Weg von der Küchenpsychologie hin zu fundierten Sachkenntnissen: Psychologie für Juristen

Bereits im Jahr 2010 forderte der damalige rheinland-pfälzische Justizminister Heinz Georg Bamberger, dass angehende Richter und Anwälte in Rheinland-Pfalz während ihres Studiums nicht nur den Umgang mit den Paragraphen lernen, sondern künftig eine bessere psychologische Ausbildung erhalten sollten. Bamberger schwebte dabei der sensible Umgang der Justiz mit Trennungskindern vor; für psychologische Sach- und Methodenkenntnisse gibt es allerdings in allen Rechtsgebieten hohen Bedarf. Vereinzelte Universitäten bieten mittlerweile gemeinsame Zusatzveranstaltungen für Psychologen und Juristen an. Ganz aktuell erschienen ist nun das Buch „Psychologie für Juristen“, das erste Lehrbuch, das umfassend das Wissen vermittelt, das in juristischen Berufen gebraucht wird. Mit den Autoren Alica Mohnert und Daniel Effer-Uhe haben wir uns zu einem Gespräch getroffen.

Frau Mohnert, Herr Effer-Uhe: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Lehrbuch zum Thema Psychologie für Juristen zu schreiben?

Daniel Effer-Uhe

Effer-Uhe: Den ersten näheren Kontakt zur Psychologie hatte ich durch meine zivilprozessuale Habilitationsschrift, die mehrere Berührungspunkte zu psychologischen Fragen aufweist. Das hat mich dann animiert, mich – über die konkreten Einzelfragen hinaus – mit verschiedenen psychologischen Lehrbüchern zu beschäftigen, die aber natürlich ausschließlich für Psychologiestudenten konzipiert sind und unterstellen, dass der Leser ein Curriculum in Statistik und experimenteller Versuchsplanung durchlaufen hat. Für Juristen sind das weiße Flecken auf der Landkarte. Beim Lesen fiel mir ein Thema nach dem anderen auf, von dem ich der Meinung bin, dass ein Jurist davon schon einmal gehört haben sollte, wenn er seine Arbeit richtig machen will. Am Ende waren die Bücher fast auf jeder Seite voller Markierungen und Klebezettel. Ich habe daraufhin begonnen, eine entsprechende Vorlesung zu konzipieren, und Alica Mohnert angesprochen, ob sie sich vorstellen könnte, daraus ein gemeinsames Lehrbuchprojekt zu machen – denn gut geeignete Einführungsliteratur für Juristen gibt es bis jetzt nicht.

Mohnert: Da wurden bei mir offene Türen eingerannt. Ich bin von Haus aus Diplom-Psychologin und Juristin. Seit ich diese Doppelqualifikation verfolge, war es immer mein Ziel, diese beiden Bereiche wissenschaftlich zu verbinden. Während meines juristischen Zweitstudiums habe ich oft den Kopf geschüttelt über die, sagen wir, intellektuelle Unberührtheit mit empirischen Erkenntnissen über menschliches Verhalten, die an juristischen Fakultäten und in den Lehrbüchern vorherrscht. Selbst aktuelle Publikationen, die einen psychologisch relevanten Bereich streifen, stecken voller Mutmaßungen und persönlicher Ansichten darüber, wie der Mensch an sich so ist. Ebenso frustrierend ist es, wenn dort Inhalte wiedergegeben werden, die seit Jahrzehnten überholt sind. Bei so gut wie allen psychologischen Themen, denen Juristen in ihrer Arbeit begegnen, weiß man es längst besser. Die Erkenntnisse sind da – aber die Juristen nehmen sie nicht wahr. Einen Beitrag dafür zu leisten, dass sich das ändert, ist großartig.

Wie ist das Buch aufgebaut – als Leitfaden für die Praxis oder eher als akademisch geprägtes Lehrbuch?

Effer-Uhe: Glücklicherweise sind diese beiden Stoßrichtungen sehr gut miteinander vereinbar. Wir haben uns beim Schreiben primär ein studentisches Publikum vorgestellt, das durch das Lehrbuch zum ersten Mal mit Psychologie konfrontiert wird und einige Zeit später nach dem Berufseinstieg dasselbe Buch erneut in die Hand nimmt, wenn ihnen Fälle begegnen, in denen ihnen typische, psychologisch bedingte Stolpersteine auftun, auf die wir im Buch hingewiesen haben.

Alica Mohnert

Mohnert: Einige Kapitel sind für Praktiker dringlicher als Studenten, das ist ganz klar. Diese Bereiche haben wir bewusst aufgenommen, um die Vielfältigkeit der juristischen Arbeit abzubilden und studentischen Lesern frühzeitig die Chance zu geben, sich schon im Studium mit praxisnahen Fragestellungen zu beschäftigen, nachdem sie die akademische Grundlage durch die vorderen Kapitel gelegt haben. Allerdings enthalten sämtliche Kapitel ganz konkrete Bezüge zur juristischen Arbeit. Wir wollen mit diesem Buch anschaulich herausstellen, wozu Juristen gerade diese Inhalte brauchen.

 

Hilft das theoretische, akademische Wissen Juristen tatsächlich weiter oder sollten diese nicht lieber in allgemeiner Menschenkenntnis geschult werden?

Effer-Uhe: Das, was mit dem Kürzel „Menschenkenntnis“ umschrieben wird, sind zur einen Hälfte küchenpsychologische Alltagstheorien und zur anderen Auswüchse der tiefverwurzelten Illusion, die den allermeisten Leuten das Gefühl vermittelt, dass sie ihre Mitmenschen durchschauen. In Wahrheit sieht man andere durch die Brille der eigenen Einstellungen und Überzeugungen und sucht sich Belege, die das bestätigen, was man ohnehin schon glaubt – und bescheinigt sich dann selbst, dass man Recht hatte. Dieses Phänomen heißt Bestätigungsfehler und nimmt in unserem Buch eine prominente Stellung ein. So gesehen, nein, im Gegenteil, Juristen sollen von diesem gedanklichen Irrtum möglichst schnell wegkommen.

Mohnert: Psychologie ist erfreulicherweise keine akademische Trockenübung. Da ihr Ziel ist, menschliches Handeln zu beschreiben, zu verstehen und vorherzusagen, wäre es überhaupt nicht sinnvoll, bei der theoretischen Hypothesenbildung stehenzubleiben. Eine Theorie muss sich anhand der Empirie bewähren. Wenn die Daten zeigen, dass die fundamentale Annahme schlicht nicht damit übereinstimmt, was Menschen in der untersuchten Situation tatsächlich tun, ist das ein wichtiger Befund, auf dessen Grundlage der Erkenntnisprozess weiter aufbaut. Das Besondere am Forschungsgegenstand Mensch ist, dass man die Probanden nach ihren Erwägungen und Entscheidungen bis zu einem gewissen Grad sehr gut gezielt befragen kann. Dieser sogenannte qualitative Aspekt trägt erheblich dazu bei, die Beweggründe sichtbar zu machen, die hinter quantitativen Daten stehen und so ermöglichen, bei der Hypothesenableitung zunehmend feinsinnig vorzugehen. Hierdurch kommen nach und nach immer besser gesicherte und realistische Erkenntnisse zusammen, die deutlich angemessener für die juristische Tätigkeit sind als die eben erwähnten sich selbst bestätigenden Alltagstheorien.

Viele Fragen aus dem Tätigkeitsbereich der Psychologie spielen auch für die berufliche Praxis des Juristen eine Rolle, z. B. ob eine Zeugenaussage glaubhaft ist. Halten Sie daher Kenntnisse psychologischer Grundzüge generell für Juristen als unbedingt erforderlich?

Mohnert: Das halte ich in der Tat für dringend angezeigt. Ohne diese Kenntnisse stellen sich Juristen andauernd selbst ein Beinchen, und, was noch viel schlimmer ist, darunter leidet vor Gericht auch die Gerechtigkeit. Juristen müssen ganz bestimmt keine Minipsychologen werden. Aber wenn es darum geht, rechtzeitig zu bemerken, ob man gerade einem klassischen Irrtum aufgrund einer fehleranfälligen Heuristik aufsitzt und deshalb droht, unsachgemäß zu entscheiden, dann ist es erforderlich, dass bei den Juristen das nötige Wissen vorhanden ist, damit die Alarmglocken schrillen.

Effer-Uhe: Ein konkretes Beispiel: Heute mehr denn je fordern Gerichte regelmäßig psychologische Sachverständigengutachten an. Dazu sind sie sogar in vielen Fällen verpflichtet. Aber wenn das Gutachten dann auf dem Schreibtisch liegt, blättern manche Richter notgedrungen auf die letzte Seite und folgen mehr oder weniger kritiklos der Empfehlung. Damit wird die Entscheidung faktisch an den Sachverständigen ausgelagert, ohne dass das Gericht das Rüstzeug hätte, zu hinterfragen, wie plausibel die psychologischen Annahmen und die Instrumenteauswahl im konkreten Fall waren, um die relevanten Fragen überhaupt zu beantworten.

Mohnert: Natürlich liefern viele Sachverständige solide Expertenmeinungen ab, nichtsdestotrotz gab es in der Vergangenheit immer wieder Justizskandale, ganz besonders im Bereich der Glaubhaftigkeitsbeurteilung von Aussagen minderjähriger vermeintlicher Opfer sexuellen Missbrauchs. Mit einschlägigem Vorwissen auf Seiten der Juristen hätten die Aussagen rechtzeitig als suggestionsinduzierte Pseudoerinnerungen erkannt und abgefangen werden können. Gut gemeint ist in der Justiz nicht gut genug.

Über das Straf- oder Familienrecht hinaus – in welchen weiteren juristischen Bereichen können psychologische Grundkenntnisse hilfreich sein?

Mohnert: Kann man sich einen Bereich vorstellen, in dem Psychologie nicht hilft? An jeder Stelle, an der im Rechtssystem Menschen und ihre Interessen aufeinandertreffen, spielt Psychologie eine Rolle. Das gilt für alle Rechtsgebiete, im Verwaltungsrecht genauso wie im Zivilrecht.

Effer-Uhe: Durch die im internationalen Vergleich recht ungewöhnliche Verortung der Kriminologie an juristischen anstelle der sozialwissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland verbinden Juristen mit psychologisch angehauchten Inhalten meist Themen aus dem materiellen Strafrecht. Das greift viel zu kurz. Zudem stellen sich viele psychologische Herausforderungen der juristischen Tätigkeit schlicht rechtsgebietsübergreifend dar. Überall treten Fragen auf, in denen es wichtig ist, zu verstehen, wie beispielsweise die menschliche Wahrnehmung und das Gedächtnis funktionieren, welche Störfaktoren das eigene kognitive Urteil umlenken können oder auch welche gesicherten Erkenntnisse es über erfolgreiches Verhandeln gibt.

Sie haben bereits in Frankfurt am Main, Leipzig und Köln Vorlesungen und Blockseminare zu dem Thema gehalten – wird dies von den Studenten gut angenommen?

Effer-Uhe: Die Resonanz ist ausgezeichnet! Wir wurden von den Teilnehmerzahlen regelrecht überwältigt. Selbst in Köln, wo wir prüfungsordnungsbedingt leider keinen Schein für die Vorlesung ausstellen durften, hatten wir bis zum Schluss ein engagiertes Publikum, in Frankfurt und Leipzig waren die Teilnehmerzahlen dreistellig. Inzwischen sind aus einigen Teilnehmern bereits Doktoranden geworden. Das freut mich natürlich ganz besonders! Auch unsere Hilfskraft, die spezifisch die Entstehung des Buches tatkräftig unterstützt hat, hat über die Vorlesung zu uns gefunden.

Mohnert: In Frankfurt, wo die Veranstaltung als Schwerpunktbereichskolloquium eingeordnet war, mussten wir aufgrund der Anmeldezahlen von einem Seminarraum in einen Hörsaal umziehen, und in Leipzig haben immer einige Zuhörer tapfer auf den Treppenstufen gesessen. Die Evaluationen sind jedesmal brillant ausgefallen. Mein Lieblingskommentar aus dem freien Feld lautete: „Auf diese Veranstaltung warte ich seit dem ersten Semester!“ Ich denke, das zeigt deutlich, dass die Studierenden diese Inhalte im Jurastudium eigentlich als Teil des Kanons erwarten – und dann nicht geliefert wird. Sehr häufig war dort auch zu lesen, dass sie dankbar sind, etwas gelernt zu haben, das sie übergreifend für ihre spätere Berufstätigkeit brauchen werden. Für mich persönlich ist es zudem sehr zufriedenstellend, wenn Seminarteilnehmer am Ende sagen, dass wir ihre Annahmen über die vermeintliche Objektivität eines juristischen Verfahrens regelrecht erschüttert hätten. Denn dem Anspruch an gute juristische Praxis können wir uns durch belastbare psychologische Kenntnisse überhaupt erst in zufriedenstellender Weise annähern!

Frau Mohnert, Herr Effer-Uhe, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

 

 

Effer-Uhe/Mohnert
Psychologie für Juristen
2019, 213 Seiten
Softcover € 29,00 inkl. MwSt
Nomos ISBN 978-3-8487-4629-3

 

 

 

 

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