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Innovation in Kanzleien. Gastbeitrag von Claudia Schieblon

Claudia Schieblon

„Stillstand ist Rückschritt.“ Dies gilt auch für die Kanzleibranche – gerade in Zeiten, in denen sich so viel für Kanzleien verändert wie aktuell. Natürlich kann man abwarten, was die anderen tun und irgendwann nachziehen, doch langfristig erfolgreich sind auf Dauer diejenigen, die ihre eigene Zukunft aktiv gestalten.

Man könnte hier namhafte Denker vom Altertum bis Heute zitieren, doch besonders eingängig wird der Sinn des Vorausdenkens durch die Übertragung auf den Sport:

„Ein erfolgreicher Fußballer darf auf dem Spielfeld nicht ständig dorthin laufen, wohin der Ball gerade fliegt. Er muss ahnen, wo der Ball ankommen wird, und im richtigen Moment am richtigen Ort sein.“
Franz Beckenbauer

Viele Anwälte beobachten die Entwicklungen und Einflüsse auf den Kanzleimarkt intensiv und haben durch ihre Erfahrungen ein feines Gespür für Markt und Mandanten. Doch um daraus Ideen für Morgen zu entwickeln bedarf es der Bereitschaft für Veränderung. Dies ist gerade in größeren Kanzleien, in der alle an einem Strang ziehen sollen, nicht einfach. Doch es lohnt sich, gemeinsam mal scheinbar Utopisches zu formulieren und zu diskutieren. Meist braucht man gar nichts Neues zu erfinden, denn in anderen Branchen findet man genügend Ansätze, die für die eigene Kanzlei interessante Anstösse bieten. Schauen Sie doch einmal auf die Websites von Unternehmensberatungen oder seriösen Beratern, auf denen man Spannendes findet: Gut gemachte Unternehmensdarstellungen in Form kurzer Filme, Infos zu aktuellen Themen als Anreiz zur Kontaktaufnahmen, ansprechende optische Aufmachungen und vieles mehr.

Innovationen in Kanzleien passieren nicht von heute auf morgen. Voraussetzung dafür ist die Einrichtung eines internen Forums, in dem man kritikfrei Ideen vorstellen kann, sich auf die Denkweise anderer einlässt und Neues wagen darf. Es erfordert Mut für eine Kanzlei, andere Wege zu gehen als die Wettbewerber, denn die Möglichkeit des Scheiterns und das „Sich-Lächerlich-Machen“ scheint groß. Doch viele Erfolgsgeschichten belegen, daß diese Gefahr weit geringer ist als gedacht und es sich wirklich lohnt.

Bei den PMN Management Awards werden seit acht Jahren innovative Projekte aus dem Management von Kanzleien in fünf Kategorien ausgezeichnet. Kanzleien reichen ihre Beschreibungen innovativer Projekte ein, die von einer unabhängigen, namhaften Jury nominiert und ausgezeichnet werden. Unter den Ausgezeichneten finden sich große wie kleine Kanzleien, Start-ups, multidisziplinäre Kanzleien und WP-Gesellschaften.

Viele Projekte sind aufmerksamen Beobachtern des Marktes sicherlich bekannt und nicht nur den Besuchern der PMN Award Gala, bei der die nominierten Projekte vorgestellt und die Auszeichnungen vergeben werden.

So erhielt 2016 Linklaters den 1. Preis in der Kategorie „Personalmarketing“ für ihren bei Jura-Studenten sehr beliebten You-Tube-Kanal mit sowohl informativen und unterhaltsamen Filmen. Dort finden Sie Filme mit Bewerbungstipps, der Büroeröffnung in Frankfurter, der Linklaters-Ski-Freizeit und vieles mehr.

Schon mehrfach prämiert wurde Glade Michel Wirtz, die mit ihrer einzigartigen Kommunikationskampagne, die die Partner als humorvoll gezeichneten Karikaturen abbilden, im Markt schnell bekannt wurden.

In der Kategorie „Geschäftsentwicklung“ gibt es immer interessante Initiativen. So gingen in 2016 zwei Auszeichnungen an Kanzleien (CMS Hasche Sigle und Wolf Theiss) für Initiativen der automatisierten Online-Rechtsberatung. Und ein Preis an Graf von Westphalen, die ein Projekt mit anderen Professionen im Bereich des Baurechts erfolgreich durchführen.

Es lohnt sich für eine Kanzlei, egal welcher Größe, innovativ zu sein – sei dies nun durch einen Preis bestätigt oder nicht. Kaum ein Mandant aus der Wirtschaft, der bei Kanzleien Rechtsberatung nachfragt, könnte es sich leisten, nicht innovativ zu sein – der Kleinunternehmer nicht weniger als internationale Konzerne. Man muß nur vertraute Wege verlassen und Neues wagen.

Nur Mut!

Autorin: Claudia Schieblon, Leitung Professional Management Network (PMN)

Wozu brauchen wir eine Kanzleistrategie? Interview mit Christoph H. Vaagt

Guten Tag Herr Vaagt. Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen.

Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage: Ihr neues Werk befasst sich mit dem Kanzleimarkt in Deutschland. Richtet sich dieses in erster Linie nur an große Wirtschaftskanzleien oder können auch kleine und mittlere Kanzleien davon profitieren?

Das Buch wurde für alle Anwälte im gesamten Markt geschrieben, sowie alle anderen, die Interesse an diesem Markt haben, sei es weil sie hier Produkte hinein verkaufen, sei es als Journalisten, etc. Alle Kanzleien, vom Einzelanwalt, über die kleine lokale Sozietät, die große Mittelstandskanzlei oder die Top-Kanzlei profitieren davon, weil sie ihre eigene unternehmerische Aktivität besser einstufen, die Ergebnisse besser vergleichen und Handlungsoptionen für die Zukunft erhalten. Denn es wurden die Daten des gesamten Kanzleimarktes wie von dem Bundesamt für Statistik zur Verfügung gestellt aufgearbeitet, nicht nur die einzelner Kanzleitypen.  

Welche Trends und Entwicklungen werden den Kanzleimarkt in den nächsten Jahren prägen?

Der wichtigste Trend in allen Kanzleisegmenten, den es schon seit ein paar Jahren gibt, ist der des Verdrängungswettbewerbs. Wenn der Mandat nicht zu einer Kanzlei kommt, weil eine andere  besser, leichter auffindbar, stärker spezialisiert ist als die eigene, dann geht es eben dorthin. Und es entscheidet also nicht so sehr, was der einzelne Anwalt kann oder glaubt zu können, sondern was die Kanzlei, der er angehört, im Markt repräsentiert, was sie kann, wie gut sie auf Bedürfnisse (im Gegensatz zu rechtlichen Fragestellungen) spezialisiert ist.

Was muss ein Rechtsanwalt beachten, um in diesem stark umkämpften Markt auch in Zukunft erfolgreich zu sein?

Die Fähigkeit, spezifische Zielgruppen anzusprechen, ist entscheidend. Großkanzleien arbeiten vor allem für Wirtschaftsunternehmen, und kennen deren Bedürfnisse besser als solche Kanzleien, die Scheidung/Baurecht/Verkehrsrecht bearbeiten, also typische Fragestellungen der Privatmandanten. Und ein Anwalt, der Pferde liebt und selber reitet, kennt Pferdeliebhaber eben besser als ein Allgemeinanwalt, versteht, welche Sorgen diese haben, vom Kauf eines Pferdes über deren Unterbringung, Turniere, Pferdeställe, deren Sorgen hinsichtlich Nachfolge etc. Ein Anwalt, der seine „Lieblingszielgruppe“ gefunden hat, weiß, wo er diese trifft, wie er sie anspricht, welche Probleme sie hat, ist mithin jedem anderen Anwalt, der nur juristische Kenntnisse einbringen kann, weit überlegen. Denn seine Problemlösungen sind besser als die anderer Anwälte. Dazu muss er sich allerdings manchmal auch von der alten Kanzlei lösen und in eine Umgebung wechseln, die  ihm das ermöglicht, also etwa in  Kanzleien, die ähnliche Spezialisierungen oder komplementäre Kompetenzen haben.

 Gibt es allgemeingültige Tipps, die Sie insbesondere an kleine und mittlere Kanzleien geben können?

Kanzleien sollten sich unternehmerisch stärker mit Kanzleistrategien, Wirtschaftlichkeit etc. auseinander setzen. Sich hinter seinen Fällen zu verbergen, hilft nicht unbedingt, um im Wettbewerb zu bestehen.  Hierzu haben wir ja gerade unser Buch geschrieben, das zusammen mit den Kanzleimanagementformularen, die im Kanzleiformularbuch des Verlages C.H.BECK veröffentlicht wurden,  als gutes Instrumentarium genutzt werden kann, um die eigene Standortbestimmung und Zukunftsstrategie zu entwickeln.

Lohnen sich aus Ihrer Sicht Strategieberatungen auch für kleine und mittlere Kanzleien?

Nicht jede Kanzlei braucht eine Strategieberatung; aber für eine Kanzlei jeder Größe lohnt es sich, sich zumindest einmal im Jahr mit einem Außenstehenden, der etwas von Markt versteht, zusammen zu setzen, anstatt immer nur Mehr desselben zu diskutieren, immer wieder die gleichen Fehler zu machen, immer wieder die gleichen Entscheidungen zu treffen. Die blinden Flecken in der eigenen Wahrnehmung aufzuhellen geht nur, wenn ein Externer dazu kommt. Je mehr ein Externer etwas vom Kanzleimarkt versteht, umso besser.

Welche persönlichen Schlüsselkompetenzen sollte ein Anwalt trainieren um weiterhin erfolgreich im Markt tätig zu sein?

Ein Rechtsanwalt muss sich vor allem außerhalb seiner Fachlichkeit fortbilden. Nicht nur Mediation, sondern auch Moderation, Visualisierung, Coaching etc. sollte er oder sie lernen, damit sie Mandanten besser zuhören lernen und besser deren Bedürfnisse verstehen. Außerdem hilft es ihnen, sich mit Kollegen auseinander zu setzen; denn die Reduktion eines jeden Sachverhaltes auf juristisches Klein-Klein hilft nicht, um zukunftsgerichtete Lösungen zu erarbeiten.

 

Christoph H. Vaagt war Referent bei unserer kostenlosen Kundenveranstaltung „Perspektiven für Kanzleien“ am 16.3.2017.