Kanzleimanagement braucht auch die kleinste Kanzlei – Interview mit Claudia Schieblon

Das Management einer Kanzlei steht heute vor zahlreichen Herausforderungen: Anpassung der Kanzleistrategie an die aktuellen Marktveränderungen, Recruiting engagierter Mitarbeiter und die Themen Legal Tech und Digitalisierung. Da hilft es ungemein auf das Wissen erfahrener Managing Partner bauen zu können, meint Claudia Schieblon, Leiterin des PMN. Ihr Buch, Kanzleimanagement in der Praxis, ist gerade in der 4. Auflage erschienen. Darin hat sie eine Vielzahl von Managing Partnern zu Wort kommen lassen.

Lohnt sich Ihrer Erfahrung nach ein Kanzleimanagement eigentlich erst ab einer bestimmten Kanzleigröße oder raten Sie generell dazu?

Jede Kanzlei, auch die kleinste, muss gemanagt werden. Kleine wie große Einheiten brauchen eine gute Organisation, damit der Betrieb reibungslos läuft. Sie sollten aber auch einen klaren Fokus auf die eigenen Stärken und Schwächen haben und darauf, wie sie sich am Markt positionieren wollen. Auch der Blick in die Zukunft ist wichtig. Jeder macht sich ja Gedanken darüber, was in den nächsten Jahren kommen kann und wie man die eigene Reise steuern möchte. Nichts anderes ist ja Management.

Die Frage impliziert aber auch die praktische Umsetzung: Ab welcher Größe benötigt eine Kanzlei einen Managing Partner oder ein Management-Team und ab wann sollte ein Kanzleimanager mit betriebswirtschaftlichem Know-How eingestellt werden? Ich würde generell zur Delegation von allen fachfremden Aufgaben raten; lieber früher als später. Sonst raubt das Zeit, die bei der Mandatsarbeit wesentlich besser eingesetzt wäre. Zudem können dies Management-Fachkräfte besser und schneller.

Wie sehen Sie die Digitalisierung und die Aversion vieler Anwälte zu diesem Thema?

Man sollte Digitalisierung nicht abtun als „Legal-Tech-Hype“ und „wird mich schon nicht betreffen“. Im Grunde geht es ja erst einmal darum Abläufe zu standardisieren, digitale Prozesse zu schaffen und einfache Tätigkeiten dem Rechner zu überlassen. Das schafft mehr Produktivität und spart Kosten, auch wenn es am Anfang erst einmal eine gewisse Investition bedeutet.

Ein digitaler Ablauf erleichtert auch das flexible und arbeitsplatz-unabhängige Arbeiten. Ein Faktor, der heute vielen Menschen sehr wichtig ist. So lassen sich berufliche und private Verpflichtungen besser unter einen Hut bringen und es bleibt auch noch Zeit für Hobbys und Entspannung.

Wie lässt sich eine offene Innovationskultur etablieren?

Das ist kein Thema, das sich in zwei Sätzen darstellen lässt, denn eine Innovationskultur einzuführen erfordert eine langfristige Veränderung von Verhaltensweisen, insbesondere die der Führungspersönlichkeiten der Kanzlei. Zudem gilt es, Foren zu etablieren, in denen die Mitarbeiter innovativ sein können. Wer sich mehr mit diesem Thema beschäftigen möchte, dem sei das Kapitel von Nicolai Andersen von Deloitte in meinem Buch empfohlen.

Für wie wichtig erachten Sie das Thema „Gender Diversity“? Und wie kann Chancengleichheit in einer Kanzlei gezielt gelebt und gefördert werden?

Die Vielfalt der Gesellschaft sollte sich auch in einer Kanzlei widerspiegeln – nicht aus moralischen Gründen, sondern weil es einfach zu kurz gedacht wäre im aktuellen Wettbewerb um Talente auf kompetente Menschen zu verzichten, die zudem frische Ideen in eine Kanzlei einbringen könnten. Das beginnt schon bei weiblichen Juristinnen. Sie haben durch Kinderphasen noch immer geringere Chancen, Partnerin einer Kanzlei zu werden oder wollen es erst gar nicht. Ist die Arbeit aber, zumindest teilweise, zeitlich flexibel und auch vom Home-Office aus zu erledigen, gewinnt man hoch motivierte Mütter (und zunehmend auch engagierte Väter), die sukzessiv wieder stärker einsetzbar sind. Und die sicherlich die Kanzlei so schnell nicht verlassen werden.

Gerade erschien Ihr Buch „Kanzleimanagement in der Praxis“ in der 4. Auflage. Wieso legen Sie dies Buch alle zwei bis drei Jahre neu auf?

Die momentanen Veränderungen im Markt bewirken, dass es viele neue Themen gibt, mit denen sich das Kanzleimanagement beschäftigen muss. So hat die Neuauflage sieben neue Kapitel, verfasst von Managing Partnern unterschiedlichster Kanzleien. Es gibt dort Darstellungen verschiedener Geschäftsmodelle mit Best-Practice-Beispielen. Auch die Digitalisierung in Kanzleien, die Veränderung der Arbeitskultur und Aufgabe und Rolle eines Managing Partners sind darin zu finden. Das Buch wächst von Ausgabe zu Ausgabe, Dank der Autoren, die trotz chronischer Zeitknappheit großartige, sehr praxisnahe Texte verfasst haben.

Welchen Wert hat ihrer Meinung nach „business networking“? Ist die Mitgliedschaft in einem Golf-Club für Anwälte nach wie vor ein unerlässliches „must“ aus Ihrer Sicht?

Meiner Meinung nach sollte man berufliche Interessen nicht mit privaten Interessen verquicken. Geschäftliche Kontakte kann man vielerorts pflegen – bei Fachveranstaltungen, in Wirtschafts- und Interessensclubs etc. Dann kann man ganz entspannt Golf spielen und bei Business Events richtig Gas geben.

Wie kommt man an neue, berufliche Kontakte?

Wählen Sie sich ganz gezielt Veranstaltungen, die Sie besuchen wollen, auch wenn Sie dort noch niemanden kennen. Es gibt einige ganz einfache Regeln des Netzwerkens. So kann man, wenn man alleine kommt, jemanden ansprechen, der auch alleine herumsteht. Gemeinsam lernt man dann viel schneller andere kennen und kann sich gemeinsam aktiv zu einer Gruppen dazustellen. Wenn man sich an die Networking-Regeln hält und auch spannende Konversationsthemen auf Lager hat, hat man am Ende eines solchen Events sicherlich interessante, neue Bekanntschaften geschlossen.

 

Kanzleimanagement in der Praxis

 

Schieblon (Hrsg.)

Kanzleimanagement in der Praxis
4. Auflage 2019, XVI, 180 S. mit 30 s/w-Abbildungen
Hardcover 49,99 €
Springer Gabler ISBN 978-3-658-22604-6

Oder als e-Book

 

 

 

Zur Autorin:

Claudia Schieblon

Claudia Schieblon ist Gründerin und Leiterin des Professional Management Network (PMN), ein Netzwerk von führenden Wirtschaftskanzleien und WP-Gesellschaften in Deutschland. Das PMN bietet Fortbildung, fachlichen Austausch und Business Networking in den verschiedenen Kreisen. Zudem werden seit 2009 mit den PMN Management Awards innovative Projekte aus dem Management und Business-Service-Bereichen von Kanzleien ausgezeichnet. Claudia Schieblon erhebt und veröffentlicht auch Benchmark-Studien zum Anwaltsmarkt. Ihr Buch „Kanzleimanagement in der Praxis“ ist gerade in der 4. Auflage erschienen.

 

Im August erschien bereits die Neuauflage Ihres Buches „Marketing für Kanzleien und Wirtschaftsprüfer“. Lesen Sie auch das Interview mit Claudia Schieblon zum Thema Türöffner Marketing.

 

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