Legal Tech – Wird der Anwalt zum Rechner?

Die Digitalisierung des Rechts durch „Legal Tech“ ist unaufhaltsam. Rechtsanwendung und Rechtsgestaltung werden nicht nur irgendwie schneller und effizienter stattfinden, sondern neuartig und teilweise von anderen als den Juristen erbracht werden. Was sind aktuelle Entwicklungen? Worauf müssen sich Kanzleien einstellen? Wo gibt es Gefahren, wo Potenziale? Fragen über Fragen. Grund genug für das Kanzleiforum-Team, ein Interview mit Prof. Dr. Breidenbach, Florian Glatz und Tom Braegelmann zu führen. Lesen Sie jetzt den ersten Teil des Interviews. 

Im Gespräch (v.l.n.r.):

Florian Glatz,

Prof. Dr. Stephan Breidenbach,

Tom Braegelmann

 

 

Guten Tag Herr Breidenbach, guten Tag Herr Glatz, guten Tag Herr Braegelmann! Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage:

Im Februar erscheint das „Rechtshandbuch Legal Tech“ das sich mit den Folgen der Digitalisierung für das Recht, die juristischen Berufe, Unternehmen und Verbraucher beschäftigt. Wie weit ist Legal Tech in Deutschland fortgeschritten? Gibt es Pioniere?

Vor allem die Industrialisierung beziehungsweise Standardisierung von Rechtsdienstleistungen hat enorme Fortschritte gemacht. Hier gibt es auch neue Geschäftsmodelle und Möglichkeiten. „early movers“ könnten dabei einen uneinholbaren Vorsprung ergattern. Bereits jetzt haben wir eine neue Dimension von Vertragsgenerierung und Vertragsmanagement erreicht. Das gleiche gilt für die Durchführung von sogenannten Massenverfahren. Diese Pionieranwendungen sind im Handbuch ausführlich beschrieben.

Das neue Buzzword heißt Blockchain. Werden hier die Chancen genutzt? 

Die Entwicklungen im Bereich Blockchain sind bislang weitestgehend ohne Juristen passiert, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Interessanterweise bauen dort Entwickler und Enthusiasten ohne juristischen Hintergrund Lösungen, die rechtliche Prozesse grundlegend verändern werden.

Wie bewerten Sie das aus Sicht des Juristen??

Das kann als bedrohliches Szenario empfunden werden, so eine von Computern gesteuerte Welt ohne Recht und Justiz, insbesondere in Deutschland, doch in Gegenden, wo Nationalstaat und Recht versagen, mag dieser radikale Ansatz sogar als Hoffnung auf mehr praktische Gerechtigkeit erscheinen.

Worin liegt das Blockchain-Potenzial?

Dezentrale, blockchainbasierte Plattformen und deren Finanzierung im Wege des Crowd Funding machen deutlich, wie eine Welt aussieht, in der nicht nur Papier und Tinte durch Bits und Bytes als dominante Informationsträger für rechtliche Transaktionen ersetzt wurden, sondern das Rechtssystem selbst zur Gestaltung wirtschaftlicher Transaktionen marginalisiert und im Kern durch Software ersetzt wird.  Informatiker, Mathematiker, Kryptographen und Spieltheoretiker und UX-Designer treten neben (oder gar an die Stelle von) Juristen.

Stichwort hybride Teams: Wie wird diese Teamarbeit aussehen können?

Die Gestaltung von  Smart Contracts, also der software-definierten Verträge, welche die Transaktionen strukturieren und kodifizieren, können von klassisch ausgebildeten Juristen nicht alleine vorgenommen werden, sondern nur in einem hybriden Team. Man kann vermuten, dass diejenigen, die die Juristen ersetzen, am Ende ganz ähnliche Argumentationstechniken und Falllösungen entwickeln werden, wie die Juristen sie in den letzten 5000 Jahren gebaut und verfeinert haben. Die Juristen werden insofern gebraucht, um altes und neues zu verbinden, denn die Softwareentwickler haben derzeit von der Rechtsidee regelmäßig keine Ahnung, bauen aber schon fleißig Standards, die den Spielraum des Rechts limitieren.

Wann wird der Einsatz von Legal Tech hierzulande so normal sein wie der Einsatz von zum Beispiel Dokumenten-Managementsystemen?

Innerhalb der nächsten zwei Jahre – bei den Anwälten, die Dokumentenmanagementsysteme schon einsetzen, was nach unserer Einschätzung nur für eine Minderheit der deutschen Anwälte gilt. Die Werkzeuge werden täglich besser. Manche Kapitalgeber entdecken die Rechtsindustrie als neue Chance, eine altgediente Profession oder Industrie umzukrempeln, mit allen Möglichkeiten, welche die Digitalisierung mit sich bringt. Der Rechtsmarkt ist im weltweiten Vergleich eher klein (aber fein) – doch nun, im Laufe des technischen Fortschritts, wird das Rechtswesen auch voll davon erfasst.

Warum auf einmal so schnell?

Gerade weil Juristen sich die letzten Jahrzehnte so erfolgreich gegen technische Modernisierung gewehrt haben, können viele Lösungen aus anderen, nunmehr schon digitalisierten Industrieren, auf das Ökosystem „Recht“ übertragen und in hoher Geschwindigkeit aufgebaut werden.

Kann das nicht auch schief gehen?

Ja, auch dabei gilt, dass es passieren kann, dass Standards aus anderen Bereichen den Juristen auf Gedeih und Verderb übergestülpt werden, ob sie nun gut passen oder nicht, wenn die Juristen sich nicht endlich in der Mehrzahl mit der Transformation ihres Berufes beschäftigen und die Diskussion mitgestalten. Das will dieses Buch ermöglichen.

Mehr dazu lesen Sie in Teil II des Interviews. 

 

 

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