Geschäftliche Korrespondenz – mehr als die Kompilation von Textbausteinen. Gastbeitrag von Dr. Frank Lang

Täglich werden wir eingedeckt mit geschäftlichen Briefen und E-Mails, deren Gestaltung und Stil leider oftmals eher für nacktes Grauen und betretenes Fremdschämen denn für wohlwollende Beachtung des Inhaltes sorgen. Manche pflegen angeblich einen Ordner „Bürobelustigung“, in welchem die schlimmsten Exemplare zur allgemeinen Erheiterung archiviert werden.

Dabei sind Brief und E-Mail nicht nur quasi verlängerte Visitenkarte einer Anwaltskanzlei, sondern vor allem auch Bühne der fachlichen Kommunikation. Umso mehr Wert sollte auf eine professionelle Korrespondenz gelegt werden. Hier ein paar grundlegende Tipps für eine erfolgreiche Geschäftskorrespondenz:

Formalien
sind die absolute (nicht diskutable) Basis einer jeden geschäftlichen Korrespondenz. Geregelt sind sie in einer DIN, zu welcher es auch eine nützliche weitere Handreichung gibt. Beides sollte in keinem Sekretariat fehlen. Achtung: Für 2018 sind hier Neuerungen angekündigt. Zu den DIN-Regeln kommen selbstverständlich noch gesetzliche Pflichtangaben.
Eine Fülle weiterer Literatur von klassisch über modern bis hin zu Kurzfassung – zusätzlich etwa in englischer Sprache für die internationale Korrespondenz – bietet ergänzende Hilfestellung auch inhaltlicher Art.

Ein wichtiger Tipp aus der täglichen Praxis: Auf jedem Briefkopf und in jeder E-Mail sollten die vollständigen Kontaktdaten angegeben werden. Nichts ist lästiger für den Empfänger, als darauf reagieren zu wollen und mühsam aus anderen Quellen etwa die Durchwahl des Geschäftspartners heraussuchen zu müssen.

Die korrekte Ansprache
sollte nicht fehlen. Auch wenn Sie selbst keinen Wert auf akademische oder Adels-Titel legen, Ihr Kommunikationspartner tut es möglicherweise. Und ihn wollen Sie doch mit Ihrer Korrespondenz erreichen und für sich gewinnen. Nützliche praktische Hilfe findet sich etwa hier.

Einen angenehmen Eindruck machen
Das führt zum nächsten – und aus meiner Sicht wichtigsten – Punkt: dem Inhalt des Briefes zwischen Anrede und Grußformel.
Nichts ist ärgerlicher als das Lesen der Korrespondenz von Selbstdarstellern, Heißluftverbreitern und anderen Verneblern ihres eigentlichen Anliegens. Manierierter „Anwaltssprech“, unreflektierte Verwendung von – meist unpassenden – Fremdworten, angeberische Verwendung von Anglizismen sowie die erkennbare Aneinanderreihung unpassender Textbausteine befördern die Korrespondenz auf dem schnellst möglichen Weg in die Ablage (am liebsten „P“ wie Papierkorb). Sie texten für den Empfänger, also kommunizieren Sie mit ihm in seiner Sprache – ob nun Mandant, Gegner oder Gericht beziehungsweise Behörde! Sie wollen mit Ihrem – oder demjenigen Ihres Mandanten, der dafür gutes Geld bezahlt – Anliegen erfolgreich sein, also machen Sie sich den Empfänger zum Freund …

Es ist letztlich so einfach:
– Beginnen Sie nie (wirklich: niemals) einen Satz mit „Ich“ oder „Wir“.
– Sparen Sie sich persönliche Angriffe (weil unprofessionell), Drohungen (jeder Beamte kennt den Dreiklang der Dienstaufsichtsbeschwerde: formlos, fristlos, fruchtlos), Beleidigungen (strafbar) und vor allem: jede Form der oberlehrerhaften Besserwisserei (kontraproduktiv).
– Vermeiden Sie (Wort-)Wiederholungen; es gibt dafür ein Synonym-Wörterbuch.
– Strukturieren Sie Ihren Text mit Absätzen, Aufzählungen etc.
– Formulieren Sie Ihr Anliegen verständlich und höflich.
– Schreiben Sie kurze Sätze ohne pseudo-intellektuelle, gar verschachtelte Nebensatzkonstruktionen. Es gilt das KISS-Prinzip: keep ist simple and stupid.

Ein Wort zu korrekter Rechtschreibung und Grammatik: Es wird allenthalben geklagt, die heutige Generation von Schülern beherrsche bei der Bewerbung um Ausbildungsstellen nicht einmal mehr deren Grundregeln. Man sollte vorsichtig sein mit solchen Zuschreibungen, denn in der geschäftlichen Korrespondenz – wie übrigens leider auch häufig in Stellenanzeigen – ist beides erfahrungsgemäß oft ebenfalls eher Zufall.

Korrektur lesen
lassen ist deshalb keine Schande, im Gegenteil. Wer länger an einem selbst formulierten Text arbeitet, wird dabei blind für die eigenen Fehler – Rechtschreibung und Grammatik ebenso wie inhaltliche Mängel. Es ist empfehlenswert, wichtige Schriftsätze deshalb zumindest von einer weiteren Person durchsehen zu lassen. Ob Sie die Verbesserungsvorschläge annehmen und umsetzen wollen, bleibt am Ende Ihnen selbst überlassen.

Immer wieder interessant: die Unterschrift
Was die Hobby-Graphologen und Büro-Psychologen unter uns aus so mancher – sagen wir: künstlerisch interessanten – Unterschrift herauslesen, ist immer wieder erstaunlich. Jene bieten gelegentlich aber auch reichlich Anlass zur Interpretation. An dieser Stelle bitte ich um Verständnis, dass ich ab jetzt höflich schweige und hier keinerlei Beispiele aus meinem Büroalltag präsentiere…

Tachoumfrage zum Thema Legal Tech

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Thema Legal Tech bewegt die Anwaltschaft zurzeit wie kaum ein anderes Thema. Die wichtigste Frage ist, ob Legal Tech für Anwältinnen und Anwälte zu einer Bedrohung wird oder Chancen auf neue Mandate bietet. Wie sehen Sie das? Stimmen Sie ab und erfahren Sie sofort, wie Ihre Kolleginnen und Kollegen das Thema bewerten!

Hier geht’s zur Umfage.

Es grüßt Sie im Namen des Kanzleiforum-Teams

RA Katharina Nitsch

Erfolgreiche IT-Projekte in der Kanzlei – Beitrag von Rechtsanwältin Kathrin Schütze

Im Durchschnitt tauscht eine Kanzlei alle 10 – 15 Jahre ihre Software für das Kanzleimanagement aus. Die Erfahrungen aus alten Projekten werden oft nach zehn Jahren nicht mehr hervorgeholt, die Akteure sind häufig andere und möglicherweise ist auch durch Wachstum und Neuausrichtung der Kanzlei eine IT-Lösung nicht mehr übertragbar.

Wie geht eine Kanzlei, die in ihre Kanzleisoftware investieren muss oder möchte, mit der Herausforderung eines IT-Projekts um?

Eine gute Möglichkeit ist die Beratung durch einen externen Spezialisten, der bereits bei der Vorauswahl der Produkte und Hersteller mit seiner Erfahrung helfen kann. Er kann einen Anforderungskatalog (RFP-Request for Proposal) zur Verfügung stellen, welchen er auf den Bedarf der Kanzlei anpasst und so bereits einen gut dokumentierten und granularen Auswahlprozess in Gang setzen kann. Für die tiefere Betrachtung der Produkte bleiben so häufig nur zwei bis max. fünf in Frage kommende Produkte übrig. Die Reduktion der Auswahl beschleunigt den Prozess und erleichtert die Entscheidungsfindung.

Wie Change Management gelingt

Für den Austausch des Herzstücks einer Kanzlei, der Kanzleisoftware, müssen alle Beteiligten von Anfang an mitgenommen werden. Es gilt frühzeitig ein internes Projektteam mit Vertretern aller Rollen zu bilden. Diese Rollen sind Anwälte, Buchhaltung, Sachbearbeitung und IT-Admins. Dieses Team muss mit Zeit und Entscheidungskompetenz ausgestattet werden, wenn der Wechsel effizient gelingen soll.

Veränderungen machen Angst und schaffen nicht selten Unruhe im gewohnten Alltag. Eine Veränderung braucht Fürsprecher in der Kanzlei, die aufgrund ihre Persönlichkeit viele Mitarbeiter mitnehmen und begeistern können. Innovation ist Chefsache und auch die Vorteile eines Software-Wechsels müssen von oben nach unten konsequent kommuniziert werden.

Unterstützung von außen ist hilfreich. Consultants der Hersteller oder freie externe Berater können gute Argumente für die Neuerungen liefern und schaffen es ohne persönliche Verbundenheit und Beziehung auch, die eine oder andere unpopuläre Entscheidung in der Kanzlei zu platzieren. Damit IT-Berater erfolgreich für die Kanzlei arbeiten können, benötigen sie Offenheit als Grundlage für die Erarbeitung einer Strategie.

Der richtige Zeitpunkt

Der Zeitpunkt für die Einführung einer neuen Kanzlei-Software sollte gut gewählt sein. Wann ist das Arbeitsaufkommen niedrig? Wann ist die Abwesenheit hoch, sodass ein Ausfall der Systeme für Installation und Datenmigration (Downtime) nicht alle trifft? Wie können Faktura-Prozesse so gelegt werden, dass die Einführung in Ruhe abgeschlossen werden kann? Diese und weitere Fragen sollten vorab geklärt werden, so dass die Einführung der Software möglichst ohne Widerstände realisiert werden kann.

Ballast abwerfen

Müssen alle Altdaten auch weiterhin im Zugriff sein? Welche Daten können archiviert werden, was ist auch in Zukunft relevant? Wie startet man aufgeräumt im neuen System und wie entsteht deutlich weniger Ballast? Hier beraten die Hersteller fachlich und informieren, welche Daten sinnvoll migriert werden und für welche Daten ein Archivierungskonzept sinnvoll ist.

Fazit

Der Wechsel der Kanzleisoftware ist ein sensibles Projekt, das alle betrifft. Für jede Kanzlei bietet ein Wechsel hohes Erfolgspotential, aber auch Risiken. Vorbereitung ist hier alles und eine konsequente interne Kommunikation, die alle Beteiligten informiert und so nicht das Gefühl zurücklässt, Entscheidungen seien übergestülpt worden.

Wenn Sie dann noch Ihr Ziel definiert haben, kann es losgehen.

Vertragsverhandlungen: eine anwaltliche Schlüsselkompetenz – Interview mit Stefanie Jung und Peter Krebs

Guten Tag Frau Professor Jung, guten Tag Herr Professor Krebs! Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage: Ihr gemeinsames Werk „Die Vertragsverhandlung – taktische, strategische und rechtliche Elemente“ widmet sich schwerpunktmäßig der Verhandlungsführung. Wird dieses Thema – insbesondere in der juristischen – Ausbildung vernachlässigt?

In den USA bietet praktisch jede Law School Schulungen in diesem Bereich an, da Verhandlungen für Anwälte zum täglichen Geschäft gehören und Kenntnisse in diesem Bereich damit zu den Schlüsselkompetenzen eines Anwalts zählen. In Deutschland ist ein solches Angebot dagegen wohl immer noch die Ausnahme. Selbst dort, wo es existiert, reichen die angebotenen Schulungsplätze meist nur für einen Bruchteil der Studierenden. Einzig die Mediatorenausbildung enthält auch in Deutschland eigentlich immer Elemente zur Verhandlungsführung. Aufgrund des Ausbildungsmankos der deutschen Anwälte sind wir von einer größeren Kanzlei beispielsweise gebeten worden, die jüngeren Anwälte in Verhandlungsführung zu schulen.

Halten Sie „Verhandlungsführung“ für eine erlernbare Schlüsselkompetenz eines Anwalts?

Wir glauben, dass „Verhandlungsführung“ die Schlüsselkompetenz schlechthin für Anwälte ist. Die Arten der Verhandlungen sind zwar sehr verschieden, aber ein Großteil des anwaltlichen Berufslebens besteht gerade aus Verhandlungen. Hierzu gehören insbesondere das Aushandeln von Verträgen für Dritte, Mediationsverhandlungen, Vergleichsverhandlungen für Mandanten, Verhandlungen innerhalb der Anwaltskanzlei z.B. mit eigenen Mitarbeitern, aber auch mit Mandanten und Dienstleistern. Außerdem heißt die inzwischen im Zivilrecht ja selten gewordene Gerichtsverhandlung nicht nur Verhandlung, sondern enthält auch zentrale Elemente einer Verhandlung. Das Gute ist, dass die Schlüsselkompetenz „Verhandeln“ erlernbar ist. Zwar gibt es auch hier, wie in anderen Bereichen, Begabungen und Talente, die eine Rolle spielen, aber praktisches Üben, wissenschaftlich fundiertes Training, sowie Kenntnisse, die es überhaupt erlauben, Erlebtes zu bewerten und daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen, sind daneben zentral für den Verhandlungserfolg. Die Beschäftigung mit Vertragsverhandlungen hilft definitiv, bessere Verhandlungsergebnisse zu erzielen.

Wie kann man diese Kompetenz praktisch einüben? Haben Sie hier eine Idee für unsere Leser, wann man dies auch im Alltag üben kann?

Um etwas einüben zu können, bedarf es in einem ersten Schritt des Wissens, was genau man einüben möchte. Es ist also zunächst wichtig, sich (theoretisches) Wissen über grundlegende Strategien und Taktiken anzueignen. Dies kann durch Schulungen, Literatur zum Selbststudium und die Beobachtung von Verhandlungen erreicht werden. Schulungen enthalten neben der Theorie in der Regel viele Simulationen und Übungen, damit das Erlernte direkt angewendet werden kann.

Aber vor allem kann im Alltag geübt werden. Daher eine Bitte an die Sozien: Lassen Sie ihre Junganwälte schon früh als stille Beobachter, wir nennen sie dann Analytiker, Verhandlungen miterleben. Dadurch können sie neben den Fähigkeiten des Vorbildes vor allem das Zuhören, Beobachten und Analysieren lernen; Fähigkeiten, deren Bedeutung häufig unterschätzt wird. Dieses Vorgehen kostet natürlich Zeit. Außerdem ist dann darüber hinaus auch die Bereitschaft der Verhandler wichtig, sich mit den Junganwälten auszutauschen und eine kritische Reflektion zuzulassen. Das hilft dann allerdings nicht nur den jungen Anwälten, sondern auch den erfahrenen Verhandlern. Denn selbst der beste Verhandler verhandelt nicht immer fehlerlos.

Und noch ein praktischer Tipp: Aufgrund des sog. „similar to me-Effektes“ haben Menschen grundsätzlich eine positive Grundeinstellung zu einem Gegenüber, das ihnen ähnlich ist. Ähnlichkeit führt somit zu Sympathie, welche wiederum die Verhandlungen erleichtert. Positive Gemeinsamkeiten zu finden, kann man hervorragend üben. Bei jedem Small Talk mit einer Person, die man bisher nicht kannte, sei es im privaten oder beruflichen Umfeld, kann man üben, über Gemeinsamkeiten eine gute Beziehung zum Gegenüber herzustellen. Das mag z.B. der Gerichtspförtner oder die Sekretärin eines Mandanten sein (zu denen ein positives Verhältnis generell empfehlenswert ist). Profiverhandler bereiten sich sogar oftmals gezielt vor, indem sie versuchen, sich Informationen über positiv besetzte Themen beim Gegenüber zu verschaffen.

Gibt es Fallstricke, die bei fast jeder Verhandlung auftreten und auf die man sich daher quasi vorbereiten kann?

Vorbereitung ist ein sehr gutes Stichwort. Viele größere Verhandlungen werden schlecht geführt, weil sich die Beteiligten nicht genug Zeit für die Vorbereitung genommen haben. Zentral ist es, im Rahmen der Vorbereitung die Interessen der eigenen Seite (diese sind vorrangig gegenüber Positionen), die Interessen der anderen Seite sowie die jeweils gegenüber einer Einigung bestehenden Alternativen festzustellen. Darüber hinaus sollten ein Minimal- sowie ein Maximalziel sowie ggf. Verhandlungsabbruchkriterien besprochen werden. Auch das Durchspielen von Verhandlungsszenarien und die Festlegung einer Verhandlungsstrategie inklusive dem Durchdenken potentiell geeigneter Taktiken gehören zur Verhandlungsvorbereitung. Daneben steht die Zusammenstellung des passenden Teams an sowie weitere organisatorische Aufgaben, wie die Planung von Zeit, Ort und die Einholung von relevanten Informationen. Bei sehr wichtigen Verhandlungen können auch Mock Negotiations (Übungsverhandlungen) sinnvoll sein, bei denen man innerhalb der eigenen Seite mit zwei Teams den möglichen Verlauf der Verhandlung simuliert.

Welche weiteren Fähigkeiten sollte ein Anwalt mitbringen, um wirklich ein guter Verhandler zu werden?

Entscheidend sind vor allem analytische Fähigkeiten, emotionale Intelligenz, sprachliche Fähigkeiten, die Kunst des Zuhörens, Durchsetzungsvermögen und natürlich juristische Fähigkeiten, zu denen z.B. die Kunst des freien Formulierens einer Regelung gehört. Darüber hinaus stellen Kreativität, Flexibilität, Geduld, körperliche Fitness, ein gutes Gedächtnis, Reflexionsfähigkeit und mentale Stärke jedenfalls wichtige Fähigkeiten dar.

Wie wichtig sind aus Ihrer Erfahrung Auftreten und z.B. auch Kleidung, um Verhandlungen gut führen zu können?

Menschen bilden sich in wenigen Sekunden ein erstes Bild, vor allem über die Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz des Gegenübers. Der erste Eindruck wird dabei durch das Aussehen, die Stimme, das Auftreten aber auch z.B. dadurch geprägt, wer die neue Person vorgestellt hat. Auch hier spielt der similar to me-Effekt eine Rolle. Daneben greifen hier zudem gruppenspezifische und individuelle Erwartungshaltungen. Businesskleidung vermittelt Seriosität. Wichtig ist, dass man sich in seiner Kleidung wohlfühlt, um selbstsicher aufzutreten. Der erste Eindruck ist auch deshalb so entscheidend, da Menschen zur Bestätigung anfänglicher Einschätzungen neigen (confirmation bias). Neben dem ersten Eindruck ist übrigens vor allem der letzte Eindruck prägend. Insgesamt geht es beim Auftreten darum ein gewisses Bild von sich zu zeichnen, z.B. das eines fairen sowie gleichzeitig durchsetzungsstarken und kompetenten Verhandlers.

Gibt es Verhandlungskonstellationen, die man besser vermeiden sollte?

Besonders risikoreich sind Verhandlungen, in denen der Verhandler selbst emotional betroffen ist, sei es, weil es um seine eigenen Interessen oder die naher Angehöriger geht, oder weil er die Ziele der eigenen Seite oder der Gegenseite oder handelnde Personen emotional stark ablehnt. Denn in Verhandlungen empfiehlt es sich, Emotionen und Probleme nicht zu vermischen. Zwar haben Profiverhandler ihre Emotionen häufig weitgehend unter Kontrolle, aber diese emotionale Beherrschung ist belastend und schwächt spürbar die rationalen Fähigkeiten. Das ist den meisten Anwälten auch bewusst, die daher z.B. oftmals nur ungern für sich selbst verhandeln.

Verhandlungen sollten zudem nur geführt bzw. weitergeführt werden, wenn dies rational sinnvoll ist. Denn Verhandlungen sind kostspielig. Aufgrund des Sunk Cost Bias kommt es jedoch immer wieder vor, dass trotz entgegenstehender rationaler Gründe weiterverhandelt wird.

Wann sollte man eine Verhandlung also abbrechen? Und wie bricht man – höflich – ab?

Verhandlungen sollten wie gesagt nur geführt werden, wenn dies rational betrachtet sinnvoll erscheint. Gibt es beispielsweise keine Einigungszone (ZOPA – Zone Of Possible Agreement) sollten die Verhandlungen abgebrochen werden, es sei denn sie dienen z.B. der Informationsgewinnung. Geboten ist ein Verhandlungsabbruch in diesem Zusammenhang dann, wenn das maximal erzielbare Einigungsergebnis schlechter als alternative Ergebnisse mit anderen Partnern oder auch schlechter als die Erhaltung des Status Quo ist. Das sog. BATNA (Best Alternative To A Negotiated Agreement) ist daher eine zentrale Kategorie der Verhandlungswissenschaft. Der Abbruch sollte so erfolgen, dass keine negativen Gefühle entstehen. Dadurch bleibt die Option in der Zukunft erneut Verhandlungen aufzunehmen. Verhandler sollten der anderen Seite daher vor allem das Gefühl vermitteln, dass sie ernst genommen wurde und man sich ihr gegenüber respektvoll verhalten hat.

Neben diesen rationalen Gründen werden Verhandlungen häufig nach Drohungen abgebrochen, auf die der Andere nicht wie gefordert nachgegeben hat. Auch emotionale Provokationen können im schlimmsten Fall zum Verhandlungsabbruch führen. Aus rationaler Sicht ist der Verhandlungsabbruch in beiden Fällen selten sinnvoll. Hier besteht die Herausforderung vielmehr darin, die angespannte emotionale Situation zu meistern.

Was ist die unglaublichste Geschichte, die Ihnen im Rahmen einer Verhandlung einmal passiert ist? Haben Sie zum Abschluss eine Anekdote für unsere Leser?

Wenn wir in Sitzungen Verhandlungen beobachten, überrascht uns immer wieder, dass Verhandler oft nicht erkennen, dass das Angebot der Gegenseite ihren Interessen entspricht. Gerade in angespannten Situation werden solche vorteilhaften Vorschläge oft kategorisch abgelehnt, weshalb man auch von reaktiver Abwertung (reactive devaluation) spricht. Auch Fehler, die der Gegenseite unterlaufen, werden vor lauter Konzentration auf die eigenen nächsten Schritte häufig nicht wahrgenommen und dementsprechend auch nicht genutzt.

Vielleicht ein letzter Tipp zum Abschluss: Informationsgewinnung ist ein zentraler Bestandteil von Verhandlungen. Hier funktioniert häufig die Prämissenfrage. Dabei baut der Fragende auf einer Prämisse, die er bisher nicht bestätigt hat, eine Folgefrage auf (z.B. Wie wollen Sie den Weggang des Mitarbeiters X kompensieren?). Der Antwortende bemerkt die Prämisse (Weggang des Mitarbeiters X ist noch nicht bestätigt) häufig nicht und bestätigt oder widerlegt durch seine Antwort die Prämisse.

Frau Professor Jung, Herr Professor Krebs, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Frau Professor Jung und Herr Professor Krebs (beide Universität Siegen) sind Autoren des Buches „Die Vertragsverhandlung – taktische, strategische und rechtliche Elemente“ (Springer Gabler, 525 Seiten, 2016) lehren und schulen zu Verhandlungen und forschen auch empirisch in diesem Bereich (vgl. Forschungsgruppe: http://www.wiwi.uni-siegen.de/contractgovernance/).

Reflexionen über den Rechtsmarkt – Beitrag von Rechtsanwalt Markus Hartung, NJW 14/2017, S. 7

Ad astra

Per aspera ad astra, durch das Raue zu den Sternen, durch die Nacht zum Licht, ursprünglich bei Seneca. Beethovens 5. Symphonie ist die Vertonung dieses Prinzips, vom dramatischen c-moll con brio im ersten Satz zum strahlenden C-Dur im Finale. Damit sind jedenfalls frühere Generationen großgeworden.

Sterne sind immer noch wichtig, auch wenn Per aspera vielleicht nicht mehr so bekannt ist. Auch im Rechtsmarkt geht es offenbar nicht mehr ohne Sterne. Denn im Internet werden Angebote mit Sternen gekennzeichnet, um dem Surfer zu signalisieren, hier könne er Qualität erwarten und vertrauen. Diese Systeme nennt man R&R, Ratings and Reviews Systems. Erstmalig verwendet von ebay im Jahre 1998, heute absoluter Standard. Plattformen brauchen solche Systeme, denn sie vermitteln ja nur zwischen Anbieter und Nachfrager, haben aber selber keinen Einfluss auf die Qualität der angebotenen Produkte. Also gibt man den Plattformbenutzern die Möglichkeit, sich gegenseitig zu bewerten, von einem Stern (miserable Leistung) bis fünf Sterne (super). Vermutlich sind wir inzwischen so einjustiert, dass wir auf ein reines „sehr gut“ ohne Sterne nicht mehr reagieren. Dabei gibt es inzwischen Studien, die zeigen, dass die Bewertungen häufig verfälscht sind, aus vielen verschiedenen Gründen, entweder viel zu gut oder viel zu schlecht. Soll man als Kunde fünf oder drei Sterne vergeben, wenn der Internethändler die bestellte Sache mängelfrei geliefert hat, also letztlich nur seine vertragliche Verpflichtung erfüllt hat? Oft werden fünf Sterne vergeben, weil man nicht von den Bitt- oder Drohbriefen des Lieferanten genervt werden will, für den drei Sterne existenzbedrohend sein können; jedenfalls glaubt er das. Trotzdem: Bisher gibt es keine taugliche Alternative, und so leben wir mit den Sternen.

Alle Anwaltsplattformen verwenden das System, man kann als Anwalt manchmal wählen, ob man daran teilnimmt oder nicht. Anders Ärzte: Für die gibt es ein Bewertungsportal, und da kann es schon mal hoch hergehen. Ärzte können sich diesen Bewertungen nicht entziehen.

Ähnlich hat es jetzt die Richter ereilt, mit Richterscore. Ein Bewertungssystem mit Sternen für Schnelligkeit, Vorbereitung, Hinweisbereitschaft, Objektivität und Rechtskenntnis. Schon diese Kriterienauswahl spricht Bände. Man kann lange darüber diskutieren, wie sinnvoll ein solches System ist. Oder wie man die Leistung eines Spruchkörpers bewerten soll. Oder was man als Normalsterblicher machen soll, wenn der Anwalt einem mitteilt, heute gehe es zu einem miserabel bewerteten Ein-­Sterne-­Richter. Aber das ist vielleicht zu kurz gedacht, denn offenbar gibt es ein Bedürfnis nach mehr Informationen über die Personen, die über einen richten. Die Regel, dass wir vor Gericht und auf hoher See nur in Gottes Hand sind, akzeptiert heute auch nicht mehr jeder.

Auch wenn Richterscore noch unbeholfen wirkt: Da kommt etwas auf die Richterschaft zu. Woanders ist man bereits weiter, das schauen wir uns in einer der nächsten Kolumnen an.

Markus Hartung ist Rechtsanwalt und Mediator in Berlin, Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession und Vorsitzender des Berufsrechtsausschusses des DAV

Was Sie über die Erbschaftsteuerreform wissen sollten…

Liebe Kolleginnen und Kollegen

sollten Sie sich mit den Änderungen zur Erbschaftsteuerreform 2016 beschäftigen, finden Sie wichtige Informationen sowie ein Videointerview mit Dr. Stephan Viskorf von Pöllath + Partners hier.

Wir wünschen informative Lektüre!

Mit den besten Grüßen im Namen des Kanzleiforum-Teams

RA Katharina Nitsch

Umfrage zum Thema Umgang mit Mandanten

Ein guter Rechtsanwalt hat nicht nur juristische Fachkenntnisse, sondern kennt auch die Wünsche, Fragen und Nöte seiner Mandanten. Während das juristische Handwerkszeug fester Bestandteil der anwaltlichen Ausbildung ist, muss der Umgang mit Mandanten in den ersten Berufsjahren selbst erlernt werden.

Kein Wunder, dass es zu diesem Bereich viele Ansichten gibt. Mit einer Umfrage fängt der FFI-Verlag jetzt ein aktuelles Stimmungsbild zu diesem Thema ein. Worauf sollte man beim Umgang mit Mandanten achten? Was ist wichtiger: fachliche Beratung oder Engagement?

Helfen Sie mit, diese und weitere Fragen zu beantworten und unterstützen Sie den Verlag bei der Themenentwicklung zum Umgang mit Mandanten. Zur Umfrage geht es hier.

Interview zum neuen Anti-Doping-Gesetz

Guten Tag Herr Rechtsanwalt Dr. Lehner, guten Tag Herr Professor Nolte, guten Tag Herr Professor Putzke. Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage an Sie, Herr Dr. Lehner: Wie kam es dazu, dass Sie sich mit Sportrecht und dem Thema Anti-Doping beschäftigen?

Dr. Lehner:
Sportrecht als eigenständige Disziplin gab es während meiner Juristenausbildung in den 1970er Jahren nicht. Doping war zwar schon national und international verboten, aber – zumal in Zeiten des „Kalten Krieges“ – sowohl bei den Sportverbänden wie in der Politik auch in Deutschland eher als legitimes Erfolgsmittel begriffen.
Da gab es aber eine mutige Universitätsstadt im Süden der Republik, die sich dank eines weltweit anerkannten Wissenschaftlers des Deutschen Krebsforschungszentrums Prof. Dr. Werner Franke und seiner tapferen Ehefrau Brigitte Berendonk als erste Antidopinghochburg der Republik rüstete. Da gab es auch einen damals noch jungen Rechtsanwalt, der die allesamt zutreffenden Enthüllungen des ersten Buches von Brigitte Berendonk „Doping von der Forschung zum Betrug“ über Doping in Ost und West in, wenn ich richtig zähle, mehr als 20 Rechtsstreitigkeiten erfolgreich gegen Dopinglügner juristisch verteidigt hat. Da war ich plötzlich als eher gesellschaftsrechtlich und arbeitsrechtlich ausgebildeter und in einer baurechtlich orientierten Kanzlei tätiger Jurist mitten im Dopingthema und mitten in der Aufdeckung und Abarbeitung des staatlichen Dopings der DDR. Das blieb nicht nur ein bloßer juristischer Job. Zumal als Amateurmarathonläufer und Langstreckentriathlet dem Sport sehr verbunden, wurde das Engagement und vor allem auch Mitgefühl für die zahlreichen Sportlerinnen und Sportler der ehemaligen DDR, die schon als Minderjährige ohne medizinisch erforderliche Aufklärung und der Folge erheblicher in einigen dramatischen Fällen zum Tode führender Körperverletzung unwissend über die Gefahr eines jahrelangen Dopings in das DDR-Staatsdopingsystem hineingezwungen worden waren. Als Initiator habe ich mit den Freunden meines örtlichen Rotary Clubs in Weinheim zur Unterstützung dieser Dopingopfer den auch heute noch aktiven Doping-Opfer-Hilfe-Verein gegründet und konnte im Lobbyismus für die Dopingopfer eine Durchsetzung von Schadensersatzforderungen und auch staatliche Hilfe im Rahmen des von der Politik geschaffenen Doping-Opfer-Hilfegesetzes erreichen. Eine große persönliche Erfahrung auch für das eigene Geschichtsverständnis war die Übernahme des Mandats für fast alle DDR-Dopingopfer, die sich der Anklage in den Berliner Strafprozess gegen die politisch und medizinisch Verantwortlichen des DDR-Dopingsystems als Nebenkläger angeschlossen hatten.
Für mein Athletenengagement und mein Eintreten für einen ehrlichen Sport bekannt geworden, haben in der Folgezeit, national und international, zahlreiche Athleten meinen (sport)rechtlichen Rat gesucht. Besonders medial präsent, aber auch mit dem schlussendlichen Ausschluss von Olympia in Sydney 2000, ich möchte formulieren tragisch, der auch verfilmte Fall Dieter Baumann, der mit der dopingkontaminierten Zahnpastatube die Sportwelt gespalten hat.

Herr Professor Nolte, Sie sind Inhaber der einzigen, ausschließlich dem Sportrecht gewidmeten Professur in Deutschland. Was macht dieses Rechtsgebiet für Sie so interessant?

Professor Nolte:
Sportrecht ist eine komplexe, inter- sowie intradisziplinäre Materie, die nicht nur auf den sportrelevanten Normen des (zwischen-)staatlichen Rechts, sondern vor allem auch auf den selbst gesetzten (Sport-)Regeln privater Sportorganisationen beruht. Zwischen diesen Säulen gibt es zahlreiche Wechselwirkungen. Dies sieht man etwa bei dem Zusammenspiel zwischen dem Anti-Doping-Gesetz (ADG) und dem Nationalen Anti Doping Code. Hinzu kommen die zahlreichen rechtstatsächlichen – etwa gesellschaftspolitischen oder wirtschaftlichen – Dimensionen des Sports, die bei der Lösung der Rechtsfragen im Sport zu berücksichtigen sind. Das macht Sportrecht zu einem faszinierenden Rechtsgebiet.

Herr Professor Putzke, Sie sind Strafrechtler – was hat das Strafrecht mit Sport zu tun?

Professor Putzke:
Auf den ersten Blick und unmittelbar bezogen auf den einzelnen Sportler bislang eher wenig. Sport fand lange Zeit in einer eigenen Welt statt mit eigenen Regeln. Es war weder erwünscht noch nötig, dass der Staat sich dort mit all seiner institutionellen Macht einmischt. Doch die Zeiten haben sich geändert – im Sport lässt sich immer mehr Geld verdienen. Und wo das der Fall ist, werden in der Regel auch rasch Betrüger angelockt. Wer dopt, ist genau das: ein Betrüger. Das war zwar schon immer so, aber es hat sich gezeigt, dass die sportrechtlichen Mechanismen nicht durchgängig ausreichend sind im Kampf gegen Doping im Sport. Deshalb hat der Gesetzgeber sich entschlossen, wie ich meine, aus durchaus nachvollziehbaren Gründen, die Strafbarkeit auch auf Sportler zu erweitern, die dopen. Und auch darüber hinaus wurde die Strafbarkeit ausgedehnt. Deshalb ist seit Inkrafttreten des Anti-Doping-Gesetzes Doping im Sport unmittelbar und untrennbar verknüpft mit dem Strafrecht. Ob es abschreckend wirkt, ist freilich eine ganz andere Frage.

Das ADG gilt als Meilenstein in der Dopingbekämpfung, weil es erstmals Selbstdoping durch Spitzen- und Berufssportler unter Strafe verbietet. Wissen Sie, wie viele Strafverfahren seit seinem Inkrafttreten vor ca. 14 Monaten gegen Spitzensportler wegen Selbstdopings eingeleitet wurden?

Professor Nolte:
Seit Inkrafttreten des ADG sind knapp 30 Strafverfahren gegen Spitzensportler wegen Selbstdopings eingeleitet worden, in wenigen Fällen gab es Strafbefehle, gegen die Einspruch erhoben wurde. Einige Verfahren sind bereits wieder eingestellt worden. Eine Verurteilung gibt es bislang nicht. Die Beurteilung, ob das ADG seine Zwecke erfüllt hat, kann aber nicht von einer vereinfachenden Betrachtung – etwa nach der bloßen Anzahl eingeleiteter Strafverfahren und ihrem Ausgang – abhängig gemacht werden. Erforderlich ist vielmehr eine begleitende Evaluierung nach quantitativen und qualitativen Maßstäben über einen mehrjährigen Zeitraum von ca. drei Jahren.

Dr. Lehner:
Für den organisierten Sport, was will heißen für die Spitzensportverbände in Deutschland, war es lange Zeit undenkbar, dass mit einem staatlichen Anti-Doping-Gesetz in das vereinsautonome Dopingsanktionssystem eingegriffen wird. Die Angst des Verlustes der eigenen Unabhängigkeit war zu groß. Wohl nicht ganz zu Unrecht ist diese Verweigerung der Verbände auch als bloße, das System schützende Abwehrhaltung einer dopingverseuchten Sportwelt verstanden worden.
Ich denke, dass der von mir als Verteidiger des Radprofis Stefan Schumacher in einem von der Justiz groß auferlegten Strafprozess erzielte Freispruch vom Verdacht des Betruges durch Doping ein zumindest mitentscheidender Auslöser für Politik und den organisierten Sport war, sich zur Schaffung eines staatlichen Anti-Doping-Gesetzes in Deutschland durchzuringen, um die durch das Prozessergebnis offenbarte Strafbarkeitslücke im staatlichen Strafrecht zu schließen.
Ich vertrete schon immer die Auffassung, dass jedes staatliche oder verbandsrechtliche Sanktionssystem, so auch das Dopingsanktionssystem des organisierten Sportes die natürlichen Verteidigungsrechte der Beschuldigten besonders wahren muss, um selbst glaubhaft zu bleiben. Nur ein solches Sanktionssystem kann auch von den Betroffenen angenommen werden. Eine dadurch bewirkte Akzeptanz des Systems trägt dann wieder dazu bei, das ausgesprochene Dopingverbot mehr zu achten und so das sportliche Fairplay zu stärken. Wichtig für mich ist die Herstellung einer auch rechtlichen Augenhöhe zwischen Anti-Doping-Organisation und dem als Dopingsünder angeklagten Athleten. Es verstößt gegen mein auch persönliches Rechtsverständnis, wenn nur zur Erleichterung der Überführung von tatsächlichen oder vermeintlichen Dopingtätern die Rechte der eines Dopingvergehens beschuldigten Athleten eingeschränkt werden. Der medizinische Nachweis von Doping ist kompliziert und nicht selten mit falsch positiven Testergebnissen verbunden. Die Unschuldsvermutung ist ein wichtiges Rechtsgut, das weder durch einen Dopinggeneralverdacht noch durch die Gestaltung des Dopingsanktionsverfahrens aufgeweicht werden darf.

Professor Putzke:
Die Schlagkraft des Anti-Doping-Gesetzes bei Selbstdoping dürfte auch und vor allem von der Verwertbarkeit der im Dopingkontrollverfahren gewonnenen Proben abhängen. In meiner Kommentierung zu § 4 in dem von uns herausgegebenen Kommentar zum Anti-Doping-Gesetz vertrete und begründe ich die Auffassung, dass insoweit ein Beweisverwertungsverbot besteht. Es ist juristisch höchst spannend, wie die Justiz, vor allem wie die Gerichte diese Rechtsfrage beantworten werden. Wer das Prinzip der Selbstbelastungsfreiheit ernst nimmt, kommt an einem Verwertungsverbot genau genommen nicht vorbei.

Herr Professor Nolte, der Nomos Handkommentar „Anti-Doping-Gesetz“ ist unter Ihrer Mitherausgeberschaft kürzlich erschienen. Sicher widmen Sie sich bereits wieder weiteren Forschungsvorhaben am Institut für Sportrecht an der Deutschen Sporthochschule. Welche Themen beschäftigen Sie gerade?

Professor Nolte:
Aktuell laufen vier drittmittelfinanzierte Vorhaben zur Bekämpfung von Diskriminierungen im Fußball, zur Evaluierung des Nationalen Anti Doping Codes sowie zur Dopingbekämpfung im Kontext Olympischer Spiele und zum aktuellen Glücksspielstaatsvertrag, insbesondere zu Regulierung des Sportwettenmarktes. Ein weiteres mehrjähriges Projekt zur Bekämpfung von Spielmanipulationen ist gerade beantragt.

Warum beschäftig uns das Thema Doping – auch außerhalb der Sportwelt – so sehr und ist immer wieder in den Medien präsent?

Dr. Lehner:
Das Bild eines sogenannten sauberen Sportes ist das, was der hochkommerzialisierte Sport als eines seiner wichtigsten Produkte anbietet. Das dabei gerade auch vom organisierten Sport geschnürte Paket hat einen eigentlich nicht mischbaren Inhalt aus dem „dabei sein ist alles“ des olympischen Amateurgedanken eines Coubertin und des „Schneller, höher, weiter“ bzw. eines „Leistung über alles“, mit dem sportliche Spitzenleistungen verkauft werden, die eigentlich „sauber“ in vielen Bereichen nicht erzielt werden können. Der idealisierte Anspruch des Sportes kann so nicht funktionieren und deshalb wird das Thema Doping und Sportbetrug auch ewiges Thema des Sportes und damit auch der Medien bleiben. Sport ist nur das Spiegelbild einer Gesellschaft, die eben nicht immer nur gut ist.
Die weltweiten Anti-Doping-Gesetze, wie sie in den letzten Jahren und jetzt auch in Deutschland etabliert wurden, fügen sich so nahtlos in den Widerspruch der Sportwelt ein, die sich einerseits sauber und ethisch korrekt präsentieren will und andererseits sich mit Höchstleistungen und Goldglanz glaubt verkaufen zu müssen. Dieser Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit führt zu sportpolitischen Fragestellungen, um die sich unser Kommentar weder bezogen auf die Sportgerichtsbarkeit noch auf die Strafbarkeit des Eigendopings gedrückt hat. Unser Anti-Doping-Gesetz-Kommentar steht somit mit seinen Diskussions- und Denkanstößen mitten im Sport.

Herr Rechtsanwalt Dr. Lehner, Herr Professor Nolte, Herr Professor Putzke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Lehner / Nolte / Putzke (Hrsg.)
Anti-Doping-Gesetz
2017, 294 S., Nomos, ISBN 978-3-8487-3105-3,
Preis 78,00 € inkl. MwSt.

Legal-Tech als Chance? Gastbeitrag von Rechtsanwalt Peter Lotz

Wir Anwälte sehen dunkle Wolken aufziehen. Auf der einen Seite scheinen uns disruptive Plattformen in einen gnadenlosen Preiskampf zu treiben. Auf der anderen Seite übernehmen Plattformen wie geblitzt.de oder flightright.de am unteren Ende des Spektrums anwaltliche Tätigkeiten. Gleichzeitig scheinen die internationalen Großkanzleien durch Einsatz von Legal-Tech effizienter und noch wettbewerbsstärker zu werden. Sitzt der anwaltliche Mittelstand also in der Klemme?

Letztlich sind die Kräfte der Marktwirtschaft auch in den bislang vergleichsweise behüteten Rechtsmarkt eingedrungen. Legal-Tech – oder besser: die Nutzung von (neuen) Technologien in der Kanzlei – eröffnet uns jedoch die Möglichkeit, hierauf zu unserem Vorteil zu reagieren. Gewiss werden einige von uns ihre Wertschöpfungsmodelle überdenken müssen. Auch, wenn wir als Risikomanager zu einem gewissen Berufspessimismus tendieren, ist das Glas jedoch nicht halb leer. In Wahrheit eröffnet sich uns ein wahrer Schatz an neuen Möglichkeiten. Oder anders ausgedrückt: Es ist jetzt an der Zeit den Kausalverlauf nicht aus der Hand zu geben.

Es fängt schon beim Alltäglichen an: Unwuchten im Büroalltag, Dynamiken unter den Angestellten, krankheitsbedingte Ausfälle. Ich behaupte, dass noch immer eine Mehrzahl der Kanzleien an erheblichen Reibungsverlusten leiden, die durch einen Büroablauf, der im Wesentlichen noch den Standards der 50er Jahre entspricht, hervorgerufen werden. Eine IT-basierte Optimierung des internen Workflows kann hier Transparenz, Entlastung und Verfügbarkeit von Kapazitäten – auch „zur Unzeit“, d.h. außerhalb der regulären Arbeitszeiten – schaffen. Die Hürden des hierzu notwendigen Change Managements sind in traditionellen Kanzleien jedoch hoch und werden oft gescheut. Wie wäre es also mit komplementierenden Anwendungen in der Übergangszeit?

Einen Anfang könnten z.B. kleine IT-basierte Helferlein im Büro darstellen. Gewiss, Sie diktieren bereits digital und haben einige Word-Vorlagen für Standard-Schreiben angelegt. Aber das meine ich nicht. In meinem Beitrag „beck-online & LiquidText“ zeige ich z.B., wie man die Arbeit mit und Extraktion von Information aus juristischen Texten mit einer kleinen App auf ein völlig neues Niveau heben kann. Auch die Einrichtung eines WIKIs (z.B. DokuWiki oder Confluence) kann zu einer erheblichen Steigerung des eigenen – am besten kanzleiweiten – Wissensmanagements beitragen. Schließlich erwarten Mandanten in Zeiten wie diesen in weniger Zeit ein Mehr an Expertise. Das will gemanagt sein.

Gegebenenfalls bietet sich auch die Einrichtung eines Mandantenportals an. Zwar gibt es hierzu meines Wissens noch keine Standardsoftware, allerdings könnte eine auf dem eigenen Server gehostete Cloud einen Anfang für den elektronischen Dokumentenaustausch mit dem Mandanten darstellen. Die Anwendung „OwnCloud“ stellt den Klassiker dar, „NextCloud“ will einen Schritt weiter gehen – um nur zwei Beispiele zu nennen. Der Datenaustausch per SSL-Verschlüsselung über eine (eigene) Cloud ist jedenfalls sicherer, als Word-Dateien per unverschlüsselter Email zu versenden. Freilich muss man seine Cloud vor unliebsamen Eindringlingen schützen. Solange die Nutzung von Public Cloud-Systemen standesrechtlich noch nicht geklärt ist, stellt eine eigene Cloud m. E. eine interessante Alternative für einen ersten Schritt in diese Richtung dar.

Wer richtig tief einsteigen will, kann mit der Software NEOTA sein eigenes AI-System zur automatisierten Prüfung leicht standardisierbarer Ansprüche einrichten und dem aktuellen Trend unter Großkanzleien wie z.B. CMS oder Norton Rose Fulbright folgen. Und bei einem entsprechenden Deal-Volumen lohnt sich ggf. sogar der Rückgriff auf Dienstleister wie Leverton.

Insbesondere im Hinblick auf Expertensysteme fokussiert der Blick derzeit auf die internationalen Großkanzleien und deren wirtschaftliches Potential. Ich behaupte dagegen, dass das wahre „disruptive“ Potential von Legal Tech bei den Boutiquen und kleineren Kanzleien liegen wird. Zum einen werden die kleineren Einheiten das notwendige Change Management leichter durchführen können. Ferner werden wir die Bildung von neuen Boutiquen erleben, die ihre internen Workflows von vornherein auf die Anwendung von Legal Tech optimiert ausrichten. Letztlich wird die Anwendung von Legal-Tech es kleineren Kanzleien ermöglichen, weiter in die traditionell von Großkanzleien besetzten Geschäftsfelder einzudringen. Um nur ein plakatives Beispiel zu wählen: Wenn zukünftig der Computer die Due Diligence ausführt, fokussiert die Wahl des M&A-Beraters auf die Expertise einer Kanzlei und weniger auf deren Größe.

Nicht alle vorbenannten Applikationen werden für Sie die passenden sein. Es gibt jedoch bereits jetzt eine Vielzahl von Lösungen, die unsere internen Abläufe, unsere Kommunikation aber auch die Arbeit in unserem Kerngeschäft – der juristischen Beratung – effizienter gestalten können. Und wir befinden uns erst am Anfang der Entwicklung. Packen wir’s also an.

Haben Sie bereits Legal Tech-Anwendungen in Ihrer Kanzlei implementiert und wie sind Ihre Erfahrungen? Was hält Sie gegenwärtig von der Implementierung ab? Über Ihren Kommentarbeitrag würde ich mich freuen.

Rechtsanwalt Peter Lotz, M.C.J. (NYU), MAYRFLED LLP, Frankfurt, Beirat des Kanzleiforums

beck-online & LiquidText. Gastbeitrag von Rechtsanwalt Peter Lotz

Kennen Sie das? Nach der Recherche in beck-online landet erst einmal ein Stapel Papier auf Ihrem Schreibtisch. Dann wird getackert, gemarkert, notiert, glossiert – und abgeheftet. Irgendwann später kommt es zur unweigerlichen Frage: Wo stand das nochmal?

Hier könnte die Speicherung des Recherche-Ergebnisses als PDF mit der Möglichkeit einer späteren Volltextsuche z.B. in Adobe Acrobat helfen. Jedoch scheuen viele Kollegen das Lesen am Computer. Ergonomisch wird die Haltung als unnatürlich empfunden. Es fehlt am „Look & Feel“ des Arbeitens am Schreibtisch sowie der Möglichkeit zur spontanen handschriftlichen Annotation mit dem Stift.

Die Verwendung eines Tablets kann diesbezüglich Abhilfe schaffen. Mittlerweile gibt es Tablets verschiedener Hersteller mit Displays, die fast DIN A4-Größe besitzen. Auf dem Schreibtisch liegend vermitteln sie das Gefühl des Arbeitens mit einem „elektronischen Buch“. Mit einem Stylus lassen sich Anmerkungen in PDF-Dokumente aufnehmen und abspeichern. „Zettelkram“ ist Geschichte und Nutzer einer elektronischen Akte können die annotierten PDF-Dokumente in ihrem DMS abspeichern. Aber selbst das ist steinzeitlich, verglichen mit den Möglichkeiten der App „LiquidText.

Für all diejenigen unter uns, die noch wissenschaftlich arbeiten wollen oder müssen, verschafft diese für IOS und MacOS erhältliche App einen völlig neuen Zugang zur Text- und Rechtsanalyse. Nehmen wir das Beispiel der Recherche zur Auslegung verschiedener Tatbestandsmerkmale eines Anspruchs. Hier gilt es, die wesentlichen Informationen aus Rechtsprechung und Literatur systematisch zu sammeln, zu analysieren und sodann auf den Fall anzuwenden. Wäre es nicht toll, wenn ich hierfür alle wesentlichen Fundstellen meiner beck-online-Recherche unter das jeweilige Tatbestandsmerkmal kopieren könnte, mit gleichzeitiger Möglichkeit des Links zur Fundstelle und der Möglichkeit, eigene Anmerkungen und Gedanken zu den jeweiligen Fundstellen glossieren zu können – bis hin zu einer analytischen Mindmap? Genau das erlaubt LiquidText.

Nachdem wir unsere Recherche-Ergebnisse aus beck-online in LiquidText geladen haben, sehen wir in der linken Bildschirmhälfte das jeweils aktive Dokument und in der rechten Hälfte einen Arbeitsbereich. Nun können wir zunächst auf dem Arbeitsbereich handschriftlich z.B. die entsprechenden Tatbestandsmerkmale unserer Recherche notieren. Diejenigen Passagen der verschiedenen Dokumente aus unserer beck-online-Recherche, die für unsere Analyse von Interesse sind, können wir jedoch nicht nur mit einem Textmarker hervorheben, sondern mit dem Stylus als Textfeld aus dem Dokument extrahieren und frei auf dem Arbeitsbereich (z.B. unter dem relevanten Tatbestandsmerkmal) anordnen. Gleichzeitig generiert die App einen Link zu genau der Stelle des Dokuments, aus der wir den Text extrahiert haben. Im Ergebnis finden wir sodann unsere Recherche-Ergebnisse (Zitate) aus den verschiedenen Dokumenten sortiert unter den Tatbestandsmerkmalen. Klickt man nun auf ein Zitat, erscheint automatisch die Fundstelle in der linken Hälfte des Bildschirms.

Das allein ist schon sehr hilfreich. Zusätzlich ist es jedoch möglich, auf dem Arbeitsbereich nunmehr (handschriftlich) die eigene Subsumtion oder Analyse in eigenen Textfeldern aufzunehmen und seinerseits entweder mit Fundstellen-Zitaten oder untereinander durch Verbindung mit dem Stylus zu verlinken. Im Ergebnis lässt sich so mit einem oder wenigen Klicks der Weg vom Recherche-Ergebnis über die tragenden Zitate bis zu den Quellen rückverfolgen und verifizieren. Und das alles mit einem Stift (Stylus) wie auf Papier. Dagegen erscheint die Arbeit mit Papier geradezu prähistorisch …

Haben Sie auch kleine praktische Tools, die Ihnen die alltägliche Arbeit erleichtern? Ich würde mich über Ihr Feedback im Kommentarbereich sehr freuen.

Rechtsanwalt Peter Lotz, M.C.J. (NYU), MAYRFLED LLP, Frankfurt, Beirat des Kanzleiforums