„Die Achtung der Menschenwürde ist beim Führen unabdingbar.“ – Interview mit Rechtsanwalt Dr. Knoll

Im Interview spricht Dr. jur. Stefan M. Knoll, Gründer und Vorstandsvorsitzender der DFV Deutschen Familienversicherung AG, über sein neues Buch „Denken und Führen in Zeiten der Digitalisierung“. Außerdem gibt der promovierte Jurist darüber Auskunft, was für ihn einen guten Führungsstil im digitalen Zeitalter kennzeichnet.

Herr Dr. Knoll, unter deutschen Managern ist es aktuell ein beliebter Trend, ins kalifornische Silicon Valley zu reisen und sich von den dortigen Führungs- und Arbeitsmethoden inspirieren zu lassen. Sie hingegen zitieren in Ihrem neuen Buch lieber Kant. Woher kommt diese Vorliebe für alte Werte und Tugenden und wie passen diese in unser digitales Zeitalter?

Dr. Stefan M. Knoll: Kants aufklärerisches Leitmotiv „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ begleitet mich schon mein Leben lang. Er ist das genaue Gegenteil zum Mainstream, bei dem die Masse unreflektiert der exklusiven Meinung einiger weniger hinterherläuft. Deshalb ist Kant die bestimmende Größe in meinem Denken und ich versuche meinen Mitarbeitern tagtäglich zu vermitteln: Bevor ihr etwas umsetzt, denkt darüber nach. Das mag etwas banal klingen. Aber da wir in einer aufgeklärten Gesellschaft leben, muss dieser Wahlspruch der Aufklärung auch unser tägliches Tun und Handeln leiten. Das gilt in Zeiten der Digitalisierung ganz genauso wie im vergangenen analogen Zeitalter.

Führt die Digitalisierung dazu, dass den Menschen zunehmend die eigenen Prinzipien oder die von Kant beschriebene Fähigkeit zum selbstständigen Denken abhandenkommen?

Wer sich einmal näher mit der deutschen Geschichte befasst, wird schnell feststellen, dass Denkfaulheit kein Phänomen ist, das erst mit dem Durchbruch der digitalen Medien Einzug gehalten hat. Es geht mir auch nicht darum, vollkommen kenntnisfrei vom „Buzzword“ Digitalisierung zu fabulieren. Vielmehr habe ich das Buch geschrieben, um zu hinterfragen, was die aktuellen, unter dem Begriff der Digitalisierung subsummierten Entwicklungen wirklich für uns bedeuten. Es geht um die Degradierung des Menschen vom Subjekt zum Objekt. Derartige Fragen und Entwicklungen rufen Ängste hervor, darüber müssen wir sprechen und als Gesellschaft eine Antwort darauf finden. Und wir müssen uns fragen, ob nicht auch die Digitalisierung ihre Grenzen in Artikel 1 unseres Grundgesetzes finden muss.

Sie spielen auf die im Grundgesetz festgeschriebene Unantastbarkeit der Menschenwürde an. Muss die Würde des Einzelnen in der Praxis der modernen Unternehmensführung noch stärker berücksichtigt werden?

Die Achtung der Menschenwürde ist beim Führen unabdingbar. In einer aufgeklärten Gesellschaft gibt es dazu keine Alternative. Zu einer guten Führung gehört, dass der Führende auch auf seine Mitarbeiter achtgibt, dass er deren Würde schützt und – wenn notwendig – auch verteidigt. Das mutet vielleicht etwas pathetisch an, aber ich spreche hier aus eigener Erfahrung: Ich habe drei Unternehmen aufgebaut und mit diesen jeweils Millionenumsätze erwirtschaftet. Das schaffen Sie nicht, wenn Sie Ihre Mitarbeiter schlecht behandeln. Sie müssen etwas für Ihre Leute empfinden, sie mögen.

In Ihrem Buch zitieren Sie auch Clausewitz, den großen General und strategischen Denker, und Friedrich den Großen. Wie finden die Ansätze dieser beiden Persönlichkeiten in unserer heutigen digitalisierten Welt ihre Anwendung?

Zunächst einmal: Wirtschaft ist nicht Krieg und umgekehrt. Aber manche Mechanismen ähneln sich durchaus. Clausewitz vertritt die Auffassung, dass zum Führen auch Talent gehört. Führen hat nichts mit Schulterklappen oder Doktortiteln zu tun, Führen hat etwas mit Talent zu tun. Das beschreibt Clausewitz in einer so wunderbaren und ausgereiften Form, es ist das Beste, das je zu Begabung und Führung geschrieben worden ist. Friedrich der Große ist ein Musterbeispiel für verantwortungsbewusstes Führen. Bereits im 18. Jahrhundert war er sich nicht zu schade, vor einer entscheidenden Schlacht seine Soldaten einzeln anzuweisen, ihnen seinen Wert für das Kollektiv zu vermitteln und anschließend selbst an vorderster Front ins Gefecht zu ziehen. Genau das erwarte ich auch von einem Vorstandsvorsitzenden im 21. Jahrhundert. Er muss von vorne führen, er muss sich auch mal in die Schalterhalle begeben, er muss zu seinen Leuten gehen und fragen, was macht ihr denn eigentlich den lieben langen Tag?

Sie äußern sich ablehnend zu Arbeitsmodellen wie beispielsweise Scrum. Stattdessen sprechen Sie in Ihrem Buch von „Auftragstaktik“. Was hat es damit auf sich?

In Deutschland verfügen wir mit der Auftragstaktik bereits seit dem 18. Jahrhundert über einen funktionierenden Führungsansatz.

Der Führende formuliert seine Absicht, gibt eine linke und rechte Grenze vor und überlässt den Rest seinen Führungskräften. Nicht jeder einzelne Schritt wird definiert, sondern nur das übergeordnete Ziel. Wie der oder die Einzelnen dorthin kommen, liegt nicht im Zuständigkeitsbereich des Führenden.

Nach dieser Auftragstaktik versuche ich mein Handeln auszurichten, sie spart Hierarchieebenen ein und ermöglicht schnellere Entscheidungen. Natürlich bedarf es dazu auch geeigneter Mitarbeiter. Menschen, die den Mut haben, Entscheidungen zu treffen. Die sich auch mal trauen zu sagen, nein das geht so nicht. Ich wehre mich aber entschieden dagegen, dass wir aus Amerika kommende Begriffe unreflektiert bei uns auskippen und Schulungen oder derlei dazu veranstalten, während wir mit der Auftragstaktik etwas haben, das sich bereits lange Jahre bewährt hat. Das Verfahren lässt sich in komplexen Unternehmen anwenden, um die dort vorhandene Fülle an unvorhersehbaren Ereignissen zu bewältigen. Da brauchen wir kein Scrum-Management.

Herr Dr. Knoll, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Dr. jur. Stefan M. Knoll ist Jurist, Offizier und Unternehmer mit über dreißigjähriger Führungserfahrung. Er ist Gründer und CEO der DFV Deutsche Familienversicherung AG, die er 2018 nach erfolgreicher digitaler Transformation und Positionierung als erstes funktionierendes InsurTech in Europa an die Börse brachte. Sein neues Buch „Denken und Führen in Zeiten der Digitalisierung“ ist im Deutschen Fachverlag (dfv), Verlagsbereich R&W Fachmedien Recht und Wirtschaft, erschienen und ab sofort erhältlich.

 

 

Knoll
Denken und Führen in Zeiten der Digitalisierung
2019,200 S.
Softcover € 29,80
Deutscher Fachverlag GmbH, Fachmedien Recht und Wirtschaft. ISBN 978-3-8005-1714-5