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Teil II: Legal Tech – Wird der Anwalt zum Rechner?

Die Digitalisierung des Rechts durch „Legal Tech“ ist unaufhaltsam. Rechtsanwendung und Rechtsgestaltung werden nicht nur irgendwie schneller und effizienter stattfinden, sondern neuartig und teilweise von anderen als den Juristen erbracht werden. Was sind aktuelle Entwicklungen? Worauf müssen sich Kanzleien einstellen? Wo gibt es Gefahren, wo Potenziale? Fragen über Fragen. Grund genug für das Kanzleiforum-Team, ein Interview mit Prof. Dr. Breidenbach, Florian Glatz und Tom Braegelmann zu führen. Sie sind die Herausgeber des neu erschienenen „Rechtshandbuch Legal Tech“. Lesen Sie jetzt Teil II des Interviews. Teil I finden sie hier.

Im Gespräch:

Florian Glatz,

Dr. Stephan Breidenbach,

Tom Braegelmann

 

 

Welchen Fehler sollten Kanzleien im Bereich Legal Tech unbedingt vermeiden?

Technik eröffnet Möglichkeiten, liefert jedoch keine Inhalte. Die präzise und tiefgreifende Gestaltung von Rechtsprodukten wird zurzeit noch häufig übersehen. Darüber hinaus verändert die Digitalisierung natürlich die Prozesse und damit die Organisation von Arbeit. Auch hier ist es mit der Einführung von Technik allein nicht getan. Hinzukommt, dass Rechtsberatung als intersubjektive Tätigkeit immer der Lösung von menschlichen Problemen dient, also mit rationalen und irrationalen Zielen und Wünschen und Streitigkeiten zu tun hat. Insofern wird für Juristen auch noch lange viel zu tun bleiben, wenn sie technikorientiert bleiben und überzeugend beweisen können, dass sie als menschliche Problemlöser von menschlichen Problemen immer noch von Nöten sind.

Was kann der Rechtsmarkt von anderen Industrien lernen?

Beobachtet man den Verlauf der Digitalisierung in anderen Industrien, so müssten Kanzleien eigentlich Software-Unternehmen werden, allerdings mag man davon schon wieder fast abraten, wenn man weiß, dass etliche Anwälte noch mit E-Mail, Word und Excel hadern. Hier finden wir das Beispiel der Autoindustrie ganz interessant. Das Unternehmen Tesla hat die deutschen Autobauer aufgeschreckt. Das revolutionäre an dem neuen Paradigma ist nicht etwa der Elektroantrieb. Vielmehr ist ein Auto von Tesla ein Computer auf vier Rädern. Tesla ist im Kern ein Software-Unternehmen – das „Apple“ der Autoindustrie. So könnte es auch im Recht laufen.

Haben Sie eine Kernbotschaft?

Software rückt in den Kern jeder Tätigkeit eines rechtlichen Prozesses. Diese Einsicht zu verschlafen, ist die große Gefahr der Kanzleien heute ausgesetzt sind. Allerdings kann man auch hier zur vermittelnden Einsicht kommen, analog zu den Autobauern: Denn mittlerweile hat sich herausgestellt, dass Silicon Valley, insbesondere Apple und Google und auch Tesla, nicht so gut in der Lage sind, die physischen Fahreigenschaften der Autos so zu bauen, dass die „Körper“ der Autos am besten mit der Software harmonieren und nicht auf der Straße schlingern – so gewinnen die traditionellen Autoproduzenten mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung wieder erheblich an Land. So mag man sich auch die Transformation des Rechtswesen vorstellen: Neue Rechtsanwendung durch neue Technik, gesättigt durch die Teile der gesammelten menschlichen Erfahrung, welche von Software und Datenbanken derzeit noch nicht ersetzt werden können.

Inwiefern nutzt Ihr Handbuch denn auch kleinen und mittleren Kanzleien, die sich keine ausgefeilten Techniken leisten können, sei es aus Zeit oder aus Geldmangel?

Für kleine und mittlere Kanzleien und Unternehmen gibt es zunehmend Angebote „von der Stange“. Keiner dieser Marktteilnehmer muss eigene große Investitionen tätigen oder gar Angst vor den Großkanzleien haben – die Großkanzleien werden ihre eigenen LegalTech-Kämpfe miteinander ausfechten. Hier geht es vielmehr um eine künftige Positionierung, eine strategische Ausrichtung auf die Kernkompetenzen und eine sorgfältige Auswahl der technischen Komponenten. Eine kleine Kanzlei kann sich mit einem einzigen strukturierten Angebot, zum Beispiel einer bestimmten Vertragsgestaltung zu einem günstigen Preis, eine neue Marktposition erobern. Allerdings erfordert dies Umdenken und Wissen darüber, was möglich ist. Genau hier setzt das Handbuch an.

Gibt es bestimmte Rechtsgebiete, für die sich Legal Tech besonders eignet?

Die Digitalisierung des Rechts ergreift alle Rechtsgebiete. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Rechtsgebieten, zum Beispiel Arbeitsrecht, in denen sich Gestaltungen oder Verfahren besser auf hohem Niveau standardisieren und damit industrialisieren lassen. Meistens ist der Satz: „Das mag für andre gelten, aber nicht für mein Rechtsgebiet!“ noch nicht ganz durchdacht. Wer allerdings im Schwerpunkt Aufsichtsräte von Großunternehmen berät, wird zunächst mit Legal Tech wenig anfangen können. Aber selbst hier macht eine gepflegte und eine sich stetig erweiternde Wissensbasis Sinn.

Erhalten die Leser in Ihrem Buch auch praktische Tipps und Checklisten rund um Legal Tech?

Praktische Hinweise auf einer vertieften Wissensbasis sind der Kern dieses Buches. Das „Rechtshandbuch Legal Tech“ versteht sich als Praxishandbuch für diejenigen, die täglich Recht praktizieren, egal ob im Unternehmen oder in einer Kanzlei. Das Buch ist verfasst von Pionieren, die sich schon seit Jahren mit den technischen Möglichkeiten und ihren rechtlichen Folgen beschäftigen. Es ist jedem Praktiker zu empfehlen, der sich auf die Veränderungen vorbereiten möchte.

Wer ist Ihrer Meinung nach der klassische Nutzer von Legal Tech und für wen eignet es sich nicht? Muss man technisch affin sein, um die Instrumente einsetzen zu können?

Legal Tech geht jeden im juristischen Bereich Tätigen an, insbesondere zunächst Anwälte und Unternehmensjuristen. Vertiefte technische Kenntnisse oder gar Programmierkenntnisse sind für die allermeisten nicht erforderlich. Ein technisches Grundverständnis ist hilfreich, Technikphobie hilft sicher nicht.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

 

Legal Tech – Wird der Anwalt zum Rechner?

Die Digitalisierung des Rechts durch „Legal Tech“ ist unaufhaltsam. Rechtsanwendung und Rechtsgestaltung werden nicht nur irgendwie schneller und effizienter stattfinden, sondern neuartig und teilweise von anderen als den Juristen erbracht werden. Was sind aktuelle Entwicklungen? Worauf müssen sich Kanzleien einstellen? Wo gibt es Gefahren, wo Potenziale? Fragen über Fragen. Grund genug für das Kanzleiforum-Team, ein Interview mit Prof. Dr. Breidenbach, Florian Glatz und Tom Braegelmann zu führen. Lesen Sie jetzt den ersten Teil des Interviews. 

Im Gespräch (v.l.n.r.):

Florian Glatz,

Prof. Dr. Stephan Breidenbach,

Tom Braegelmann

 

 

Guten Tag Herr Breidenbach, guten Tag Herr Glatz, guten Tag Herr Braegelmann! Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog Kanzleiforum zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage:

Im Februar erscheint das „Rechtshandbuch Legal Tech“ das sich mit den Folgen der Digitalisierung für das Recht, die juristischen Berufe, Unternehmen und Verbraucher beschäftigt. Wie weit ist Legal Tech in Deutschland fortgeschritten? Gibt es Pioniere?

Vor allem die Industrialisierung beziehungsweise Standardisierung von Rechtsdienstleistungen hat enorme Fortschritte gemacht. Hier gibt es auch neue Geschäftsmodelle und Möglichkeiten. „early movers“ könnten dabei einen uneinholbaren Vorsprung ergattern. Bereits jetzt haben wir eine neue Dimension von Vertragsgenerierung und Vertragsmanagement erreicht. Das gleiche gilt für die Durchführung von sogenannten Massenverfahren. Diese Pionieranwendungen sind im Handbuch ausführlich beschrieben. Weiterlesen

Alles nur Hype? 7 Argumente gegen Legal Tech

Alle reden über Legal Tech. Zu Unrecht? Prof. Dr. Stephan Breidenbach, Mitherausgeber des Buches „Rechtshandbuch Legal Tech“, nennt sieben Argumente gegen Legal Tech – und schaut sie sich genauer an. Wie viel Skepsis ist angebracht und wo liegen Missverständnisse? Der folgende Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch.

1) Legal Tech – auch dieser Hype geht vorbei.

Stimmt. Soweit es sich um die plötzliche Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema handelt, geht jeder Hype vorbei.

Die Digitalisierung des Rechts hat jedoch fundamentale Auswirkungen. Sie verschwindet ebenso wenig wie das Internet.

Manche Konsequenzen werden kurzfristig sichtbar werden, zum Beispiel durch neue Geschäftsmodelle im Internet oder durch aggressive Preispolitik von Kanzleien und Prozessfinanzierern.

Andere werden sich eher unbemerkt entwickeln. So wie Programme, die durch Software-Updates jedes Jahr besser werden. Erst in der Retrospektive wird man die enormen Entwicklungssprünge wirklich sehen.

2) Mein Job lässt sich nicht durch Legal Tech ersetzen.

Stimmt. Allerdings nur teilweise. Die Frage ist, wie viele repetitive Elemente in  Ihrer Tätigkeit enthalten sind. Welche Fragen, Verträge, Schriftsatzpassagen kommen häufiger vor? Gerade die Experten in einem Gebiet sehen die Muster, die immer wieder auftauchen.

Prof. Dr. Stephan Breidenbach, Foto: © David Ausserhofer

Die wiederkehrenden Elemente lassen sich in einer intelligenten digitalen Bausteinwelt erfassen und abbilden. Diese Legal-Tech-Werkzeuge erleichtern und beschleunigen dann in der Folge die Arbeit. „Und zwar nicht, weil die Computer so viel schlauer geworden sind, sondern weil wir die Arbeit so organisiert haben, dass sie für Maschinen gut zugänglich ist.“ (Boos, KI-Unternehmer, SZ, 24.04.2017, S. 18)

Vor allem aber machen sie ein bisher dem erfahrenen Experten vorbehaltenes Wissen zugänglich und effektiver nutzbar für Anwender, z. B. jüngere Kollegen mit weniger Expertise.

Das Ergebnis: mehr Arbeitsresultate in der gleichen Zeit. Dennoch erfordern sie immer noch Aufmerksamkeit und präzises Denken eines Anwenders. Selbst wenn die entsprechenden detaillierten Textelemente in einer Architektur des Wissens nachvollziehbar und zugänglich sind, ist immer noch der Jurist gefragt, der sie – bei aller Hilfestellung – in der jeweiligen Situation zuordnet und in seinen Vertrag oder Schriftsatz einfügt. Der Job bleibt. Er wird nur effektiver.

3) Durch Legal Tech gehen Jobs verloren.

Stimmt. Und es kommen neue hinzu.

Der Reihe nach: Es wird mehr Output an Texten, Verträgen und Schriftsätzen oder an Due Dilligence in der gleichen Zeit erzielt. Also wird Arbeitskraft eingespart.

Durch Digitalisierung gehen Arbeitsplätze mit alter Herangehensweise verloren. Gleichzeitig schaffen neue Geschäftsmodelle und günstigere industrielle Fertigung von juristischer Arbeit neue Marktchancen. Recht wird zugänglicher. Und eröffnet damit neue Märkte. Mehr Menschen brauchen mehr Recht. So entstehen neue juristische Arbeitsfelder.

Solche Wissensprodukte brauchen kreative Rechts-Produktentwickler. Und visionäre Juristen, die das Ökosystem Recht zugänglicher machen und so Märkte entwickeln. Und ja: Es kommen auf kurze Sicht weniger Jobs hinzu als verloren gehen. Damit sind Juristen nicht alleine.

4) Legal Tech führt zu einem schematischen Umgang mit Recht.

Stimmt. Aber nur dort, wo es sinnvoll ist. Natürlich ist das verständnislose Zusammenstellen von Textbausteinen ein Albtraum.

Juristische Arbeit mit und ohne Legal Tech braucht Verstand und Verantwortung. Beides kann ein herkömmliches Buch oder ein Textgenerator nicht ersetzen.

Gleichzeitig muss in Standardsituationen das Recht gefunden werden, „anstelle es im Einzelfall neu zu erfinden“ (Mayr 2012 in Bäcker/Klatt/Zucca-Soest, S. 187). Verträge, Schriftsätze, womöglich im strukturierten Vortrag, und Texte in der Beratung beinhalten nur selten eine notwendige Fortentwicklung des Rechts. Mit oder ohne Legal Tech: Es geht nicht darum, ohne Verstand und Sachverhaltsanalyse „Recht“ zu produzieren.

5) Eine individuelle Rechtsberatung ist durch nichts zu ersetzen.

Stimmt. Nur was ist individuelle Rechtsberatung? Jeder Fall ist anders. Und dennoch werden viele Fälle vor dem Hintergrund der gesetzlichen Normen gleichbehandelt. Legal Tech erleichtert die Arbeit mit Fällen, in denen wir das Recht finden, nicht „erfinden“ (Mayr 2012, S. 187). Ist eine Fortentwicklung notwendig, bekommt individuell einen anderen Sinn.

Auch jetzt schon lesen Juristen Kommentare und sehen sofort, was auf ihren aktuellen Fall nicht passt. In einem Legal-Tech-Werkzeug ist das nicht grundsätzlich anders. Digitalisierung ist kein Denkverbot für Juristen.

Dazu kommt: Eine besondere Sachverhaltskonstellation ist vielleicht aus der Gesamtschau des Rechtssystems gar nicht so besonders. Legal Tech hilft womöglich, solch ähnliche Fälle zu finden und zu nutzen.

6) Argumente gegen Legal Tech: Eine Maschine kann keinen Anwalt ersetzen.

Stimmt. Künstliche Intelligenz – KI – kann nicht denken. Um als Anwalt zu agieren, müsste eine Maschine Texte verstehen und dann auch noch daraus juristische Schlüsse ziehen. Es scheitert Stand heute und morgen schon an Stufe eins: „Es gibt keine Maschine, die Gelesenes versteht oder es vielleicht sogar schreiben könnte, das wird so schnell nicht gehen.“ (Boos, SZ, 24.04.2017)

Ein Anwalt kann allerdings ein System entwickeln, das nach begrenzten Kriterien ebenso begrenzte, meist vorläufige Antworten zu einer bestimmten Sachverhaltskonstellation, zum Beispiel bei der Entschädigung für eine Flugverspätung, gibt.

Hier ist ein Teil seines Wissens in der Logik eines Fragesystems abgebildet. Und die vorläufige Antwort – Entschädigung grundsätzlich ja oder nein – sagt nichts über komplizierte Einzelfälle aus, die nach wie vor anwaltlichen Verstand benötigen. Allerdings nur, bis daraus eine gesicherte Rechtsprechung entstanden ist. Künstliche Intelligenz – unbedingt. Die Maschine als Anwalt – nein.

7) Legal Tech mag für einfache Standardfälle geeignet sein, aber nicht in meinem Bereich.

Hm. Jetzt kenne ich Ihren Bereich nicht. Dennoch lautet die Antwort: Das stimmt nicht. Richtig ist, dass die ersten Legal-Tech-Anwendungen von der Fluggast-Entschädigung bis zur Mietpreisbremse sich tatsächlich auf Massen von gleichgelagerten Standardfällen beziehen.

Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Die Titanic Recht fährt auf den riesigen Teil unter Wasser zu. Jedes repetitive Element in unserer Tätigkeit ist ein Hinweis auf mögliche Standardisierung.

Nehmen Sie Verträge. Sie enthalten eine große, aber begrenzte Zahl von rechtmäßigen Optionen und ein paar nicht rechtmäßige, die auch gerne strategisch verwendet werden. Die ganze Vertragswelt wird daher bald auf hohem Niveau standardisiert und damit industrialisiert werden.

Das heißt nicht, dass kein Raum für besonders kunstvolle Formulierungen und neue Varianten existiert. Die schnelllebige M&A- und Venture Capital-Welt, um nur ein Beispiel zu nennen, erfindet sich alle paar Monate neu. Und doch bleibt vieles gleich. Und das Neue wird schnell als Standard in Updates aufgenommen.

Das Handwerk wird unterstützt, Wissen verteilt und Qualität gesteigert. Der Künstler bleibt in der Gestaltung frei.

Der Markt wird entscheiden, wie viel er für Kunst noch bezahlen will. Das Gleiche gilt für Schriftsätze und Beratungstexte. Vieles wiederholt sich. Und genau dieser Teil ist reif für Legal Tech.

Und vielleicht sitzt jetzt bereits schon eine kleine kreative Truppe genau an diesem Segment.

 

2018: Das Jahr, in dem die Blockchains in der Rechtswirklichkeit landeten?

Das Blockchain-Prinzip, das beispielsweise hinter der Kryptowährung Bitcoin steht, sorgt derzeit insbesondere in der Finanzwelt für helle Aufregung. Kommentatoren und Investoren überschlagen sich in Begeisterung und bezeichnen das Prinzip schlichtweg als das „next big thing“. Milliardensummen werden investiert. Wann landet Blockchain in der Rechtswirklichkeit?

Die Realität ändert das Recht

Das Recht reguliert die Realität, die Realität ändert aber auch das Recht, manchmal auch ohne den Gesetzgeber. Das kann man insbesondere beim technischen Fortschritt beobachten: 2018 werden neue Investitions- und Transaktionsmöglichkeiten durch vielfältige Fintech- oder blockchainbasierte Anwendungen, Tokens, Kryptowährungen und Smart Contracts ermöglicht, in vielfach (behaupteter und noch zu beweisender) effizienter Weise, mit neuen Vorteilen aber auch unternehmerischen Risiken.

Am wichtigsten ist dabei die Blockchain-Technologie, welche die BaFin wie folgt beschreibt:

„Blockchains sind fälschungssichere, verteilte Datenstrukturen, in denen Transaktionen in der Zeitfolge protokolliert, nachvollziehbar, unveränderlich und ohne zentrale Instanz abgebildet sind. Mit der Blockchain-Technologie lassen sich Eigentumsverhältnisse direkter und effizienter als bislang sichern und regeln, da eine lückenlose und unveränderliche Datenaufzeichnung hierfür die Grundlage schafft.“

Berlin als Zentrum einer weltweiten Entwicklung

Das hat in der heutigen Wirtschaft einen besonderen Charme, weil damit individual bestimmbare, einzigartige und sehr liquide digitale Assets geschaffen werden können, samt automatischer computerisierter Vertragsdurchführung. Deutschland und insbesondere Berlin mit seiner blühenden Crypto-Szene sind insoweit im Zentrum dieser weltweiten Entwicklungen.

Das Bedürfnis nach einer Modernisierung der Finanz- und und Kapitalmärkte besteht nun schon seit langem, doch bisher unter Einsatz von veralteter oder schnell veraltender IT und zentralistischer Ansätze – nun bietet sich Dank der neuen Ansätze der FinTechs und der dezentralen „Distributed Ledger Technology“ (ein anderes Wort für Blockchain) die Aussicht, dass hier in der Praxis gewaltige Fortschritte gemacht werden – so jedenfalls die vollmundigen Versprechen und Wünsche vieler Blockchain-Aktivisten.

Auswirkungen für das Regulierungsrecht und die Anwälte

Wie verhalten sich die bisherigen Akteure und Intermediäe (die „middle men“, also Anwälte, Marktplätze, Banken, zentrale Gegenparteien, etc.) hierzu, was müssen neue Akteure und neue intermediäre (Finanz-Softwareingenieure, Plattformbetreiber, Legal Engineers) beachten, und wie wird sich das Regulierungsrecht hierzu verhalten? Wenn der Gesetzgeber nicht oder verspätet handelt, ist es wie immer die Aufgabe der Aufsichtsbehörden, Märkte zu kennen, zu  beobachten und gegebenenfalls zu regulieren, um z.B. die Märkte überhaupt funktionsfähig zu machen – ohne jedoch wünschenswerte ökonomische Entwicklungen abzuwürgen.

Kann das „smart regulation“ leisten? Das ist manchmal nicht nur eine Gratwanderung, wenn man noch nicht einmal weiß, wohin die Reise geht. Im Falle der sprudelnden Fintech-Ideen samt der Blockchain-Technologie ist jedoch jetzt schon klar, dass wir uns alle inmitten einer grundlegenden Transformation des Finanzwesens wenn nicht, wie manche sagen, von Wirtschaft und Gesellschaft befinden, auf Gedeih und Verderb, weswegen alle, die dies betrifft, aufgerufen und in der Pflicht sind, sich hierzu zu informieren, damit die (vielleicht unabwendbare) Transformation gelingt und allen nutzt.

Und: Keinesfalls ist es so, dass nun die Softwareentwickler die Regulierer, Juristen, Ökonomen, Banken und Fonds vollkommen verdrängen werden; vielmehr wird sich ein neues Zusammenspiel und geistiges Geben und Nehmen entwickeln.

Fazit: Die Anwaltschaft sollte sich bemühen, Teil der Debatte zu sein und nicht nur dem technischen Fortschritt als Nachzügler hinterherzulaufen.

Tom H. Brägelmann, LL.M. (Benjamin N. Cardozo School of Law)  ist Rechtsanwalt / Attorney and Counsellor at Law (New York) bei BBL Bernsau Brockdorff & Partner Rechtsanwälte PartGmbB

Breidenbach / Glatz
Rechtshandbuch Legal Tech
2018, XXI, 280 S., C.H.BECK, ISBN 978-3-406-71348-4,
Preis 99,00 € inkl. MwSt.

„Legal Tech“ – Beschluss des LG Bielefeld zu „abfindungsheld.de“

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

da wir in unserem Blog häufig über „Legal Tech“ berichten, wollen wir Ihnen einen Hinweis auf einen Beschluss des LG Bielefeld nicht vorenthalten.

Der Vorstand des Anwaltvereins Bielefeld e.V. ist kurz nach Markteintritt des „abfindungsheld.de“ durch die massive Werbung auf das Angebot der Legal Hero GmbH aufmerksam geworden.

Es entstand der Verdacht, dass dort eine Reihe unrichtiger Aussagen bis hin zu fingierten Bewertungen enthalten sein könnten und dass zudem rechtliche Beratung beworben wurde.

Das Landgericht Bielefeld hat nun dem Legal Tech Unternehmen Legal Hero GmbH rechtswidrige Werbeaussagen bezüglich des „abfindungsheld.de“ untersagt.

Den ganzen Vorgang sowie den Beschluss des LG Bielefeld finden Sie hier im Blog der Kanzlei Dr. Stracke, Bubenzer & Partner, die den Anwaltsverein Bielefeld e.V. vertreten hat.

Mit den besten Grüßen aus München

RA Katharina Nitsch

 

Digitalisierung in Kanzleien – Experten-Interview mit Markus Hartung, Micha-Manu Bues und Gernot Halbleib

Wir freuen uns, dass Sie uns für ein Interview für unseren Blog  zur Verfügung stehen. Kommen wir gleich zu unserer ersten Frage: Im November erscheint das Handbuch „Legal Tech“, das sich mit der Digitalisierung des Rechtsmarkts befasst.  Meinen Sie, die Zeit ist jetzt reif für ein Handbuch zu diesem schillernden Begriff? Was genau versteht man eigentlich unter „Legal Tech“?

Hartung: Darunter verstehen wir Software, mit der juristische Arbeit unterstützt, ergänzt, oder auch ersetzt werden kann. Das ist ein sehr weiter Begriff, der auch Kanzleimanagement-Software umfassen würde. Tatsächlich meint man damit Software, mit der zum einen die klassische juristische Arbeit – Recherche und Dokumentenerstellung – unterstützt wird, und zum anderen solche Technologien, mit denen neue Geschäftsmodelle für Anwälte möglich werden. Insgesamt steht Legal Tech aber auch für eine Szene von Start-Up Unternehmen, die solche Anwendungen entwickeln.

Welchen praktischen Nutzen können Kanzleien aus Legal Tech ziehen?

Bues: Kanzleien können durch den Einsatz von Legal Tech und eine damit einhergehende Automatisierung und Standardisierung ihre Dienstleistungen effizienter gestalten, also ihre Leistungen für den Kunden günstiger anbieten. Legal Tech ermöglicht es allerdings nicht nur schneller zu werden, sondern durch software-gestützte Prozesse bessere, d.h. qualitativ höhere, Dienstleistungen zu erbringen. Durch den Einsatz von Legal Tech im Bereich der Kundenansprache und -akquise können neue Zielgruppen erschlossen werden, also mehr Umsatz generiert werden.

Halbleib: Neben der reinen Effizienzsteigerung nach innen ermöglicht Legal Tech für Kanzleien völlig neue, digitale und skalierbare Geschäftsmodelle. Anwälte können so wegkommen von rein stundenbasierten Abrechnungsmodellen, die in letzter Zeit stark unter Druck geraten sind, und sich neue, attraktive Geschäftsfelder erschließen. Das Buch zeigt Beispiele für solche Geschäftsmodelle in Kanzleien, aber auch bei anderen Playern auf dem Rechtsmarkt und gibt Tipps, wie man Ideen dafür entwickelt.

Welchen Fehler sollte man im Bereich Legal Tech unbedingt vermeiden?

Halbleib: Manche Anwälte suchen nach der einen, großen Softwarelösung, die ihre Kanzlei fit macht für die Digitalisierung. Sie schauen dann wie wild alle möglichen Tools und Anbieter an und wollen wissen, was andere machen. Bei jeder Lösung sehen sie dann den vermeintlichen Haken, dass diese doch nicht “alles” kann, sondern nur dabei hilft ein ganz konkretes, oft eher kleines Problem zu lösen. Es ist zielführend, sich zunächst klar zu werden, welche Probleme man mit digitalen Mitteln lösen will und dann nach geeigneter Software zu schauen. Dies ist ein strategischer Prozess, dessen Aufwand oft unterschätzt wird. Innovation kann man nicht kaufen, man muss sie sich erarbeiten. Meistens bietet es sich an, in kleinen Schritten vorzugehen und nicht den Anspruch zu haben, alles auf einmal zu lösen.

Bues: Man sollte auch der Versuchung widerstehen, alles selbst machen zu wollen. Häufig gibt es schon bewährte Produkte im Markt, so dass sich der Kosten- und Zeitaufwand für eine Softwareeigenproduktion nicht lohnt. Im Zweifel sollte man ein bereits bewährtes Produkt kaufen und Zeit und Kosten in die Integration in die bestehende Systemlandschaft und das Training der Nutzer investieren.

Wendet sich Ihr Buch nur an Rechtsanwälte oder auch an andere Berufsgruppen?

Hartung: In erster Linie an Rechtsanwälte – aber sowohl die niedergelassenen wie auch die Unternehmensrechtsanwälte. Allerdings können auch Start-Up-Unternehmer viel mit dem Buch anfangen, weil dort auch Autoren über die Entwicklung neuer Software und neuer Geschäftsmodelle schreiben. Für die Justiz und die Universitäten bieten wir immerhin einen Überblick, aber in erster Linie ist es schon ein Buch für Anwälte und Start-Up-Unternehmer.

Inwiefern hilft das Handbuch denn auch kleinen und mittleren Kanzleien, die sich keine ausgefeilten Techniken leisten können, sei es aus Zeit oder aus Geldmangel?

Hartung: Indem es ihnen Mut macht, durch die sehr lebensnahen Schilderungen von Rechtsanwälten aus kleineren Kanzleien, wie dort der Weg der Digitalisierung beschritten wurde. Wir wollen ja gerade zeigen, dass man auch als kleine Einheit von den heutigen Angeboten profitieren kann.

Halbleib: Bei digitalen Geschäftsmodellen kann Schnelligkeit ein entscheidender Vorteil sein. Hier haben kleine und mittelgroße Kanzleien einen entscheidenden strategischen Vorteil gegenüber größeren Einheiten, wo interne Prozesse deutlich länger brauchen können. Dies sollten kleinere Kanzleien nutzen.

Hängt die Legal Tech Szene in Deutschland noch sehr hinter den internationalen Standards hinterher?

Bues: Die Legal Tech-Szene in Deutschland ist sicherlich jung. Die meisten Unternehmen in diesem Bereich sind zwischen 1 und 4 Jahren alt. In vielen Ländern sieht die Situation nicht anders aus. Insgesamt betrachtet hinkt die Rechtsbranche in Deutschland bei der Digitalisierung hinterher. Länder wie USA und England haben hier momentan einen Vorsprung. Insbesondere die USA sind im Bereich neuer digitaler Geschäftsmodelle sicherlich Vorreiter. Es wird über die nächsten Jahre interessant zu beobachten sein, wie sich die Legal Tech-Communities untereinander befruchten. Man sieht bereits immer mehr, dass Anbieter aus den USA und England nach Kontinentaleuropa kommen.

Für welche Gebiete eignet sich Legal Tech besonders?

Bues: Die Sinnhaftigkeit einer Anwendung von Legal Tech beschränkt sich nicht auf bestimmte Rechtsgebiete. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen, dass sich Legal Tech auf alle Rechtsgebiete auswirkt. Der Grad und die Geschwindigkeit der Auswirkungen sind im Einzelnen aber unterschiedlich; Rechtsgebiete in denen es ein hohes Aufkommen an relativ einheitlichen Rechtsproblemen  und -streitigkeiten gibt, werden zuerst von einer Digitalisierungswelle erfasst. Legal Tech-Anbieter konzentrieren sich auf Gebiete wie Flugverspätungen, arbeitsrechtlichen Abfindungen und Mietrecht, da hier eine große Zielgruppe nach einer “neuen” Rechtsberatung verlangt, die durch den Einsatz von Technik bezahlbar wird.

Halbleib: Aber auch im Bereich der wirtschaftsrechtlichen Beratung ist unsere Erwartung, dass im Laufe der Zeit digitalisiert werden wird, was digitalisierbar ist. Das Buch enthält gerade in diesem Bereich zahlreiche Beispiele aus großen Wirtschaftskanzleien und Rechtsabteilungen. Wer als Anwalt glaubt, seine Arbeit sei überhaupt nicht standardisierbar und die Digitalisierung betreffe ihn nicht, sollte sich diese Beispiele unbedingt anschauen.

Erhalten die Leser in Ihrem Buch auch praktische  Tipps und Checklisten rund um Legal Tech?

Hartung: Ja, man findet etwa sehr praktische Hinweise dazu, wie man als Kanzlei eine Strategie für die Digitalisierung aufsetzt und wie man die einzelnen Schritte geht. Etwas ähnliches gibt es für Unternehmensrechtsabteilungen. Natürlich hat das Buch auch rein theoretische Teile, aber in erster Linie ist es ein Buch, das von Praktikern geschrieben wurde mit dem Ziel, dem Leser etwas praktisch Verwertbares mit auf den Weg zu geben.

Bues: In vielen Diskussionen und Gesprächen haben wir festgestellt, dass viele Anwälte sich mit dem Thema Digitalisierung konstruktiv auseinandersetzen wollen. Häufig ist aber unklar, wo und wie man dieses Thema in Angriff nehmen soll. Das Buch ist daher so geschrieben, dass Anwälte praktische Hilfen, Tipps und Einordnungen finden, um das Thema Digitalisierung und Legal Tech praktisch angehen zu können.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hartung / Bues / Halbleib
Legal Tech
2018, XXI, 308 S., C.H.BECK, ISBN 978-3-406-71349-1,
Preis 89,00 € inkl. MwSt.

 

 

 

Die Digitalisierung frisst die Gerichtshöfe – die Auswirkungen der Online-Streitbeilegung auf das traditionelle Rechtsanwaltsgeschäft

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Online-Streitbeilegung (Online Dispute Resolution – ODR) verbreitet sich immer mehr – propagiert u.a. von EU, OECD und UNO – und wird privat von immer mehr Online-Marktplätzen in mehr oder weniger milder Form durchgesetzt. Das verändert Justiz und Rechtsanwendung grundlegend.

Auslöser ist der „Digital Justice Gap“: Es lohnt sich einfach für viele Verbraucher und Unternehmen nicht, ihre – oft aus Online-Transaktionen- herrührenden Rechte mit meist kleinem Streitwert langwierig in der traditionellen, national begrenzten und bislang strukturell papierbasierten Gerichtsbarkeit durchzusetzen. Damit korrespondiert, dass in der staatlichen Zivilgerichtsbarkeit immer weniger prozessiert wird. Zivilgerichte werden immer mehr gemieden.

Online-Streitbeilegung hat gegenüber traditionellen Gerichten etliche Vorteile: Weltweite Verfügbarkeit per Internet, keine Beschränkung auf vereinzelte Nationalstaaten/Rechtsordnungen und die Erledigung von Online-Sachverhalten in multijurisdiktionalen Kontexten.

Bei der Online-Streitbeilegung steht jedoch nicht, wie in einem Zivilprozess der „Kampf ums Recht“ im Vordergrund, sondern die Schlichtung und Befriedung. Die Online-Streitbeilegung kommt mit einer sehr schwachen Rechtsbindung aus.

Aber wo bleibt das Recht? Beilegen lässt sich ein Streit auch auf andere Weise als durch Recht oder ohne explizite Bezugnahme auf Recht.  Ob durch die Ausweitung der Online-Streitbeilegung also Recht und Gerechtigkeit verbessert werden (und für wen?), muss sich noch zeigen.

Online-Streitbeilegung als Bedrohung?

Da die Online-Streitbeilegung jedoch strukturell oft ohne Anwälte auskommt, empfindet einer aktuellen Umfrage zufolge ein Teil der deutschen Anwaltschaft diese Frucht der Digitalisierung als Bedrohung und befürchtet, davon verdrängt zu werden.

Diese Angst ist durchaus berechtigt. Denn einige Staaten experimentieren schon mit öffentlichen Onlinegerichten als Dienstleistung („court as a service“ – „CaaS“), wobei durch softwaregeleitete Verfahren eine Beteiligung von Anwälten weniger nötig gemacht werden soll, insbesondere um den Parteien Anwaltskosten zu ersparen.

Damit gilt: „Für Prozessanwälte, deren Arbeit auf dem traditionellen gerichtsbasierten Zivilprozess beruht, ist ODR – ob nun in der Form von z. B. Onlinegerichten oder e-Verhandlungen oder e-Mediation – eine Herausforderung, die auf das Herz ihres Geschäftsmodells zielt.“ Aber: „Wie wird sich die Wahrnehmung der Justiz in der Öffentlichkeit wandeln, wenn eines ihrer Hauptsymbole, der Gerichtssaal, verdrängt wird? Können gut ausgestaltete Online-Gerichte das Symbol eines neuen, inklusiveren Zeitalters der Streitbeilegung werden?” (Zitate nach Richard Susskind, Tomorrow’s Lawyers, 2017).

Jedoch: Die grundsätzliche Nichtöffentlichkeit von ODR-Verfahren und auch der Alternative Dispute Resolution („ADR“) kann ebenfalls die Geltung des Rechts schwächen, wenn hierdurch „massenhaft Rechtsrealität neben der staatlichen Gerichtsbarkeit“ (Schult-Nölke) geschaffen wird. Bei der Online-Streitbeilegung findet kaum eine öffentliche Kontrolle ihrer Entscheidungen und Maßstäbe statt, soweit die Entscheidungen privat ergehen, nur spärlich begründet werden und nicht veröffentlicht werden. Außerdem haben zukünftige ODR-Verfahren deswegen kaum vorherige ODR-Entscheidungen als Maßstäbe oder gar als Rechtsquellen an der Hand, um ihre Entscheidungen zu treffen. Ohne allgemein zugängliche Sammlungen von Entscheidungen und Rechtsquellen ist aber eine einheitliche Entscheidung von Streitigkeiten und darauf aufbauende Fortbildung der Entscheidungspraxis nicht möglich. Kann der Rechtsstaat darauf verzichten? Möchte man das nicht wenigstens vorher diskutieren?

 

Was meinen Sie?

Wir freuen uns über Diskussionsbeiträge!

Tom Braegelmann ist General Counsel bei dem Berliner Legal-Tech-Unternehmen Leverton und Mitautor des soeben im Verlag C.H.BECK erschienen Buches „Legal Tech“

 

Legal Tech: Diese 8 Fragen sollte sich jeder Anwalt stellen

zinkevych/stock.adobe.com

Kein Jurist kommt in diesen Tagen an dem Wort Legal Tech vorbei. Manch einer behauptet: „Ach, das ist nur so ein schickes Buzzword. Betrifft mich eh nicht.“

Wer das sagt, irrt – findet etwa Professor Dr. Matthias Kilian, Direktor des Soldan Instituts,  jüngst in der NJW.  „Diejenigen, die das Thema Legal Tech als ‚Hype‘ ansehen und eine intensive Auseinandersetzung mit ihm deshalb als überflüssig erachten, verkennen, dass bereits in der Vergangenheit technische Fortschritte das juristische Arbeiten wiederholt stark verändert haben.“

Aber wen betrifft Legal Tech denn nun eigentlich? Uns alle, weil sich keiner der Digitalisierung entziehen kann? Oder ist Legal Tech nur ein Thema für Großkanzleien?

Mit diesen und vielen anderen Fragen beschäftigt sich das neue Buch „Legal Tech“ (C.H.BECK). Einer der Autoren ist Legal-Tech-Experte Marco Klock, CEO von rightmart und edicted.

Legal Tech: Sind Sie von den Entwicklungen betroffen?

Seine Haltung: „Die subsumierte ‚Light-Version‘ von Legal Tech (Mindset) lässt sich viel leichter mit dem alltäglichen Geschäft von kleineren oder mittleren Kanzleien vereinbaren.“

Doch nicht jeder sei von den Entwicklungen des Legal Tech-Zeitalters gleich betroffen.

Daher stellt Klock im Buch ein paar Kernfragen, damit Leser die Dringlichkeit des sogenannten „Legal Tech Mindsets“ einstufen können:

  1. Gibt es für einen Großteil Ihrer Mandate nur wenige Kollegen, die diese Spezialisierung aufweisen und deshalb mit Ihnen konkurrieren (das Gegenteil ist ein hoher Anteil von Mandanten repetitiver Natur)?
  2. Haben Sie einen exklusiven Marktzugang, der für andere eine höhere Markteintrittsbarriere darstellt (das Gegenteil ist eine Mandatsakquise ausschließlich aus Quellen, die jedermann auch ohne großartiges Know-how offenstehen)?
  3. Besteht die Möglichkeit, die Dienstleistung(en) Ihrer Kanzlei in konkrete Produkte zu verpacken? Oder anders gefragt: Ist Ihre Kanzlei spezifischer ausgerichtet als ein Rechtsgebiet (das Gegenteil ist eine große thematische Brandbreite bei den Mandaten Ihrer Kanzlei)? Ist Ihre Kanzlei spezifisch auf ein Rechtsgebiet ausgerichtet?
  4. Betreiben Sie aktives Marketing (oder aktive Vertriebsmaßnahmen) für Ihre Kanzlei?
  5. Haben Sie sich bereits mit Online-Marketing auseinandergesetzt?
  6. Kennen Sie die Akquisitionskosten Ihrer Mandate?
  7. Kennen Sie die Bearbeitungskosten Ihrer Mandate?
  8. Trägt Ihre Kanzlei einen Namen, der allgemeingültig als Marke durchgehen könnte? (Hinweis: Nachnamen gehen nur dann als Marke durch, wenn Ihre Kanzlei Skadden heißt)

Klock erklärt: „Diejenigen unter Ihnen, die vergleichsweise häufig mit Ja geantwortet haben, werden in den nächsten zehn Jahren zu den Gewinnern des Marktes zählen.“

Dafür müsse man „kein Genie“ sein, schreibt Klock. „Sie müssen einfach nur besser sein als der Durchschnitt am Markt, um exponentielle Vorteile für sich zu realisieren.“

Und was, wenn Sie größtenteils mit Nein geantwortet haben? „Dann wird Ihre Kanzlei mit großer Wahrscheinlichkeit stark von den Veränderungen am Markt betroffen sein“, resümiert Klock.

Welche Maßnahmen Sie jetzt ergreifen müssen? Und was Sie unabhängig von der Beantwortung der Fragen über Veränderungen, Tools oder Prozesse wissen müssen, erfahren Sie im Buch „Legal Tech“.

Was studiert der DAX-Vorstand? Jura oder…?

Was kennzeichnet den typischen Dax-Vorstand? Welchen Abschluss hat er, wie viele Berufswechsel hat er hinter sich?

Eine neue Studie der Personalberatung Odgers Berndtson erlaubt interessante Einblicke über den typischen Dax-Vorstand.
Zum Beispiel zeigt sie, was die Vorstände üblicherweise studiert haben.
Hier fällt auf: Jura verliert an Bedeutung.
Als Quellen dienten Daten von Odgers Berndtson, die Geschäfts- bzw. Vergütungsberichte der relevanten Betrachtungszeitpunkte sowie öffentlich zugängliche Informationen aus Internet und Online-Archiven, im Einzelfall auch aus den Presseabteilungen der Unternehmen.

Konferenznews: Legal Tech, die Zukunft der Rechtsbranche und eine drohende Regulierung?

Für den ersten Aufreger der Euroforum-Legal Tech Konferenz in Berlin sorgte die Neuigkeit, dass es in Zukunft eine Aufsichtsbehörde für die digitale Rechtsberatung geben solle. Das erklärte zumindest Berlins Justizsenator Dirk Behrendt, der ab Januar eine Arbeitsgruppe der Länderjustizminister zum Thema Legal Tech leiten wird, dem Handelsblatt (HB 28.11.2017, Seite 28). Markus Hartung, der die Key Note zu der Konferenz hielt, konnte über diese Aussichten nur den Kopf schütteln. In den folgenden zwei Tagen wurde deutlich, dass die technische Entwicklung Einzug gehalten hat in deutsche Anwaltskanzleien und die Skepsis, die noch am „Deutschen Anwaltstag 2017“ vorherrschte, sich ein wenig gelegt hat.

Hervorzuheben aus Kanzleisicht sind zwei Praxisbeispiele:

  • Ratisbot, der erste deutsche Anwaltschatbot. Ratis stellt interessierten Anwälten gerne eine technische Plattform und die Infrastruktur zur Verfügung!
  • Mandanten- und Personalakquise über youtube mit dem Beispiel der Kanzlei Wilde Beuger Solmecke, die sich nebenbei mit LegalVisio eine eigene Software zur Optimierung der Organsationsabläufe geschaffen hat.

Beide Kanzleien beweisen damit, dass nicht nur Global Player die Digitalisierung gewinnbringend für sich nutzen können.

Als Fazit kann gelten: Wer den Anschluss nicht verpassen will, muss unabhängig von der Größe jetzt konkrete (Digitalisierungs-)Strategien entwickeln. Dabei geht es nicht nur darum, bestimmte Technologien zu verwenden, sondern vielmehr den Blick für die Zukunft zu schärfen, bestehende Prozesse und Geschäftsmodelle zu hinterfragen und Veränderungen positiv zu gestalten. Nur so können Sie frühzeitig sicherstellen, dass Sie auch in fünf oder zehn Jahren noch wettbewerbsfähig sind.

Welche Maßnahmen Sie jetzt ergreifen müssen? Und was Sie unabhängig von der Beantwortung der Fragen über Veränderungen, Tools oder Prozesse wissen müssen, erfahren Sie im Buch „Legal Tech“.