Rattenzüchten in Vietnam: Was bringen kanzleieigene Anreizsysteme?

Um etwas gegen die Rattenplage in Hanoi zu tun, lobten dereinst die französischen Kolonialherren eine Fangprämie aus. Das Ergebnis war – ein Aufblühen der einheimischen Rattenzucht. Anreizsysteme, so lehrt dieses Beispiel von Rolf Dobelli, sind eine ambivalente Sache. „Menschen tun, wofür man sie belohnt“, bringt es Rechtsanwalt und Kanzleiforum-Beirat Dr. Andreas Schnee-Gronauer auf den Punkt, aber das beinhaltet eben auch eine unerwünschte Reaktion auf Fehlanreize.

Damit nicht genug: In der Kanzleientwicklung gibt es immer wieder auch solche Sozietäten, die an zentraler Stelle ganz auf Leistungsanreize verzichten. Da bedeutet dann die Bereitschaft, Managing Partner zu werden, im Wesentlichen eines: nämlich eine Mandats- und Umsatzeinbuße. Wer die Handbuchsubmissionen der Sozietät übernimmt, dem schenken die Kollegen vor allem ein weiteres: Mitleid. Beide Beispiele habe ich erst in den letzten Tagen und Wochen erlebt – und die Aufzählung lässt sich für die anwaltliche Betreuung anderer Themen mühelos fortschreiben.

Eine Herausforderung ist das nun vor allem dort, wo die Belohnung von Leistungsbeiträgen nach Umsatz bzw. Ertrag erfolgt. Schnee-Gronauer empfiehlt für diese Fälle ein „multivariates Anreizsystem“, in dem neben fakturiertem Umsatz, Deckungsbeitrag u.a. auch ein Stück des Partnerkuchens – hier: – auf Publikationen entfällt.

Was aber wäre, wenn man stattdessen Solidarität und Cross-Selling von vorneherein stärker belohnte und alle Partner nach Köpfen gleich vergütete? Oder wenigstens ein so genanntes Lockstep-System einführte, bei dem sich die Höhe der Vergütung nach der Dauer der Betriebszugehörigkeit richtete? Welche weiteren Effekte erzielte man dann? Auf Ihre Erfahrungen freut sich gemeinsam mit dem gesamten Kanzleiforum-Team

Ihre

Rechtsanwältin Dr. Anette Hartung

 

Der Brexit: Vom Sturm zum lokalen Tiefdruckgebiet?

Wie ein Sturm ist die Nachricht vom britischen Austrittsvotum am 23. Juni durch die EU gefegt, auch durch die deutschen Anwaltskanzleien. International aufgestellte Sozietäten kämpfen seitdem mit teilweise heftigen Böen – angefangen vom großen Londoner Office mit dem für ganz Europa zuständigen Back Office über die Frage der fortgesetzten Absetzbarkeit örtlicher Schulgebühren bis hin zur Vergütung deutscher Anwälte in Pfund … als einer Währung auf Talfahrt. Wie aber ist die Stimmung ansonsten?

„Es wird extrem viel darüber geredet, und wir haben natürlich eine Arbeitsgruppe, aber die eigentlichen Auswirkungen kommen wohl erst später“, heißt es dazu aus einer US-Kanzlei. „Ins operative Geschäft spielt der Brexit trotz allem noch nicht entscheidend hinein“, ergänzt eine Top 20-Kanzlei – selbst wenn entsprechende langfristige Strategien von Unternehmen schon jetzt abgefragt werden. Viele Wirtschaftsanwälte rechnen damit, dass es in einem Jahr „richtig rund geht“ und die Beratungswelle dann länger anhält – „ein so komplexes Knäuel an unmittelbar und mittelbar geltendem EU-Recht, wie davon betroffen ist“.

Und dann sind da die Partikularsorgen: Wie schnell können für die Steuerrechtler die Doppelbesteuerungsabkommen verhandelt werden? Was wird im grünen Bereich aus den Gemeinschaftspatenten? Werden rückwirkend Marken „weggeschossen“? Welche Zukunft erwartet die Familienrechtler mit Blick auf Rom III? Umgekehrt die Briten: Werden Sie an den Universitäten zu Ausländerkündigungen und Inländerquoten greifen? Entsprechendes deutet sich an und könnte Konsequenzen für die Breite unserer eigenen Juristenausbildung haben. Überhaupt: Sind Sie als Kanzlei eine LLP? Wenn ja, werden Sie sich das mit der Betonung auf „Sturm“ oder „Wasserglas“ ja vielleicht auch gerade überlegen.

Schreiben Sie uns doch einmal, wie Sie die Lage wenige Monate nach dem Votum wahrnehmen.

Darauf freut sich gemeinsam mit dem Kanzleiforum-Team

Ihre

 

Rechtsanwältin Dr. Anette Hartung

Terror – Verfilmung nach Ferdinand von Schirach

Heute Abend wird zeitgleich im Ersten, im ORF und im Schweizer Fernsehen die Verfilmung des viel diskutierten Theaterstücks „Terror“ von Ferdinand von Schirach gezeigt. Mit großem Aufwand wurde dies als multimediales und interaktives Ereignis promotet. Im Stück findet eine Verhandlung vor dem Schwurgericht statt. Unter Mordanklage steht der Pilot eines Kampfjets der Bundeswehr. Eigenmächtig wie auch in voller Kenntnis der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Verfassungswidrigkeit des § 14 Abs. 3 Luftsicherheitsgesetz hat er entschieden, ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abzuschießen, das Kurs auf die Fußballarena in München genommen hatte. Dort findet an diesem Abend vor 70.000 Zuschauern das ausverkaufte Länderspiel Deutschland gegen England statt. Für den Familienvater ist klar, dass er als Soldat im Kampf gegen den Terrorismus nicht anders handeln konnte. Ist er nun ein Held oder ein Mörder? Staatsanwaltschaft und Verteidigung tragen verschiedene Argumentationslinien vor. Das Besondere ist, dass der Zuschauer im Anschluss an die Schlussplädoyers in einer multimedialen Abstimmung aufgefordert ist, über Schuld oder Unschuld zu urteilen. Damit wird die Idee von Fernsehen als gesellschaftliches Diskursmedium konkret erprobt. Die Abstimmungsergebnisse in den verschiedenen Ländern können direkt miteinander verglichen werden.

Was halten Sie als Juristen von diesem interaktiven Format?

Wir würden gerne mit Ihnen diskutieren – über das Format und ab morgen über das Ergebnis.

Es grüßt Sie herzlich

RA Katharina Nitsch

für das Kanzleiforum Team

Interview mit Professor Dr. Dr. h.c. Peter Ehlers zum Schifffahrtsrecht

Guten Tag Herr Professor Ehlers. Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für den Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Sie haben sich bereits in Ihrer Promotion direkt nach Ihrem Studium mit dem Thema Seeschifffahrt auseinander gesetzt. Wie kamen Sie auf die Idee, sich diesem nicht unbedingt klassischen Rechtsgebiet zu widmen?

Ich bin an der Küste aufgewachsen, wollte nach dem Abitur selbst zur See fahren und habe mich immer für Schifffahrt und Meere interessiert. Durch meine Promotion über die Internationale Seeschifffahrts-Organisation kam ich in Kontakt mit dem Bundesverkehrsministerium und begann meine berufliche Laufbahn in der Schifffahrtsverwaltung des Bundes. In meiner vierzigjährigen beruflichen Tätigkeit  vor allem in der Abteilung Seeverkehr des Bundesverkehrsministeriums und als Präsident des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie habe ich mich immer wieder auch mit seerechtlichen Themen befasst. Seit Anfang der 1990er habe ich Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Rostock wahrgenommen. Während sonst an den Universitäten eher das internationale Seerecht behandelt wird, habe ich mich auf das nationale öffentliche Seerecht konzentriert, bei dem es gerade um die Anwendung und Durchsetzung internationaler Regelungen geht, und dabei meine in der Verwaltungspraxis gewonnenen Erfahrungen eingebracht.

beck-shop: Welchen „Hintergrund“ muss jemand mitbringen, der sich auf dieses Gebiet spezialisieren möchte? Welches Know-how ist Ihrer Erfahrung nach unerlässlich?

Eine Spezialisierung allein auf das öffentliche Seerecht ist für jemanden, der als Anwalt tätig werden will, sicher nicht ausreichend; es sei denn, dass er sich vor allem auf den maritimen Umweltschutz und die Sicherheit des Schiffsverkehrs konzentriert.  Häufiger werden jedoch das Seehandelsrecht und Seeversicherungsrecht, daneben auch das Seearbeitsrecht und das Gesellschaftsrecht im Vordergrund stehen. Ganz allgemein sind neben einem fundierten juristischen Allgemeinwissen Interesse und Verständnis für maritim-naturwissenschaftliche und technische Zusammenhänge, insbesondere aber auch für Wirtschaftsfragen wichtig, wenn man sich auf das See- und Schifffahrtsrecht spezialisieren will.

beck-shop: Mit welchen Fragen setzen Sie sich regelmäßig auseinander?

Ich befinde mich nun schon seit acht Jahren im – zugegebenermaßen eher unruhigen – Ruhestand, bin aber nach wie vor im maritimen Bereich in unterschiedlichsten Funktionen tätig. Dabei spielt das öffentliche Seerecht vor allem bei meiner Lehrtätigkeit bei der World Maritime University in Malmö, dem International Maritime Law Institute auf Malta und der jährlichen Summer Academy der Internationalen Seerechtsstiftung in Hamburg eine wichtige Rolle. Meine Aktivitäten gehen aber weit darüber hinaus und erfassen auch meereswissenschaftliche und meerestechnische Themen genauso wie Wirtschaftsfragen der Schifffahrt und den Meeresumweltschutz. Mir geht es vor allem um zwei Aspekte: Wie schaffen wir es, Nutzung und Schutz der Meere in eine Balance zu bringen? Und wie können wir junge Menschen vor allem aus weniger entwickelten Ländern so ausbilden, dass sie in Zukunft für eine nachhaltige Entwicklung im maritimen Bereich sorgen können?  Konkreter auf das Seerecht bezogen setze ich mich zur Zeit mit der Frage auseinander, wie man die immer größere Flut von internationalen und europäischen Regelungen so in das deutsche Recht übertragen kann, dass der Rechtsanwender überhaupt noch den Durchblick behält.

beck-shop: Arbeiten Sie eng mit Rechtsanwaltskanzleien zusammen?

Ich habe viele persönliche Kontakte zu Kanzleien, die im Schifffahrtsbereich einen Schwerpunkt haben und werde gelegentlich auch um Begutachtung einzelner Fragen gebeten.

beck-shop: Würden Sie neu zugelassenen Kolleginnen und Kollegen empfehlen, sich auf das Beratungsfeld Recht des Seeverkehrs zu spezialisieren? Eignet es sich überhaupt für kleine und mittlere Kanzleien?

Nicht zuletzt wegen der erforderlichen Spezialisierung, die nicht auf das deutsche See- und Schifffahrtsrecht begrenzt sein darf, werden seeverkehrs- und schifffahrtsrechtliche Fragen eher von großen, meist auch international aufgestellten Kanzleien betreut. Die Karriere für junge Juristinnen und Juristen geht daher eher über diese Kanzleien, die weiterhin Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs haben. Wir haben deshalb z. B. an der Universität Hamburg, an der ich noch tätig bin, einen Schwerpunkt „Maritimes Wirtschaftsrecht“ eingerichtet, der auch das öffentliche Seerecht als wichtige Komponente enthält. Empfehlenswert ist die Ergänzung durch die Promotion mit einem seerechtlichen Thema.

beck-shop: Das Recht des Seeverkehrs ist sicherlich stark international ausgerichtet, oder?

Seeschifffahrt ist ein globaler Verkehrsträger, die Meere sind grenzenlos. Das macht internationale Regelungen unerlässlich. Hierfür ist vor allem die Internationale Seeschifffahrtsorganisation, eine Sonderorganisation der UN, zuständig, die für ein umfassendes Regelwerk sorgt. Dabei handelt es sich um eine große Zahl von Übereinkommen, ergänzenden Codes, Richtlinien, Standards und Empfehlungen mit unterschiedlicher rechtlicher Bindungswirkung. Hinzu kommen zusätzliche Regelungen der EU, die teils der harmonisierten Anwendung der internationalen Normen dienen, teils aber auch zusätzliche Anforderungen begründen. National geht es darum, diese Regelungen in das deutsche Rechtssystem einzupassen. Dies so zu gestalten, dass es für den Rechtsanwender noch überschaubar und verständlich bleibt, ist immer wieder eine Herausforderung.

beck-shop: Im Nomos-Verlag ist aktuell ein Kommentar von Ihnen zum Recht des Seeverkehrs erschienen. Bitte seien Sie so nett und sagen Sie etwas zum Inhalt und Anliegen des Werkes.

Unser innerstaatliches Recht des Seeverkehrs wird von einer großen Zahl von Einzelgesetzen und Rechtsverordnungen geprägt. Deren Vorschriften greifen vielfach ineinander, verweisen auf andere Rechtsquellen oder nehmen darauf Bezug. In mehr als sechzig Jahren historisch gewachsen, ist nicht immer die gewünschte Konsistenz, Transparenz, Systematik und einheitliche Begrifflichkeit gewährleistet. Das kann den notwendigen Überblick für den Betroffenen erschweren und die Anwendung verkomplizieren. Die Rechtswissenschaft hat sich bisher vorzugsweise mit dem internationalen Seerecht auseinandergesetzt. Hingegen fehlt es weitestgehend an Untersuchungen zur Durchdringung des nationalen Rechts. Rechtsprechung liegt nur zu einigen wenigen Einzelfragen vor. Um die Lücke zu schließen, werden in dem Kommentar die wichtigsten den Seeverkehr betreffenden Gesetze – Seeaufgabengesetz, Flaggenrechtsgesetz, Schiffssicherheitsgesetz, Seelotsgesetz und Seesicherheits-Untersuchungsgesetz – näher erläutert und in einem Anhang um wichtige Durchführungsverordnungen ergänzt, auf die in den Erläuterungen vielfach Bezug genommen wird. Mir liegt daran, mit dem Kommentar die Rechtsanwendung zu erleichtern und zur besseren Durchdringung der Materie beizutragen.

beck-shop: Herr Professor Ehlers, wir danken für das Gespräch.

 

Ehlers
Recht des Seeverkehrs
2016, 523 S., Nomos, ISBN 978-3-8487-3025-4,
Preis 78,00 € inkl. MwSt.

 

„Wer fragt, erhält Antworten, wer richtig fragt, die richtigen.“ Interview mit Axel Wendler

wendler

Guten Tag Herr Wendler. Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage: Ihr gemeinsam mit Dr. Helmut Hoffmann verfasstes Werk „Technik und Taktik der Befragung“ widmet sich schwerpunktmäßig der Zeugeneinvernahme. Wird dieses Thema in der Ausbildung vernachlässigt?

Ein klares Ja. In der Ausbildung erhält das Thema quasi überhaupt keinen Raum. Anwälte, Richter und Staatsanwälte befassen sich häufig erst in ihrer Berufszeit mit dem Thema und buchen dann ein berufsbegleitendes Seminar – oft nachdem sie in ihrer Praxis einen Fall hatten, der ihnen ihr Defizit aufgezeigt hatte.

Halten Sie die Taktik der Zeugenbefragung für eine Schlüsselkompetenz eines Strafverteidigers?

Nicht nur eines Strafverteidigers, sondern fast jedes Juristen. Es geht in dem Buch auch nicht nur um die Befragung von Zeugen, sondern insgesamt um zielorientierte Kommunikation von Juristen. Das wichtigste „Handwerkszeug“ für Juristen – egal ob Rechtsanwalt, Richter oder Staatsanwalt – ist die Kommunikation. Bei der Mehrzahl aller Verfahren geht es um Sachverhaltsfeststellung. Hier ist insbesondere die Prüfung der Glaubhaftigkeit der Angaben der Beteiligten und die Taktik der Befragung wichtig, unabhängig vom Rechtsgebiet. Kann im Zivilrecht Beweis geführt werden, treffen im Strafrecht die Belastungen zu, als Beispiel aus dem öffentlichen Recht stimmt das behauptete Verfolgungsschicksal, handelt es sich um einen Dubiosschaden oder einen echten Haftungsfall bei Versicherungen. Betrugsfälle sind durch richtige Fragen leicht aufdeckbar! Es geht in dem Buch darüber hinaus allgemein um Kommunikation von Juristen in schwierigen Situationen, z.B. der Umgang mit den Beteiligten in hoch emotionalisierten Situationen, etwa im Familienrecht, der Umgang von Anwälten mit problematischen Mandanten usw.

Wie kann man diese Kompetenz praktisch einüben? Haben Sie hier eine Idee für unsere Leser, wann man dies auch im Alltag ausprobieren kann?

Seien Sie offen für alles, was Ihnen zu diesem Thema begegnet. Gehen Sie mit den Tipps und Anregungen „spielerisch“ um. Testen Sie für sich unterschiedliche Fragetechniken. Es gibt auch viele Seminare zu dem Thema. Da werden Techniken geübt, idealerweise mit Video. Interessant sind oft die Erfahrungen, die man in einem Rollentausch macht. Als Anwalt spielt man z.B. einen Richter und „erlebt“ so, was in ihm vorgeht, warum er auf den Anwalt in einer bestimmten Weise reagiert. Daraus kann man dann wiederum wertvolle Rückschlüsse für das künftige eigene Verhalten ziehen. Grundsätzlich gilt aber hier wie überall: Es ist ein lebenslanger Prozess des Lernens und Übens.

Sie beide sind Richter, können Sie sich denn problemlos die anwaltliche „Brille“ aufsetzen?

Ja, absolut problemlos. Allerdings muss ich sagen, dass ich persönlich immer eine „kritische Distanz“ zu meinem Richterberuf hatte. Dies sollte ein guter Richter meiner Meinung nach immer haben. Sie ist wichtig, um eine ausreichende „Bodenhaftung“ zu behalten. Zudem habe ich verschiedene psychologische und systemische Zusatzausbildungen gemacht, die mir den Perspektivwechsel erleichtern. Ich denke, für das Thema des Buchs ist es geradezu ein Vorteil, dass wir aus eigener Erfahrung wissen, wie Richter „ticken“.

Können Sie von einem besonders positiven Erlebnis berichten, das Ihnen im Rahmen der Beschäftigung mit dem Thema passiert ist?

Ich habe etliche Male positive Rückmeldungen von Anwälten erhalten, die nach einem Seminarbesuch einen bis dahin scheinbar aussichtslosen Fall durch taktische Zeugenbefragung o.ä. zu einem erfolgreichen Abschluss führen konnten. Das freut mich natürlich immer besonders.

Abschließend möchte ich noch aus einem BGH-Urteil zitieren:

„Vernehmungslehre und Vernehmungstaktik können … auch in anderen Fachgebieten von Bedeutung sein. Die Beklagte verweist zutreffend darauf, dass jeder forensisch tätige Rechtsanwalt vom Besuch eines derartigen Seminars profitieren könnte … Ein Rechtsanwalt, der die Grundlagen der Vernehmungslehre und Vernehmungstaktik beherrscht, wird überdies den auf diesem Gebiet nicht besonders geschulten Rechtsanwälten regelmäßig überlegen sein.“

BGH, AnwZ (Brfg) 46/13 verkündet am 18. Juli 2016

Wendler / Hoffmann
Technik und Taktik der Befragung
2015, 220 S., Kohlhammer, ISBN 978-3-17-023341-6,
Preis 39,99 € inkl. MwSt.

 

Rezension Praktikerliteratur: Technik und Taktik der Befragung!

Beide Autoren waren Richter am OLG Stuttgart und halten seit vielen Jahren Seminare u.a. zu Fragen der Vernehmung von Auskunftspersonen. Sie haben sich bei diesem Handbuch über die Technik und Taktik der Befragung zum Ziel gesetzt, ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus – addiert – 70 Berufsjahren weiterzugeben. Diese Kenntnisse sollen u.a. zu „besseren, d.h. letztlich gerechteren Urteilen“ führen. Doch nicht nur an Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte richtet sich dieses Fachbuch, sondern laut Vorwort auch an im juristischen Alltag tätige Sachverständige, Mitarbeiter von Unternehmen, die im Bereich Corporate Governance, Anti Fraud und Compliance tätig sind sowie Sachbearbeiter von Versicherungen.

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel und beginnt der Thematik entsprechend mit der Vernehmungslehre und Vernehmungstaktik. Dieses wichtige erste Kapitel umfasst mehr als ein Viertel des Werkes und legt den Grundstein für das weitere Verständnis. Praktikerfreundlich sind die wichtigen Passagen mit farblich abgesetzten, abschließenden Fazits gespickt.

So finden sich neben anderen Hinweisen Appelle an die Prozessbeteiligten, wie sie auf eine der Wahrheitsfindung dienende Vernehmung von Zeugen oder Parteien hinwirken können. Die Auskunftsperson hat zunächst immer einen freien Bericht über ihre Wahrnehmung zu erstatten. Anschließend sollten – um typische Fehler bei einer Vernehmung zu vermeiden – Fragen nacheinander gestellt und beantwortet werden. Denn die Häufung von Fragen ist mit dem Risiko von Informationsverlusten verbunden. Es werden zudem u.a. Tipps zum Umgang mit der Verunsicherung der Auskunftsperson (Vermeiden oder Verhindern) oder dem Problem von Suggestivfragen gegeben.

Hiernach werden im zweiten Kapitel die Wahrheit bzw. die Lüge thematisiert. Die Abgrenzung zwischen Wahrheit und Lüge ist von elementarer Bedeutung für den Gang der Vernehmung und die Bewertung ihres Resultats. Das hierzu erforderliche Werkzeug in Form der Aussagebewertung (basierend auf der von höchstrichterlicher Rechtsprechung konkretisierten Aussageinhaltsanalyse) einschließlich grundlegender Kenntnisse des Inhalts und der Feststellung von Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit wird dem Leser an die Hand gegeben.

Anschließend wird im dritten Kapitel der Irrtum näher erläutert, insbesondere indem die Fehlerquellen bei der Wahrnehmung und der Erinnerung aufgezeigt werden.

Für die Vermittlung eines grundlegenden Verständnisses könnte die Darlegung der Glaubhaftigkeitslehre (beginnend mit der Aussageentstehung einschließlich ihrer Fehlerquellen und nachfolgender Behandlung der Lüge) vor der Vernehmungslehre hilfreich sein.

Es folgt nach den grundlegenden ersten drei Kapiteln die Beschreibung dreier Sonderkonstellationen. So beschäftigt sich das vierte Kapitel mit der Vernehmung von Ausländern. Es werden die oftmals in der Praxis vernachlässigten Besonderheiten, wie beispielweise der kulturelle Hintergrund der Auskunftsperson oder Abweichungen in der Körpersprache, die herkunftsbedingt sein können, anhand von Beispielen beschrieben. Sie können dazu führen, dass Aussageinhalte falsch, überbetont oder unvollständig erfasst werden. Um solche eventuellen Fehlerquellen bei der Aussagewürdigung aufzuspüren, wird die Aussageanalyse unter diesen Gesichtspunkten sehr umfangreich behandelt. Es fehlen nach Ansicht der Rezensenten hierbei allerdings Ausführungen, wie man angesichts der besonderen Situation während der Vernehmung den richtigen Aussageinhalt herausarbeiten kann. Hilfreich wären Hinweise zu Fragetechniken, die sicherstellen, dass wichtige Begriffe von der jeweiligen Vernehmungsperson kritisch hinterfragt werden.

Das fünfte Kapitel richtet sich vornehmlich an den Rechtsbeistand bzw. Rechtsanwalt und dessen vorbereitende Tätigkeit in Bezug auf eine Vernehmung von Zeugen oder Mandanten. Dieser Abschnitt ist für die Rezensenten – beide als Rechtsanwälte im Wirtschaftsstrafrecht tätig – von besonderem Interesse. Auf den acht dieser Thematik gewidmeten Seiten können jedoch nur die Grundzüge abgehandelt werden. So werden der tatsächliche und der rechtliche Rahmen der Begleitung und Vorbereitung einer Auskunftsperson durch einen Rechtsanwalt behandelt. Verweise auf das Standes- und Strafrecht sensibilisieren den Leser für die Gefahren bei der „Vorbereitung des Zeugen“. Durch den Anriss weiterer relevanter Problemkreise, wie die Wahrheitspflicht im Zivil- und Strafverfahren oder die potentielle Zeugenbestechung durch Kostenerstattung bietet dieses Kapitel eine erste Orientierung.

Mit der Thematik des sechsten Kapitels „Gesprächsführung (insbesondere am Telefon), Leiten im Gespräch, Umgang mit „schwierigen Typen“ hebt sich das Handbuch von anderen Werken mit der Thematik Aussagepsychologie ab. Hier erfolgt auf 25 Seiten eine grundlegende „Schulung“ im Hinblick auf die genannten Themenkreise.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass dieses Handbuch für die erfolgreiche Durchführung von Gesprächen und Interviews im Allgemeinen sowie insbesondere für die äußerst praxisrelevanten Vernehmungen von Zeugen ein gelungener Leitfaden ist.

Der Anspruch einer guten „Lesbarkeit“ des Buches wurde durch die Wahl einer lebendigen, nicht streng wissenschaftlichen Sprache erfüllt. Die wissenschaftliche Vertiefung ermöglicht der Rückgriff auf die in zahlreichen Fußnoten benannten Quellen sowie auf die beigefügte CD-ROM, die sämtliche aufgeführten Entscheidungen im Langtext enthält.

 

Dr. Konrad Schmidt/ Dr. Jennifer Schumacher

Wendler / Hoffmann
Technik und Taktik der Befragung
2015, 220 S., Kohlhammer, ISBN 978-3-17-023341-6,
Preis 39,99 € inkl. MwSt.

Im Namen meiner Tochter – Der Fall Kalinka

– DIE VERLOSUNG IST INZWISCHEN BEENDET –

Eine der größten Justiz-Affären der Nachkriegszeit kommt in die deutschen Kinos. Am 20.10.2016 startet der Film „Im Namen meiner Tochter – der Fall Kalinka“. Verfilmt wurde die Geschichte nun von Regisseur Vincent Garenq mit Daniel Auteuil (André Bamberski) und Sebastian Koch (Dieter Krombach) in den Hauptrollen.

Der Fall Kalnika

 

Pressestimmen: 

„Eine ergreifende Geschichte“ Aufeminin.com

„Es ist die Geschichte eines Traumas, das ein bisher wohlgeordnetes Leben so sehr auf den Kopf stellt, dass man sich fast schon an Michael Kohlhaas’s verzweifelten Kampf und Gerechtigkeit erinnert fühlt […]“ kino-zeit.de

Verlosung:

Damit Sie diesen spannenden Film nicht verpassen und wir Ihnen eine kleine Freude machen möchten, verlosen wir 5 x 2 Freikarten für das Kino Ihrer Wahl (deutschlandweit).

Was Sie dafür tun müssen? Schreiben Sie uns einfach bis zum 03.10.2016 an kanzleiforum@beck-shop.de, wie lange der Kampf von André Bamberski gegen die Justiz dauerte. Für den Versand lassen Sie uns bitte auch Ihren Namen und Ihre vollständige Adresse zukommen.

Die Gewinner werden per Losverfahren ermittelt. Wir drücken die Daumen!

Zu den Teilnahme- und Datenschutzbestimmungen.

 

Der nachfolgende Trailer bietet Ihnen einen ersten Vorgeschmack:

 

In eigener Sache: beck-shop.de KANZLEIFORUM-News

Damit Sie rund um das Thema Kanzleimanagement und -organisation immer auf dem aktuellsten Stand sind, haben wir die beck-shop.de KANZLEIFORUM-News  für Sie ins Leben gerufen.

In unserem kompakten und unabhängigen Online-Magazin erhalten Sie einen Überblick über die neuesten Trends und Entwicklungen der Branche. Lernen Sie neue Ansätze und Methoden kennen, von denen auch Ihre Kanzlei profitieren kann. Erfahren Sie, wie sich die Zukunft Ihrer Kanzlei entwickelt und wie es Ihnen gelingt, sich den anstehenden Herausforderungen zu stellen und diese zu bewältigen. Finden Sie darüber hinaus Informationen und Tipps, wie Sie das Potenzial Ihrer Kanzlei voll ausschöpfen können.

Bestimmte Themen interessieren Sie ganz besonders? Scheuen Sie sich nicht und lassen Sie es uns wissen! Schreiben Sie uns Ihre Ideen, Anregungen und Wünsche an kanzleiforum@beck-shop.de. Gerne versuchen wir diese aufzugreifen und in unser Magazin einfließen zu lassen.

Bleiben Sie up to date! Erhalten Sie die wichtigsten Neuigkeiten aus den verschiedensten Quellen auf einen Blick und nutzen Sie unser regelmäßig erscheinendes Newsletter-Angebot, indem Sie die KANZLEIFORUM-News direkt abonnieren.

Ich freue mich auf Ihr Feedback!

Herzliche Grüße aus München

Ihre RA Katharina Nitsch

 

Interview mit Rechtsanwalt Dr. Reinhard Marx zum Aufenthalts-, Asyl- und Staatsangehörigkeitsrecht

Guten Tag Herr Rechtsanwalt Dr. Marx. Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für den Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Sie haben sich frühzeitig auf das Aufenthalts-, Asyl- und Staatsangehörigkeitsrecht spezialisiert. Wie kamen Sie auf die Idee, sich diesem nicht unbedingt klassischen Rechtsgebiet zu widmen, das zudem noch nicht einmal mit hohen Honoraren lockt?

Das ist in meiner damaligen ehrenamtlichen Tätigkeit bei  amnesty international begründet. 1973 bin ich in diese Organisation eingetreten. Wenige Monate danach habe ich die Flüchtlingsbetreuung übernommen, die damals noch am Anfang stand und die ich dann als Mitglied des Vorstandes von 1976 bis 1978 in der deutschen Sektion aufgebaut habe. 1974 habe ich mit dem Jurastudium angefangen. Ursprünglich wollte ich Strafverteidiger werden, weil ich vor meinem Studium fünf Jahre in Hamburg im Polizeidienst war und deshalb Interesse an dieser anwaltlichen Tätigkeit hatte. Durch den Einstieg in die Flüchtlingsarbeit gleich im ersten Semester haben sich dann aber meine Koordinaten vollständig verschoben. Heute ist die Flüchtlingsarbeit als Anwalt wie aber auch in politischen Zusammenhängen Teil meiner Identität.

Welchen „Hintergrund“ muss jemand mitbringen, der sich auf dieses Gebiet spezialisieren möchte? Welches Know-how ist Ihrer Erfahrung nach unerlässlich?

Ich nehme an, die Frage bezieht sich auf die anwaltliche Tätigkeit und nicht auf die allgemeine Betreuung von Flüchtlingen. Gute Rechtskenntnisse insbesondere im Verwaltungs- und Verwaltungsprozessrecht sind unerlässlich. Aufenthalts- und Asylrecht ist Konfliktrecht, sodass häufig schwierige Rechtsfragen zu lösen sind. Es war das Asylrecht, in dem seit den 1980er Jahren neue prozessuale Wege, insbesondere aber Zulassungsbeschränkungen, Präklusionsvorschriften und Rechtsmittelreduzierungen wie auch Fristverkürzungen eingeführt wurden, die teilweise im allgemeinen Verwaltungsprozessrecht, wenn auch in abgemildeter Form, man denke an die Berufungszulassung, übernommen wurden.

Der juristische Teil der Arbeit macht aber gleichwohl allenfalls zehn Prozent des Know-hows aus, das man mitbringen muss. In allererster Linie geht es um Sachverhaltsermittlung. Gute, solide und präzise handwerkliche Arbeit ist hier von Bedeutung.  Der Anwalt muss mehr wissen als die Behörde oder das Gericht. Er muss sich vergewissern, wo die starken und wo die schwachen Stellen in der Geschichte seines Mandanten sind, um sich im Verfahren darauf einstellen zu können. Das betrifft insbesondere die Ermittlung von Asylgründen, aber auch die Ermittlungen beim Vorwurf einer „Scheinehe“ oder bei Ausweisungen. Häufig wird von den Asylsuchenden nicht die Wahrheit oder zumindest nicht vollständig die Wahrheit gesagt. Deshalb ist ein kritisches Urteilsvermögen einerseits und Offenheit andererseits unerlässlich, um die Mandanten sicher durch das Verfahren zu begleiten.

Wer sind Ihre Mandanten? Wie läuft eine typische Beratung ab?

Meinen Schwerpunkt im Asylrecht stellen Mandanten aus Afghanistan, dem Iran, Somalia, Eritrea, Äthiopien, Tschetschenien und vielen anderen Herkunftsländern dar.  Ich habe bezüglich der Herkunftsländer zwar keinen abschließenden Ansatz, aber „Trampelpfade“ führen im Laufe der Zeit dazu, dass zu den verschiedenen Kanzleien Mandanten aus bestimmten Herkunftsländern kommen. Da ich weit über die Region hinaus bekannt bin, suchen mich aber auch häufig Mandanten auf, bei denen das Verfahren bereits negativ abgeschlossen ist oder die im Verfahren nicht gut vertreten waren. Hier kann man häufig kaum noch erfolgreiche Strategien entwickeln. Im Asylrecht läuft eine typische Beratung so ab, dass ich mir erst mal die Asylgründe anhöre oder bei Mandanten mit einem ausländerrechtlichen  Probleme  mir dieses erzählen lasse. Zumeist wird ein zweiter Termin durchgeführt, damit ich in der Lage bin, zu beurteilen, welche Erfolgsaussichten im Einzelfall bestehen. Ich spreche mit den Mandanten Klartext und sage ihnen offen, ob und wenn ja, wie hoch die Erfolgsaussichten in ihrem Verfahren sind. Das wird nicht immer als freundlich eingeschätzt, doch zumeist sind die Mandanten froh, wenn sie Klarheit gewinnen können.

Welches sind die häufigsten Problemfelder?

Im Asylrecht die Dublin-Verfahren, also die Frage, welcher Mitgliedstaat zuständig für die Behandlung des Asylgesuchs ist. Glaubhaftigkeitsfragen. Das ist – wie ich bereits ausgeführt habe – Schwerstarbeit, weil kulturelle, intellektuelle Hindernisse zu berücksichtigen sind. Die Darlegungs- und Beweisregeln sind westliche Regeln, die von den meisten Mandanten nicht verstanden werden.

Arbeiten Sie eng mit Dolmetschern zusammen oder wie läuft die Verständigung?

Stets. Am Anfang bei der Mandatsannahme reicht es, wenn ein Freund, Bekannter oder Verwandter mitkommt. Doch bei der Vorbereitung der Asylantrags- oder Klagebegründung bestehe ich auf professionelle Übersetzung und ziehe häufig auf Kosten der Mandanten einen Dolmetscher zu. Ein Verwandter oder Freund übersetzt nicht zuverlässig, weil er eigenes Vorwissen, das er aus den vorherigen Gesprächen mit dem Mandanten erworben hat, in die Übersetzung einfließen lässt, sodass ich die Stimmigkeit und Widerspruchsfreiheit der Erklärungen nicht überprüfen kann

Wie hat sich Ihre Arbeit seit vergangenem Jahr verändert?

Es fällt bedeutend mehr Arbeit für die Anwälte an, aber die zentralen Kernprobleme haben sich nicht verändert.

Sind Sie politisch engagiert und nehmen Einfluss auf aktuelle Gesetzesentwicklungen oder Verwaltungsentscheidungen?

Sehr. Wie bereits aus meiner persönlichen Geschichte deutlich wird, habe ich die anwaltliche Arbeit immer auch als politische Arbeit verstanden. Ich betrachte den Einzelfall immer auch im Kontext der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung. Ich arbeite mit den Wohlfahrtsverbänden und Menschenrechtsorganisationen zusammen. Vor 17 Jahren haben wir einen Gesprächskreis gegründet, in dem wir Stellungnahmen zu aktuellen unionsrechtlichen Vorhaben wie auch Gesetzentwürfen und auch allgemeine politische Positionen zur Flüchtlingspolitik entwickeln. Darüber hinaus werde ich häufig als Sachverständiger vom Innenausschuss des Bundestages zu konkreten Gesetzesprojekten geladen, bin seit 2o00 im Expertenforum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Leiter des Fachlehrgangs für Migrationsrecht beim Deutschen Anwaltsinstitut und schließlich  bereits seit den 1970er Jahren in vielfältiger Weise im Ausländer- und Flüchtlingsrecht publizistisch aktiv.

Würden Sie neu zugelassenen Kolleginnen und Kollegen empfehlen, sich auf dieses Beratungsfeld zu spezialisieren? Eignet es sich für kleine und mittlere Kanzleien?

Ja, wenn das erforderliche Engagement und die Sensibilität für die schwierigen und komplexen Probleme vorliegt und der Wille vorhanden ist, den Mandanten zu helfen. Da ich seit 1983 als Anwalt immer nur in kleineren Kanzleien gearbeitete habe und seit 1999 Einzelanwalt bin, habe ich nur vor diesem Hintergrund entsprechende Erfahrungen. Gleichwohl könnte ich mir aber vorstellen, dass Großkanzleien eher wirtschaftsrechtlich orientiert sind, und es dort wohl nicht so gern gesehen wird, wenn Kollegen sich auf diesem Gebiet betätigen. Selbstverständlich muss die anwaltliche Arbeit von den Mandanten finanziert werden. Das ist am Anfang schwierig. Wer sich jedoch mit Hartnäckigkeit und Engagement in die Arbeit einbringt, wird auch finanziell überleben können.

Macht Ihre Beratungstätigkeit auch den Austausch mit ausländischen Kanzleien erforderlich?

Hin und wieder. Zumeist läuft dies über Netzwerke und Nichtregierungsorganisationen.

Im Nomos-Verlag erscheinen demnächst ein Handbuch und ein Formularbuch zum Ausländer- und Asylrecht. Bitte seien Sie so nett und sagen Sie etwas zum Inhalt und Anliegen der Werke.

Das Handbuch zum Aufenthalts-, Asyl- und Flüchtlingsrecht wird in der sechsten Auflage erscheinen. Es ist in neun Kapitel aufgeteilt, sieben davon behandeln aufenthaltsrechtliche, zwei humanitäre und asylrechtliche Fragen.  Am Anfang stand mein Skript zur Anwaltsfortbildung im Ausländer- und Asylrecht bei der Deutschen Anwaltakademie. Dieses war die Grundlage für die erste Auflage. Ich referiere in den einzelnen Kapiteln jeweils den aktuellen Stand der Gesetzgebung und Rechtsprechung, beschreibe die besonders wichtigen Fragen und gebe auch Hinweis, wie Anträge formal zu stellen sind. Das Buch richtet sich an alle Rechtsanwender, enthält am Anfang jedes Abschnitts aber auch auf die Berater in den Migrationsberatungsstellen zugeschnittene Zusammenfassungen der jeweils nachfolgenden Ausführungen.

Das Formularbuch erscheint in der dritten Auflage, wird von Anwälten für Anwälte geschrieben. Ich selbst bin Herausgeber, und Verfasser von drei Beiträgen.  Die Beiträge behandeln Teilgebiete des Ausländer- und Asylrechts wie auch des Staatsangehörigkeitsrechts, wie etwa Familienzusammenführung, Ausweisung, Erwerbstätigkeit, Asylverfahren, Einbürgerung. Jeder Beitrag beginnt mit einem oder mehreren Fällen aus der Praxis und bietet Lösungsvorschläge an. Anschließend werden die Rechtsfragen, die im jeweils behandelten Themenfeld anfallen, ausführlich erläutert.

Herr Rechtsanwalt Dr. Marx, wir danken für das Gespräch.

Marx
Aufenthalts-, Asyl- und Flüchtlingsrecht
2016, 1041 S., Nomos, ISBN 978-3-8487-3244-9,
Preis 98,00 € inkl. MwSt.

Marx (Hrsg.)
Ausländer- und Asylrecht
2016, 621 S., Nomos, ISBN 978-3-8487-2042-2,
Preis 108,00 € inkl. MwSt.

 

Buchvorstellung: Günter Seefelder, Wie Sie Ihre Kanzlei vernichten

Am auffälligsten optisch „eingebläut“ hat der Verlag die Anekdoten. Für den eiligen Leser, der in farbigen Kästchen üblicherweise Praxistipps aufstöbert, ist das erst einmal irritierend. Gleichzeitig ist es aber auch ein Spannungselement: Der Kapitelüberschrift hat man schon entnommen, was Sache ist. Jetzt geht es „ans Eingemachte“.

Dazu ein Beispiel: Kapitel II.3 gehört „Matthias Gscheit – fachlich gut zu sein reicht nicht“. Im Untertitel folgt die These auf den Fuß: „Mangelnde Fähigkeiten zum Perspektivwechsel beeinträchtigen den Erfolg“. Geschildert wird der Werdegang eines Gegnerschrecks, der sich anlässlich einer steuerlichen Betriebsprüfung schließlich mit dem Falschen anlegt. Im Folgenden weist der Autor u.a. auf unterschiedliche Möglichkeiten der Kommunikation und der Mediation und auf Coaching-Prozesse hin. Wie man entsprechende Konflikte unter Kanzleiinhabern löst, dazu gibt es weitere Fälle … und zur Wahrnehmung von Signalen anlässlich einer „Führung im Feldwebelton“ dann schließlich (in grau) praktische Tipps.

Spätestens jetzt wird deutlich, dass „unterhaltsam“ in diesem Buch nicht gleichzusetzen ist mit „flach“. Genau hier nämlich liegt in der Praxis der Hase häufig im Pfeffer: Nicht an Rezepten zur Beseitigung wahrgenommener Störungen mangelt es – sondern betriebssoziale Störungen werden oft gar nicht erst als solche erkannt! Um hier am Ball zu bleiben, rät Autor Seefelder zunächst, sich über die durchschnittliche Fluktuation und den durchschnittlichen Krankenstand vergleichbarer Kanzleien auf dem Laufenden zu halten. Ein regelmäßiger (systematischer!) Mitarbeiterkontakt und eine klare, wertschätzende Sprache sind weitere Zusatzelemente, die Zielvereinbarungen und andere bereits bekannte Instrumente zu ergänzen vermögen.

Entsprechende Tipps und Auflistungen finden sich noch an weiteren Stellen – praktisch sehr hilfreich beispielsweise dort, wo es um die Vor- und Nachteilserfassung von Gewinnverteilungssystemen geht (wobei man bei einer Neuauflage den lesehemmenden Seitenumbruch inmitten einer Tabelle vermeiden sollte). Rundweg gelungen ist last not least der rund 35 Seiten lange Einführungsteil. Was sich hier gänzlich anekdotenfrei nachlesen lässt, ist nichts weniger als eine kluge Zusammenfassung über Anwaltsunternehmen heute. Eigentlich hätten Seefelders Ausführungen von Marktveränderungen über Kanzlei- und Führungstypen bis hin zu Analyseinstrumenten denn auch an den Schluss des Buches gehört – flankierend zum (etwas rudimentären) Glossar und dem (gut ausgewogenen) Stichwortverzeichnis.

Unter dem Strich: Wenn ich das Buch noch nicht hätte – ich würde es mir anschaffen und mit auf die nächste Bahnfahrt nehmen. Es lässt sich sehr gut in Häppchen lesen. Und wie sonst wollen Sie Gscheits chaotische Kollegin Carmen Nonorga oder die umstrittene Kanzlei Clock & Time kennenlernen.

Rechtsanwältin Dr. Anette Hartung, Frankfurt am Main

Seefelder
Wie Sie Ihre Kanzlei vernichten ohne es zu merken
2016, 192 S., HDS-Verlag, ISBN 978-3-95554-165-1,
Preis 49,90 € inkl. MwSt.