Mal kein Buch: Der Prozess – Theater-Rezension Bad Hersfelder Festspiele 2019

In der Bad Hersfelder Stiftsruine hat Intendant Joern Hinkel mit Kafkas „Der Prozess“ eine ebenso werknahe wie Aufsehen erregende und verstörende Justizerzählung auf die Bühne gebracht. Dabei beginnt alles ganz harmlos. Denn:

Die Geschichte ist bekannt

Mensch, diese Gesichter kennen doch auch wir schon im Schlaf. Bereits die ersten Szenen, nachdem sich Josef K. am Vorabend seines 30. Geburtstags zu Bett gelegt hat, üben auf jeden medienkundigen Zuschauer einen geradezu perfiden Sog aus. Da umsorgt den zunächst noch sehr selbstbewussten jungen Banker – in seiner zunehmenden Fassungslosigkeit wunderbar anschaulich gespielt von Ronny Miersch – zunächst die Haushaltskraft in Gestalt von Marianne Sägebrecht, Percy Adlons unvergesslicher Jasmin aus Out of Rosenheim. Und die ältere Dame in Rot, das ist Ingrid Steeger, hier wie dort ein Star der Klimbim-Szene, die den wunderbaren Schlitz im Kleid später wie ein Echo zitieren wird. Und, sieh an: Da sind auch Markus Majowski aus „Die Dreisten Drei“ und Thomas M. Held aus dem guten alten „Sechserpack“.

Das ist doch wohl ein Scherz?

Tatsächlich glaubt auch K. anfangs an einen Scherz, aber Intendant Joern Hinkel hat nicht zuletzt deren Rollen in grandioser Weise wider den Strich gebürstet: Sie begegnen unserem Protagonisten als völlig humorlose Aufseher, denn irgendeine für ihn nicht näher greifbare Anschuldigung zieht ihn in den Sog der Justiz. In den nächsten beiden gut zweieinhalb Stunden wird K. dieser Umstand zuerst an den Rand der Geduld, dann an den Rand seiner bürgerlichen Existenz und schließlich an den Rand der Verzweiflung bringen. Zwar darf er sich ungeachtet einer Festnahme weiter frei bewegen, das kostet ihn aber nicht nur seine laszive Freundin (voller sprühender Präsenz: Corinna Pohlmann). Auch sein Arbeitgeber wendet sich frei nach der Mey’schen Sentenz „Selbstverständlich, dass jeder hier zu Ihnen steht“ von ihm ab, dieweil ein aufdringlicher Reporter (wunderbar hektisch-schmierig verkörpert von Thorsten Nindel) ihn umschwirrt wie den (angeblichen) Teufel die Fliege.

Derweil sind weder die Mühlen der Justiz noch deren Protagonisten oder auch nur deren attraktive Gespielinnen für zu greifen. K.‘s eigener Anwalt entpuppt sich als alternder Narzisst, der noch im Schlafanzug selbst die übelsten Selbstdarsteller der bundesdeutschen Strafverteidigergeschichte hinter sich lässt. Dabei gelingt Hinkel ein genialer medialer Brückenschlag: Für die Rolle des Advocaten Huld hat er Dieter Laser gewonnen – jenen Dieter Laser, der als BILD-Reporter Werner Tötges in Heinrich Bölls „Katharina Blum“-Verfilmung 1976 den Machtmissbrauch einer anderen „Gewalt“ so drastisch verkörpert hat wie kaum ein anderer zuvor und danach. Für seinen Mandanten interessiert sich dieser Kollege jedenfalls nicht. Als es schließlich zu einem mysteriösen Urteilsspruch kommt, fügt K. sich ohne innere Einsicht.

Und heute? Gustl Mollath läßt grüßen

Auf dem Heimweg diskutiere ich mit dem Mann an meiner Seite, wie sicher wir eigentlich heute – gut 100 Jahre nach der Entstehung von Kafkas Stück – vor derartigen Auswüchsen sind. Sehr sicher? Oder meinen wir das nur, weil wir uns selbst als Jurist(inn)en obenauf wähnen? Und was wäre eigentlich, wenn K. wegen mehrerer ihm angelasteter Delikte und gleichzeitiger, durch Gutachter festgestellte Schuldunfähigkeit gerichtlich in den psychiatrischen Maßregelvollzug eingewiesen worden wäre? Dann wäre das Ganze kein Theaterstück mehr. Gustl Mollath lässt grüßen.

 

Autorin: Rechtsanwältin Dr. Anette Schunder-Hartung, aHa Strategische Kanzleientwicklung, Frankfurt am Main

Anm. der Redaktion: „Der Prozess“ nach Franz Kafka in der Fassung für die Bad Hersfelder Festspiele von Joern Hinkel wird nach der Premiere am 5. Juli 2019 noch bis zum Freitag, 30. August, in der Stiftsruine Hersfeld aufgeführt.