legal-tech.de: FFI-Verlag startet neues Fachportal zum 1. September, Beta-Version bereits live!

Legal Tech ist in aller Munde. Doch welche Konsequenzen bringt die Digitalisierung und Automatisierung der Rechtsbranche, über die zurzeit so viel diskutiert wird, mit sich? Wird diese Entwicklung das Wesen der Rechtsberatung wirklich grundlegend verändern oder nur einzelne Arbeitsprozesse umkrempeln? Und noch viel wichtiger: Was bedeutet das für den einzelnen Anwalt und seine Mandanten?

Diese und weitere Fragen wird der FFI-Verlag in seinem Fachportal legal-tech.de ansprechen. Ab dem 1. September werden hier Juristen und Rechtsratsuchende in kompakten und leicht verständlichen Blogbeiträgen erfahren, wie Legal Tech bereits heute den deutschen Rechtsmarkt konkret verändert.

Ergänzt werden die Blogbeiträge der Fachautoren durch das Angebotsspektrum von Unternehmen, Kanzleien und Startups, die sich auf der Plattform mit ihren Dienstleistungen und Geschäftsmodellen präsentieren. Die Webseite vermittelt Interessenten somit einen Rundumschlag der Chancen, Möglichkeiten und Herausforderungen durch Legal Tech – kompakt verständlich und modern.

Neugierig geworden? Dann können Sie jetzt schon unter dev.legal-tech.de einen Blick auf die Beta-Version des Online-Angebotes werfen.

Wer sein Unternehmen auf legal-tech.de präsentieren oder als Fachautor für die Webseite tätig werden möchte, findet unter folgenden Links weitere Informationen:

 

Kostenloses eMagazin zum Thema Legal Tech

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die erste Sonderausgabe des eMagazins kanzleimarketing.de widmet sich dem Thema Legal Tech – einem Trend, der die Rechtsbranche nachhaltig verändert und noch weiter verändern wird. Aber was heißt das genau? Statt sich dem Phänomen allgemein zu widmen, hauchen die Fachautoren ihm Leben ein: Anhand von konkreten Praxisbeispielen aus dem Kanzleialltag zeigen sie, wie Juristen Arbeitsprozesse, Marketing oder Mandantenbetreuung verbessern können. Was kann eine Vertragssoftware leisten? Welche Rolle spielt das Kanzleipersonal bei der Umstellung auf Legal Tech? Was sind Chatbots? Diese und noch weitere Fragen beantworten unsere Fachautoren in unserer Sonderausgabe.

Aus dem Inhalt

  • Stefan Morschheuser: Legal Tech und die Demokratisierung des Rechts
  • Marco Klock: Produktbasierter Marketing-Ansatz
  • Pia Löffler: Suchmaschinenoptimierung: Der Mensch im Fokus
  • Sabine Ecker: Vertragssoftware: Ist ein Vertrag nicht mehr als die Summe seiner Klauseln?
  • Susanne Pannenbäcker: Fit für Legal Tech: Auf die richtigen Mitarbeiter kommt es an!
  • Patrick Prior: Legal Chatbots und die Kommunikation mit Rechtsanwälten

Das Magazin finden Sie hier.

Eine interessante Lektüre wünscht mit besten Grüßen

RA Katharina Nitsch

Tachoumfrage zum Thema Legal Tech

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Thema Legal Tech bewegt die Anwaltschaft zurzeit wie kaum ein anderes Thema. Die wichtigste Frage ist, ob Legal Tech für Anwältinnen und Anwälte zu einer Bedrohung wird oder Chancen auf neue Mandate bietet. Wie sehen Sie das? Stimmen Sie ab und erfahren Sie sofort, wie Ihre Kolleginnen und Kollegen das Thema bewerten!

Hier geht’s zur Umfage.

Es grüßt Sie im Namen des Kanzleiforum-Teams

RA Katharina Nitsch

Erfolgreiche IT-Projekte in der Kanzlei – Beitrag von Rechtsanwältin Kathrin Schütze

Im Durchschnitt tauscht eine Kanzlei alle 10 – 15 Jahre ihre Software für das Kanzleimanagement aus. Die Erfahrungen aus alten Projekten werden oft nach zehn Jahren nicht mehr hervorgeholt, die Akteure sind häufig andere und möglicherweise ist auch durch Wachstum und Neuausrichtung der Kanzlei eine IT-Lösung nicht mehr übertragbar.

Wie geht eine Kanzlei, die in ihre Kanzleisoftware investieren muss oder möchte, mit der Herausforderung eines IT-Projekts um?

Eine gute Möglichkeit ist die Beratung durch einen externen Spezialisten, der bereits bei der Vorauswahl der Produkte und Hersteller mit seiner Erfahrung helfen kann. Er kann einen Anforderungskatalog (RFP-Request for Proposal) zur Verfügung stellen, welchen er auf den Bedarf der Kanzlei anpasst und so bereits einen gut dokumentierten und granularen Auswahlprozess in Gang setzen kann. Für die tiefere Betrachtung der Produkte bleiben so häufig nur zwei bis max. fünf in Frage kommende Produkte übrig. Die Reduktion der Auswahl beschleunigt den Prozess und erleichtert die Entscheidungsfindung.

Wie Change Management gelingt

Für den Austausch des Herzstücks einer Kanzlei, der Kanzleisoftware, müssen alle Beteiligten von Anfang an mitgenommen werden. Es gilt frühzeitig ein internes Projektteam mit Vertretern aller Rollen zu bilden. Diese Rollen sind Anwälte, Buchhaltung, Sachbearbeitung und IT-Admins. Dieses Team muss mit Zeit und Entscheidungskompetenz ausgestattet werden, wenn der Wechsel effizient gelingen soll.

Veränderungen machen Angst und schaffen nicht selten Unruhe im gewohnten Alltag. Eine Veränderung braucht Fürsprecher in der Kanzlei, die aufgrund ihre Persönlichkeit viele Mitarbeiter mitnehmen und begeistern können. Innovation ist Chefsache und auch die Vorteile eines Software-Wechsels müssen von oben nach unten konsequent kommuniziert werden.

Unterstützung von außen ist hilfreich. Consultants der Hersteller oder freie externe Berater können gute Argumente für die Neuerungen liefern und schaffen es ohne persönliche Verbundenheit und Beziehung auch, die eine oder andere unpopuläre Entscheidung in der Kanzlei zu platzieren. Damit IT-Berater erfolgreich für die Kanzlei arbeiten können, benötigen sie Offenheit als Grundlage für die Erarbeitung einer Strategie.

Der richtige Zeitpunkt

Der Zeitpunkt für die Einführung einer neuen Kanzlei-Software sollte gut gewählt sein. Wann ist das Arbeitsaufkommen niedrig? Wann ist die Abwesenheit hoch, sodass ein Ausfall der Systeme für Installation und Datenmigration (Downtime) nicht alle trifft? Wie können Faktura-Prozesse so gelegt werden, dass die Einführung in Ruhe abgeschlossen werden kann? Diese und weitere Fragen sollten vorab geklärt werden, so dass die Einführung der Software möglichst ohne Widerstände realisiert werden kann.

Ballast abwerfen

Müssen alle Altdaten auch weiterhin im Zugriff sein? Welche Daten können archiviert werden, was ist auch in Zukunft relevant? Wie startet man aufgeräumt im neuen System und wie entsteht deutlich weniger Ballast? Hier beraten die Hersteller fachlich und informieren, welche Daten sinnvoll migriert werden und für welche Daten ein Archivierungskonzept sinnvoll ist.

Fazit

Der Wechsel der Kanzleisoftware ist ein sensibles Projekt, das alle betrifft. Für jede Kanzlei bietet ein Wechsel hohes Erfolgspotential, aber auch Risiken. Vorbereitung ist hier alles und eine konsequente interne Kommunikation, die alle Beteiligten informiert und so nicht das Gefühl zurücklässt, Entscheidungen seien übergestülpt worden.

Wenn Sie dann noch Ihr Ziel definiert haben, kann es losgehen.

Legal-Tech als Chance? Gastbeitrag von Rechtsanwalt Peter Lotz

Wir Anwälte sehen dunkle Wolken aufziehen. Auf der einen Seite scheinen uns disruptive Plattformen in einen gnadenlosen Preiskampf zu treiben. Auf der anderen Seite übernehmen Plattformen wie geblitzt.de oder flightright.de am unteren Ende des Spektrums anwaltliche Tätigkeiten. Gleichzeitig scheinen die internationalen Großkanzleien durch Einsatz von Legal-Tech effizienter und noch wettbewerbsstärker zu werden. Sitzt der anwaltliche Mittelstand also in der Klemme?

Letztlich sind die Kräfte der Marktwirtschaft auch in den bislang vergleichsweise behüteten Rechtsmarkt eingedrungen. Legal-Tech – oder besser: die Nutzung von (neuen) Technologien in der Kanzlei – eröffnet uns jedoch die Möglichkeit, hierauf zu unserem Vorteil zu reagieren. Gewiss werden einige von uns ihre Wertschöpfungsmodelle überdenken müssen. Auch, wenn wir als Risikomanager zu einem gewissen Berufspessimismus tendieren, ist das Glas jedoch nicht halb leer. In Wahrheit eröffnet sich uns ein wahrer Schatz an neuen Möglichkeiten. Oder anders ausgedrückt: Es ist jetzt an der Zeit den Kausalverlauf nicht aus der Hand zu geben.

Es fängt schon beim Alltäglichen an: Unwuchten im Büroalltag, Dynamiken unter den Angestellten, krankheitsbedingte Ausfälle. Ich behaupte, dass noch immer eine Mehrzahl der Kanzleien an erheblichen Reibungsverlusten leiden, die durch einen Büroablauf, der im Wesentlichen noch den Standards der 50er Jahre entspricht, hervorgerufen werden. Eine IT-basierte Optimierung des internen Workflows kann hier Transparenz, Entlastung und Verfügbarkeit von Kapazitäten – auch „zur Unzeit“, d.h. außerhalb der regulären Arbeitszeiten – schaffen. Die Hürden des hierzu notwendigen Change Managements sind in traditionellen Kanzleien jedoch hoch und werden oft gescheut. Wie wäre es also mit komplementierenden Anwendungen in der Übergangszeit?

Einen Anfang könnten z.B. kleine IT-basierte Helferlein im Büro darstellen. Gewiss, Sie diktieren bereits digital und haben einige Word-Vorlagen für Standard-Schreiben angelegt. Aber das meine ich nicht. In meinem Beitrag „beck-online & LiquidText“ zeige ich z.B., wie man die Arbeit mit und Extraktion von Information aus juristischen Texten mit einer kleinen App auf ein völlig neues Niveau heben kann. Auch die Einrichtung eines WIKIs (z.B. DokuWiki oder Confluence) kann zu einer erheblichen Steigerung des eigenen – am besten kanzleiweiten – Wissensmanagements beitragen. Schließlich erwarten Mandanten in Zeiten wie diesen in weniger Zeit ein Mehr an Expertise. Das will gemanagt sein.

Gegebenenfalls bietet sich auch die Einrichtung eines Mandantenportals an. Zwar gibt es hierzu meines Wissens noch keine Standardsoftware, allerdings könnte eine auf dem eigenen Server gehostete Cloud einen Anfang für den elektronischen Dokumentenaustausch mit dem Mandanten darstellen. Die Anwendung „OwnCloud“ stellt den Klassiker dar, „NextCloud“ will einen Schritt weiter gehen – um nur zwei Beispiele zu nennen. Der Datenaustausch per SSL-Verschlüsselung über eine (eigene) Cloud ist jedenfalls sicherer, als Word-Dateien per unverschlüsselter Email zu versenden. Freilich muss man seine Cloud vor unliebsamen Eindringlingen schützen. Solange die Nutzung von Public Cloud-Systemen standesrechtlich noch nicht geklärt ist, stellt eine eigene Cloud m. E. eine interessante Alternative für einen ersten Schritt in diese Richtung dar.

Wer richtig tief einsteigen will, kann mit der Software NEOTA sein eigenes AI-System zur automatisierten Prüfung leicht standardisierbarer Ansprüche einrichten und dem aktuellen Trend unter Großkanzleien wie z.B. CMS oder Norton Rose Fulbright folgen. Und bei einem entsprechenden Deal-Volumen lohnt sich ggf. sogar der Rückgriff auf Dienstleister wie Leverton.

Insbesondere im Hinblick auf Expertensysteme fokussiert der Blick derzeit auf die internationalen Großkanzleien und deren wirtschaftliches Potential. Ich behaupte dagegen, dass das wahre „disruptive“ Potential von Legal Tech bei den Boutiquen und kleineren Kanzleien liegen wird. Zum einen werden die kleineren Einheiten das notwendige Change Management leichter durchführen können. Ferner werden wir die Bildung von neuen Boutiquen erleben, die ihre internen Workflows von vornherein auf die Anwendung von Legal Tech optimiert ausrichten. Letztlich wird die Anwendung von Legal-Tech es kleineren Kanzleien ermöglichen, weiter in die traditionell von Großkanzleien besetzten Geschäftsfelder einzudringen. Um nur ein plakatives Beispiel zu wählen: Wenn zukünftig der Computer die Due Diligence ausführt, fokussiert die Wahl des M&A-Beraters auf die Expertise einer Kanzlei und weniger auf deren Größe.

Nicht alle vorbenannten Applikationen werden für Sie die passenden sein. Es gibt jedoch bereits jetzt eine Vielzahl von Lösungen, die unsere internen Abläufe, unsere Kommunikation aber auch die Arbeit in unserem Kerngeschäft – der juristischen Beratung – effizienter gestalten können. Und wir befinden uns erst am Anfang der Entwicklung. Packen wir’s also an.

Haben Sie bereits Legal Tech-Anwendungen in Ihrer Kanzlei implementiert und wie sind Ihre Erfahrungen? Was hält Sie gegenwärtig von der Implementierung ab? Über Ihren Kommentarbeitrag würde ich mich freuen.

Rechtsanwalt Peter Lotz, M.C.J. (NYU), MAYRFLED LLP, Frankfurt, Beirat des Kanzleiforums

„Legal Tech bietet neue Marktchancen und zwingt zu Innovation“

Interview (Teil 2) mit Johanna Busmann (www.busmann-training.de) für Kanzleiforum

Guten Tag, Frau Busmann. Im Januar 2017 wird in 2. Auflage Ihr Buch „Chefsache Mandantenakquisition“ erscheinen, über das wir heute erneut reden wollen.  Bei unserem ersten Gespräch  erfuhren wir etwas über Veränderung von Kanzleikulturen durch Legal Tech. Heute fragen wir Sie nach neuen Marktchancen.

Wie reagieren Mandanten eigentlich auf „Legal Tech“?

Durchweg positiv von der Hausfrau bis zum Unternehmer im Gesellschaftsrecht. Mandanten sehen ihre jahrelangen Forderungen nach kostengünstiger Rechtsberatung erfüllt; Anwälte können durch Festpreisangebote im standardisierbaren Bereich ihrer Mandate in allen  Rechtsgebieten jetzt offensiv punkten: Sie erläutern dem Interessenten schon in der Webseite, wodurch Beratungspreise und Reaktionszeiten der Kanzlei gesunken sind.

Wie verändert sich die Qualität der Rechtsberatung durch Legal Tech?

Prof. Leo Staub von der Universität St. Gallen sieht gestiegene Beratungsqualität durch „Legal Tech“ auch dadurch, dass sich zahlreiche neue Start-Ups auf die automatisierte Abarbeitung von standardisierbaren Mandatsteilen von Kanzleien spezialisieren. Das geht schneller und – vor allem durch selbstlernende Algorithmen – immer genauer. Auch das Zeitargument kann anwaltliche Qualität sichtbar machen: „Standardteile aller Mandate geben wir ab, damit wir uns den entscheidenden Beratungsteilen des Mandats ausführlich widmen können“, lautet das offensive Argument Mandanten gegenüber.

Wie verändert Legal Tech anwaltliche Fortbildungsgewohnheiten?

Es wird höchste Zeit, Vorteile von Anwaltsberatung gegenüber nichtanwaltlichen Rechtsberatern sowie innovative Zusatz-Services einer Kanzlei offensiv herauszustellen. Spezialisierung und gute Fortbildungen erhöhen Beratungs-Qualität traditionell. Anke Haug, Geschäftsführerin der neu gegründeten „Advoknowhaug GmbH“ bezeichnet die frisch projektierte Fortbildungspflicht für jeden Anwalt „… gerade in Zeiten von Legal Tech und zunehmender Technisierung …“ als einen zusätzlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber nichtanwaltlichen Rechtsberatern. In der englischen DAS Kanzlei in Bristol erledigen schon jetzt fast nur noch Paralegals Rechtsaufgaben. Die Kanzlei gehört zur ERGO Versicherungsgruppe. Sobald das sogenannte Fremdbesitzverbot auch in Deutschland kippt, können auch hier Konzerne Anwaltsbüros betreiben.

Was ändert sich durch Legal Tech in den Honorarstrukturen?

Schon heute  hat „EDEKA food service“ eine feste Kooperation mit der Advocado GmbH aus Greifswald und promotet eine Erstberatung zum Lebensmittelrecht (mit Zufriedenheitsgarantie) zum Festpreis von 119 Euro. Lebensmittelrechtler bestreiten derzeit die Seriösität einer Erstberatung zu einem solchen Preis; besonders bei einer Abmahnberatung sei der Preis ganz illusorisch.

Der Kostendruck auf Kanzleien wächst also stetig – und wird weiter wachsen. Mandanten wissen: Kanzleien können ihren Service jetzt kostengünstiger anbieten – und müssen das auch: Wer einen Anwalt braucht, kann zwischen fünf guten Kanzleien wählen, deren Leistungen sich aus Mandantensicht kaum unterscheiden. Also entscheidet der Mandant nach dem Preis. Für Kanzleien macht also ein Mix aus höchster Flexibilität und höchster Transparenz bei der Honorargestaltung Sinn. Die Hamburger Wirtschaftsrechtsboutique „Pier 11“ bietet Festpreise im Wirtschaftsrecht. Anders als bei Pauschalen schließt sie Nachverhandlungen auch bei gestiegenem Aufwand aus und geht mit ihren Mandanten ins Kosten-Risiko.

Wie verändert sich anwaltliche Akquise durch Legal Tech?

Viele Kanzleien stellen in allen Rechtsgebieten Festpreisangebote bei „Anwalt.de“ oder „123Recht“ ein. Deren Preis geht von 40 – 3.000 Euro. Neben den Angeboten ist der direkte link zur Kanzleiwebseite und oft eine Aufklärung, was NICHT im Festpreis enthalten ist. Dadurch erfährt der Mandant über weitere Angebote der Kanzlei. Der Festpreis dient also als Lockangebot. Die Kanzlei leitet Interessenten auch direkt von der Webseite dorthin. Andere Mandanten erfahren während eines Beratungsmandats durch einen Flyer, welche Festpreise die Kanzlei in anderen Rechtsgebieten vorhält. Dadurch erkennt der Mandant das Leistungsspektrum der Kanzlei. Offensiv wird der Beratungsteil der Mandate als Asset verkauft, auf das es ankommt. Der Mandant erlebt seine Anwälte als innovativ und preisbewusst. Auch feste Kooperationen stellen eine neue Akquiseform dar. Freshfields lässt in fester Kooperation mit dem Start-Up „Leverton“ die Berechnungs-Teile seiner immobilienrechtlichen Due Diligences erstellen. Der Beck Verlag kooperiert mit „Edicted“ und das Anwaltsnetzwerk Apraxa mit „Advocado“. Mandanten selbst geben bei der Anwaltssuche immer häufiger das Wort „Festpreis“ in Kombination mit Rechtsanwalt, Rechtsgebiet und der gewünschten Stadt in die Suchmaschine ein. SEO-Spezialisten richten Kanzleiwebseiten schon heute auf dieses neue keyword ein! Andere Mandanten wenden sich direkt oder durch Hinweise der Kanzlei an neue Start-Ups (bei Flugverspätungen an „flightright“, bei Bahnverspätungen an „bahnbuddy“, bei Vertragsverwaltung und Abokündigungen an „aboalarm“ etc.). Mandantensegmentierung gelingt dadurch manchmal schon im Ersttelefonat mit der Empfangsassistentin.

 

Busmann
Chefsache Mandantenakquisition
2017, XXXVI, 760 S., De Gruyter, ISBN 978-3-11-048267-6,
Preis 79,95 € inkl. MwSt.

„Legal Tech verändert Kanzleikulturen und den ganzen Anwaltsmarkt“

Johanna Busmann ist seit 1990 Anwaltstrainerin und Kanzleicoach (www.busmann-training.de). Schwerpunkte ihres Programms sind strategische und Vertriebsthemen.

Kanzleiforum veröffentlicht ab jetzt in lockerer Folge Interviews mit Frau Busmann zu verschiedenen, für Kanzleien relevanten Themen. Wir hoffen, Sie gewinnen dadurch neue Einblicke und Erkenntnisse und freuen uns über Ihre Rückmeldung!

Mit den besten Grüßen im Namen des Kanzleiforum Teams

RA Katharina Nitsch

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Guten Tag Frau Busmann. Wir freuen uns, dass Sie uns für Interviews für den Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Ende Dezember wird in 2. Auflage Ihr Buch „Chefsache Mandantenakquisition“ erscheinen. Im Vergleich zur ersten Auflage aus dem Jahr 2012 fällt die Neuauflage um über 200 Seiten umfangreicher aus. Was ist denn im Markt passiert?

Zwei strukturelle Gründe sind dafür verantwortlich. Der erste: Der Anwaltsmarkt und seine Akquise-Kulturen werden sich noch in dieser Dekade durch Legal Tech entscheidend verändern. Diese Entwicklung wird vor keiner Kanzlei Halt machen und findet unabhängig davon statt, ob Anwälte ihr folgen wollen oder nicht. Der zweite: Online-Akquise avanciert zum Erfolgskriterium Nummer 1. Beide Bereiche hängen zusammen und machen 2/3 der 200 Seiten aus. Viele weitere Themen wie Reputation, Qualität, Cross-Selling und vor allem Kanzleimarketing sind dadurch drastisch verändert und im Buch umgeschrieben.

Was ist denn „Legal Tech“?

Computergestützte, digitale Technologien vereinfachen und automatisieren jene Teile von Mandaten, die standardisierbar sind. Alle Berechnungen – vom Kindesunterhalt bis zu einer Due Diligence im Immobilienverkauf – und alle wiederkehrenden rechtsfindenden Methoden werden durch Algorithmen und besonders durch selbstlernende Computersysteme  übernommen. Ergebnisse kommen in kürzester Zeit.

Was folgt daraus für Kanzleien?

Wer das für seine Kanzlei nutzen möchte, wird wach, präsent und furchtlos sein müssen: Bequemlichkeit, Innovations-Furcht und Selbstgefälligkeit gehören bei marktbewussten Anwälten mehr denn je der Vergangenheit an. Sie geben Mandanten, was diese immer schon forderten: Preisgünstige Rechtssicherheit im low-end und individuelle, qualitativ hochwertige Beratung im high-end.

Wie geht das konkret?

Drei Beispiele, die außerdem das „Cross-Selling“ der Kanzlei elegant befördern: Sie stellen Festpreisprodukte für standardisierbare Teile ihrer Mandate (z.B. Berechnung Kindesunterhalt) in Anwalt.de oder 123Recht.net ein und locken den Mandanten durch die dort mitgeteilten Nicht-Festpreis-Beratungen (z.B. Beratung über Umgangsrecht) in die Kanzlei. Ein anderes Beispiel: Sie teilen Mandanten in einem Beratungsgespräch mit, was diese alles zu Festpreisen in anderen Rechtsgebieten der Kanzlei erhalten können und machen dadurch auf weitere Kanzleileistungen aufmerksam. Ein drittes Beispiel: Sie erläutern offensiv, dass sie ihre Preise gesenkt haben, indem sie Teile des Mandats an eins der etwa 30 deutschen Rechtsberatungs-Start-Ups delegieren und nur noch die Beratungsteile der Mandate zu einem Stundensatz abrechnen. Sie verteilen kleine Flyer, in denen zu jedem angebotenen Rechtsgebiet ein Beispiel für beides steht. Die Webseite verlinkt direkt zu den Festpreisangeboten.

Sind Anwälte auf solche Veränderungen vorbereitet?

Derzeit dominiert – jedenfalls bei Strategie-Seminaren in mittelgroßen Kanzleien – noch das kindliche Staunen und das „Uns-Betrifft-Das-Derzeit-Nicht-Syndrom“. Einige andere Anwälte sind innerlich schon einigermaßen gut gerüstet für diesen neuen Erdrutsch. Sie wissen, dass neue Markt-Möglichkeiten immer auch neue Zwänge bedeuten: Seit der ersten relevanten Lockerung der Werbegesetze im März 1996 durften Anwälte werben und mussten es seitdem auch, um nicht unterzugehen. Sie unterlagen einem „bedingten Handlungszwang“ einfach dadurch, dass ihre Kollegen ebenfalls zu werben begannen.

Interessanter Begriff… Wie reagieren Kanzleien auf diesen „bedingten Handlungszwang“?

Dieser „bedingte Handlungszwang“ spaltet die deutsche Anwaltschaft derzeit in drei Lager: Verharmloser, Nutznießer und Opfer. Verharmloser postulieren: „Das betrifft uns nicht. Sie wollen auf keinen Fall Teile eines Mandats woanders hin delegieren und sehen Computer keinesfalls als Konkurrenten. Nutznießer: Die „jungen Wilden“ sind gewohnt, unternehmerisch zu denken, Chancen zu nutzen und sich anzupassen. Sie machen kurze Wege von der Reaktion zur Aktion. Die Opfer haben Angst, behindern dadurch Pragmatismus und ersetzen Wissen durch den „festen Glauben“, Algorithmen und Nichtjuristen könnten niemals rechtssichere Ergebnisse erwirtschaften oder auch nur erleichtern. Oft weigern sie sich sogar bewusst, Marktentwicklungen als unumkehrbar anzusehen und gefallen sich in einer lethalen Opferpose.

 

Busmann
Chefsache Mandantenakquisition
2017, XXXVI, 760 S., De Gruyter, ISBN 978-3-11-048267-6,
Preis 79,95 € inkl. MwSt.

Lexvisors – das nächste Legal Tech Start Up. Überlegungen zur Zunahme der Digitalisierung der freien Berufe

Seit Anfang Oktober ist Lexvisors online. Lexvisors bietet drei Services an: der Vergleich verschiedener anwaltlicher Angebote, die Möglichkeit einen Anwalt direkt zu befragen und eine Dokumentenerstellung. Damit reiht sich das Projekt ziemlich genau in die Mitte des Dreiecks aus den Frage- und Akquiseportalen wie 123recht (frag-einen-Anwalt.de), dem Duo Smartlaw/Janolaw sowie Vergleichsportalen wie Jurexpert oder Jurato. Anlass genug, sich Gedanken zu machen über die zunehmende Digitalisierung des Anwaltsberufes.

Anwälte verdienen ihr Geld überwiegend damit, dass sie am besten wissen, mit welchen Argumenten und Strategien man einen Prozess gewinnt, einen guten Deal abschließt oder aber auch welcher Richter welche Vorlieben hat. Sollte es tatsächlich in Zukunft möglich sein, diese doch sehr persönliche Arbeit über Softwareanalysen zu erledigen? Es gibt den einen oder anderen Ansatz, der diese Vermutung nahelegt, beispielsweise geblitzt.de oder advocado.de. Pauschalberatung gegen Pauschalhonorare? Wo bleibt das vielgerühmte Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Mandant, das nach vorherrschender Auffassung unabdingbare Grundlage einer ordentlichen Vertretung ist? Lasterhaft gesagt scheint es so, als ob viele potentielle Mandanten genau dieses Vertrauen in die Anwaltschaft nicht (mehr) haben. Die Erfolge der Rechtsplattformen zeigen, dass Pauschalberatungen bei Pauschalthemen durchaus ihre Abnehmer finden. Was bedeutet das für die breite Anwaltschaft? Natürlich kann man keine Scheidung für 99,00 € kostendeckend durchführen, aber vielleicht wirkt bereits eine höhere Transparenz bei den Erstberatungskosten als vertrauensbildende Maßnahme?

Wie sehen Sie als Anwalt die Entwicklung? Mit Sorge?

Wir freuen uns auf Ihre Anregungen!

Es grüßt Sie herzlich

RA Katharina Nitsch

für das kanzleiforum Team