Justitia

Führt die Sammelklage zur „Klageindustrie nach amerikanischem Vorbild?“

Verbraucherrechte erfahren seit Jahren eine zunehmende Stärkung. Dafür sorgen zum einen Spezialportale im Internet wie Flightright, Geblitzt.de, abfindungsheld.de und Co. Mit Einführung der Musterfeststellungsklage zum 1. November 2018 soll nun eine weitere Stufe gezündet werden. Welche Veränderungen damit für Rechtsberater einhergehen, wollten wir von Rechtsanwalt Markus Hartung, Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession (CLP) an der Bucerius Law School in Hamburg, wissen.

Herr Hartung, mit welchen bislang wenig beachteten Marktteilnehmern müssen sich Rechtsanwälte zukünftig auseinander setzen?

Es sind die Alternative Legal Service Provider, also nicht-anwaltliche Rechtsdienstleister, die zunehmend Marktanteile gewinnen. Insgesamt und bezogen auf den Gesamtmarkt ist das noch eine verschwindend geringe Größe. Aber in den Nischen, in denen diese Dienstleister tätig werden, wachsen sie sehr schnell zu einer heftigen Konkurrenz für Anwälte heran. Das Problem für die Anwälte: diese Dienstleister finden immer mehr Nischen und Bereiche, in denen sie rapide wachsen. Richtig dramatisch wird es für die traditionelle Anwaltschaft, wenn sich Anwälte und nicht-anwaltliche Dienstleister zusammentun, denn das ist eine unschlagbare Kombination.

Welche Aufgaben könnten Kanzleien stärker übernehmen?

Die Stärke guter Anwälte liegt darin, dass sie Mandanten persönlich betreuen und viel besser als Maschinen die Einzelheiten des Sachverhalts erfassen und bearbeiten können. Darauf sollte man sich fokussieren. Aber nicht versuchen, etwas zu machen, was eine Software nicht nur viel besser, sondern auch viel günstiger erledigen kann.

Werden die Chancen von Legal Tech Ihrer Ansicht nach bereits in ausreichendem Maße von Rechtsanwälten genutzt? Welche Risiken sehen Sie?

Es sind eher Einzelfälle, in denen Legal Tech genutzt wird. Viele Anwälte scheuen den damit verbundenen Investitionsaufwand, und sie ahnen, dass ihre alt hergebrachte Art der Arbeit keine Zukunft hat. Solange es aber irgendwie noch geht, fragt man sich, warum man etwas ändern soll. Aber abgesehen davon: Legal Tech stößt an vielen Stellen noch auf regulatorische Widerstände, auch wenn Anwälte das betreiben. Schließlich darf man das unternehmerische Risiko nicht unterschätzen, denn Legal Tech ist kein Selbstläufer.

In welchen Bereichen kann Ihrer Einschätzung nach die Musterfeststellungsklage Verbrauchern zu ihrem Recht verhelfen?

Nun ja – in der Theorie führt sie zur Prozessökonomie und zu einer Risikoreduzierung für Verbraucher. Das gilt gerade bei den sog. Streuschäden, wo also ein Fehler zehntausende von Schäden verursacht. Ob das auch in der Praxis funktionieren wird, muss man mal abwarten. Die KapMuG-Verfahren haben sich auch nicht gerade zu einem Exportschlager entwickelt, im Gegenteil.

Droht mit Einführung der Sammelklage nun eine „Klageindustrie“ nach amerikanischem Vorbild?

Das ist, mit Verlaub, Unfug. Vermutlich haben die Protagonisten dieser Auffassung ihr Wissen aus US-amerikanischen Anwalts-Soaps erworben. Vergessen Sie nicht: Dieses Argument kommt regelmäßig von denjenigen, die am bisherigen mangelhaften Verbraucherschutz gut verdienen …

Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach das neue Verfahren auf die anwaltliche Beratung auswirken?

Das ist schwer zu sagen. Die Zusammenfassung vieler Fälle in einer Klage bedeutet ja zunächst, dass dafür weniger Anwälte gebraucht werden. Aber letztlich müssen die Ansprüche auch durchgesetzt werden, und das wiederum liefert die Musterfeststellungklage nicht. Jedenfalls müssen Anwälte sich damit befassen, denn wenn man seinen Mandanten nicht zu diesen Verfahren beraten kann, landet man schnell im Regress.

Am 15. November 2018 findet die 8. Herbsttagung des Bucerius Center on the Legal Profession (CLP) auf dem Campus der Bucerius Law School in Hamburg statt. Was erwartet die Teilnehmer dieses Jahr?

Wer sich über das Thema Sammelklagen (in allen Schattierungen) informieren will, ist bei der Herbsttagung richtig, denn wir haben alle „Player“ vor Ort – Angreifer, Verteidiger, Verbraucherschützer, Rechtspolitiker, Prozessfinanzierer, Wissenschaftler… wenn Sie ernsthaft mitreden wollen, müssen Sie kommen.

Herr Hartung, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Markus Hartung

 

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