Medienauftritt

Vor der Kamera: 10 Fehler, die Sie anderen überlassen sollten

Ein Auftritt in den Medien, im TV, im Radio – was für eine Chance! Und welch’ ein Risiko!

Täglich kann man sehen und hören, wie sich Gesprächspartner um Kopf und Kragen reden. Oder wie sie die Sonntagszeitung mit einem wissenschaftlichen Fachblatt verwechseln oder die einfachsten Regeln mit Blick auf eine angemessene Kleidung verletzen. Hier die Top Ten der häufigsten Fehler, die Sie anderen überlassen sollten.

Platz Nummer 10: Schminke?

Ich? Nein, also als Mann lasse ich mich doch nicht pudern! Wie sieht das denn aus?« Na, auf jeden Fall besser als vor der Kamera einen wahrhaft »glänzenden« Eindruck zu machen! Wer sichtbar schwitzt oder auch von Natur aus eine leicht fettige Haut hat, der glänzt schnell auch vor der Kamera. Als Fußballspieler nach 90 Minuten hartem Kampf – kein Problem. Da kann jeder Zuschauer nachvollziehen, woher der Schweiß kommt. Jeder Nicht-Sportler vor der Kamera aber tut gut daran, die glänzende Stirn zu kaschieren. Sonst wirft der Glanz Fragen auf: Ist ihm oder ihr warm? Hat er oder sie womöglich Angst, ist gestresst? Oder vielleicht krank? Schnell kommt Mitleid auf, und die Chance für eine überzeugende Botschaft ist vertan.

Platz Nummer 9: Pampig werden.

Was haben Per Mertesacker, Sigmar Gabriel und Rudi Völler gemein? Alle drei sind schon vor laufenden Kameras ausgeflippt und haben den Reporter angeblafft. Das hat für reichlich Gesprächsstoff gesorgt, für viele Klicks auf Youtube – und so mancher Zuschauer hat sich gedacht: Na, der hat es dem Reporter jetzt aber wirklich mal gegeben! Allen dreien hat es auch nicht wirklich geschadet. Warum wir es trotzdem nicht zur Nachahmung empfehlen? Gabriel, Völler und Co. haben praktisch täglich die Gelegenheit, das Image des Anblaffers wieder loszuwerden und neue Sympathiepunkte zu sammeln. Wo immer sie auftauchen – die Medien warten schon. Solange Sie aber nicht Spitzenpolitiker, Nationalspieler oder ein gefragter Promi sind, raten wir zu einem geduldigen und aggressionsfreien Umgang mit den Fragen der Journalisten.

Platz Nummer 8: Der Weihnachtsbaum-Effekt.

Was kann man sich nicht alles um den Hals hängen, an den Kragen stecken oder über die Schultern werfen! Chipkarten am Bande sind noch harmlos gegen die kiloschweren Designer-Ketten oder die zum Schal gewordenen Vorhangstoffe, die manche Menschen vor der Kamera tragen. Bunt geschmückt wie ein Weihnachtsbaum treten manche Gesprächspartner vor die Kamera. Und wundern sich, warum die Zuschauer nichts von ihren Inhalten mitbekommen, sondern sich an Ketten, Pins, Ohrringen oder Schals festgucken. Kommt dann noch eine markante Brille dazu, hat der Auftritt nur einen Effekt: Der Zuschauer ist optisch erschlagen. Und inhaltlich nicht schlauer als zuvor.

Platz Nummer 7: Gegenfragen.

Wer fragt, der führt. Und im Interview oder in der Talkshow ist das nun mal der Journalist. Wer diese Regel bricht, macht es mitunter für den Zuschauer spannend, für sich selbst aber gefährlich. Denn kaum etwas hassen Journalisten mehr als Gegenfragen ihrer Gesprächspartner. Der verstorbene FPÖ-Chef Jörg Haider hat mal ein Live-Interview über Sozialreformen in der Hauptnachrichtensendung Österreichs komplett gedreht und den Moderator in ein Gespräch darüber verwickelt, wie er denn krankenversichert ist und warum. Das werden gute Journalisten nicht zulassen. Gegenfragen sind eher dazu angetan, das Interviewklima zu verschärfen. Und sie sind eine verpasste Chance, die eigene Kernbotschaft zu platzieren. Einzige Ausnahme: die Verständnis-Gegenfrage. »Worauf wollen Sie hinaus?« oder »Habe ich Sie richtig verstanden, dass…?« sind völlig in Ordnung.

Platz Nummer 6: Das »Phänomen Doktorarbeit«.

»Ach wissen Sie, über mein Fachgebiet könnte ich stundenlang reden, das ist so interessant!« Wie schön. Vielleicht dürfen Sie das ja auf einem Fachkongress tatsächlich tun. Aber bitte nicht im Medienkontakt. Ein Interview ist keine verbalisierte Doktorarbeit. Das Thema muss nicht vollständig und umfassend abgearbeitet werden.  Vielmehr geht es um Kürze, Klarheit und Prägnanz. D.h. referieren Sie nicht, sondern beschränken Sie sich auf einige, wenige Kernbotschaften. In den Medien geht es darum, die Welt – und vor allem Ihr Thema – in 30 Sekunden erklären zu können.

Platz Nummer 5: Inflation von Fachchinesisch.

Die geht häufig einher mit dem Phänomen Doktorarbeit. »Meine Botschaft in Alltagssprache übersetzen? Nein, das geht ja gar nicht. Was sollen denn dann meine Kollegen denken?« Gegenfrage: Sind Ihre Kollegen die Zielgruppe, wenn Sie z. B. einem Inforadio ein Interview geben? Oder möchten Sie von einer breiteren Öffentlichkeit verstanden werden? Möchten Sie es Ihrem Publikum nicht eher leicht machen, Ihnen zu folgen? Es gibt in den deutschen Medien eine immer größere Zahl von Experten, die genau das wollen: Verstanden werden. Und möglichst immer wieder für ein Interview angefragt werden.

Platz Nummer 4: Anglizismen.

»Unsere Branche braucht einen Mind Change, das wurde mir in den Innovation Labs ganz klar. Was wir brauchen, ist eine Always-on-Mentalität.« Und einen guten Dolmetscher … Denn für die wenigsten Ohren klingt das wirklich hip und cool. Selbst wer ohne Wörterbuch damit klarkommt, fragt sich vermutlich: Brauchen wir dieses Denglisch wirklich? Klar, in vielen Branchen dominiert Englisch längst. Und im internen Sprachgebrauch ist das für die meisten völlig in Ordnung. Wer aber nach außen, also über die Medien, kommuniziert, der möchte doch vor allem eins: verstanden werden und nach Möglichkeit auch noch sympathisch rüberkommen. Dafür lohnt sich in vielen Fällen die Übersetzung.

Platz Nummer 3: Schriftliche Ausarbeitungen vortragen.

Manche Gesprächspartner haben doppeltes »Glück«: Der Journalist hat netterweise seine Fragen zum Thema vorab geschickt. Und dann hat ein fleißiger Mitarbeiter in der Pressestelle auch noch mögliche Antworten ausgearbeitet. Die sind inhaltlich umfassend, juristisch wasserdicht – nur leider will der Text nicht in Ihren Kopf! Es sind vielleicht nicht Ihre eigenen Worte, und entsprechend fehlt die eigene, innere Haltung dazu. Wie kontraproduktiv das in der Außenwirkung sein kann, haben wir am Beispiel Martin Winterkorn, Ex-Vorstandsvorsitzender von VW, gesehen: Er hatte von seiner Pressestelle einen wirklich brauchbaren Text für eine Videobotschaft im Zuge der Abgasaffäre geschrieben bekommen. Darin war von »Entschuldigung« die Rede, von »Fehlern«, die gemacht wurden, und dass so etwas »nie wieder vorkommen« dürfe. Sachlich und fachlich alles prima. Diesen Text aber mit Überzeugung vom Teleprompter zu lesen, ist Winterkorn nicht gelungen. Um mit Goethes Faust zu sprechen: Die Worte hören wir wohl, allein uns fehlt der Glaube!

Platz Nummer 2: Zahlensalat.

»Von 2005 bis 2010 hatten wir einen Anstieg der Zahl der Pflegeplätze von 20.570 auf 22.480. Also ein Plus von etwa 9 Prozent. Von 2008 an bis heute haben wir noch einmal um fast 13 Prozent zugelegt, wir kommen derzeit also auf …« Moment mal. Sind wir hier im Mathe-Unterricht? Wer soll sich das denn merken? Natürlich spielen Zahlen in vielen Branchen eine zentrale Rolle, häufig fragen Journalisten auch nach Umsatzzielen, Mitarbeiterzuwachs, erwartetem Gewinnrückgang. Klar dürfen wichtige Kennzahlen im Interview platziert werden. Aber eben nur die wichtigsten und die aussagekräftigsten.

Platz Nummer 1: Sich wegducken.

Die Regionalzeitung schreibt einen Bericht über interessante Ausbildungsplätze. Aber doch nicht in unserem Unternehmen! Das Manager Magazin stellt führende Köpfe der sogenannten »Hidden Champions« vor. Da machen wir nicht mit! Ein Radiosender möchte von Ihnen eine Bewertung der neusten politischen Reform. Auf keinen Fall, das haben wir ja noch nie gemacht! Schade eigentlich. Denn obwohl »die Medien« ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten haben, obwohl dort das eine oder andere Fettnäpfchen herumsteht, sind die Chancen eines Medienauftritts größer als die Risiken.

Fazit: Sie müssen nicht alle Fehler selbst machen. Lassen Sie auch anderen eine Chance! Nach dem Durcharbeiten dieses Buches werden Ihnen diese zehn häufigsten Fehler (und viele andere auch) garantiert nicht unterlaufen.

Mehr über das Thema Medienauftritt erfahren Sie im Workbook Medientraining und im Interview mit den Autoren.

 

Katrin Prüfig, Stefan Klager und Kathrin Adamski (von links) sind ein Autorenteam, das in Summe auf mehr als 80 Jahre Erfahrung im Journalismus und auf mehr als 45 Jahre Erfahrung als Trainer zurückgreifen kann.

Katrin Prüfig ist deutsche Fernsehmoderatorin, Journalistin, Reporterin und Medientrainerin. Stefan Klager arbeitet als Produzent, Regisseur, Autor und als Medientrainer und Coach für Unternehmen, Konzerne und Verbände. Kathrin Adamski ist freie Medientrainerin, Moderatorin und Redakteurin.

 

Workbook Medientraining

 

Adamski, Prüfig, Klager

Workbook Medientraining

2018, 250 S., Schäffer-Poeschel ISBN 978-3-7910-4155-1,

Preis 39,95 € inkl. MwSt.

 

 

 

 

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