Kanzleigründung I: Lohnt sich das überhaupt noch?

165.000 Anwälte sind aktuell in Deutschland zugelassen. Die Zahl der Anwaltszulassungen hat sich damit seit 1990 verdreifacht. Kamen 1950 noch circa fünftausend Einwohner auf einen Anwalt, sind es heute nur noch circa fünfhundert. Angesichts dieser Zahlen drängt sich die Frage auf, ob sich eine Kanzleigründung heute überhaupt noch lohnt.

Dr. Geertje Tutschka, Anwältin und Autorin des Buches Kanzleigründung und Kanzleimanagement hat sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt und beantwortet sie nach wie vor mit einem beherzten „Ja“. Welche Gründe sie zu dieser Einschätzung bewogen haben, wollten wir von ihr selbst wissen und haben sie beim Deutschen Anwaltstag getroffen.

Geertje Tutschka im Interview

Frau Dr. Tutschka, trotz der vielen Herausforderungen, denen sich die Branche aktuell stellen muss, raten Sie dennoch dazu Jura zu studieren und in eigener Kanzlei tätig zu werden. Wie kommen Sie zu dieser positiven Einschätzung?

Ich bin Vollblut-Anwältin. Habe Jura jedoch nur studiert, um in eigener Kanzlei tätig sein. Unternehmertum steckte mir sozusagen im Blut. Müsste ich mich entscheiden, Kanzleiinhaberin zu sein oder Anwältin, würde ich Ersteres wählen.

In der heutigen Zeit herrscht eine Art Goldgräberstimmung im Bereich Unternehmertum und es wird viel über Entrepreneurship, Start-ups und neue Geschäftsmodelle geschrieben. Das sollte auch vor der Rechtbranche nicht Halt machen.

Das klassische Produkt der Rechtsberatung gibt es seit über hundert Jahren. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Rechtsberatung neu definieren muss. Rechtsberatung sollte daher neu gedacht und mit innovativen Geschäftsmodellen versehen werden.

Wir neigen heute jedoch dazu, Hypes eher um knallige Produkte, die sich gut in Szene setzen lassen, zu inszenieren. Rechtsberatung zählt da eher nicht dazu. Sie hat mit dem Faktor Mensch, Vertrauen und Nachhaltigkeit zu tun und kann daher nur zum Teil standardisiert, automatisiert und digitalisiert werden. Und das ist auch notwendig, um weiter am Markt bestehen zu können. Wenn der Anwaltschaft dann aber als USP vor allem der Faktor Mensch bleibt, geht es ans Eingemachte. Dann wird’s persönlich. Die reine Fachausbildung kann Jungjuristen weder charakterlich noch persönlich darauf vorbereiten. Mit CLP unterstützen wir daher seit Jahren Personalentwicklung und Persönlichkeitsentwicklung – mit sehr gutem Erfolg.

Wenn solide Fachausbildung und Personal Development also zusammentreffen, dann wird Rechtsberatung neu gedacht. Ob in einer bestehenden Kanzlei oder in eigener Kanzlei.

Welche Kompetenzen sollte Ihrer Erfahrung nach ein Anwalt mitbringen, der eine eigene Kanzlei gründen möchte?

Er sollte in erster Linie Spaß an Unternehmensführung haben und sich unter Umständen auch von seinem Anwaltsberuf verabschieden können.

Welche Themen beschäftigen Ihre Kolleginnen und Kollegen derzeit am meisten?

Die Branche wird gerade von drei ganz wesentlichen Faktoren neu definiert:

– dem Gender- und Generationshift

– dem Konkurrenzdruck

– der Digitalisierung.

Und diese finden von innen und außen gleichermaßen statt, d.h. dass  einerseits immer mehr Frauen Jura studieren und auch in den Anwaltsmarkt strömen; dort gleiches Geld für gleiche Arbeite, Mitbestimmungsrechte in den Berufsverbänden und Partnerschaften einfordern. Andererseits aber beispielsweise Unternehmen heute diverse Kanzleiteams bei der Beauftragung ganz klar bevorzugen. Das bedeutet, dass Konkurrenz einerseits natürlich von der immer noch steigenden Quantität in der Anwaltschaft entsteht, andererseits aber andere Branchen Geschäftsmodelle in den Legal Markt einführen und dort schlicht Geschäft wegnehmen, wie beispielsweise die Versicherungsbranche. Auch die Digitalisierung „wildert“ mit Legal Tech Start -ups ordentlich im Tagesgeschäft und „Kleinvieh macht auch Mist“ Erwerbsgeschäft der Anwälte. Gleichzeitig kämpfen diese intern immer noch mit der Einführung des und den Schnittstellen zu ihrem Sorgenkind beA und ihren Prozeßdefinitionen für das Projekt digitale Akte und papierloses Büro.

Panikmache mit Buzz-Wörtern durch Medien und Dienstleister soll Geschäftsabschlüsse steigern und heizt das Ganze weiter an.

Anwälte fühlen sich angesichts dieser Komplexität zunehmend überfordert und ohnmächtig. Viele haben sich schon verabschiedet, machen „Dienst nach Vorschrift“ oder verweigern sich jeglicher Modernisierung. Angst greift um. Das muss man Ernst nehmen.

Gibt es bestimmte Regeln, die man als Kanzleigründer unbedingt beherzigen sollte?

Kanzleigründer sollten nichts überstürzen, sondern ausreichend Zeit einplanen. Viele Dinge bei der Kanzleigründung sind keine reinen Fleißaufgaben, sondern haben sehr viel mit der Persönlichkeit und den Lebensumständen des Kanzleiinhabers zu tun. Und eine Kanzlei zu gründen bedeutet, dass sich sehr viele Dinge ändern, entwickeln werden. Man wird nie wieder derselbe sein. Und das ist auch gut so. Doch Veränderung braucht eben Zeit. Dinge müssen reifen, Entscheidungen müssen gelebt werden.

In Ihrem Buch bezeichnen Sie die „Kanzleivision als Herzstück der Kanzleigründung“. Welche Gründe führen Sie dazu an?

Die Entwicklung einer tragfähigen Kanzleivision ist die Königsdisziplin bei der Kanzleigründung. Sie wird Anker, Hafen und Leuchtturm zugleich sein. Für die langfristige Entwicklung der Kanzlei ebenso wie für das Tagesgeschäft, bei der internen Personalführung wie bei der Akquise. Viele Kanzleien lassen sich hingegen treiben oder schwimmen mit der Strömung: und finden sich in einem konstant drehenden Hamsterrad wieder, welches ihnen die Lebensenergie absaugt. Sie fahren auf Autopilot. Hier gilt es, mit der Kanzleivision gegenzusteuern und endlich „auf Kurs“ zu gehen.

Gibt es Hilfsmittel, mit denen sich eine Vision für eine erfolgreiche Kanzleigründung entwickeln lassen?

Es gibt diverse Tools, die Unternehmensberatungen schon seit Jahren verwenden, mittlerweile sogar als Apps oder online verfügbar. Selbstverständlich auch diverse Fachbücher, ja sogar hochpreisige post-graduate Studiengänge. Unsere Erfahrung bei CLP ist jedoch, dass branchenunabhängige Unternehmensberater die besonderen Parameter der Branche (gesetzliche Vorgaben, Marktbesonderheiten, Herausforderungen) nicht berücksichtigen können, so dass hier wenig Brauchbares erarbeitet wird. Reine Wissensvermittlung wiederum lässt die Kanzleiinhaber in der Umsetzung allein. Im Tagesgeschäft wird dieser jedoch niemals gegen die bestehenden Strukturen ankommen. Meine Empfehlung geht also ganz klar dahin, sich einen professionellen Begleiter Ihres Vertrauens an Board zu holen, wenn Sie es mit der Kanzleigründung Ernst meinen.

Wäre es aus Ihrer Sicht sinnvoll bereits im Studium, spätestens im Referendariat Management für Anwälte zu lehren?

Selbstverständlich wäre dies wünschenswert, auch wenn Management ganz sicher nur ein Aspekt von mehreren bei der Unternehmensführung ist. Meine Erfahrung ist jedoch, dass viele Juristen während der Ausbildung noch auf der Suche danach sind, in welchen juristischen Beruf sie später tätig sein möchten. Und das Gründen einer eigenen Kanzlei gilt da bei den meisten lediglich als „Rettungsanker“. Zu Recht: Als Junganwalt sofort in eigener Kanzlei zu starten ist wenig empfehlenswert – weder durch Gründen eines kleinen Start-ups, noch durch den Kauf einer Kanzlei oder Einsteigen in eine bestehende Kanzlei. In meinem Buch untersuche ich ausführlich die Gründe und Erfolgsraten dieser Soforteinsteiger anhand der aktuellen Statistiken und unserer Erfahrung sowie der unserer Kooperationspartner als Kanzleiberater. Auch wenn ich ganz sicher dafür eintrete, lieber zu früh als zu spät sich in der Praxis auszuprobieren und eigene Erfahrungen zu sammeln, plädiere ich mit Weitsicht und Erfahrung für mindestens 5 Jahre Berufserfahrung bevor man sich als Kanzleiinhaber ausprobiert – dies vor allem auch, um die „Rush Hour des Lebens“ für die Mittdreißiger zu entzerren. Damit deren berufliche Karriere nicht nur ein kurzer Sprint sondern ein erfolgreicher Marathon wird.

Besten Dank für das Gespräch!

RA Geertje Tutschka

Rechtsanwältin Dr. Geertje Tutschka ist Inhaberin und CEO von CLP – Consulting for Legal Professionals und Präsidentin des ICF Deutschland.

 

Kanzleigründung und Kanzleimanagement

 

Kanzleigründung und Kanzleimanagement

2018, XVIII, 325 S., De Gruyter, ISBN 978-3-11-051727-9,

Preis 59,95 € inkl. MwSt.

 

Hier finden Sie eine kostenlose Leseprobe.

 

 

 

 

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