Starke Stimme, stark im Job

Nur wenige Menschen nutzen das Potential ihrer Stimme, um sie als Werkzeug in (Konflikt)Gesprächen oder Vorträgen erfolgreich einzusetzen. Bedauerlich finden dies unsere heutigen Gesprächspartner Wiltrud Föcking und Marco Parrino, Autoren des neu erschienenen Buches Starke Stimme, Stark im Job, sind sie doch der Meinung, dass sich stimmliche Überzeugungskraft trainieren lässt.

Frau Föcking, Herr Parrino, herzlichen Dank, dass Sie uns für ein Interview zur Verfügung stehen. Fallen wir doch gleich mal mit der Tür ins Haus: Frauen als Rednerinnen hören Frau Nitsch und ich ungern zu. Oft schnappt die Stimme über oder wird schrill. Ist das nur unsere kritische Sicht auf anderen Frauen oder sind Frauen stimmlich im Nachteil gegenüber Männern. 

W.F. und M.P.:  Frauen sind, was die Stimmfunktion anbelangt, grundsätzlich nicht im Nachteil gegenüber Männern. Dass Frauen oft sehr krtisch mit sich und anderen  Frauen sind, ist ein anderes Thema.

Die weibliche Sprechstimmlage liegt um einiges höher als die männliche und bietet so das Potential, die Klanganteile zu nutzen, die für die Tragfähigkeit der Stimme, d. h für eine gute Sprachverständlichkeit im Raum verantwortlich sind.

Verknüpft mit dieser Tonlage ist allerdings auch ein physikalisches Phänomen, das eine ungeübte Stimme unter Stress nach oben wegkippen lässt. Man nennt es Registerwechsel.  In einem Berufsfeld, in welchem es um Glaubwürdigkeit und Seriosität geht, kommt eine „piepsige“, gar „schrille“ Frauenstimme nicht gut an, wirkt schlimmstenfalls sogar hilflos, überfordert.

Mit  spezifischer Kräftigung der Lautstärkefunktion und individueller Wahrnehmungsschulung  lässt sich eine Stimme unserer Erfahrung nach gut entwickeln, damit sie im Job stabil bleibt und  effektiv durchdringen kann. Oder noch einmal mit anderen Worten, wenn die Stimme kraftvoll ist und wir sie gut aus der Kraft heraus einsetzen können, kippt sie nicht weg. Es hat also immer auch mit der Wahrnehmung und Kenntnis der eigenen Stimmpotentiale zu tun.

Gibt es eine besonders empfehlenswerte Basisübung, mit der – insbesondere Frauen – ohne größeren Aufwand etwas für die Stimme tun können?

W.F. und M.P.:  Als Basisübungen fassen wir alle Übungen zusammen, die die grundlegenden Muskelfunktionen der Stimme trainieren. Um die Stimme dauerhaft fit für den Einsatz im Job zu machen, sollten Sie sich ein regelmäßiges Fitnessprogramm für alle Muskeln gönnen. Das nimmt nicht viel Zeit in Anspruch und macht großen Spaß. Als Einstiegsübung könnte die Papprolle dienen, mit der Sie den eigentlichen Stimmmuskel, der mitten durch die Stimmlippen läuft, trainieren. Wir nennen ihn auch gerne den Aggressionsmuskel.

Wir haben in unserem Buch sieben Basisübungen beschrieben und per Videoapp wird dem Leser demonstriert, wie die Übungen durchzuführen sind. Jede der Übungen trainiert eine wichtige Einzelfunktion unserer Stimme, so dass die Stimmfunktion insgesamt gründlich durchgearbeitet wird.

Für uns ziemlich überraschend ist der dritte Baustein Ihrer Methode Aggression, ist diese doch eher negativ besetzt. Sie halten ihn allerdings für elementar wichtig.

W.F. und M.P.:  Wir beziehen uns bei dem Begriff Aggression auf den lateinischen Ursprung. Das „ad gredi“ bedeutet Rangehen. Wir müssen im Job ständig Entscheidungen treffen und ohne eine gut dosierte Prise Aggression werden wir uns kaum Gehör verschaffen können. Besonders Frauen raten wir, öfter Mal klare Kante zu zeigen und in ihrer Stimme den eindeutigen, aggressiven Anteil zu aktivieren. Klar, dass dafür eine kräftige, sichere, aber nicht hochkippende Stimme nötig ist!

Es war uns bei der Wahl des Begriffs Aggression für dieses Skill klar, dass er auf Irritation stoßen wird. Aggression ist im Alltagssprachgebrauch  eher negativ besetzt. Bedürfnisse nach Aggression sind Tabu! „Ich platze gleich!“ –  bei dieser Drohung bleibt es meist und man unterdrückt die Wut im Bauch. Unserer Meinung nach ist diese unterdrückte bis subtil und unterschwellig geäußerte Aggression viel schädlicher als ein konstruktiver Schlagabtausch in dem aufrichtig Tacheles geredet wird – wie ein „reinigendes Gewitter“. Das ist unsere Vorstellung von Aggression: konstruktiv für die eigene Meinung einstehen.

Als wichtigen Baustein für gelingende Gespräche führen Sie die Fähigkeit zu Empathie an. Wie kann ich als Anwalt in bedrückenden Beratungssituationen, z.B. im Familienrecht, dafür sorgen, dass die positiven Kräfte der Empathie nicht zu einer Gefahr für mich selbst werden?

W.F. und M.P.:  Sie sprechen einen sehr wichtigen Punkt an. Empathie im Job ist wichtig für die Verständigung mit anderen. Auch in kontroversen Gesprächssituationen ist es gut „den Feind“ zu kennen, sich in ihn einfühlen zu können und seine Motive nachzuvollziehen. Gleichzeitig ist Abgrenzung nötig, um einen klaren Blick auf die Sache zu behalten und sich nicht zu verzetteln.

Ein wichtiger Ausgleichsfaktor zu Empathie ist die Integrität. Nur wenn ich es schaffe für mich selbst zu sorgen, kann ich mich empathisch meinem Gegenüber zuwenden. Eine verlässliche Stimmfunktion, auf deren Kraft ich mich verlassen kann, gibt mir auch in schwierigen, emotionalen Gesprächssituationen ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit

Ein weiterer wichtiger Baustein Ihrer 3+1-Methode ist die Integrität, die Sie bereits angesprochen haben. Hier raten  Sie Führungskräften, dass ihr eigenes Verhalten unbedingt mit den öffentlich postulierten Werten übereinstimmen muss, also ein klares Bekenntnis zu Regeltreue. In Zeiten von Konkurrenzdruck, beruflichem Stress, hohen Anforderungen eine ziemlich große Herausforderung.

W.F. und M.P.:  Bekenntnis zur Regeltreue meint nicht blinder  Gehorsam. Aus der Perspektive der Führungsperson ist hier Treue zu den Regeln gemeint, die sie selbst aufgestellt hat. Unserer Meinung nach kann eine Führungskraft im Team nur überzeugend rüberkommen und auf Dauer gesund und ausdauernd im Job agieren, wenn sie  die geltenden Regeln im Team nicht nur top down vorgibt, sondern selbst auch transparent vermittelt und lebt. Gelegentlich sollten Regeln daher  ruhig auch mal hinterfragt und an die  aktuellen Bedürfnissen und Veränderungen im Job angepasst werden.

Und weil die Stimme  Ausdruck der Persönlichkeit ist, spiegelt sie diese Integrität wider. Stimmliche Integrität ist demnach eine kraftvoll zuverlässige Stimme, die in den Wirren des Alltags, inmitten des  von Ihnen benannten Konkurrenzdrucks und  beruflichen Stress standhält und so die eigene Integrität ausdrücken kann.

Gezielte Übungen zur Integrität, wie die Klangrinne zur Sicherung der Selbstwahrnehmung oder die Basisübung Crescendo zur Kräftigung der Stimmfunktion, sind da sehr hilfreich.

Regelmäßiges Lachen soll der Stimmbildung förderlich sein – leider gelten Büros in Deutschland als humorfreie Zone. Soll man sich einfach darüber hinwegsetzen oder raten sie eher zu Vorsicht?

W.F. und M.P.:  Ja, tatsächlich haben die Deutschen noch immer den Ruf humorlos zu sein. „Deutscher Humor ist, wenn man trotzdem nicht lacht.“ Dies Zitat von Radecki stimmt aber nur halb. Die Deutschen sind viel lustiger als ihr Ruf. Wir sind in unseren Seminaren immer humorvoll. Den Teilnehmern tut das sehr gut, wenn wir nicht alles so bierernst nehmen – auch uns und unsere Arbeit nicht.  Das lockert die Atmosphäre auf.

Der erste Schritt für mehr Humor im Job setzt bei uns selbst an. Wenn wir es schaffen, gelegentlich eine Situation von außen zu betrachten, können wir den Druck reduzieren und vielleicht über uns selbst lachen.

Und wenn wir den Mut aufbringen, den ersten Schritt zu tun, freuen sich die anderen und ziehen vielleicht mit.

Ein herzhaftes Lachen ist ein Reflex und setzt eine Vielzahl wichtiger Körperfunktionen in Gang. Die gesamte Stimmmuskulatur wird gekräftigt und dem Lachimpuls kann sich kaum jemand entziehen. Lachen ist ansteckend und wenn es im Job gelingt, einen natürlichen Lacher bei den Kollegen zu erzielen, lösen sich Anspannungen, das Denken wird kreativer und überhaupt macht Arbeiten dann mehr Spaß.

Was gehört Ihrer Meinung nach unbedingt zu einer stimmigen Performance, die den Redner nicht anstrengt und der die Zuhörer gut und gerne folgen?

W.F. und M.P.:  Das Top oder Flop einer Performance entscheidet sich auf einer sehr  subtilen Ebene der Kommunikation. Wir sprechen von analoger Kommunikation, bei der unser Stimmklang eine bedeutende, aber noch immer unterschätzte  Rolle spielt. Mehr oder weniger unbewusst erleben wir einen Vortrag als ganzheitliches Ereignis. Wenn wir, wie sie oben ja auch schon andeuteten, eine Stimme als gedrückt, quäkig oder piepsig wahrnehmen, kann der Inhalt noch so richtig und überzeugend sein:  Es gibt Abzüge in der B-Note!

Auch eine „lauthalsige“ Überrumpelung funktioniert meist nicht.  Stimmlicher Druck produziert vor allem Lautstärke und nimmt dem Zuhörer die Möglichkeit, sich geschmeidig auf den Vortrag einzulassen. Zusätzlich besteht bei einem lautstärkedominierten Vortrag die Gefahr, dass der Stimmklang rau und wenig klangvoll, die Stimme wenig belastbar ist – oder bei der Frau leider hochkippt.

Kennt der Vortragende hingegen seine stimmlichen Potentiale ebenso wie ihre Grenzen, zeigt sich das in einer tragfähigen Stimme, die auch die Zuhörer in der letzten Reihe erreicht. Das strahlt Energie und Souveränität aus, der Zuhörer kann dem Vortrag gebannt, aber entspannt folgen. Es lohnt sich also, Zeit und Energie nicht nur in die inhaltliche Vorbereitung einer Präsentation, sondern auch in die stimmliche zu investieren. Als Übung empfehlen wir den Trichter. Er dient dazu, uns mit unserer Stimmresonanz in Kontakt zu bringen und dadurch unser stimmliche Integrität für einen souveränen Vortrag zu sichern.

Frau Föcking, Herr Parrino, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Wiltrud Föcking ist Logopädin, Lehrlogopädin (dbl) und Bildende Künstlerin. Marco Parrino ist Sänger, Logopäde, Stimmbildner.

 

Föcking / Parrino
Starke Stimme – Stark im Job
Ratgeber
2019, X, 149 Seiten
Softcover  € 19,99
Springer ISBN 978-3-662-58160-5

 

Weitere Informationen zum Thema finden Sie hier: www.foecking-parrino.de