Chancen und Risiken der neuen Arbeitswelt für Kanzleien

Was sind die Chancen und Risiken der neuen Arbeitswelt für Kanzleien? Ein Gastbeitrag von Dr.  Jo Aschenbrenner.

Die Arbeitswelt ist im Umbruch. Die starren Hierarchien und die Arbeitsteilung aus der industriellen Revolution tragen nicht mehr – weder für die Menschen, noch für die Organisationen. Zum einen sind Unternehmen und Kanzleien mit konventionellen Strukturen und Prozessen zu langsam und schwerfällig im Wettbewerb mit Legal-Tech-Anbietern und anderen jungen Unternehmen, die „einfach mal loslegen“.

Dr. Jo Aschenbrenner

Zweitens möchten immer mehr Menschen in neuen, flexibleren Hierarchien arbeiten. Sie erachten die Managementpyramide und das damit einhergehende Machtverständnis als demotivierend. Stattdessen möchten sie ihr Potenzial entfalten, ihren Sinn finden und leben und Autonomie bei der Arbeit erfahren. Sie wollen im konventionellen Sinne weder Chef sein, noch einen haben.

Drittens bildet sich langsam und stetig eine purpose economy heraus. Es gibt eine wachsende Gruppe von Unternehmen, die erkannt haben, dass unsere Welt keine Konzerne braucht, die auf Gewinnmaximierung und Steuersparmodelle aus sind und dabei die Ressourcen unseres Planeten aufbrauchen. „Wir müssten über Steuern und die Reichen reden, die ihre Steuern nicht zahlen! Alles andere ist Mist!“, sagte Rutger Bregman in seiner vielbeachteten Rede auf dem Weltwirtschaftsform im Januar 2019 in Davos.

„Rechtsanwälte können bei der Transformation eine Schlüsselrolle spielen“

Wir brauchen meiner Meinung nach auch keine Armada von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten, um Schadenersatzforderungen gegen Autokonzerne gerichtlich abzuwimmeln. Noch braucht die Welt Rechtsberater, die Gesetzeslücken ausnutzen, um Aktienverkäufe steuerlich attraktiver zu machen. Wir brauchen neue Antworten!

Frederic Laloux hat in seinem Buch „Reinventing Organizations“ den ersten Aufschlag gemacht und über Unternehmen und Menschen berichtet, die Wirtschaft anders verstehen und Organisationen intern neu aufstellen. Seitdem ist der Trend nicht mehr aufzuhalten. Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte können bei dieser Transformation der Arbeitswelt eine Schlüsselrolle spielen.

Was sind die Hebel für die Transformation der Arbeitswelt?

Wie könnte die Anwaltschaft diese Rolle des Transformators ausfüllen?

Frederic Laloux hat in Anlehnung an Ken Wilber ein Modell mit vier Quadranten entwickelt und dargelegt, dass sich individuelle Haltung (1), individuelles Verhalten (2), Unternehmenskultur (3) und Strukturen und Prozesse (4) im Unternehmen gegenseitig beeinflussen. Alle vier Bereiche können die Transformation tragen – oder verhindern.

Im Bereich der individuellen Haltung, über den dieser Artikel geht, spielt ein Aspekt aus meiner Sicht die zentrale Rolle: From Ego to Self (vgl. Klein, Sebastian / Hughes, Ben, Der Loop Approach, S. 68.). Hierunter verstehe ich, dass ich im Alltag innehalte und mir Zeit nehme für persönliche Fragen. In diesem inneren Dialog treffe ich sehr oft auf mein Ego, das mich antreibt und nicht selten aus der Angst heraus agiert. Mache ich genug Umsatz? Ist meine Karriere eindrucksvoll genug? Bin ich im Partnerkreis der Kanzlei anerkannt? Sind die Mandanten mit mir zufrieden? Leiste ich genug, um mit mir selbst zufrieden zu sein? Kurzum, erfülle ich die Erwartungen an mich?

„Ich habe herausgefunden, was meine Aufgabe als Rechtsanwältin ist“

Diese Stimme kenne ich persönlich sehr gut. Das Selbst beantwortet demgegenüber die Fragen nach dem eigenen Wesenskern, nach der Aufgabe im Leben, nach dem Dienst für eine größere Sache. Die Antwort auf diese Fragen kommt allein vom inneren Kompass, dann wenn Ruhe einkehrt. Die Erwartungen des Ego sind bei diesen Fragen (leider) nicht hilfreich.

Erst vor drei Jahren habe ich als Gesellschafterin des Startups encode.org selber für mich herausgefunden, was meine Aufgabe als Rechtsanwältin ist. Mir geht es darum, die für die Transformation der Arbeitswelt notwendigen Bedingungen in vertragliche Regelungen zu übersetzen und damit den Weg zu mehr Sinn im Wirtschaftsleben und mehr Zufriedenheit bei der Arbeit zu eröffnen.

Bei der Gestaltung der Gesellschaftsverträge, die auch die Rechte der Eigentümer am Sinn des Unternehmens ausrichtet und neue Hierarchien juristisch absichert, gibt es noch viele offene Fragen. Seien Sie dabei, wenn Sie diese mitgestalten wollen.

Weitere Analysen über die Hebel für die Transformation der Arbeitswelt können Sie nachlesen in Jo Aschenbrenner: For Purpose. Ein neues Betriebssystem für Unternehmen. Vahlen 2019.

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Dr. Jo Aschenbrenner ist Rechtsanwältin und Partnerin von encode.org. Sie steht für die Verbindung von Recht und Mensch und versteht ihre berufliche Aufgabe darin, einen Beitrag für neue Machtstrukturen in der Welt zu leisten und Menschen auf dem Weg dahin den Zugang zu sich selbst zu eröffnen. Als Gesellschafterin des Start-ups encode.org baut sie seit 2016 weltweit For-Purpose Enterprises auf. Sie hält Vorträge und Keynotes zu den Themen Sinnorientierung, neue Machtverteilung und Veränderung. Mit ihrem Partner und ihren drei Kindern lebt sie südlich von Hamburg. Kontakt zur Autorin Dr. Jo Aschenbrenner über hello@for-purpose.de, www.for-purpose.de. Die PowerShift-Community von encode.org erreichen Sie unter https://encode.hivebrite.com