Teil II: Legal Tech – Wird der Anwalt zum Rechner?

Die Digitalisierung des Rechts durch „Legal Tech“ ist unaufhaltsam. Rechtsanwendung und Rechtsgestaltung werden nicht nur irgendwie schneller und effizienter stattfinden, sondern neuartig und teilweise von anderen als den Juristen erbracht werden. Was sind aktuelle Entwicklungen? Worauf müssen sich Kanzleien einstellen? Wo gibt es Gefahren, wo Potenziale? Fragen über Fragen. Grund genug für das Kanzleiforum-Team, ein Interview mit Prof. Dr. Breidenbach, Florian Glatz und Tom Braegelmann zu führen. Sie sind die Herausgeber des neu erschienenen „Rechtshandbuch Legal Tech“. Lesen Sie jetzt Teil II des Interviews. Teil I finden Sie hier.

Im Gespräch:

Florian Glatz,

Dr. Stephan Breidenbach,

Tom Braegelmann

 

 

Welchen Fehler sollten Kanzleien im Bereich Legal Tech unbedingt vermeiden?

Technik eröffnet Möglichkeiten, liefert jedoch keine Inhalte. Die präzise und tiefgreifende Gestaltung von Rechtsprodukten wird zurzeit noch häufig übersehen. Darüber hinaus verändert die Digitalisierung natürlich die Prozesse und damit die Organisation von Arbeit. Auch hier ist es mit der Einführung von Technik allein nicht getan. Hinzukommt, dass Rechtsberatung als intersubjektive Tätigkeit immer der Lösung von menschlichen Problemen dient, also mit rationalen und irrationalen Zielen und Wünschen und Streitigkeiten zu tun hat. Insofern wird für Juristen auch noch lange viel zu tun bleiben, wenn sie technikorientiert bleiben und überzeugend beweisen können, dass sie als menschliche Problemlöser von menschlichen Problemen immer noch von Nöten sind.

Was kann der Rechtsmarkt von anderen Industrien lernen?

Beobachtet man den Verlauf der Digitalisierung in anderen Industrien, so müssten Kanzleien eigentlich Software-Unternehmen werden, allerdings mag man davon schon wieder fast abraten, wenn man weiß, dass etliche Anwälte noch mit E-Mail, Word und Excel hadern. Hier finden wir das Beispiel der Autoindustrie ganz interessant. Das Unternehmen Tesla hat die deutschen Autobauer aufgeschreckt. Das revolutionäre an dem neuen Paradigma ist nicht etwa der Elektroantrieb. Vielmehr ist ein Auto von Tesla ein Computer auf vier Rädern. Tesla ist im Kern ein Software-Unternehmen – das „Apple“ der Autoindustrie. So könnte es auch im Recht laufen.

Haben Sie eine Kernbotschaft?

Software rückt in den Kern jeder Tätigkeit eines rechtlichen Prozesses. Diese Einsicht zu verschlafen, ist die große Gefahr der Kanzleien heute ausgesetzt sind. Allerdings kann man auch hier zur vermittelnden Einsicht kommen, analog zu den Autobauern: Denn mittlerweile hat sich herausgestellt, dass Silicon Valley, insbesondere Apple und Google und auch Tesla, nicht so gut in der Lage sind, die physischen Fahreigenschaften der Autos so zu bauen, dass die „Körper“ der Autos am besten mit der Software harmonieren und nicht auf der Straße schlingern – so gewinnen die traditionellen Autoproduzenten mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung wieder erheblich an Land. So mag man sich auch die Transformation des Rechtswesen vorstellen: Neue Rechtsanwendung durch neue Technik, gesättigt durch die Teile der gesammelten menschlichen Erfahrung, welche von Software und Datenbanken derzeit noch nicht ersetzt werden können.

Inwiefern nutzt Ihr Handbuch denn auch kleinen und mittleren Kanzleien, die sich keine ausgefeilten Techniken leisten können, sei es aus Zeit oder aus Geldmangel?

Für kleine und mittlere Kanzleien und Unternehmen gibt es zunehmend Angebote „von der Stange“. Keiner dieser Marktteilnehmer muss eigene große Investitionen tätigen oder gar Angst vor den Großkanzleien haben – die Großkanzleien werden ihre eigenen LegalTech-Kämpfe miteinander ausfechten. Hier geht es vielmehr um eine künftige Positionierung, eine strategische Ausrichtung auf die Kernkompetenzen und eine sorgfältige Auswahl der technischen Komponenten. Eine kleine Kanzlei kann sich mit einem einzigen strukturierten Angebot, zum Beispiel einer bestimmten Vertragsgestaltung zu einem günstigen Preis, eine neue Marktposition erobern. Allerdings erfordert dies Umdenken und Wissen darüber, was möglich ist. Genau hier setzt das Handbuch an.

Gibt es bestimmte Rechtsgebiete, für die sich Legal Tech besonders eignet?

Die Digitalisierung des Rechts ergreift alle Rechtsgebiete. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Rechtsgebieten, zum Beispiel Arbeitsrecht, in denen sich Gestaltungen oder Verfahren besser auf hohem Niveau standardisieren und damit industrialisieren lassen. Meistens ist der Satz: „Das mag für andre gelten, aber nicht für mein Rechtsgebiet!“ noch nicht ganz durchdacht. Wer allerdings im Schwerpunkt Aufsichtsräte von Großunternehmen berät, wird zunächst mit Legal Tech wenig anfangen können. Aber selbst hier macht eine gepflegte und eine sich stetig erweiternde Wissensbasis Sinn.

Erhalten die Leser in Ihrem Buch auch praktische Tipps und Checklisten rund um Legal Tech?

Praktische Hinweise auf einer vertieften Wissensbasis sind der Kern dieses Buches. Das „Rechtshandbuch Legal Tech“ versteht sich als Praxishandbuch für diejenigen, die täglich Recht praktizieren, egal ob im Unternehmen oder in einer Kanzlei. Das Buch ist verfasst von Pionieren, die sich schon seit Jahren mit den technischen Möglichkeiten und ihren rechtlichen Folgen beschäftigen. Es ist jedem Praktiker zu empfehlen, der sich auf die Veränderungen vorbereiten möchte.

Wer ist Ihrer Meinung nach der klassische Nutzer von Legal Tech und für wen eignet es sich nicht? Muss man technisch affin sein, um die Instrumente einsetzen zu können?

Legal Tech geht jeden im juristischen Bereich Tätigen an, insbesondere zunächst Anwälte und Unternehmensjuristen. Vertiefte technische Kenntnisse oder gar Programmierkenntnisse sind für die allermeisten nicht erforderlich. Ein technisches Grundverständnis ist hilfreich, Technikphobie hilft sicher nicht.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

Einen kurzen Überblick und weitere Fachliteratur zu Legal Tech finden Sie auf beck-shop.de.

 

 

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