Legal Tech

Digitale Prozesse bestimmen bereits jetzt die Wettbewerbsfähigkeit des Anwalts

Der Anwaltsberuf ist nicht mehr das, was er mal war: Legal Techs und die Digitalisierung erweitern die Möglichkeiten für Rechtsuchende und verändern gleichzeitig die Arbeit der Juristen. Was in den USA schon zur Normalität geworden ist, hat in Deutschland erst vor fünf Jahren begonnen – Zeit für ein kurzes Zwischenfazit.

Situation für Anwälte und Mandanten verbessert

Betrachtet man den deutschen Rechtsdienstleistungsmarkt von 2014, herrschte im Grunde nur ein eingeschränkter Zugang zum Recht. Kaum messbare Qualitätsmerkmale, Angst vor zu hohen Kosten und der intransparente Ablauf einer Rechtsberatung schreckte viele vom Gang zum Anwalt ab. Die Geschäftsmodelle der mandantenorientierten Legal Techs setzen genau hier an.

Zum einen helfen Online-Portale bei der Akquise, indem sie Rechtsuchende in potenzielle Mandanten verwandeln. Der Vorteil, den sie dabei gegenüber Kanzleien haben, sind die disziplinübergreifenden Kompetenzen in Marketing, Recht und IT. Zum anderen ist die gesamte Fallabwicklung durch die Verwendung spezieller Software nunmehr digital möglich, sodass Mandate aus ganz Deutschland oder gar dem Ausland bearbeitet werden können. Allein dies erweitert den Markt enorm.

Neben den technischen Hilfen gibt es auch inhaltliche Optimierungen. Die Zuteilung gleichgelagerter Fälle, Standardisierungen und Automatisierungen führen zu einer zunehmenden Spezialisierung auf dem jeweiligen Fachgebiet und schließlich zu einer effizienteren Arbeitsweise. Der moderne Jurist konzentriert sich auf die Rechtsberatung, während das Portal den Service rundherum übernimmt.

Was Rechtsuchende außerdem daran hinderte, einen Anwalt zu beauftragen, waren schlichtweg fehlende Informationen: Auf der Suche nach einem kompetenten und fairen Rechtsbeistand waren sie auf sich allein gestellt. Durch Legal Techs können Anwälte nun Profil zeigen. Führende Anbieter prüfen die Kompetenz der Juristen vor der Aufnahme in ihr Netzwerk und garantieren ihren Mandanten damit höchste Qualität. Die Mitgliedschaft wird für den Rechtsanwalt so zu einer Art Qualitätssiegel. Insbesondere schaffen aber die Sterne-Bewertungen und Erfahrungsberichte von vorigen Mandanten Vertrauen zu den Leistungen des Anwalts und führen zu mehr Mandatsabschlüssen.

Neue Konzepte der Rechtsberatung etabliert

Mit Blick auf sich ändernde Mandantenbedürfnisse musste sich auch die Rechtsberatung zwangsläufig weiterentwickeln. Als erstes Legal-Tech-Unternehmen hat advocado daher die kostenfreie Ersteinschätzung eingeführt – vor fünf Jahren noch undenkbar. Die Zulässigkeit dieses Verfahrens wurde schließlich gerichtlich bestätigt (vgl. BGH, Urteil vom 3. Juli 2017, AnwZ (Brfg) 42/16; LG Essen, Urteil vom 10. Oktober 2013, 4 O 226/13).

Auch die Bezahlung hat sich verändert: Was früher der intransparente Stundensatz war, ist heute bei den meisten Anbietern das sichere Festpreisangebot. Die angepassten Abrechnungsmodelle senken nicht nur die Hemmschwelle für Rechtsuchende, sondern machen den Markt auch transparenter. Zusätzlich haben die Zahlungsmodalitäten, die der Mandant von eBay, Amazon und Co. kennt, Einzug in den Rechtsmarkt erhalten. Neben dem klassischen Kauf auf Rechnung sind heute u. a. auch PayPal, Lastschrift und Ratenzahlung möglich. Ein weiterer Schritt Richtung Befriedigung moderner Mandantenbedürfnisse.

Zukünftige Herausforderungen

Falsche Erwartungen an Legal Techs bremsen ihre Innovationskraft

Die digitale Fallabwicklung macht einen Besuch in der Anwaltskanzlei oft überflüssig. Dadurch fürchten viele Anwälte um die persönliche Beziehung zu ihren Mandanten. Online-Rechtsberatungsplattformen widersprechen dem jedoch nicht. Durch Funktionen wie den Videochat ist es fast so, als wäre man in der Kanzlei – nur dass man vielleicht zuhause bei einer Tasse Kaffee auf der Terrasse sitzt. Kostentreiber wie ein repräsentativer Kanzleistandort werden so künftig eher zum Wettbewerbsnachteil.

Das Thema Legal Tech ist auch unter Verbrauchern und in den Medien noch immer nicht etabliert. Hier werden wir noch viel Aufklärung leisten müssen. Tests kommen gelegentlich zu dem Fehlschluss, dass Online-Rechtsberatungen nur für eine erste Einschätzung oder einfache Fragen geeignet sind. Dem muss vehement widersprochen werden: Bei advocado bearbeiten wir eine Vielzahl komplexer Ansprüche von Privat- und Geschäftskunden beispielsweise im Erb-, Bau- oder Unternehmensrecht. Durch unsere Software und Innovationen wie der Videoberatung ändert sich an der Rechtsberatung somit nichts inhaltlich, sondern lediglich formell.

Rechtliche Grundlage muss geklärt werden

Da die historisch anmutende Gesetzgebung zur anwaltlichen Tätigkeit nicht auf digitale Rechtsberatung ausgelegt ist, fehlt den Unternehmen allerdings oft eine griffige Rechtsgrundlage. Einige von ihnen operieren beispielsweise unter einer Inkasso-Lizenz, die zwar nicht optimal, aber legal ist, wie Markus Hartung kürzlich im Anwaltsblatt darlegte. Das bestätigte auch das LG Berlin im Fall von Mietright (vgl. LG Berlin, Urteil vom 15.01.2019, 15 O 60/18).

Mittlerweile hat auch die Politik das Potenzial der Branche erkannt und drängt mehr und mehr auf eine Lösung der unklaren Rechtslage. Aufgrund der andauernden Debatte um eine Regulierung des Marktes hat sich zudem eine Legal-Tech-Plattform im Bundesverband Deutsche Startups e.V. formiert. In unserem Positionspapier beziehen wir klar Stellung und ebnen den weiteren Weg zur Etablierung von neuen digitalen Geschäftsmodellen im Bereich der Online-Rechtsberatung.

Fazit

All dies konnte in den vergangenen fünf Jahren jedoch nicht den Vormarsch der Legal Techs in Deutschland verhindern. Digitale Prozesse bestimmen bereits jetzt die Wettbewerbsfähigkeit des Anwalts. Denn dieser ist abhängig von den sich wandelnden Mandantenbedürfnissen. Sie wünschen sich schnelle, unkomplizierte und digitale Hilfe bei ihren Rechtsproblemen – das können Online-Rechtsportale mithilfe kompetenter Anwälte bieten. Ich bin mir sicher: Sobald das Unwissen über Legal Tech beseitigt ist, verschwinden auch die Zweifel. Daher sollte jeder offen sein, die verschiedenen Anbieter zu testen und sich selbst ein Bild von den Möglichkeiten der Digitalisierung zu machen.

 

 

Maximilian Block ist der Gründer und Geschäftsführer der digitalen Rechtsberatung advocado. Das 2014 in Greifswald gegründete Startup gehört mittlerweile zu den führenden Legal-Tech-Unternehmen Deutschlands und wurde mehrfach ausgezeichnet. Das Konzept: advocado bietet Rechtsberatung von erfahrenen Anwälten zu jedem juristischen Problem – unabhängig von Zeit und Ort sowie vollständig digital. Mithilfe eines geprüften Anwaltsnetzwerks aus mehr als 350 Partnerkanzleien hat advocado bereits über 50.000 Mandanten aus ganz Deutschland und dem Ausland zu ihrem Recht verholfen. Mehr zu advocado unter www.advocado.de.

 

 

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