„Hohe Schmerzensgeldbeträge (HSB)“: Neue Ausgabe erschienen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

aktuell erschienen ist eine neue Ausgabe des Fachinfo-Magazins Hohe Schmerzensgeldbeträge.

Im Fokus dieser Ausgabe stellt RiBGH Wolfgang Wellner fünf Fälle vor, bei denen Schmerzensgelder zwischen 100.000 und 400.000 Euro zuerkannt wurden.

U.a. geht es um einen 17-Jährigen, der unangeschnallt auf der Rückbank eines Autos einschläft, während der alkoholisierte Fahrer auf die Autobahn steuert. Plötzlich kommt das Auto von der Fahrbahn ab, rutscht auf den Seitenstreifen und überschlägt sich. Der schlafende 17-Jährige wird aus dem Fahrzeug geschleudert und erleidet eine Querschnittslähmung der Arme und Beine.

 

 

 

 

 

Eine interessante Lektüre wünscht mit besten Grüßen aus München

RA Katharina Nitsch

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Experten-Tipp: Warum sich Anwälte mit dem RDG beschäftigen sollten

Die Regulierung des Rechtsmarkts ist ein komplexes Thema. Anwälte kennen sich damit normalerweise nicht aus. Das klingt widersinnig, aber Anwälte orientieren sich eher an ihren Berufsgesetzen, also BRAO, BORA, EuRAG usw. Vielen ist vermutlich auch nicht klar, in welchem Verhältnis BRAO und RDG zueinander stehen und warum sie ohne spezielle Genehmigung nach dem RDG überhaupt Rechtsdienstleistungen erbringen dürfen. Da auch keine obligatorische Ausbildung im Berufsrecht erforderlich ist, wird sich das auf Dauer nicht ändern. Braucht der Anwalt also den „Krenzler“? Lesen Sie hier die Rezension zur Neuauflage „Krenzler, RDG“ von Markus Hartung

RDG = Spezialistenmaterie

Das RDG ist eine Spezialistenmaterie. Besonderes Interesse an der Materie haben alle diejenigen, die, ohne Anwalt zu sein, Zugang zum Rechtsmarkt wollen, denn es handelt sich um einen sehr attraktiven Markt. Daher findet man Spezialisten in den Kammern, denn es ist u.a. Aufgabe der Kammern, die um den Rechtsmarkt gezogenen Zugangssperren zu bewachen und diejenigen, die sich dort unerlaubt aufhalten, aus dem Verkehr zu ziehen.

Der „Krenzler“ füllt eine Lücke

Der vorliegende Kommentar, der sieben Jahre nach Erscheinen jetzt in 2. Auflage vorliegt, ist gerade deshalb erwähnenswert und füllt in der Literatur zum RDG eine Lücke. Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt ausgezeichnete Kommentarliteratur zum RDG. Besonders ist aber hier, dass es sich um einen von fast ausschließlich Kammerangehörigen verfassten Kommentar handelt: Unter den neun Autoren sind drei Kammergeschäftsführer und vier Kammervorstände. Herausgeber Michael Krenzler war lange Jahre Vizepräsident der BRAK und noch länger Präsident der RAK Freiburg. Einer der Verfasser, Frank Remmertz, ist Vorstandsmitglied der RAK München und außerdem Vorsitzender des RDG-Ausschusses der BRAK.

Zum Inhalt: Recht und Rechtsmarkt – aus Kammersicht

Man bekommt mit diesem Kommentar einen zuverlässigen Führer durch das Gestrüpp des RDG, aus Sicht der Kammern. Natürlich ist es nicht der offizielle Kommentar der Rechtsanwaltskammern, aber: wenn man eine rechtsmarktbezogene Maßnahme vorhat, die sich nach Prüfung dieses Kommentars als zulässig erweist, dann kann man sicher sein, deswegen keinen Ärger mit der örtlich zuständigen Kammer zu bekommen. Würde man die erhältlichen Kommentare zum RDG auf einer Skala von besonders traditionell bis grundstürzend-revolutionär einordnen, stünde der Krenzler-Kommentar zuverlässig am sehr traditionellen Ende, der Kommentar von Kleine-Cosack hingegen am gegenüberliegenden Ende.

Einzelheiten können hier nicht gewürdigt werden. Allerdings ergeben Stichproben, dass die Auswertung von Literatur und Rechtsprechung sehr gründlich ist, außerdem benutzerfreundlich: Rechtsprechung wird immer mit Datum und Aktenzeichen und einer Fundstelle zitiert, so dass der Leser die Rechtsprechung meistens auch in den Gratisportalen im Internet findet. Das ist ein Leserservice, den man nicht geringschätzen sollte.

Der Kommentar befasst sich natürlich auch mit neuartigen Themen, z.B. softwarebasierter Rechtsberatung, vulgo Legal Tech. Fündig werden aber nur die Eingeweihten, denn das Stichwortverzeichnis fällt etwas zurück: Während z.B. Krenzler im Vorwort „auf Algorithmen gestützte Softwareangebote“ zu Recht als besondere Herausforderung für das RDG bezeichnet, findet man den Begriff „Algorithmus“ im Stichwortverzeichnis nicht. „Software“ findet man auch nicht, dafür aber „softwaregenerierte Rechtsdienstleistungen“. Legal Tech kommt als „Legal-Tech-Unternehmen“ im Zusammenhang mit grenzüberschreitender oder unentgeltlicher Rechtsdienstleistung vor. Die Kommentierung zu diesen Themen ist jedoch umfassender, als es das Stichwortverzeichnis nahelegt.

Braucht man den Kommentar?

Als Spezialist, der sich mit der Materie befasst, kommt man um den Kommentar nicht herum. Für den normalen Anwalt, der nur ab und an mit der Materie in Berührung kommt, ist dieses Werk gut geeignet, denn nach dessen Lektüre kennt er die wichtigen Nachweise aus Literatur und Rechtsprechung und weiß jedenfalls, was die Kammern als Aufsichtsbehörden üblicherweise goutieren und was nicht.

 

Eine Rezension von Markus Hartung, Rechtsanwalt und Mediator sowie Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession (CLP) an der Bucerius Law School in Hamburg.

Krenzler (Hrsg.)
Rechtsdienstleistungsgesetz
2017, 633 S., Nomos, ISBN 978-3-8487-2561-8,
Preis 89,00 € inkl. MwSt.

 

Teil II: Legal Tech – Wird der Anwalt zum Rechner?

Die Digitalisierung des Rechts durch „Legal Tech“ ist unaufhaltsam. Rechtsanwendung und Rechtsgestaltung werden nicht nur irgendwie schneller und effizienter stattfinden, sondern neuartig und teilweise von anderen als den Juristen erbracht werden. Was sind aktuelle Entwicklungen? Worauf müssen sich Kanzleien einstellen? Wo gibt es Gefahren, wo Potenziale? Fragen über Fragen. Grund genug für das Kanzleiforum-Team, ein Interview mit Prof. Dr. Breidenbach, Florian Glatz und Tom Braegelmann zu führen. Sie sind die Herausgeber des neu erschienenen „Rechtshandbuch Legal Tech“. Lesen Sie jetzt Teil II des Interviews. Teil I finden sie hier.

Im Gespräch:

Florian Glatz,

Dr. Stephan Breidenbach,

Tom Braegelmann

 

 

Welchen Fehler sollten Kanzleien im Bereich Legal Tech unbedingt vermeiden?

Technik eröffnet Möglichkeiten, liefert jedoch keine Inhalte. Die präzise und tiefgreifende Gestaltung von Rechtsprodukten wird zurzeit noch häufig übersehen. Darüber hinaus verändert die Digitalisierung natürlich die Prozesse und damit die Organisation von Arbeit. Auch hier ist es mit der Einführung von Technik allein nicht getan. Hinzukommt, dass Rechtsberatung als intersubjektive Tätigkeit immer der Lösung von menschlichen Problemen dient, also mit rationalen und irrationalen Zielen und Wünschen und Streitigkeiten zu tun hat. Insofern wird für Juristen auch noch lange viel zu tun bleiben, wenn sie technikorientiert bleiben und überzeugend beweisen können, dass sie als menschliche Problemlöser von menschlichen Problemen immer noch von Nöten sind.

Was kann der Rechtsmarkt von anderen Industrien lernen?

Beobachtet man den Verlauf der Digitalisierung in anderen Industrien, so müssten Kanzleien eigentlich Software-Unternehmen werden, allerdings mag man davon schon wieder fast abraten, wenn man weiß, dass etliche Anwälte noch mit E-Mail, Word und Excel hadern. Hier finden wir das Beispiel der Autoindustrie ganz interessant. Das Unternehmen Tesla hat die deutschen Autobauer aufgeschreckt. Das revolutionäre an dem neuen Paradigma ist nicht etwa der Elektroantrieb. Vielmehr ist ein Auto von Tesla ein Computer auf vier Rädern. Tesla ist im Kern ein Software-Unternehmen – das „Apple“ der Autoindustrie. So könnte es auch im Recht laufen.

Haben Sie eine Kernbotschaft?

Software rückt in den Kern jeder Tätigkeit eines rechtlichen Prozesses. Diese Einsicht zu verschlafen, ist die große Gefahr der Kanzleien heute ausgesetzt sind. Allerdings kann man auch hier zur vermittelnden Einsicht kommen, analog zu den Autobauern: Denn mittlerweile hat sich herausgestellt, dass Silicon Valley, insbesondere Apple und Google und auch Tesla, nicht so gut in der Lage sind, die physischen Fahreigenschaften der Autos so zu bauen, dass die „Körper“ der Autos am besten mit der Software harmonieren und nicht auf der Straße schlingern – so gewinnen die traditionellen Autoproduzenten mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung wieder erheblich an Land. So mag man sich auch die Transformation des Rechtswesen vorstellen: Neue Rechtsanwendung durch neue Technik, gesättigt durch die Teile der gesammelten menschlichen Erfahrung, welche von Software und Datenbanken derzeit noch nicht ersetzt werden können.

Inwiefern nutzt Ihr Handbuch denn auch kleinen und mittleren Kanzleien, die sich keine ausgefeilten Techniken leisten können, sei es aus Zeit oder aus Geldmangel?

Für kleine und mittlere Kanzleien und Unternehmen gibt es zunehmend Angebote „von der Stange“. Keiner dieser Marktteilnehmer muss eigene große Investitionen tätigen oder gar Angst vor den Großkanzleien haben – die Großkanzleien werden ihre eigenen LegalTech-Kämpfe miteinander ausfechten. Hier geht es vielmehr um eine künftige Positionierung, eine strategische Ausrichtung auf die Kernkompetenzen und eine sorgfältige Auswahl der technischen Komponenten. Eine kleine Kanzlei kann sich mit einem einzigen strukturierten Angebot, zum Beispiel einer bestimmten Vertragsgestaltung zu einem günstigen Preis, eine neue Marktposition erobern. Allerdings erfordert dies Umdenken und Wissen darüber, was möglich ist. Genau hier setzt das Handbuch an.

Gibt es bestimmte Rechtsgebiete, für die sich Legal Tech besonders eignet?

Die Digitalisierung des Rechts ergreift alle Rechtsgebiete. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Rechtsgebieten, zum Beispiel Arbeitsrecht, in denen sich Gestaltungen oder Verfahren besser auf hohem Niveau standardisieren und damit industrialisieren lassen. Meistens ist der Satz: „Das mag für andre gelten, aber nicht für mein Rechtsgebiet!“ noch nicht ganz durchdacht. Wer allerdings im Schwerpunkt Aufsichtsräte von Großunternehmen berät, wird zunächst mit Legal Tech wenig anfangen können. Aber selbst hier macht eine gepflegte und eine sich stetig erweiternde Wissensbasis Sinn.

Erhalten die Leser in Ihrem Buch auch praktische Tipps und Checklisten rund um Legal Tech?

Praktische Hinweise auf einer vertieften Wissensbasis sind der Kern dieses Buches. Das „Rechtshandbuch Legal Tech“ versteht sich als Praxishandbuch für diejenigen, die täglich Recht praktizieren, egal ob im Unternehmen oder in einer Kanzlei. Das Buch ist verfasst von Pionieren, die sich schon seit Jahren mit den technischen Möglichkeiten und ihren rechtlichen Folgen beschäftigen. Es ist jedem Praktiker zu empfehlen, der sich auf die Veränderungen vorbereiten möchte.

Wer ist Ihrer Meinung nach der klassische Nutzer von Legal Tech und für wen eignet es sich nicht? Muss man technisch affin sein, um die Instrumente einsetzen zu können?

Legal Tech geht jeden im juristischen Bereich Tätigen an, insbesondere zunächst Anwälte und Unternehmensjuristen. Vertiefte technische Kenntnisse oder gar Programmierkenntnisse sind für die allermeisten nicht erforderlich. Ein technisches Grundverständnis ist hilfreich, Technikphobie hilft sicher nicht.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

 

Neues Fachportal hilft Juristen bei der Wahl ihrer Anwaltssoftware

Anwaltskanzleisoftware.de geht online

Die Anforderungen an Arbeits- und Kosteneffizienz in der Rechtsberatungsbranche wachsen stetig. Hier greifen viele Kanzleien auf Anwaltssoftware zurück, um Mandantenbearbeitung und Kostenmanagement zu optimieren.

Doch welche Software passt am besten zur eigenen Kanzlei? Welche Anbieter gibt es derzeit auf dem Markt? Wann macht eine Software überhaupt Sinn?

Antwort auf diese und weitere Fragen findet man auf anwaltskanzleisoftware.de. Alle Erklärungen und Empfehlungen wurden von Anwaltssoftware-Expertin und -Beraterin Ilona Cosack erstellt. Wer sich einen Überblick verschaffen will, nutzt die tabellarische Marktübersicht gängiger Kanzleisoftware-Anbieter zum Gratis-PDF-Download. Zusätzlich präsentieren sich bekannte Unternehmen mit ihren Lösungen.

Legal Tech – Wird der Anwalt zum Rechner?

Die Digitalisierung des Rechts durch „Legal Tech“ ist unaufhaltsam. Rechtsanwendung und Rechtsgestaltung werden nicht nur irgendwie schneller und effizienter stattfinden, sondern neuartig und teilweise von anderen als den Juristen erbracht werden. Was sind aktuelle Entwicklungen? Worauf müssen sich Kanzleien einstellen? Wo gibt es Gefahren, wo Potenziale? Fragen über Fragen. Grund genug für das Kanzleiforum-Team, ein Interview mit Prof. Dr. Breidenbach, Florian Glatz und Tom Braegelmann zu führen. Lesen Sie jetzt den ersten Teil des Interviews. 

Im Gespräch (v.l.n.r.):

Florian Glatz,

Prof. Dr. Stephan Breidenbach,

Tom Braegelmann

 

 

Guten Tag Herr Breidenbach, guten Tag Herr Glatz, guten Tag Herr Braegelmann! Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage:

Im Februar erscheint das „Rechtshandbuch Legal Tech“ das sich mit den Folgen der Digitalisierung für das Recht, die juristischen Berufe, Unternehmen und Verbraucher beschäftigt. Wie weit ist Legal Tech in Deutschland fortgeschritten? Gibt es Pioniere?

Vor allem die Industrialisierung beziehungsweise Standardisierung von Rechtsdienstleistungen hat enorme Fortschritte gemacht. Hier gibt es auch neue Geschäftsmodelle und Möglichkeiten. „early movers“ könnten dabei einen uneinholbaren Vorsprung ergattern. Bereits jetzt haben wir eine neue Dimension von Vertragsgenerierung und Vertragsmanagement erreicht. Das gleiche gilt für die Durchführung von sogenannten Massenverfahren. Diese Pionieranwendungen sind im Handbuch ausführlich beschrieben. Weiterlesen

Alles nur Hype? 7 Argumente gegen Legal Tech

Alle reden über Legal Tech. Zu Unrecht? Prof. Dr. Stephan Breidenbach, Mitherausgeber des Buches „Rechtshandbuch Legal Tech“, nennt sieben Argumente gegen Legal Tech – und schaut sie sich genauer an. Wie viel Skepsis ist angebracht und wo liegen Missverständnisse? Der folgende Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch.

1) Legal Tech – auch dieser Hype geht vorbei.

Stimmt. Soweit es sich um die plötzliche Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema handelt, geht jeder Hype vorbei.

Die Digitalisierung des Rechts hat jedoch fundamentale Auswirkungen. Sie verschwindet ebenso wenig wie das Internet.

Manche Konsequenzen werden kurzfristig sichtbar werden, zum Beispiel durch neue Geschäftsmodelle im Internet oder durch aggressive Preispolitik von Kanzleien und Prozessfinanzierern.

Andere werden sich eher unbemerkt entwickeln. So wie Programme, die durch Software-Updates jedes Jahr besser werden. Erst in der Retrospektive wird man die enormen Entwicklungssprünge wirklich sehen.

2) Mein Job lässt sich nicht durch Legal Tech ersetzen.

Stimmt. Allerdings nur teilweise. Die Frage ist, wie viele repetitive Elemente in  Ihrer Tätigkeit enthalten sind. Welche Fragen, Verträge, Schriftsatzpassagen kommen häufiger vor? Gerade die Experten in einem Gebiet sehen die Muster, die immer wieder auftauchen.

Prof. Dr. Stephan Breidenbach, Foto: © David Ausserhofer

Die wiederkehrenden Elemente lassen sich in einer intelligenten digitalen Bausteinwelt erfassen und abbilden. Diese Legal-Tech-Werkzeuge erleichtern und beschleunigen dann in der Folge die Arbeit. „Und zwar nicht, weil die Computer so viel schlauer geworden sind, sondern weil wir die Arbeit so organisiert haben, dass sie für Maschinen gut zugänglich ist.“ (Boos, KI-Unternehmer, SZ, 24.04.2017, S. 18)

Vor allem aber machen sie ein bisher dem erfahrenen Experten vorbehaltenes Wissen zugänglich und effektiver nutzbar für Anwender, z. B. jüngere Kollegen mit weniger Expertise.

Das Ergebnis: mehr Arbeitsresultate in der gleichen Zeit. Dennoch erfordern sie immer noch Aufmerksamkeit und präzises Denken eines Anwenders. Selbst wenn die entsprechenden detaillierten Textelemente in einer Architektur des Wissens nachvollziehbar und zugänglich sind, ist immer noch der Jurist gefragt, der sie – bei aller Hilfestellung – in der jeweiligen Situation zuordnet und in seinen Vertrag oder Schriftsatz einfügt. Der Job bleibt. Er wird nur effektiver.

3) Durch Legal Tech gehen Jobs verloren.

Stimmt. Und es kommen neue hinzu.

Der Reihe nach: Es wird mehr Output an Texten, Verträgen und Schriftsätzen oder an Due Dilligence in der gleichen Zeit erzielt. Also wird Arbeitskraft eingespart.

Durch Digitalisierung gehen Arbeitsplätze mit alter Herangehensweise verloren. Gleichzeitig schaffen neue Geschäftsmodelle und günstigere industrielle Fertigung von juristischer Arbeit neue Marktchancen. Recht wird zugänglicher. Und eröffnet damit neue Märkte. Mehr Menschen brauchen mehr Recht. So entstehen neue juristische Arbeitsfelder.

Solche Wissensprodukte brauchen kreative Rechts-Produktentwickler. Und visionäre Juristen, die das Ökosystem Recht zugänglicher machen und so Märkte entwickeln. Und ja: Es kommen auf kurze Sicht weniger Jobs hinzu als verloren gehen. Damit sind Juristen nicht alleine.

4) Legal Tech führt zu einem schematischen Umgang mit Recht.

Stimmt. Aber nur dort, wo es sinnvoll ist. Natürlich ist das verständnislose Zusammenstellen von Textbausteinen ein Albtraum.

Juristische Arbeit mit und ohne Legal Tech braucht Verstand und Verantwortung. Beides kann ein herkömmliches Buch oder ein Textgenerator nicht ersetzen.

Gleichzeitig muss in Standardsituationen das Recht gefunden werden, „anstelle es im Einzelfall neu zu erfinden“ (Mayr 2012 in Bäcker/Klatt/Zucca-Soest, S. 187). Verträge, Schriftsätze, womöglich im strukturierten Vortrag, und Texte in der Beratung beinhalten nur selten eine notwendige Fortentwicklung des Rechts. Mit oder ohne Legal Tech: Es geht nicht darum, ohne Verstand und Sachverhaltsanalyse „Recht“ zu produzieren.

5) Eine individuelle Rechtsberatung ist durch nichts zu ersetzen.

Stimmt. Nur was ist individuelle Rechtsberatung? Jeder Fall ist anders. Und dennoch werden viele Fälle vor dem Hintergrund der gesetzlichen Normen gleichbehandelt. Legal Tech erleichtert die Arbeit mit Fällen, in denen wir das Recht finden, nicht „erfinden“ (Mayr 2012, S. 187). Ist eine Fortentwicklung notwendig, bekommt individuell einen anderen Sinn.

Auch jetzt schon lesen Juristen Kommentare und sehen sofort, was auf ihren aktuellen Fall nicht passt. In einem Legal-Tech-Werkzeug ist das nicht grundsätzlich anders. Digitalisierung ist kein Denkverbot für Juristen.

Dazu kommt: Eine besondere Sachverhaltskonstellation ist vielleicht aus der Gesamtschau des Rechtssystems gar nicht so besonders. Legal Tech hilft womöglich, solch ähnliche Fälle zu finden und zu nutzen.

6) Argumente gegen Legal Tech: Eine Maschine kann keinen Anwalt ersetzen.

Stimmt. Künstliche Intelligenz – KI – kann nicht denken. Um als Anwalt zu agieren, müsste eine Maschine Texte verstehen und dann auch noch daraus juristische Schlüsse ziehen. Es scheitert Stand heute und morgen schon an Stufe eins: „Es gibt keine Maschine, die Gelesenes versteht oder es vielleicht sogar schreiben könnte, das wird so schnell nicht gehen.“ (Boos, SZ, 24.04.2017)

Ein Anwalt kann allerdings ein System entwickeln, das nach begrenzten Kriterien ebenso begrenzte, meist vorläufige Antworten zu einer bestimmten Sachverhaltskonstellation, zum Beispiel bei der Entschädigung für eine Flugverspätung, gibt.

Hier ist ein Teil seines Wissens in der Logik eines Fragesystems abgebildet. Und die vorläufige Antwort – Entschädigung grundsätzlich ja oder nein – sagt nichts über komplizierte Einzelfälle aus, die nach wie vor anwaltlichen Verstand benötigen. Allerdings nur, bis daraus eine gesicherte Rechtsprechung entstanden ist. Künstliche Intelligenz – unbedingt. Die Maschine als Anwalt – nein.

7) Legal Tech mag für einfache Standardfälle geeignet sein, aber nicht in meinem Bereich.

Hm. Jetzt kenne ich Ihren Bereich nicht. Dennoch lautet die Antwort: Das stimmt nicht. Richtig ist, dass die ersten Legal-Tech-Anwendungen von der Fluggast-Entschädigung bis zur Mietpreisbremse sich tatsächlich auf Massen von gleichgelagerten Standardfällen beziehen.

Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Die Titanic Recht fährt auf den riesigen Teil unter Wasser zu. Jedes repetitive Element in unserer Tätigkeit ist ein Hinweis auf mögliche Standardisierung.

Nehmen Sie Verträge. Sie enthalten eine große, aber begrenzte Zahl von rechtmäßigen Optionen und ein paar nicht rechtmäßige, die auch gerne strategisch verwendet werden. Die ganze Vertragswelt wird daher bald auf hohem Niveau standardisiert und damit industrialisiert werden.

Das heißt nicht, dass kein Raum für besonders kunstvolle Formulierungen und neue Varianten existiert. Die schnelllebige M&A- und Venture Capital-Welt, um nur ein Beispiel zu nennen, erfindet sich alle paar Monate neu. Und doch bleibt vieles gleich. Und das Neue wird schnell als Standard in Updates aufgenommen.

Das Handwerk wird unterstützt, Wissen verteilt und Qualität gesteigert. Der Künstler bleibt in der Gestaltung frei.

Der Markt wird entscheiden, wie viel er für Kunst noch bezahlen will. Das Gleiche gilt für Schriftsätze und Beratungstexte. Vieles wiederholt sich. Und genau dieser Teil ist reif für Legal Tech.

Und vielleicht sitzt jetzt bereits schon eine kleine kreative Truppe genau an diesem Segment.

 

Neue Studie: Führende Wirtschaftskanzleien in Deutschland

Lünendonk & Hossenfelder hat in einer aktuellen Studie die Entwicklungen im Rechtsberatungsmarkt analysiert und hierbei sowohl führende Wirtschaftskanzleien als auch WP- Gesellschaften einbezogen.

„In unseren zurückliegenden Studien zur Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung wurde deutlich, dass WP-‐Gesellschaften gerade in der Rechtsberatung ein überdurchschnittlich großes Potenzial für organisches Wachstum sehen “, sagt Jörg Hossenfelder, geschäftsführender Gesellschafter von Lünendonk. „Dies war für unser Marktforschungs-‐ unternehmen der Anlass, die Hintergründe sowie die Wachstumsstrategien genauer zu analysieren.“

Auffallend ist, dass die WP-‐Gesellschaften vor allem abseits des Audit-‐Kerngeschäfts zulegen. Hossenfelder hierzu:

„Für die führenden WP-‐Gesellschaften ist das kein Widerspruch, denn sie sehen sich nicht nur als Abschlussprüfer, sondern als Professional-‐Services-‐Anbieter.“

Hier eine erste Zusammenfassung der Ergebnisse:

  • Die Wirtschaftsprüfer drängen stärker in die Rechtsberatung.
  • Führende Rechtsberatungs-Einheiten von WP-Gesellschaften wuchsen im Schnitt um 13,6 Prozent .
  • Das relevante Marktvolumen wird auf 6,5 Milliarden Euro taxiert
  • Digitalisierung wird als strategisch entscheidend erachtet, jedoch reichen die Investitionsbudgets nicht aus .

Interessant waren auch die Ergebnisse zu der Frage nach den größten grundsätzlichen Herausforderungen für Kanzleien.

Die detaillierte Lünendonk®-‐Studie 2017 „Führende Wirtschaftskanzleien in Deutschland“ auf Basis der Befragung über Strukturen, Strategien, Planungen und Restriktionen von 32 Wirtschaftskanzleien sowie Rechtsberatungs-‐Einheiten von WP-‐Gesellschaften wird im Februar 2018 bei Lünendonk vorliegen.