Legal Tech – Wird der Anwalt zum Rechner?

Die Digitalisierung des Rechts durch „Legal Tech“ ist unaufhaltsam. Rechtsanwendung und Rechtsgestaltung werden nicht nur irgendwie schneller und effizienter stattfinden, sondern neuartig und teilweise von anderen als den Juristen erbracht werden. Was sind aktuelle Entwicklungen? Worauf müssen sich Kanzleien einstellen? Wo gibt es Gefahren, wo Potenziale? Fragen über Fragen. Grund genug für das Kanzleiforum-Team, ein Interview mit Prof. Dr. Breidenbach, Florian Glatz und Tom Braegelmann zu führen. Lesen Sie jetzt den ersten Teil des Interviews. 

Im Gespräch (v.l.n.r.):

Florian Glatz,

Prof. Dr. Stephan Breidenbach,

Tom Braegelmann

 

 

Guten Tag Herr Breidenbach, guten Tag Herr Glatz, guten Tag Herr Braegelmann! Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage:

Im Februar erscheint das „Rechtshandbuch Legal Tech“ das sich mit den Folgen der Digitalisierung für das Recht, die juristischen Berufe, Unternehmen und Verbraucher beschäftigt. Wie weit ist Legal Tech in Deutschland fortgeschritten? Gibt es Pioniere?

Vor allem die Industrialisierung beziehungsweise Standardisierung von Rechtsdienstleistungen hat enorme Fortschritte gemacht. Hier gibt es auch neue Geschäftsmodelle und Möglichkeiten. „early movers“ könnten dabei einen uneinholbaren Vorsprung ergattern. Bereits jetzt haben wir eine neue Dimension von Vertragsgenerierung und Vertragsmanagement erreicht. Das gleiche gilt für die Durchführung von sogenannten Massenverfahren. Diese Pionieranwendungen sind im Handbuch ausführlich beschrieben. Weiterlesen

Alles nur Hype? 7 Argumente gegen Legal Tech

Alle reden über Legal Tech. Zu Unrecht? Prof. Dr. Stephan Breidenbach, Mitherausgeber des Buches „Rechtshandbuch Legal Tech“, nennt sieben Argumente gegen Legal Tech – und schaut sie sich genauer an. Wie viel Skepsis ist angebracht und wo liegen Missverständnisse? Der folgende Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch.

1) Legal Tech – auch dieser Hype geht vorbei.

Stimmt. Soweit es sich um die plötzliche Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema handelt, geht jeder Hype vorbei.

Die Digitalisierung des Rechts hat jedoch fundamentale Auswirkungen. Sie verschwindet ebenso wenig wie das Internet.

Manche Konsequenzen werden kurzfristig sichtbar werden, zum Beispiel durch neue Geschäftsmodelle im Internet oder durch aggressive Preispolitik von Kanzleien und Prozessfinanzierern.

Andere werden sich eher unbemerkt entwickeln. So wie Programme, die durch Software-Updates jedes Jahr besser werden. Erst in der Retrospektive wird man die enormen Entwicklungssprünge wirklich sehen.

2) Mein Job lässt sich nicht durch Legal Tech ersetzen.

Stimmt. Allerdings nur teilweise. Die Frage ist, wie viele repetitive Elemente in  Ihrer Tätigkeit enthalten sind. Welche Fragen, Verträge, Schriftsatzpassagen kommen häufiger vor? Gerade die Experten in einem Gebiet sehen die Muster, die immer wieder auftauchen.

Prof. Dr. Stephan Breidenbach, Foto: © David Ausserhofer

Die wiederkehrenden Elemente lassen sich in einer intelligenten digitalen Bausteinwelt erfassen und abbilden. Diese Legal-Tech-Werkzeuge erleichtern und beschleunigen dann in der Folge die Arbeit. „Und zwar nicht, weil die Computer so viel schlauer geworden sind, sondern weil wir die Arbeit so organisiert haben, dass sie für Maschinen gut zugänglich ist.“ (Boos, KI-Unternehmer, SZ, 24.04.2017, S. 18)

Vor allem aber machen sie ein bisher dem erfahrenen Experten vorbehaltenes Wissen zugänglich und effektiver nutzbar für Anwender, z. B. jüngere Kollegen mit weniger Expertise.

Das Ergebnis: mehr Arbeitsresultate in der gleichen Zeit. Dennoch erfordern sie immer noch Aufmerksamkeit und präzises Denken eines Anwenders. Selbst wenn die entsprechenden detaillierten Textelemente in einer Architektur des Wissens nachvollziehbar und zugänglich sind, ist immer noch der Jurist gefragt, der sie – bei aller Hilfestellung – in der jeweiligen Situation zuordnet und in seinen Vertrag oder Schriftsatz einfügt. Der Job bleibt. Er wird nur effektiver.

3) Durch Legal Tech gehen Jobs verloren.

Stimmt. Und es kommen neue hinzu.

Der Reihe nach: Es wird mehr Output an Texten, Verträgen und Schriftsätzen oder an Due Dilligence in der gleichen Zeit erzielt. Also wird Arbeitskraft eingespart.

Durch Digitalisierung gehen Arbeitsplätze mit alter Herangehensweise verloren. Gleichzeitig schaffen neue Geschäftsmodelle und günstigere industrielle Fertigung von juristischer Arbeit neue Marktchancen. Recht wird zugänglicher. Und eröffnet damit neue Märkte. Mehr Menschen brauchen mehr Recht. So entstehen neue juristische Arbeitsfelder.

Solche Wissensprodukte brauchen kreative Rechts-Produktentwickler. Und visionäre Juristen, die das Ökosystem Recht zugänglicher machen und so Märkte entwickeln. Und ja: Es kommen auf kurze Sicht weniger Jobs hinzu als verloren gehen. Damit sind Juristen nicht alleine.

4) Legal Tech führt zu einem schematischen Umgang mit Recht.

Stimmt. Aber nur dort, wo es sinnvoll ist. Natürlich ist das verständnislose Zusammenstellen von Textbausteinen ein Albtraum.

Juristische Arbeit mit und ohne Legal Tech braucht Verstand und Verantwortung. Beides kann ein herkömmliches Buch oder ein Textgenerator nicht ersetzen.

Gleichzeitig muss in Standardsituationen das Recht gefunden werden, „anstelle es im Einzelfall neu zu erfinden“ (Mayr 2012 in Bäcker/Klatt/Zucca-Soest, S. 187). Verträge, Schriftsätze, womöglich im strukturierten Vortrag, und Texte in der Beratung beinhalten nur selten eine notwendige Fortentwicklung des Rechts. Mit oder ohne Legal Tech: Es geht nicht darum, ohne Verstand und Sachverhaltsanalyse „Recht“ zu produzieren.

5) Eine individuelle Rechtsberatung ist durch nichts zu ersetzen.

Stimmt. Nur was ist individuelle Rechtsberatung? Jeder Fall ist anders. Und dennoch werden viele Fälle vor dem Hintergrund der gesetzlichen Normen gleichbehandelt. Legal Tech erleichtert die Arbeit mit Fällen, in denen wir das Recht finden, nicht „erfinden“ (Mayr 2012, S. 187). Ist eine Fortentwicklung notwendig, bekommt individuell einen anderen Sinn.

Auch jetzt schon lesen Juristen Kommentare und sehen sofort, was auf ihren aktuellen Fall nicht passt. In einem Legal-Tech-Werkzeug ist das nicht grundsätzlich anders. Digitalisierung ist kein Denkverbot für Juristen.

Dazu kommt: Eine besondere Sachverhaltskonstellation ist vielleicht aus der Gesamtschau des Rechtssystems gar nicht so besonders. Legal Tech hilft womöglich, solch ähnliche Fälle zu finden und zu nutzen.

6) Argumente gegen Legal Tech: Eine Maschine kann keinen Anwalt ersetzen.

Stimmt. Künstliche Intelligenz – KI – kann nicht denken. Um als Anwalt zu agieren, müsste eine Maschine Texte verstehen und dann auch noch daraus juristische Schlüsse ziehen. Es scheitert Stand heute und morgen schon an Stufe eins: „Es gibt keine Maschine, die Gelesenes versteht oder es vielleicht sogar schreiben könnte, das wird so schnell nicht gehen.“ (Boos, SZ, 24.04.2017)

Ein Anwalt kann allerdings ein System entwickeln, das nach begrenzten Kriterien ebenso begrenzte, meist vorläufige Antworten zu einer bestimmten Sachverhaltskonstellation, zum Beispiel bei der Entschädigung für eine Flugverspätung, gibt.

Hier ist ein Teil seines Wissens in der Logik eines Fragesystems abgebildet. Und die vorläufige Antwort – Entschädigung grundsätzlich ja oder nein – sagt nichts über komplizierte Einzelfälle aus, die nach wie vor anwaltlichen Verstand benötigen. Allerdings nur, bis daraus eine gesicherte Rechtsprechung entstanden ist. Künstliche Intelligenz – unbedingt. Die Maschine als Anwalt – nein.

7) Legal Tech mag für einfache Standardfälle geeignet sein, aber nicht in meinem Bereich.

Hm. Jetzt kenne ich Ihren Bereich nicht. Dennoch lautet die Antwort: Das stimmt nicht. Richtig ist, dass die ersten Legal-Tech-Anwendungen von der Fluggast-Entschädigung bis zur Mietpreisbremse sich tatsächlich auf Massen von gleichgelagerten Standardfällen beziehen.

Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Die Titanic Recht fährt auf den riesigen Teil unter Wasser zu. Jedes repetitive Element in unserer Tätigkeit ist ein Hinweis auf mögliche Standardisierung.

Nehmen Sie Verträge. Sie enthalten eine große, aber begrenzte Zahl von rechtmäßigen Optionen und ein paar nicht rechtmäßige, die auch gerne strategisch verwendet werden. Die ganze Vertragswelt wird daher bald auf hohem Niveau standardisiert und damit industrialisiert werden.

Das heißt nicht, dass kein Raum für besonders kunstvolle Formulierungen und neue Varianten existiert. Die schnelllebige M&A- und Venture Capital-Welt, um nur ein Beispiel zu nennen, erfindet sich alle paar Monate neu. Und doch bleibt vieles gleich. Und das Neue wird schnell als Standard in Updates aufgenommen.

Das Handwerk wird unterstützt, Wissen verteilt und Qualität gesteigert. Der Künstler bleibt in der Gestaltung frei.

Der Markt wird entscheiden, wie viel er für Kunst noch bezahlen will. Das Gleiche gilt für Schriftsätze und Beratungstexte. Vieles wiederholt sich. Und genau dieser Teil ist reif für Legal Tech.

Und vielleicht sitzt jetzt bereits schon eine kleine kreative Truppe genau an diesem Segment.

 

Digitalisierung in Kanzleien – Experten-Interview mit Markus Hartung, Micha-Manu Bues und Gernot Halbleib

Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog  zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage: Im November erscheint das Handbuch „Legal Tech“, das sich mit der Digitalisierung des Rechtsmarkts befasst.  Meinen Sie, die Zeit ist jetzt reif für ein Handbuch zu diesem schillernden Begriff? Was genau versteht man eigentlich unter „Legal Tech“?

Hartung: Darunter verstehen wir Software, mit der juristische Arbeit unterstützt, ergänzt, oder auch ersetzt werden kann. Das ist ein sehr weiter Begriff, der auch Kanzleimanagement-Software umfassen würde. Tatsächlich meint man damit Software, mit der zum einen die klassische juristische Arbeit – Recherche und Dokumentenerstellung – unterstützt wird, und zum anderen solche Technologien, mit denen neue Geschäftsmodelle für Anwälte möglich werden. Insgesamt steht Legal Tech aber auch für eine Szene von Start-Up Unternehmen, die solche Anwendungen entwickeln.

Welchen praktischen Nutzen können Kanzleien aus Legal Tech ziehen?

Bues: Kanzleien können durch den Einsatz von Legal Tech und eine damit einhergehende Automatisierung und Standardisierung ihre Dienstleistungen effizienter gestalten, also ihre Leistungen für den Kunden günstiger anbieten. Legal Tech ermöglicht es allerdings nicht nur schneller zu werden, sondern durch software-gestützte Prozesse bessere, d.h. qualitativ höhere, Dienstleistungen zu erbringen. Durch den Einsatz von Legal Tech im Bereich der Kundenansprache und -akquise können neue Zielgruppen erschlossen werden, also mehr Umsatz generiert werden.

Halbleib: Neben der reinen Effizienzsteigerung nach innen ermöglicht Legal Tech für Kanzleien völlig neue, digitale und skalierbare Geschäftsmodelle. Anwälte können so wegkommen von rein stundenbasierten Abrechnungsmodellen, die in letzter Zeit stark unter Druck geraten sind, und sich neue, attraktive Geschäftsfelder erschließen. Das Buch zeigt Beispiele für solche Geschäftsmodelle in Kanzleien, aber auch bei anderen Playern auf dem Rechtsmarkt und gibt Tipps, wie man Ideen dafür entwickelt.

Welchen Fehler sollte man im Bereich Legal Tech unbedingt vermeiden?

Halbleib: Manche Anwälte suchen nach der einen, großen Softwarelösung, die ihre Kanzlei fit macht für die Digitalisierung. Sie schauen dann wie wild alle möglichen Tools und Anbieter an und wollen wissen, was andere machen. Bei jeder Lösung sehen sie dann den vermeintlichen Haken, dass diese doch nicht “alles” kann, sondern nur dabei hilft ein ganz konkretes, oft eher kleines Problem zu lösen. Es ist zielführend, sich zunächst klar zu werden, welche Probleme man mit digitalen Mitteln lösen will und dann nach geeigneter Software zu schauen. Dies ist ein strategischer Prozess, dessen Aufwand oft unterschätzt wird. Innovation kann man nicht kaufen, man muss sie sich erarbeiten. Meistens bietet es sich an, in kleinen Schritten vorzugehen und nicht den Anspruch zu haben, alles auf einmal zu lösen.

Bues: Man sollte auch der Versuchung widerstehen, alles selbst machen zu wollen. Häufig gibt es schon bewährte Produkte im Markt, so dass sich der Kosten- und Zeitaufwand für eine Softwareeigenproduktion nicht lohnt. Im Zweifel sollte man ein bereits bewährtes Produkt kaufen und Zeit und Kosten in die Integration in die bestehende Systemlandschaft und das Training der Nutzer investieren.

Wendet sich Ihr Buch nur an Rechtsanwälte oder auch an andere Berufsgruppen?

Hartung: In erster Linie an Rechtsanwälte – aber sowohl die niedergelassenen wie auch die Unternehmensrechtsanwälte. Allerdings können auch Start-Up-Unternehmer viel mit dem Buch anfangen, weil dort auch Autoren über die Entwicklung neuer Software und neuer Geschäftsmodelle schreiben. Für die Justiz und die Universitäten bieten wir immerhin einen Überblick, aber in erster Linie ist es schon ein Buch für Anwälte und Start-Up-Unternehmer.

Inwiefern hilft das Handbuch denn auch kleinen und mittleren Kanzleien, die sich keine ausgefeilten Techniken leisten können, sei es aus Zeit oder aus Geldmangel?

Hartung: Indem es ihnen Mut macht, durch die sehr lebensnahen Schilderungen von Rechtsanwälten aus kleineren Kanzleien, wie dort der Weg der Digitalisierung beschritten wurde. Wir wollen ja gerade zeigen, dass man auch als kleine Einheit von den heutigen Angeboten profitieren kann.

Halbleib: Bei digitalen Geschäftsmodellen kann Schnelligkeit ein entscheidender Vorteil sein. Hier haben kleine und mittelgroße Kanzleien einen entscheidenden strategischen Vorteil gegenüber größeren Einheiten, wo interne Prozesse deutlich länger brauchen können. Dies sollten kleinere Kanzleien nutzen.

Hängt die Legal Tech Szene in Deutschland noch sehr hinter den internationalen Standards hinterher?

Bues: Die Legal Tech-Szene in Deutschland ist sicherlich jung. Die meisten Unternehmen in diesem Bereich sind zwischen 1 und 4 Jahren alt. In vielen Ländern sieht die Situation nicht anders aus. Insgesamt betrachtet hinkt die Rechtsbranche in Deutschland bei der Digitalisierung hinterher. Länder wie USA und England haben hier momentan einen Vorsprung. Insbesondere die USA sind im Bereich neuer digitaler Geschäftsmodelle sicherlich Vorreiter. Es wird über die nächsten Jahre interessant zu beobachten sein, wie sich die Legal Tech-Communities untereinander befruchten. Man sieht bereits immer mehr, dass Anbieter aus den USA und England nach Kontinentaleuropa kommen.

Für welche Gebiete eignet sich Legal Tech besonders?

Bues: Die Sinnhaftigkeit einer Anwendung von Legal Tech beschränkt sich nicht auf bestimmte Rechtsgebiete. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen, dass sich Legal Tech auf alle Rechtsgebiete auswirkt. Der Grad und die Geschwindigkeit der Auswirkungen sind im Einzelnen aber unterschiedlich; Rechtsgebiete in denen es ein hohes Aufkommen an relativ einheitlichen Rechtsproblemen  und -streitigkeiten gibt, werden zuerst von einer Digitalisierungswelle erfasst. Legal Tech-Anbieter konzentrieren sich auf Gebiete wie Flugverspätungen, arbeitsrechtlichen Abfindungen und Mietrecht, da hier eine große Zielgruppe nach einer “neuen” Rechtsberatung verlangt, die durch den Einsatz von Technik bezahlbar wird.

Halbleib: Aber auch im Bereich der wirtschaftsrechtlichen Beratung ist unsere Erwartung, dass im Laufe der Zeit digitalisiert werden wird, was digitalisierbar ist. Das Buch enthält gerade in diesem Bereich zahlreiche Beispiele aus großen Wirtschaftskanzleien und Rechtsabteilungen. Wer als Anwalt glaubt, seine Arbeit sei überhaupt nicht standardisierbar und die Digitalisierung betreffe ihn nicht, sollte sich diese Beispiele unbedingt anschauen.

Erhalten die Leser in Ihrem Buch auch praktische  Tipps und Checklisten rund um Legal Tech?

Hartung: Ja, man findet etwa sehr praktische Hinweise dazu, wie man als Kanzlei eine Strategie für die Digitalisierung aufsetzt und wie man die einzelnen Schritte geht. Etwas ähnliches gibt es für Unternehmensrechtsabteilungen. Natürlich hat das Buch auch rein theoretische Teile, aber in erster Linie ist es ein Buch, das von Praktikern geschrieben wurde mit dem Ziel, dem Leser etwas praktisch Verwertbares mit auf den Weg zu geben.

Bues: In vielen Diskussionen und Gesprächen haben wir festgestellt, dass viele Anwälte sich mit dem Thema Digitalisierung konstruktiv auseinandersetzen wollen. Häufig ist aber unklar, wo und wie man dieses Thema in Angriff nehmen soll. Das Buch ist daher so geschrieben, dass Anwälte praktische Hilfen, Tipps und Einordnungen finden, um das Thema Digitalisierung und Legal Tech praktisch angehen zu können.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hartung / Bues / Halbleib
Legal Tech
2018, XXI, 308 S., C.H.BECK, ISBN 978-3-406-71349-1,
Preis 89,00 € inkl. MwSt.

 

 

 

Legal Tech in Deutschland – neue Website!

Die neue Website Legal Tech in Deutschland bietet die erste umfassende Datenbank mit allen Unternehmen und Anwendungen, die Technologieeinsatz mit juristischem Bezug innerhalb Deutschlands anbieten. Der viel diskutierte Legal Tech Begriff wurde dabei weit gefasst: So finden sich neben dem Branchenverband ELTA auch Nachrichtenportale und Stellenmärkte in der Datenbank.

“Unser Ziel war eine umfassende Übersicht über den deutschen Legal Tech Markt” so Philipp Hausser, Betreiber der Website Legal Tech in Deutschland.

Über 150 juristische Technologieanbieter listet die Website, die auch zahlreiche Filteroptionen bietet. So können die Legal Tech Anbieter nicht nur nach Anwendungsgebiet und Standort, sondern auch nach Gründungsjahr, Zielgruppe und Kosten sortiert werden.

Ein Blick auf die Deutschlandkarte von Legal Tech in Deutschland verrät schnell, dass es eine unangefochtene Gründer-Hauptstadt gibt: Knapp 1/3 aller Legal Tech Anwendungen kommen aus Berlin oder haben ihren Hauptsitz nach Berlin verlegt. Auf den Plätzen 2 und 3 der aktivsten Städte in Deutschland folgen München und Frankfurt am Main.

 

Die Digitalisierung frisst die Gerichtshöfe – die Auswirkungen der Online-Streitbeilegung auf das traditionelle Rechtsanwaltsgeschäft

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Online-Streitbeilegung (Online Dispute Resolution – ODR) verbreitet sich immer mehr – propagiert u.a. von EU, OECD und UNO – und wird privat von immer mehr Online-Marktplätzen in mehr oder weniger milder Form durchgesetzt. Das verändert Justiz und Rechtsanwendung grundlegend.

Auslöser ist der „Digital Justice Gap“: Es lohnt sich einfach für viele Verbraucher und Unternehmen nicht, ihre – oft aus Online-Transaktionen- herrührenden Rechte mit meist kleinem Streitwert langwierig in der traditionellen, national begrenzten und bislang strukturell papierbasierten Gerichtsbarkeit durchzusetzen. Damit korrespondiert, dass in der staatlichen Zivilgerichtsbarkeit immer weniger prozessiert wird. Zivilgerichte werden immer mehr gemieden.

Online-Streitbeilegung hat gegenüber traditionellen Gerichten etliche Vorteile: Weltweite Verfügbarkeit per Internet, keine Beschränkung auf vereinzelte Nationalstaaten/Rechtsordnungen und die Erledigung von Online-Sachverhalten in multijurisdiktionalen Kontexten.

Bei der Online-Streitbeilegung steht jedoch nicht, wie in einem Zivilprozess der „Kampf ums Recht“ im Vordergrund, sondern die Schlichtung und Befriedung. Die Online-Streitbeilegung kommt mit einer sehr schwachen Rechtsbindung aus.

Aber wo bleibt das Recht? Beilegen lässt sich ein Streit auch auf andere Weise als durch Recht oder ohne explizite Bezugnahme auf Recht.  Ob durch die Ausweitung der Online-Streitbeilegung also Recht und Gerechtigkeit verbessert werden (und für wen?), muss sich noch zeigen.

Online-Streitbeilegung als Bedrohung?

Da die Online-Streitbeilegung jedoch strukturell oft ohne Anwälte auskommt, empfindet einer aktuellen Umfrage zufolge ein Teil der deutschen Anwaltschaft diese Frucht der Digitalisierung als Bedrohung und befürchtet, davon verdrängt zu werden.

Diese Angst ist durchaus berechtigt. Denn einige Staaten experimentieren schon mit öffentlichen Onlinegerichten als Dienstleistung („court as a service“ – „CaaS“), wobei durch softwaregeleitete Verfahren eine Beteiligung von Anwälten weniger nötig gemacht werden soll, insbesondere um den Parteien Anwaltskosten zu ersparen.

Damit gilt: „Für Prozessanwälte, deren Arbeit auf dem traditionellen gerichtsbasierten Zivilprozess beruht, ist ODR – ob nun in der Form von z. B. Onlinegerichten oder e-Verhandlungen oder e-Mediation – eine Herausforderung, die auf das Herz ihres Geschäftsmodells zielt.“ Aber: „Wie wird sich die Wahrnehmung der Justiz in der Öffentlichkeit wandeln, wenn eines ihrer Hauptsymbole, der Gerichtssaal, verdrängt wird? Können gut ausgestaltete Online-Gerichte das Symbol eines neuen, inklusiveren Zeitalters der Streitbeilegung werden?” (Zitate nach Richard Susskind, Tomorrow’s Lawyers, 2017).

Jedoch: Die grundsätzliche Nichtöffentlichkeit von ODR-Verfahren und auch der Alternative Dispute Resolution („ADR“) kann ebenfalls die Geltung des Rechts schwächen, wenn hierdurch „massenhaft Rechtsrealität neben der staatlichen Gerichtsbarkeit“ (Schult-Nölke) geschaffen wird. Bei der Online-Streitbeilegung findet kaum eine öffentliche Kontrolle ihrer Entscheidungen und Maßstäbe statt, soweit die Entscheidungen privat ergehen, nur spärlich begründet werden und nicht veröffentlicht werden. Außerdem haben zukünftige ODR-Verfahren deswegen kaum vorherige ODR-Entscheidungen als Maßstäbe oder gar als Rechtsquellen an der Hand, um ihre Entscheidungen zu treffen. Ohne allgemein zugängliche Sammlungen von Entscheidungen und Rechtsquellen ist aber eine einheitliche Entscheidung von Streitigkeiten und darauf aufbauende Fortbildung der Entscheidungspraxis nicht möglich. Kann der Rechtsstaat darauf verzichten? Möchte man das nicht wenigstens vorher diskutieren?

 

Was meinen Sie?

Wir freuen uns über Diskussionsbeiträge!

Tom Braegelmann ist General Counsel bei dem Berliner Legal-Tech-Unternehmen Leverton und Mitautor des soeben im Verlag C.H.BECK erschienen Buches „Legal Tech“

 

Legal Tech: Diese 8 Fragen sollte sich jeder Anwalt stellen

zinkevych/stock.adobe.com

Kein Jurist kommt in diesen Tagen an dem Wort Legal Tech vorbei. Manch einer behauptet: „Ach, das ist nur so ein schickes Buzzword. Betrifft mich eh nicht.“

Wer das sagt, irrt – findet etwa Professor Dr. Matthias Kilian, Direktor des Soldan Instituts,  jüngst in der NJW.  „Diejenigen, die das Thema Legal Tech als ‚Hype‘ ansehen und eine intensive Auseinandersetzung mit ihm deshalb als überflüssig erachten, verkennen, dass bereits in der Vergangenheit technische Fortschritte das juristische Arbeiten wiederholt stark verändert haben.“

Aber wen betrifft Legal Tech denn nun eigentlich? Uns alle, weil sich keiner der Digitalisierung entziehen kann? Oder ist Legal Tech nur ein Thema für Großkanzleien?

Mit diesen und vielen anderen Fragen beschäftigt sich das neue Buch „Legal Tech“ (C.H.BECK). Einer der Autoren ist Legal-Tech-Experte Marco Klock, CEO von rightmart und edicted.

Legal Tech: Sind Sie von den Entwicklungen betroffen?

Seine Haltung: „Die subsumierte ‚Light-Version‘ von Legal Tech (Mindset) lässt sich viel leichter mit dem alltäglichen Geschäft von kleineren oder mittleren Kanzleien vereinbaren.“

Doch nicht jeder sei von den Entwicklungen des Legal Tech-Zeitalters gleich betroffen.

Daher stellt Klock im Buch ein paar Kernfragen, damit Leser die Dringlichkeit des sogenannten „Legal Tech Mindsets“ einstufen können:

  1. Gibt es für einen Großteil Ihrer Mandate nur wenige Kollegen, die diese Spezialisierung aufweisen und deshalb mit Ihnen konkurrieren (das Gegenteil ist ein hoher Anteil von Mandanten repetitiver Natur)?
  2. Haben Sie einen exklusiven Marktzugang, der für andere eine höhere Markteintrittsbarriere darstellt (das Gegenteil ist eine Mandatsakquise ausschließlich aus Quellen, die jedermann auch ohne großartiges Know-how offenstehen)?
  3. Besteht die Möglichkeit, die Dienstleistung(en) Ihrer Kanzlei in konkrete Produkte zu verpacken? Oder anders gefragt: Ist Ihre Kanzlei spezifischer ausgerichtet als ein Rechtsgebiet (das Gegenteil ist eine große thematische Brandbreite bei den Mandaten Ihrer Kanzlei)? Ist Ihre Kanzlei spezifisch auf ein Rechtsgebiet ausgerichtet?
  4. Betreiben Sie aktives Marketing (oder aktive Vertriebsmaßnahmen) für Ihre Kanzlei?
  5. Haben Sie sich bereits mit Online-Marketing auseinandergesetzt?
  6. Kennen Sie die Akquisitionskosten Ihrer Mandate?
  7. Kennen Sie die Bearbeitungskosten Ihrer Mandate?
  8. Trägt Ihre Kanzlei einen Namen, der allgemeingültig als Marke durchgehen könnte? (Hinweis: Nachnamen gehen nur dann als Marke durch, wenn Ihre Kanzlei Skadden heißt)

Klock erklärt: „Diejenigen unter Ihnen, die vergleichsweise häufig mit Ja geantwortet haben, werden in den nächsten zehn Jahren zu den Gewinnern des Marktes zählen.“

Dafür müsse man „kein Genie“ sein, schreibt Klock. „Sie müssen einfach nur besser sein als der Durchschnitt am Markt, um exponentielle Vorteile für sich zu realisieren.“

Und was, wenn Sie größtenteils mit Nein geantwortet haben? „Dann wird Ihre Kanzlei mit großer Wahrscheinlichkeit stark von den Veränderungen am Markt betroffen sein“, resümiert Klock.

Welche Maßnahmen Sie jetzt ergreifen müssen? Und was Sie unabhängig von der Beantwortung der Fragen über Veränderungen, Tools oder Prozesse wissen müssen, erfahren Sie im Buch „Legal Tech“.

Konferenznews: Legal Tech, die Zukunft der Rechtsbranche und eine drohende Regulierung?

Für den ersten Aufreger der Euroforum-Legal Tech Konferenz in Berlin sorgte die Neuigkeit, dass es in Zukunft eine Aufsichtsbehörde für die digitale Rechtsberatung geben solle. Das erklärte zumindest Berlins Justizsenator Dirk Behrendt, der ab Januar eine Arbeitsgruppe der Länderjustizminister zum Thema Legal Tech leiten wird, dem Handelsblatt (HB 28.11.2017, Seite 28). Markus Hartung, der die Key Note zu der Konferenz hielt, konnte über diese Aussichten nur den Kopf schütteln. In den folgenden zwei Tagen wurde deutlich, dass die technische Entwicklung Einzug gehalten hat in deutsche Anwaltskanzleien und die Skepsis, die noch am „Deutschen Anwaltstag 2017“ vorherrschte, sich ein wenig gelegt hat.

Hervorzuheben aus Kanzleisicht sind zwei Praxisbeispiele:

  • Ratisbot, der erste deutsche Anwaltschatbot. Ratis stellt interessierten Anwälten gerne eine technische Plattform und die Infrastruktur zur Verfügung!
  • Mandanten- und Personalakquise über youtube mit dem Beispiel der Kanzlei Wilde Beuger Solmecke, die sich nebenbei mit LegalVisio eine eigene Software zur Optimierung der Organsationsabläufe geschaffen hat.

Beide Kanzleien beweisen damit, dass nicht nur Global Player die Digitalisierung gewinnbringend für sich nutzen können.

Als Fazit kann gelten: Wer den Anschluss nicht verpassen will, muss unabhängig von der Größe jetzt konkrete (Digitalisierungs-)Strategien entwickeln. Dabei geht es nicht nur darum, bestimmte Technologien zu verwenden, sondern vielmehr den Blick für die Zukunft zu schärfen, bestehende Prozesse und Geschäftsmodelle zu hinterfragen und Veränderungen positiv zu gestalten. Nur so können Sie frühzeitig sicherstellen, dass Sie auch in fünf oder zehn Jahren noch wettbewerbsfähig sind.

Welche Maßnahmen Sie jetzt ergreifen müssen? Und was Sie unabhängig von der Beantwortung der Fragen über Veränderungen, Tools oder Prozesse wissen müssen, erfahren Sie im Buch „Legal Tech“.

Wie Legal Tech Anwälten unter die Arme greift: Informationen rund um das Thema im Fachportal legal-tech.de

Mit dem Stichwort „Digitalisierung“ oder „Legal Tech“ verbinden viele Juristen nach wie vor den Verlust ihrer Arbeitsplätze durch neue Technologien. Diese Vorstellung ist nicht nur pessimistisch, sondern auch zu kurz gegriffen.

Denn der Legal Tech-Markt bietet Kanzleien auch zahlreiche Hilfestellungen, mit denen Anwälte Arbeitsprozesse optimieren und die Qualität ihrer Rechtsberatung verbessern können – kurz, durch zufriedene Mandanten langfristig erfolgreicher zu werden.

Das Fachportal legal-tech.de gibt in seinem Beitrag „Legal Tech für Kanzleien: Diese Anbieter helfen auf dem Weg zur Digitalisierung“ einen Überblick über die unterschiedlichen Möglichkeiten, neue Technologien sinnvoll in der Kanzlei einzusetzen. Leser finden hier eine Auswahl von Kanzleisoftware, Online-Rechtsmarktplätzen bis hin zu Technologien zur Dokumentenerstellung, aber auch Vermittlungsplattformen für Terminsvertretungen. Wie die Legal Tech-Technologie Arbeitsprozesse konkret verbessern kann, verrät Syndikusrechtsanwalt Dierk Schindler (RA) im Interview. Er schildert, wie Legal Tech in seinem Unternehmen eingesetzt wird.

Weitere Informationen zu Legal Tech

Legal Tech ersetzt nur, wofür man ohnehin keinen Anwalt braucht(e)

Im Buch „Legal Tech“ beschäftigt sich Markus Hartung unter anderem mit Thesen zur Zukunft der Anwaltschaft. Eine seiner fünf Thesen lautet: „Legal Technology ersetzt nur, wofür man ohnehin keinen Anwalt braucht(e)“. 

Diese These ist nicht so leicht verdaulich und weckt Widerspruch. Ist sie nicht schon dadurch widerlegt, dass es heute schon Software gibt, die das erledigt, wofür man früher (oder auch heute noch) Anwälte einsetzt?

Dass man aber spontan hadert, liegt in einer verqueren, geradezu raumgreifenden Definition der anwaltlichen Arbeit. Anwaltliche Arbeit ist das, was Anwälte tun, und Anwälte unterscheiden sich von Nicht-Anwälten durch Examina und Zulassung zur Anwaltschaft.

Aber diese rein regulatorische und statusbezogene Betrachtung hilft uns nicht weiter. Denn nicht alles, was Anwälte tun, ist auch genuine anwaltliche Arbeit.

Das gilt auch dann, wenn Anwälten ein umfangreiches Mandat erteilt wird, das aus vielen Einzelprojekten- und Maßnahmen besteht. Die Neubewertung dessen, was anwaltliche Dienstleistung ist, geht auf die Theorie der Commoditization (Richard Susskind) zurück.

Das danach zu erfolgende „Unbundling“ oder „Decomposing“ von Mandaten eröffnet den Blick darauf, dass nicht alle einzelnen Tätigkeiten eines Gerichtsprozesses oder einer Unternehmenstransaktion oder der kautelarjuristischen Tätigkeit von (teuren) Anwälten erledigt werden müssen.

Warum sind Law Firms überhaupt erfolgreich geworden?

Wenn Mandanten über die Höhe anwaltlicher Kosten klagen, dann bezieht sich das in den seltensten Fällen auf die Kosten für die Arbeit, für die wirklich Anwälte erforderlich sind, vielmehr geht es um die Erledigung standardisierter Tätigkeiten durch teure Anwälte auf Zeithonorarbasis.

Provozierend könnte man sagen, dass viele Law Firms überhaupt nur durch nichtanwaltliche Arbeit, ausgeführt und abgerechnet durch Anwälte, wirtschaftlich so erfolgreich geworden sind.

Hinzu kommt die Überlegung, dass die Softwarelösungen, welche die Arbeit junger Anwälte ersetzen und/oder ergänzen, hauptsächlich im Bereich der Sachverhaltsermittlung, besonders bei der Durchsicht großer Dokumentenmengen nach bestimmten Informationen, eingesetzt werden.

Die Lösung von Rechtsfragen ist damit noch nicht verbunden. Solange es also um Lösungen wie Leverton oder Kira geht, käme man noch nicht einmal in den Bereich des RDG. Anders ist es bei Software wie Smartlaw: diese Software generiert individualisierte Dokumente für individuelle juristische Probleme, viel „passender“, als das durch ein Formularhandbuch möglich wäre.

Aus einem regulatorischen Blickwinkel könnte man das doch als anwaltliche Arbeit betrachten. Aber ist das die richtige Sicht? Muss man Anwalt sein, um immer wiederkehrende Vertragsmuster mit Variablen zu erstellen?

Die Fragwürdigkeit dieser Betrachtung folgt schon daraus, dass in vielen europäischen Ländern das Beratungsmonopol längst nicht so umfangreich ist wie in Deutschland. Außergerichtlich gibt es nur selten ein so umfassendes Monopol wie in Deutschland.

Legal Tech: Neubetrachtung der anwaltlichen Arbeit

In England, Frankreich, den skandinavischen Ländern oder der Schweiz etwa würde man die Diskussion, die wir führen, gar nicht verstehen.

Wir halten es daher nur für eine Frage der Zeit, dass sich das hierzulande ändert. Unserer Meinung nach darf man den Begriff der anwaltlichen Arbeit nicht nur regulatorisch und statusbezogen betrachten, sondern muss fragen, welche Tätigkeiten notwendigerweise durch einen Anwalt durchgeführt werden müssen, und dabei auch den Nutzen für Mandanten mit einbeziehen.

Erst dann erschließt sich auch wieder der Wert der anwaltlichen Tätigkeit, in Abgrenzung zu standardisierbaren, schematischen und automatisierbaren Tätigkeiten.

Dass Anwälten durch Technik etwas „weggenommen“ wird, ist eine irreführende Bezeichnung, denn es gehörte ihnen nicht.

Die weiteren Thesen und viele Hintergründe zur Zukunft der Anwaltschaft können Sie im Buch „Legal Tech“ lesen.

Kollegen aufgepasst: Rechtliches Know-how ist kein Alleinstellungsmerkmal!

Können sich die Älteren von Ihnen an eine Zeit erinnern, in der die Welt der Juristen stärker im Umbruch war als heute? Herr LegalTech treibt sein Unwesen, sagt man, und verändert alles. Das erzählen uns zumindest diverse (kommende) Bücher, Messen, Konferenzen, Vorträge und Zeitschriften. Aber ist der Umbruch wirklich so stark? Kommt die Veränderung wirklich durch LegalTechs?

Ehrlich gesagt: Nein. Die Veränderung ist die Digitalisierung und die hat bereits vor vielen Jahren bei Ihren Kunden angefangen. Ihr Kunde – pardon „der Mandant“ – ist im Internet. Er bucht seine Maledivenreise im Internet und kauft einen individuell-ausgestatteten Tesla direkt online ein. Er bewertet Ärzte und macht online Termine bei Schönheitschirurgen (mit oder ohne Übernachtung?; Vorher noch eine Beratung?).

Die These der Anwaltschaft: Für das intime Verhältnis zwischen Rechtsanwalt und Kunde – pardon „Mandant“, welches in Wahrheit ein Verhältnis voller Unverständnis und Misstrauen ist, kann über das Internet maximal ein Blogeintrag distribuiert werden. Eine richtige Rechtsberatung kann und wird über das Internet nicht stattfinden.

Diese These ist schlichtweg falsch. Rechtliches Know-how ist heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr und der Mandant von heute wünscht sich Service, Komfort und Qualität – in einem und sofort.

Umdenken und sich die Digitalisierung zu Nutze machen – Pionier werden

Vorangetrieben wird die Marktveränderung von Rechtsanwälten und Unternehmern mit einem LegalTech-Mindset, welches viel mehr die Fähigkeit des Umdenkens bestehender Konventionen und nicht die des Entwickelns von Software meint.

Die Strategie des Umdenkens ist mit der Gründung einer neuen Kanzlei zu vergleichen:

  1. Was ist das Produkt? (Produkt)
  2. Wie ist das Geschäftsmodell? (Strategie)
  3. Wie begeistern Sie Kunden für Ihr Produkt? (Marketing/Vertrieb)
  4. Wie hoch ist aus Sicht des Kunden die Hürde mein Produkt zu nutzen? (Prozesse)
  5. Können Sie dieses Produkt skalieren? (Prozesse, Marke)
  6. Welches Know-how benötigen Sie? (Recht)

Im Grunde fangen Sie damit an, die eigene Dienstleistung als Produkt zu sehen. Denken Sie vom Kunden her und fragen Sie sich, ob dieses Produkt profitabel abzubilden und skalierbar einzukaufen (bzw. zu akquirieren) ist. Letzteres wissen viele Rechtsanwälte über ihre eigenen Mandate nicht.

Das rechtliche Know-how als letzte Position bei einer Strategie des Umdenkens für eine Kanzlei hat einen guten Grund: Der Markt für Recht für Verbraucher interessiert sich in erster Linie für Service und Komfort. Je einfacher das Produkt zu greifen ist (z. B. vom Handy direkt nutzbar), desto eher wird ein Service erfolgreich – Beispiele flightright.de, hartz4widerspruch.de, abfindungsheld.de, geblitzt.de.

Der Einwand, all diese Rechtsdienstleister würden keine richtige Rechtsberatung erbringen, ist viel zu kurz gedacht. Alle haben zu Beginn einer software-basierten und datengetriebenen Rechtsberatung auf Produkte gesetzt, die von Kanzleien nicht profitabel abgebildet werden können. Für Mandate, die sowieso für Kanzleien profitabel sind, bleibt noch genügend Zeit.

(Stichwort Komplexität: Der größte Irrtum der Anwaltschaft ist die Tatsache, dass diese Rechtsdienstleister irgendwann an der Komplexität der Rechtsmaterie scheitern. Dieser Gedanke ist gefährlich: Jeder dieser LegalTech-Rechtsdienstleister ist in der Lage bei hochkomplexen Rechtsfällen in einen manuellen Modus zu schalten. Jeder einzelne ist so groß, dass rechtliche Expertise einfach über Legal-Outsourcing-Anbieter wie z. B. edicted.de eingekauft wird.)

Zweiter Schritt: Digital werden und den Komfort für die Kunden erhöhen!

Jede kleine und mittlere Kanzlei kann sich heute für wenig Geld eine Website aufsetzen, welche allein durch bestehende Software-as-a-Service-Anbieter so mächtig wird, dass ganze Vertriebsprozesse automatisiert werden können. Administrative Arbeit kann heute mit simpler Kenntnis über diese am Markt vorhandenen bestehenden Tools (keine Kanzleisoftware!) auf ein Mindestmaß eingeschränkt werden.

Beispiel: Die ersten 4.000 Mandate der Kanzlei rightmart wurde aus einer Google-Tabelle heraus gesteuert. Diese war über bestehende (größtenteils kostenlose) Software-Lösungen so automatisiert, dass 1.000 Dokumente und Prozesse automatisch auf Basis dieser Tabelle ausgeführt wurden. Diese Google-Tabelle war der Grundstein unseres zentralen Wissensmanagements.

Sich mit obigen Fragen zu befassen und gleichzeitig einen Überblick über bestehende Software-Lösungen und Marketingmöglichkeiten zu verschaffen, ist der Kern des Erfolgs – zumindest zukünftig. Dieses Thema aufzubrechen ist nicht einfach und erfordert viel Mut und Ehrgeiz.

Ein kleines How-to finden Sie im Kapitel über die Gründung von rightmart in Legal Tech – die Digitalisierung des Rechtsmarkts

Marco Klock ist CEO der rightmart Software GmbH in Bremen

 

Hartung / Bues / Halbleib
Legal Tech
2018, XXI, 308 S., C.H.BECK, ISBN 978-3-406-71349-1,
Preis 89,00 € inkl. MwSt.