Kanzleivision

Kanzleigründung II – das richtige Gründungskonzept

Ist eine Kanzleivision zufriedenstellend formuliert, geht es in einem zweiten Schritt darum, die Planungsarbeiten sorgfältig umzusetzen. Hier ist es zu Beginn wichtig, ein Gründungskonzept nebst Businesskonzept zu erstellen. Welche Elemente diese unbedingt enthalten sollten, weiß Dr. Geertje Tutschka, Autorin des Buches Kanzleigründung und Kanzleimanagement.

Frau Dr. Tutschka, was ist Ihrer Erfahrung nach unverzichtbarer Bestandteil eines Businessplans?

Gründungskonzept und Businessplan werden oft synonym verwendet, obgleich der Businessplan ursprünglich lediglich ein Bestandteil des Gründungskonzeptes war. In den meisten Fällen werden sie für ein finanzierendes Unternehmen/einen Investor, zumeist die Bank, erstellt, die es für die Vergabe von Gründungs- und Investitionsdarlehens einfordert; manchmal auch für das Arbeitsamt, welches mit dem Zuschuss für Gründer eine Kanzleigründung fördert. Alternative Finanzierungsformen wie Crowdfunding oder Fremdfinanzierung sind für Kanzleien nach wie vor leider noch nicht zulässig – wird zukünftig jedoch sicherlich möglich sein.

Wie ein Businessplan zu erstellen ist und welche Elemente er beinhalten sollte, ist heute online jederzeit und überall kostenfrei abrufbar (z.B. über die IHK – leider noch nicht über die RAK, wohl aber zumindest in Ansätzen über das Forum Junge Anwaltschaft im Berufsverband DAV).

Sie sollten immer über eine Finanzierungsmöglichkeit nachdenken, auch wenn kein akuter Bedarf besteht. Eine der wichtigsten Ressourcen wird das Investitionsvolumen sein, welches wie Spiritus bei der Entfachung eines Feuers unterstützen kann – im guten wie im schlechten Sinn. Auch für Frage der Finanzierung und Fördermittel gibt es mittlerweile sehr gute Dienstleister, was vor allem für Freiberufler wie Anwälte wichtig ist, da viele Fördermaßnahmen hier nicht oder nur unter ganz speziellen Voraussetzungen (wie z.B. standort- oder personalabhängig) zur Verfügung stehen.

Im Falle einer Finanzierung ist meine Empfehlung die Folgende:

Erarbeiten Sie zu allererst Ihre Kanzleivision, um nicht die „Kanzlei von der Stange“ zu gründen. Die Finanzierung wird den im Konzept vorgegebenen Kurs einfordern. Einen „anonymen“ Businessplan für die Finanzierung vorzulegen, um sich dann erst die Kanzleivision zu erarbeiten bzw. eine davon unabhängige Kanzleivision zu verfolgen, wird also nicht funktionieren. Bitte beachten Sie, dass Sie bereits für das Gründungskonzept nebst Kanzleivision – aufgrund deren Maßgeblichkeit für den Erfolg – Fördermittel erhalten könnten!

Ihre individuelle Kanzleivision ist also das Element, welches unbedingt enthalten sein sollte.

Ist der klassische Businessplan noch heute erste Wahl bei der Erarbeitung eines Gründungskonzeptes?

Ihr Businessplan sollte ebenso wenig wie Ihr Gründungskonzept nach erfolgreicher Finanzierung in der Schublade verschwinden. Er sollte Ihre Arbeitsgrundlage als Kanzleiinhaber sein, ständig überarbeitet, aktualisiert und angepasst werden. Immerhin erhalten Sie jeden Tag neue Informationen, was Ihre Klienten möchten und wie sie es möchten. Danach sollte Ihr Konzept ausgerichtet werden. Sie sind Dienstleister.

Es gibt mittlerweile moderne Varianten des klassischen Businessplanes – wie beispielsweise Business Model Canvas – die aus dem kreativen Bereich (oft aus der IT) kommen, wie Design Thinking, agile Teams etc. Einen klassischen Businessplan können sie nicht ersetzen; wohl aber ideal ergänzen. Ihre Kompetenz liegt in der Kreativität, die neue Geschäftsideen und Produkte entstehen lässt, die einem klassischen Businessplan oft abgeht. Die aber auch vielen Anwälte nach der reinen Fachausbildung als Junganwälte oder aber gestandenen Anwälten nach Jahren im Geschäft oft nicht mehr ohne weiteres zur Verfügung steht.

In unseren Trainings erfahren wir immer wieder, wie wertvoll für die Kollegen hier stimulierende Anreize sind, die vorhandene Kreativität wieder zu entfachen, um wirklich innovative Geschäftsmodelle aber auch solche, die eben auch die individuelle Lebenssituation der Beteiligten ausreichend berücksichtigt, zu entwickeln.

Frau Dr. Tutschka, welche Modelle für eine Kanzleigründung kommen überhaupt in Betracht? Welche Rechtsform bietet sich ihrer Meinung nach am ehesten an?

Eine einheitliche Antwort auf diese Frage gibt es leider nicht. Die aktuelle Statistik, die ich in meinem Buch sehr umfangreich bespreche, zeigt zwar, dass für bestimmte Geschäftsmodelle bestimmte Rechtsformen eher geeignet sind als andere. Grundsätzlich muss jedoch gesagt werden, dass jede Kanzlei auch als „Einzelanwalt“ oder Gesellschaft bürgerlichen Rechts sehr gut funktionieren kann. Die Strukturen und Prozesse sowie Personal, Standort und Geschäftsmodell  sind sehr viel entscheidender für den Erfolg als die Rechtsform. Diese kann übrigens jederzeit auch geändert und angepasst werden und ist keinesfalls in Stein gemeißelt.

Steht der Businessplan, wie sollten die ersten konkreten Schritte zur Kanzleigründung aussehen?

Das A und O sind die Einhaltung der Formalien, wie also beispielsweise die Zulassung, Anmeldung der Kanzlei bei Kammer und Finanz, Personalanmeldung, Sozialversicherung etc. Dies als „schmückendes Beiwerk“ abzutun und auf später zu verschieben ist ein Kardinalfehler, der bereits vielen Junganwälten bei der Erstgründung die Kanzlei geschlossen hat bevor es richtig losging.

Welche Grundausstattung ist Ihrer Erfahrung nach unerlässlich?

Selbstverständlich kann heute jeder, der die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt (wie beispielsweise der erfolgreiche Abschluss des Studiums und des Zweiten Staatsexamens) nur mit einem elektronischen Gerät eine Kanzlei eröffnen. Der fortschreitenden Digitalisierung sei Dank ist heute die Basis-Infrastruktur einer Kanzlei schon allein mit einem Smartphone abbildbar. Und zwar grundsätzlich überall auf der Welt. Viele meiner Klienten haben dann sofort diese Fantasie von einem Liegestuhl am Strand von Hawaii mit Laptop und Handy. Und ja – genau diesen Vorteil nutzen Anwälte heute leider viel zu wenig.

Wenn Sie mich also nach der Grundausstattung fragen, sind zwei Punkte ganz entscheidend für Ihren Erfolg:

  • In erster Linie ein professioneller IT-Partner. Dank der Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten kommt es hier vor allem darauf an, dass die Ausstattung Ihrem Kanzleiportfolio und Ihrer Positionierung entspricht sowie zuverlässig funktioniert.
  • Der zweite – oft unterschätzte Aspekt – ist aber Ihr Kanzleiteam. Die Menschen, die in Ihrer Kanzlei arbeiten, werden maßgeblich über den Erfolg Ihrer Kanzleivision und Ihres Gründungskonzeptes entscheiden. Und Sie allein entscheiden, wer das ist.

Ist Wachstum wesentlich, um eine Kanzlei erfolgreich im Markt zu platzieren?

Ja, absolut. Wachstum ist der Gradmesser für Erfolg. Sie bauen heute nicht mehr an der „Kanzlei der Ewigkeit“. Kanzleiübertragungen sind ohnehin weitgehend obsolet.

Welche Fragen sollte sich ein Gründer stellen, um seine Kanzlei optimal zu positionieren?

Tatsächlich geht es um die Frage, welches Problem der Klienten Ihre Kanzlei hier und jetzt optimal und besser als der Kollege lösen kann. Es geht um den USP, den sog. Unique Selling Point. Den können nur Sie anhand Ihrer Kanzleivision erarbeiten.

Haben Sie den jedoch herausgearbeitet, läuft Ihre Akquise fast von selbst. Selbstverständlich empfehle ich auch hier ein professionelles Kommunikations- und Marketingkonzept und die unbedingte Hinzuziehung von Profis, also Agenturen, die sich auf Online-Marketing und Offline-Marketing spezialisiert haben.

Wichtig ist jedoch an dieser Stelle, dass nur die wenigsten Kanzleien groß genug sind, um die erforderliche Marktpräsenz zu haben, sich ein entpersonifiziertes Marketing leisten zu können. Freshfields beispielsweise steht sicherlich mit seinem Namen fest im Markt. Das gilt jedoch nicht für Klein- und mittelständische Kanzleien. Diese verkaufen ihre Anwaltspersönlichkeiten, ihre Experten, ihr Charisma und Netzwerk.

Kanzleipositionierung ist für die meisten Kanzleien – und wenig überraschend auch zunehmend für Großkanzleien wie Freshfields – ein „Personal Branding“ Thema. Das bedeutet, dass Sie Ihre Anwälte promoten müssen: als Personen, als Menschen, als Experten. Das Rechtsberatungsgeschäft ist ein „peoples business“, ein Geschäft zwischen Menschen, die sich vertrauen. Das war zwar noch nie so einfach wie heute dank Social Media. Dies haben aber die wenigsten Kanzleien bislang begriffen. Die Bedeutung von Social Media für die Markenbildung und wie dies funktioniert ist eines der größten Beratungsfelder für uns heute.

Und dies gilt im Übrigen nicht nur für die Kanzleipositionierung in Bezug auf das Mandatsgeschäft. Dies gilt ebenso für die Positionierung als attraktiver Arbeitgeber im Wettkampf um die High Potenzials und vielversprechenden Nachwuchsjuristen.

Frau Dr. Tutschka, wir danken für das Gespräch.

Rechtsanwältin Dr. Geertje Tutschka ist Inhaberin und CEO von CLP – Consulting for Legal Professionals und Präsidentin des ICF Deutschland.

 

Kanzleigründung und Kanzleimanagement

 

Kanzleigründung und Kanzleimanagement

2018, XVIII, 325 S., De Gruyter, ISBN 978-3-11-051727-9,

Preis 59,95 € inkl. MwSt.

 

Hier finden Sie eine kostenlose Leseprobe.

 

 

 

 

Teil I des Interviews: