer als Anwalt heute wirtschaftlich überleben will, hat gar keine andere Möglichkeit, als sein Beratungsangebot den Wünschen seiner Kunden anzupassen.

Insofern ist auch klar, dass der Anwalt sich über kurz oder lang dem Kundenwunsch fügen wird, den Ausgang eines Rechtsstreits konkret zu prognostizieren und darauf seine Handlungsempfehlung aufzubauen. Nur wie soll die vom Mandanten geforderte „konkrete Prozessprognose“ und der darauf gestützte Ratschlag in der Praxis zustande kommen?

Dem Mandanten ist nicht wirklich damit geholfen, wenn sein Anwalt widerstrebend „aus dem Bauch heraus“ eine Prozentzahl nennt, die das Prozessrisiko beziffern soll. Eine gefühlsmäßige Einschätzung taugt nicht als Entscheidungsgrundlage für den Mandanten. Und auch der Anwalt wäre schlecht beraten, wenn er auf Kundendruck hin einfach Zahlen in den Raum stellt und sich so bei einer Fehleinschätzung Haftungsrisiken aussetzt.

Welches Ziel verfolgt die Prozessrisikoanalyse?

Beiden, Mandant und Anwalt, ist in einer solchen Situation nur gedient, wenn sie die Prozesschancen und die Prozessrisiken in einem geordneten Verfahren erfassen, strukturieren und schließlich bewerten können.

Genau dieses Ziel verfolgt die Prozessrisikoanalyse, die seit einigen Jahren – wie viele Neuerungen aus den USA kommend – auch nach Deutschland vordringt.

Unser Buch stellt die Prozessrisikoanalyse als juristische Technik vor. Das Buch zeigt praktisch auf, wie Rechtsanwälte und Unternehmensjuristen diese Methode zur Bezifferung von Prozessrisiken einsetzen können. Der Leser erfährt im ersten Teil Schritt für Schritt, wie aus einem juristischen Sachverhalt ein Entscheidungsbaum entsteht, der dann den Ausgangspunkt für die Berechnung der Prozesschancen und eine abschließende Handlungsempfehlung bildet.

Anhand zahlreicher Praxisbeispiele wird im zweiten Teil der breite Anwendungsbereich dieser Technik verdeutlicht. Wer als Anwalt oder Unternehmensjurist diese Arbeitstechnik anwenden will, bekommt Hinweise auf die Vorteile, aber auch auf die Gefahren, die mit der Prozessrisikoanalyse einhergehen können. Schließlich eine Prognose: Wenn Sie dieses Buch durchgearbeitet haben – und ein wenig Arbeit ist mit der Lektüre tatsächlich verbunden –, dann werden Sie die Prozessrisikoanalyse lieben! Mit 83 %iger Sicherheit …

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Prozessrisikoanalyse“ (ISBN 978-3-406-71480-1).

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