Das Richter-Bild in Fatih Akins „Aus dem Nichts“, Gewinner des Golden Globes sowie des Critics Choice Award 2018

Die rechtsprechende Gewalt, so sagt es das Grundgesetz, ist den Richtern anvertraut. ­Fatih Akin zeigt in seinem neuen Kinofilm „Aus dem Nichts“ Richter und Richterinnen, bei denen diese Macht in guten Händen ist.

Die Filmhandlung von „Aus dem Nichts“ lehnt sich an die NSU-Attentate an

Die Hauptfigur Katja verliert ihren deutsch-­kurdischen Ehemann und den gemeinsamen Sohn, erst sechs Jahre alt, bei einem Nagelbombenanschlag auf das Büro des Mannes.

Die Parallele zu den NSU-­Attentaten ist gewollt. Diane Kruger spielt Katja und hat für ihre schauspielerische Leistung eine Goldene Palme in Cannes ­erhalten. Der Film folgt ihr durch den Schock, den Schmerz und die Wut bis in den Gerichtssaal. Angeklagt ist ein rechtsradikales Paar, Katja tritt als Zeugin und Nebenklägerin auf.

Als Zuschauer wissen wir: Die Neonazis waren es, sie haben Katjas Mann und Sohn heimtückisch und auf grausame Weise umgebracht. Die Richter und Richterinnen im Saal wissen das nicht und können es auch nicht wissen. Sie sind keine Filmzuschauer, und bei Anklageerhebung wird ihnen kein Mitschnitt des Verbrechens geliefert. Es bleiben die Mühen der Wahrheitssuche.

Der Vorsitzende Richter, gespielt von einem echten Richter im Ruhestand, will die Wahrheit, die er nur ahnen kann, ans Licht bringen. Und doch bleiben am Ende der mehrtägigen Haupt­verhandlung Zweifel, die im Rechtsstaat für die An­geklagten sprechen müssen. Die Kammer kann nicht ­anders, als das Neonazi-­Paar freizusprechen.

Grenzen der forensischen Tatsachenermittlung

„Aus dem Nichts“ erhebt dagegen keinen Vorwurf. Der Film, zu dem Fatih Akin gemeinsam mit Hark Bohm das Drehbuch geschrieben hat, macht lediglich die Grenzen der richterlichen Entscheidungsfindung sichtbar. Richter entscheiden nach ihrer persönlichen Über­zeugung. Zur Verurteilung berechtigt aber nicht jedes beliebige Meinen und Empfinden, sondern erst die richterliche Überzeugung, die auf einer rationalen und objektiven Grundlage fußt.

Nur die Tatsachen gelten. Und diese lassen sich in einem Strafprozess nicht immer mit der erforderlichen Gewissheit ermitteln. Aber ohne diese Anbindung wäre ein Urteilsspruch nichts als Willkür, selbst wenn er die Richtigen treffen würde.

Gesetzesbindung schützt vor Willkür

Fatih Akin hat schon in anderen Filmen gezeigt, ganz beiläufig, dass staatliche Institutionen auch dazu da sind, die Bürger vor dem willkürlichen Handeln der Mächtigen zu schützen. Als sich Cahit und Sibel, die Hauptfiguren in „Gegen die Wand“, in einem ansonsten leeren Bus laut über ihre Scheinehe unterhalten, hält der deutsch-­türkische Busfahrer unvermittelt an und schmeißt die beiden schimpfend aus „seinem“ Bus, für Türken und Moslems gehöre sich so etwas Gottloses wie eine Scheinehe nicht.

Sibel steigt aus. Cahit folgt ihr, erinnert den Busfahrer aber vorher daran, dass ­dieser nicht am Steuer sitzt, um persönliche Macht auszuüben, sondern dass er im bestem Fall ein Staats­diener ist: „Das ist doch gar nicht dein Bus. Der gehört doch der Stadt!“

Der anerkennende Blick auf eine ­Richterschaft, die menschlich zugewandt und doch nur dem Gesetz verpflichtet ist, findet sich bereits in „Auf der anderen Seite“. Als ­Aytens Asylantrag endgültig ­abgelehnt wird, begründet die Verwaltungsrichterin das ­Urteil sorgfältig und geht geradezu mitfühlend auf ­Aytens Dilemma ein.

Nur dass auch hier das Gesetz keine andere Entscheidung erlaubt: „Ich kann auch nachvollziehen“, lässt Fatih Akin, der wiederum das Drehbuch geschrieben hat, die Richterin sagen, „warum sie vor einem Jahr illegal eingereist sind. Aber nach den hier anzuwendenden rechtlichen Maßstäben kann nicht von einer asylrechtsrelevanten Gefährdung im Falle einer Rückkehr in die Türkei ausgegangen ­werden.“

Seine positive Darstellung beschränkt sich ­allerdings auf die Richter und Richterinnen in Deutschland. Der Ausgang des Prozesses, der Ayten nach der Abschiebung in der Türkei gemacht wird, scheint nicht ­allein von rechtlichen Maßstäben abzuhängen.

Richterliche Wahrheitssuche vs. Rachegedanken

Doch was ist mit den Opfern und ihren Angehörigen, denen die Angeklagten nach einem Freispruch ins ­Gesicht feixen? In „Aus dem Nichts“ wird Katja selbst zur Täterin, eine weitere Filmfigur Fatih Akins, die sich in ihr Schicksal wirft, auch wenn dieses Schicksal ein Abgrund ist. „Aus dem Nichts“ stellt beides neben­einander, das innere Ringen und die Verantwortung der Richter, die nur die Schuld benennen können, die sich vor Gericht feststellen lässt, und den urmensch­lichen Wunsch nach Gerechtigkeit, der ­Rache heißt. •

Dr. Miriam Hannes ist Richterin am LSG Hamburg, der Artikel stammt aus der NJW 52/15

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