Lassen Sie sich nie in Jogginghosen sehen, …

… wenn Sie in Ihrem Leben etwas erreichen wollen. Das weiß nicht nur Karl Lagerfeld. Die Dos and Dont’s des sozialen Aufstiegs erläutert die Stil-, Sprach- und Benimmexpertin Dr. Doris Märtin, Autorin des aktuell erschienen Buches Habitus, für erfolgsorientierte Leserinnen und Leser. Wir sprachen mit ihr über „Habitus“ und wie man ihn gewinnen kann.

Frau Märtin, es reicht also nicht einfach aus, ein guter Jurist zu sein, um Mandanten zu gewinnen, sondern um wirklich erfolgreich zu sein bedarf es „Habitus“. Was genau ist das eigentlich?

Mit dem Habitus sind Denk- und Verhaltensweisen gemeint, die aus der sozialen Prägung resultieren. Sie tragen mehr oder weniger Status ein und stellen mehr oder weniger Ähnlichkeit zum Beispiel zu Mandanten oder Entscheidern her. Im professionellen Umfeld meinen wir mit Habitus meistens den gehobenen Habitus der oberen Prozent.

Tatsächlich hat natürlich jeder Mensch einen Habitus. Der Unterschied ist nur: Nicht jeder Habitus trägt gleich viel Distinktion ein. Ob er uns zugutekommt oder eher schadet, darüber entscheidet die Kombination aus Können, Geld, Geist, Kultur, Ausstrahlung und Eloquenz, die jeder von uns in die Waagschale wirft.

Welche Forschungsansätze haben Sie Ihrem Buch zu Grunde gelegt?

Den Begriff des Habitus hat schon Aristoteles in seiner Tugendlehre verwendet. Intensiv mit den feinen Unterschieden zwischen oben, Mitte und unten hat sich aber erst der französische Sozialphilosophen Pierre Bourdieu beschäftigt. Er unterschied zwischen dem Habitus der Exzellenz, der Leistung und der Notwendigkeit. Das heißt: In der gesellschaftlichen Spitze geht es darum, dass man sich distinguiert und von der Masse abhebt. Ein mittlerer Habitus strebt mit Anstrengung nach vorn und sieht Leistung als Schlüssel zum Erfolg. Bei den Schwächeren in der Gesellschaft ist der Habitus davon geprägt, dass sie irgendwie durchkommen müssen.

 

Kann jeder Habitus erwerben?

In meinem Buch entschlüssele ich sieben Kapitalformen, die den Habitus positiv beeinflussen: Geld, Können, Kultiviertheit, soziale Verbindungen, Eloquenz, körperliche Leistungsfähigkeit und psychische Stabilität. Alle diese Kapitalsorten können wir gezielt ausbauen. Man kann also über den Herkunftshabitus hinauswachsen – muss es allerdings auch wollen und tun.

Welchen Einfluss hat die soziale Stellung qua Geburt auf den Habitus?

Menschen aus einer wohlhabenden, einflussreichen Familie bekommen ein großes Geschenk in die Wiege gelegt: Sie verinnerlichen den gehobenen Habitus mühelos, weil sie im Elternhaus überhaupt nichts anderes kennenlernen. Wer beispielsweise einer alteingesessenen Juristenfamilie entstammt, bekommt von Anfang an die Souveränität, die Sprache und die Verbindungen mit, die es leichter machen, auch selbst wieder eine Spitzenposition zu erlangen. Erfolg wird zudem beflügelt und beschleunigt, weil Kinder sehr erfolgreicher Eltern sich von Anfang an ambitioniertere Ziele setzen. Eine herausragende Position anzustreben ist für sie nicht vermessen, sondern selbstverständlich. Wer sich aus der Mitte nach oben arbeitet, ist dagegen oft mehr gelegenheits- als zielgesteuert.

Wie kann ich Habitus gewinnen? Gibt es eine Übung, die Sie zum Training empfehlen können?

Der erste Schritt besteht darin, wenn man sich bewusst macht, welche Kapitalformen auf den Habitus einzahlen. Man weiß dann sehr genau, was man außer Können braucht, um soziale Zugehörigkeit zu gewinnen und sich positiv zu unterscheiden. Beschleunigen lässt sich der Aufbau eines gehobenen Habitus, wenn man für neue Erfahrungen offen ist und Vorbilder, Mentoren, Freunde und Kollegen hat, deren Habitus positiv abfärbt. Auch Eliteuniversitäten und berufliche Topadressen sind Schnellbrüter für einen vorteilhaften Habitus.

 Kann ich Habitus auch wieder verlieren?

Der Habitus ist eine relativ träge Größe. Das heißt, er ändert sich eher langsam. Ein einmal erworbener Habitus bleibt deshalb auch dann sehr weitgehend erhalten, wenn man auf der Karriereleiter zurückfällt oder Besitz verliert. Verarmter Adel ist das typische Beispiel dafür.

Gehören zum Habitus grundsätzlich sichtbare materielle Dinge? Oder reicht bereits eine entsprechende innerliche Haltung?

Geld allein gibt nicht den Ausschlag. Will man sich auf Flughöhe mit den Besten bewegen, spielen beispielsweise der Glaube an sich selbst, gesellschaftliche Verankerung, eine Aura der Ruhe und Gelassenheit, Unternehmergeist und Formgewandtheit eine große Rolle. Das Vorzeigen von Statussymbolen kommt in der etablierten Oberschicht nur bedingt gut an. Geschätzt werden Qualität, Diskretion und Zurückhaltung.

 

Was sind absolute dont’s in Bezug auf den Habitus?

Wenn ich über Habitus spreche, reagieren Menschen oft erstaunlich ablehnend. Gerade die Mittelschicht weist es von sich, materiell und gesellschaftlich mehr zu wollen. Nach Höherem zu streben, wird häufig mit Gier, Steifheit und Protz assoziiert. Man will zwar nicht abgehängt sein, aber auch nicht abgehoben. Das ist respektabel, hat aber einen Preis: Denn ein mittlerer Habitus trägt zwar weit, aber nicht überall hin.

Wer sich ein weites reiches Leben mit vielen Möglichkeiten und Optionen wünscht, für den empfiehlt es sich deshalb, sich auf neue, anspruchsvollere Umgebungen ohne Vorurteile, aber auch ohne Überanpassung einzulassen. Das Zauberwort heißt dabei Gelassenheit: Es braucht Zeit, Zugehörigkeit zur Spitzenliga herzustellen. Vertrauen muss wachsen können. Das gleiche gilt für den Habitus.

 

Frau Märtin, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

Martin
Habitus Sind Sie bereit für den Sprung nach ganz oben?
2019, 256 S., Campus, ISBN 978-3-593-50983-9
Preis 22,95 € inkl. MwSt.

 

 

 

PS: Auch der „Stern“ hat unsere Autorin interviewt!

 

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