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Land ohne Anwälte?

Die Zahl der niedergelassenen Anwältinnen und Anwälte geht zurück. Hat der Berufsstand Nachwuchssorgen? Zumindest für Kanzleien in ländlichen Regionen wird es zunehmend schwer, junge Juristen zu finden. Ist der Anwalt auf dem Land ein Auslaufmodell?

Statistiken bestätigen das Phänomen: Menschen drängen in die Städte, ganze Landstriche veröden. Mit der Urbanisierung verschwindet auch die Infrastruktur in der Fläche. Läden, Schulen und Arztpraxen schließen. Um die medizinische Versorgung in der Provinz aufrechtzuerhalten, gibt es bereits Förderprogramme für Landärzte.

Bei den Anwälten sieht es offenbar nicht viel besser aus. Das ist jedenfalls der Befund von Rechtsanwalt und Notar Eghard Teichmann aus Achim in Niedersachsen, den er auf einer Konferenz der Bundesrechtsanwaltskammer auch mit Zahlen belegte. Seine Kanzlei liegt im Bezirk des OLG Celle. Gut 5900 Rechtsanwälte sind dort zugelassen, davon mehr als 2500 in Hannover. In der Landeshauptstadt wächst die Anwaltschaft, andernorts ist die Entwicklung gegenläufig. Im Bereich des OLG Celle sind in 25 von 41 Amtsgerichtsbezirken die Anwaltszahlen seit 2014 zurückgegangen. In 15 weiteren AG-Bezirken sind eine Stagnation oder minimale Zuwächse zu verzeichnen. Der einzige AG-Bezirk mit deutlichem Wachstum ist – natürlich – Hannover.

Bessere Startchancen auf dem Land

Eghard Teichmann weiß, warum es die jungen Leute bevorzugt in die großen Städte zieht. Aus unternehmerischer Sicht hätten aber gerade die ländlichen Regionen einige Vorteile für die Junganwälte. Die Verdienstchancen seien in spezialisierten kleinen Kanzleien auf dem Land oft besser als in den Ballungsgebieten. Und weil der Wettbewerb geringer sei, ließe sich dort auch leichter eigenes Geschäft entwickeln.

Letzteres ist aber nur für selbstständige Anwälte ein maßgebliches Kriterium. Und die Junganwälte bevorzugen heute klar das Angestelltendasein. Teichmann berichtete von der Ausschreibung einer freien Mitarbeiterstelle, auf die sich zunächst nur drei Bewerber meldeten. Nachdem die Stelle im Angestelltenverhältnis angeboten worden war, verzehnfachte sich die Zahl der Interessenten. Auch diese Entwicklung fördert aus Sicht von Teichmann das Aussterben der „Landanwälte“. Irgendwann müssten zwangsläufig die jüngeren Anwälte die unternehmerische Verantwortung übernehmen. Denn ohne Kanzleiinhaber gebe es naturgemäß auch keine angestellten Anwälte.

Auch der Staat zieht sich aus der Fläche zurück

Wie kann dieser Entwicklung begegnet werden? Während der Staat intensiv über Maßnahmen nachdenkt, mit denen er die medizinische Versorgung sicherstellen kann, macht er bei der Rechtspflege oft das Gegenteil. Manchen Amtsgerichten in Niedersachsen drohte aus rein wirtschaftlichen Überlegungen die Schließung, kritisierte Teichmann. In anderen Bundesländern habe man die AG-Bezirke schon durch Zusammenlegungen und Schließungen deutlich ausgedünnt. Dadurch werde nicht nur den Bürgern der Zugang zum Recht erschwert, sondern auch die Anwaltstätigkeit vor Ort.

Da man also auf den Staat nicht zählen könne, wurde auf der BRAK-Tagung auch diskutiert, was die Anwaltschaft selbst tun könne. Dabei kam man aber letztlich zu dem Ergebnis, dass die Möglichkeiten begrenzt seien. Auch der ernsthaft in den Raum gestellte Vorschlag eines Mindestlohns für „Landanwälte“ konnte nicht überzeugen. Eghard Teichmann, der auch im Vorstand der Rechtsanwaltskammer Celle sitzt und Mitglied im Ausschuss Berufsrecht des DAV ist, wollte am Ende der Debatte nicht dramatisieren. Dennoch lautete sein Fazit: Die Spezies der Anwälte auf dem platten Land ist vom Aussterben bedroht.

Mangel an Rechtsanwaltsfachangestellten

Noch viel größer als bei den „Landanwälten“ sind die Nachwuchssorgen bei den Rechtsanwaltsfachangestellten. Die Zahl der Ausbildungsplätze für diesen Beruf hat sich in der letzten Dekade halbiert. Die Anwälte bekannten auf der BRAK-Konferenz selbstkritisch, dass Arbeitsbedingungen und Bezahlung der so genannten Refas zu Recht in einem schlechten Ruf stünden. Eine freiwillig gewährte bessere Vergütung auch während der Ausbildung sowie flexiblere Arbeitszeitmodelle sowie gute Fortbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten könnten Anreize für den Berufsweg sein. Ansonsten würden junge Menschen attraktivere Tätigkeiten in der Justiz oder in Unternehmen bevorzugen. Wie bei den „Landanwälten“ stand auch bei den Rechtsanwaltsfachangestellten am Ende die Befürchtung im Raum, dass es sich um eine aussterbende Spezies handelt. •

 

Rechtsanwalt Tobias Freudenberg ist Schriftleiter der NJW, der Beitrag stammt aus der NJW 20/2018

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