Digitalisierung in Kanzleien – Experten-Interview mit Markus Hartung, Micha-Manu Bues und Gernot Halbleib

Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog  zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage: Im November erscheint das Handbuch „Legal Tech“, das sich mit der Digitalisierung des Rechtsmarkts befasst.  Meinen Sie, die Zeit ist jetzt reif für ein Handbuch zu diesem schillernden Begriff? Was genau versteht man eigentlich unter „Legal Tech“?

Hartung: Darunter verstehen wir Software, mit der juristische Arbeit unterstützt, ergänzt, oder auch ersetzt werden kann. Das ist ein sehr weiter Begriff, der auch Kanzleimanagement-Software umfassen würde. Tatsächlich meint man damit Software, mit der zum einen die klassische juristische Arbeit – Recherche und Dokumentenerstellung – unterstützt wird, und zum anderen solche Technologien, mit denen neue Geschäftsmodelle für Anwälte möglich werden. Insgesamt steht Legal Tech aber auch für eine Szene von Start-Up Unternehmen, die solche Anwendungen entwickeln.

Welchen praktischen Nutzen können Kanzleien aus Legal Tech ziehen?

Bues: Kanzleien können durch den Einsatz von Legal Tech und eine damit einhergehende Automatisierung und Standardisierung ihre Dienstleistungen effizienter gestalten, also ihre Leistungen für den Kunden günstiger anbieten. Legal Tech ermöglicht es allerdings nicht nur schneller zu werden, sondern durch software-gestützte Prozesse bessere, d.h. qualitativ höhere, Dienstleistungen zu erbringen. Durch den Einsatz von Legal Tech im Bereich der Kundenansprache und -akquise können neue Zielgruppen erschlossen werden, also mehr Umsatz generiert werden.

Halbleib: Neben der reinen Effizienzsteigerung nach innen ermöglicht Legal Tech für Kanzleien völlig neue, digitale und skalierbare Geschäftsmodelle. Anwälte können so wegkommen von rein stundenbasierten Abrechnungsmodellen, die in letzter Zeit stark unter Druck geraten sind, und sich neue, attraktive Geschäftsfelder erschließen. Das Buch zeigt Beispiele für solche Geschäftsmodelle in Kanzleien, aber auch bei anderen Playern auf dem Rechtsmarkt und gibt Tipps, wie man Ideen dafür entwickelt.

Welchen Fehler sollte man im Bereich Legal Tech unbedingt vermeiden?

Halbleib: Manche Anwälte suchen nach der einen, großen Softwarelösung, die ihre Kanzlei fit macht für die Digitalisierung. Sie schauen dann wie wild alle möglichen Tools und Anbieter an und wollen wissen, was andere machen. Bei jeder Lösung sehen sie dann den vermeintlichen Haken, dass diese doch nicht “alles” kann, sondern nur dabei hilft ein ganz konkretes, oft eher kleines Problem zu lösen. Es ist zielführend, sich zunächst klar zu werden, welche Probleme man mit digitalen Mitteln lösen will und dann nach geeigneter Software zu schauen. Dies ist ein strategischer Prozess, dessen Aufwand oft unterschätzt wird. Innovation kann man nicht kaufen, man muss sie sich erarbeiten. Meistens bietet es sich an, in kleinen Schritten vorzugehen und nicht den Anspruch zu haben, alles auf einmal zu lösen.

Bues: Man sollte auch der Versuchung widerstehen, alles selbst machen zu wollen. Häufig gibt es schon bewährte Produkte im Markt, so dass sich der Kosten- und Zeitaufwand für eine Softwareeigenproduktion nicht lohnt. Im Zweifel sollte man ein bereits bewährtes Produkt kaufen und Zeit und Kosten in die Integration in die bestehende Systemlandschaft und das Training der Nutzer investieren.

Wendet sich Ihr Buch nur an Rechtsanwälte oder auch an andere Berufsgruppen?

Hartung: In erster Linie an Rechtsanwälte – aber sowohl die niedergelassenen wie auch die Unternehmensrechtsanwälte. Allerdings können auch Start-Up-Unternehmer viel mit dem Buch anfangen, weil dort auch Autoren über die Entwicklung neuer Software und neuer Geschäftsmodelle schreiben. Für die Justiz und die Universitäten bieten wir immerhin einen Überblick, aber in erster Linie ist es schon ein Buch für Anwälte und Start-Up-Unternehmer.

Inwiefern hilft das Handbuch denn auch kleinen und mittleren Kanzleien, die sich keine ausgefeilten Techniken leisten können, sei es aus Zeit oder aus Geldmangel?

Hartung: Indem es ihnen Mut macht, durch die sehr lebensnahen Schilderungen von Rechtsanwälten aus kleineren Kanzleien, wie dort der Weg der Digitalisierung beschritten wurde. Wir wollen ja gerade zeigen, dass man auch als kleine Einheit von den heutigen Angeboten profitieren kann.

Halbleib: Bei digitalen Geschäftsmodellen kann Schnelligkeit ein entscheidender Vorteil sein. Hier haben kleine und mittelgroße Kanzleien einen entscheidenden strategischen Vorteil gegenüber größeren Einheiten, wo interne Prozesse deutlich länger brauchen können. Dies sollten kleinere Kanzleien nutzen.

Hängt die Legal Tech Szene in Deutschland noch sehr hinter den internationalen Standards hinterher?

Bues: Die Legal Tech-Szene in Deutschland ist sicherlich jung. Die meisten Unternehmen in diesem Bereich sind zwischen 1 und 4 Jahren alt. In vielen Ländern sieht die Situation nicht anders aus. Insgesamt betrachtet hinkt die Rechtsbranche in Deutschland bei der Digitalisierung hinterher. Länder wie USA und England haben hier momentan einen Vorsprung. Insbesondere die USA sind im Bereich neuer digitaler Geschäftsmodelle sicherlich Vorreiter. Es wird über die nächsten Jahre interessant zu beobachten sein, wie sich die Legal Tech-Communities untereinander befruchten. Man sieht bereits immer mehr, dass Anbieter aus den USA und England nach Kontinentaleuropa kommen.

Für welche Gebiete eignet sich Legal Tech besonders?

Bues: Die Sinnhaftigkeit einer Anwendung von Legal Tech beschränkt sich nicht auf bestimmte Rechtsgebiete. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen, dass sich Legal Tech auf alle Rechtsgebiete auswirkt. Der Grad und die Geschwindigkeit der Auswirkungen sind im Einzelnen aber unterschiedlich; Rechtsgebiete in denen es ein hohes Aufkommen an relativ einheitlichen Rechtsproblemen  und -streitigkeiten gibt, werden zuerst von einer Digitalisierungswelle erfasst. Legal Tech-Anbieter konzentrieren sich auf Gebiete wie Flugverspätungen, arbeitsrechtlichen Abfindungen und Mietrecht, da hier eine große Zielgruppe nach einer “neuen” Rechtsberatung verlangt, die durch den Einsatz von Technik bezahlbar wird.

Halbleib: Aber auch im Bereich der wirtschaftsrechtlichen Beratung ist unsere Erwartung, dass im Laufe der Zeit digitalisiert werden wird, was digitalisierbar ist. Das Buch enthält gerade in diesem Bereich zahlreiche Beispiele aus großen Wirtschaftskanzleien und Rechtsabteilungen. Wer als Anwalt glaubt, seine Arbeit sei überhaupt nicht standardisierbar und die Digitalisierung betreffe ihn nicht, sollte sich diese Beispiele unbedingt anschauen.

Erhalten die Leser in Ihrem Buch auch praktische  Tipps und Checklisten rund um Legal Tech?

Hartung: Ja, man findet etwa sehr praktische Hinweise dazu, wie man als Kanzlei eine Strategie für die Digitalisierung aufsetzt und wie man die einzelnen Schritte geht. Etwas ähnliches gibt es für Unternehmensrechtsabteilungen. Natürlich hat das Buch auch rein theoretische Teile, aber in erster Linie ist es ein Buch, das von Praktikern geschrieben wurde mit dem Ziel, dem Leser etwas praktisch Verwertbares mit auf den Weg zu geben.

Bues: In vielen Diskussionen und Gesprächen haben wir festgestellt, dass viele Anwälte sich mit dem Thema Digitalisierung konstruktiv auseinandersetzen wollen. Häufig ist aber unklar, wo und wie man dieses Thema in Angriff nehmen soll. Das Buch ist daher so geschrieben, dass Anwälte praktische Hilfen, Tipps und Einordnungen finden, um das Thema Digitalisierung und Legal Tech praktisch angehen zu können.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hartung / Bues / Halbleib
Legal Tech
2018, XXI, 308 S., C.H.BECK, ISBN 978-3-406-71349-1,
Preis 89,00 € inkl. MwSt.

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