Sexuelle Vielfalt – auch in Kanzleien

Schwul oder lesbisch? Bi-, trans- oder intersexuell? Zumindest in großen Anwaltskanzleien ist das auch in Deutschland nicht mehr unbedingt ein Grund zum Versteckspielen. Das ­einschlägige Karriereportal Alice hat im Internet ein paar namhafte Sozietäten als Unterstützer. Und die Jobmessen „Sticks and Stones“ desselben Betreibers ziehen bis zu 3000 Besucher an – darunter viele Angehörige von Rechtsberufen und deren Arbeitgeber.

Stuart Cameron, Gründer des Karriereportals und der Jobmesse für LGBTI-Juristen (dem Szenekürzel für ­Lesben, Gays – also schwule Männer – , Bi-, Trans- und Intersexuelle), schützt keinen Altruismus vor. „Wir sind keine Nichtregierungsorganisation, sondern eine ganz normale Firma“, sagt der Betriebswirt im Gespräch mit der NJW. Juristen hatte er ursprünglich nicht besonders im Blick, als er seine erste Karrieremesse veranstaltete. Generell habe ihn interessiert, welche Arbeitgeber offen für solche Menschen seien – „wem die ­sexuelle Orientierung egal ist und wo man unabhängig davon wertgeschätzt wird“. Bis die erste internationale Anwaltskanzlei Interesse am Mitmachen bekundete, hatte Cameron sogar gedacht: „Dieser konservative Berufsstand wird der letzte sein, der teilnimmt.“

Manche Sozietäten fördern Diversität

Seither ist die Beteiligung nach seinen Angaben jedes Jahr gewachsen. Das erste Event dieser Art speziell für Juristen im Jahr 2014 in einem Frankfurter Hotel sei allerdings noch „sehr überschaubar“ gewesen; nach ­einer Wiederholung zwei Jahre später in Köln kaprizierte sich Cameron daher erst einmal auf Web-Angebote. „Diese Themen werden immer wichtiger“, hört der Unternehmer von Sozietäten, die auf der Suche nach Nachwuchs sind; „da muss man mehr machen.“ Die Angst, sich zu outen, sei bei Großkanzleien gar nicht mal sonderlich groß, berichtet er. Und tatsächlich: Manche von ihnen fördern längst ausdrücklich ­Diversität, und das nicht nur in Bezug auf den Frauen­anteil. Wenn sie international aufgestellt sind, ver­langen das manche Mandanten sogar. Es nicht mehr unbedingt ein Geheimnis, wenn der Managing Partner einer Topkanzlei homosexuell ist oder sich der Chef ­eines Business-Development-Teams von einer Frau zum Mann umoperieren lässt – die Fangemeinde bekommt dessen Verwandlungsprozess auf Twitter mit medizinischen Details in Echtzeit mitgeteilt.

Der „Kulturkampf“ geht weiter

Auf seinem Webportal hat Cameron nicht nur eine Rubrik für Juristen, die einen entsprechenden Job suchen, sondern auch für Mandanten aus der „Community“, die sich mit ihren Anliegen gezielt einem einschlägigen Rechtsberater anvertrauen wollen. „Es gibt eine Menge LGBTI-freundliche Anwaltskanzleien“, hat er nach eigenem Bekunden festgestellt. Allerdings sieht er auch einen „kulturellen Kampf“: Manche Kanzleien hätten Angst, Kunden könnten eine Teilnahme an seinem ­Projekt bemerken und ihr Mandat aufkündigen. Bei den großen Büros verliere sich das langsam, bei den kleinen und mittleren hingegen noch nicht so sehr. Dort gebe es noch viele konservative Chefs, die von einem Bewerber oder vor einer Beförderung Ehegatten und Kind erwarteten. „Das sind natürlich unsichtbare Barrieren – niemand würde das einem Mitarbeiter ­offen sagen.“ Aber es seien immer noch Netzwerke, die den Berufsaufstieg unter sich ausmachen, und LGBTI seien da – ähnlich wie Frauen – oft außen vor.

Vorbild Amerika

„Wenn man aber als Arbeitgeber kein Problem damit hat, muss man das auch zeigen – wie sollen potenzielle Associates das sonst wissen?“ In Amerika ist man da nach seiner Erfahrung schon sehr viel weiter, wo anderenfalls empfindliche Strafen drohten und das Ganze als „strategisches Thema“ betrachtet werde. Personalverantwortliche müssten aufpassen, niemanden zu diskriminieren: „Anwälte verstehen sich schließlich gut zu wehren.“ Zudem sei die heranwachsende Generation ausgesprochen selbstbewusst und wisse, was sie bei der Jobsuche fordern könne.

Der Name Alice hat übrigens nichts mit dem früheren Netzanbieter zu tun, der einst in Deutschland mit einem italienischen Fotomodell eine durchschlagende Werbekampagne veranstaltete. Vielmehr ist sie nach der kame­runischen Anwältin Alice Nkom benannt. Cameron hat sie kennen gelernt, als sie von Amnesty International einen Menschenrechtspreis erhielt. Bei ihrer Arbeit gehe es um Leben und Tod; als einzige Advokatin in dem Land setze sie sich gegen die Kriminalisierung und Ausgrenzung von Homosexuellen ein. „Ihr Mut ist wahnsinnig groß, ich bewundere sie.“

Dieser Artikel ist in der NJW 33/2018 erschienen. Ein kostenloses Probeabo können Sie auf beck-shop.de bestellen.

Prof. Dr.  Joachim Jahn

Prof. Dr.  Joachim Jahn

 

 

 

Prof. Dr. Joachim Jahn ist Mitglied der NJW-Schriftleitung