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Drei Gründe, warum Legal Tech nicht im Kanzleialltag ankommt

Innovation fällt nicht vom Himmel – und auch nicht aus der Cloud. Es geht um Wandel, um Veränderung. Und die sind nie bequem. Das tollste Tool nützt niemandem, wenn es keines meiner Alltagsprobleme als Anwalt/Anwältin löst oder von niemanden im Team genutzt wird. So verheißungsvoll die Versprechen der Digitalisierung des Rechtsmarktes auch sind, so sehr vergisst man dabei, dass das Neue immer und zuallererst eines bedeutet: Arbeit! Bevor es also besser wird, wird’s erst mal schlimmer – vor allem mit der Arbeitsbelastung.

Was zunächst paradox klingt, ist beim zweiten Blick fast schon banal: Jede Kanzlei hat ihre Abläufe, ihre Gewohnheiten. Diese ermöglichen überhaupt erst ein komplexes, arbeitsteiliges Zusammenspiel aller. Um zu funktionieren, muss dieses System aber auch eine hinreichende Verlässlichkeit und Stabilität aufweisen. Das bedingt, dass Veränderungen – und mögen sie auch noch so erstrebenswert sein – sich gegen Widerstände durchsetzen müssen. Erst danach kann der durchaus angenehme Zustand des „Business-as-usual“ erreicht werden.

Innovationswillige sollten folgende Punkte im Kopf haben, bevor sie sich auf die Suche nach digitalen Lösungen machen:

Faktor Bedarf: Wo stehe ich?

Analysieren Sie zuerst Ihre aktuelle Situation. Hinterfragen Sie kritisch bestehende Abläufe. Beschreiben Sie Ihre typischen Workflows und versuchen Sie diese auch in zeitlicher Dimension zu erfassen. Lassen Sie sich von folgenden Fragen leiten: Welche Abläufe sind umständlich oder zeitlich besonders auffällig? Was kann man weglassen? Welche Prozesse sind ineffizient? Wo könnte eine digitale Lösung helfen? Was soll weiterhin manuell erledigt werden und weshalb?

Versuchen Sie gemeinsam mit Ihrem Team den eigenen Alltag mit neuen Augen zu sehen. Machen Sie sich bewusst, was Sie beibehalten und was Sie ändern möchten. Konzentrieren Sie sich auf Quick-Wins und Low-Hanging-Fruits, denn Veränderung beginnt mit kleinen Schritten.

Mit diesem Wissen gewappnet, können Sie dann die Suche nach digitalen Lösungen oder Anbietern beginnen.

Faktor Struktur: Wie ermögliche ich in meiner Kanzlei Innovation?

Das Neue muss anschlussfähig sein und braucht ausreichend Fürsprecher und innovative Opinion Leader. Das betrifft die Führungsebene genauso, wie die Teamebene. Fehlt das Commitment, verlaufen die besten Ideen im Sand. Auf Partnerebene muss Innovation befürwortet werden. Das bedeutet, dass Innovation aktiv unterstützt und mit ausreichend Budget versehen werden muss.

Innovation muss Ihnen etwas wert sein. Sorgen Sie für ein ausgewogenes und realistisches Budget.

Faktor Mensch: Ängste, ersetzt zu werden / Abwehrhaltung

Man liest in Zusammenhang mit Legal Tech öfter, dass der Anwaltsberuf quasi vom Aussterben bedroht ist. Kein sehr angenehmer Gedanke. Seien Sie sensibel für die eigenen Befürchtungen, aber auch die Ihres Teams. Jemand, der fürchtet, dass ein wesentlicher Teil der eigenen Arbeit durch Legal Tech Tools wegrationalisiert werden soll, wird vielleicht nicht zum Gelingen des Innovationsprozesses beitragen oder objektives Feedback zu getesteten Lösungen geben.
Sorgen Sie für ein positives Klima und nehmen Sie unnötige Ängste. Innovation nützt im Idealfall allen.

Legal Tech soll etwas ändern, etwas effizienter oder schneller oder einfacher machen. Solange wir selbst nicht wissen, was dieses „etwas“ ist und wie wir es erreichen können, ist Frust vorprogrammiert. Wir nehmen Veränderung besser an, wenn wir die Vorteile sehen und eine positive Einstellung zum eigenen Schaffen haben. Wachstum und Wandel sind Teamarbeit. Alle mitzunehmen und die eigenen Strukturen auf Innovation zu polen braucht Geduld, Ausdauer und eine gute Portion Selbstkritik. Nur so kann Legal Tech erfolgreich sein.

 

Dr. Veronika Haberler

Dr. Veronika Haberler

 

Dr. Veronika Haberler, CEO und Co-Founder von LeReTo, dem Quellenrecherchetool für Juristen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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