BRAO-Kommentar von Michael Kleine-Cosack – Rezension von Markus Hartung

Michael Kleine-Cosack ist ein Phänomen. Niemand hat im Berufsrecht mehr bewirkt als er: Ohne seine – im besten Sinne verstandene – Unbelehrbarkeit hätte es die Bastille-Entscheidungen des BVerfG im Juli 1987 nicht gegeben. Auch die Zweitberufsentscheidung geht auf ihn zurück, die Erfolgshonorarentscheidung und viele andere mehr – Kleine-Cosack hat sich immer dem berufsrechtlichen Mainstream verschlossen, insoweit war er unbelehrbar. Für die Anwaltschaft war das letztlich gut, denn dass das Berufsrecht heute viele liberale Tendenzen hat, hat die Anwaltschaft ihm zu verdanken.

Keine Angst vor klarer Meinung

Das ist aber nicht alles, denn: Diplomatie ist ihm fremd. In Diskussionen greift er bevorzugt zum Degen, mit dem Florett hält er sich nicht auf. Seine Veröffentlichungen im anwaltlichen Berufsrecht sind eindeutig und kraftvoll formuliert. Meistens erweisen sich seine Auffassungen als richtig – im Berufsrecht war niemand häufiger vor dem BVerfG erfolgreich als er. Er ist nicht ohne Respekt vor anderen Meinungen, hält es aber für Zeitverschwendung, sich ausführlich mit berufs- oder verfassungsrechtlichem Unsinn zu befassen, so jemanden erledigt er in einer Fußnote. Im Englischen entschuldigt man solche Leute mit „he doesn’t suffer fools happily“, und die in seinen Augen Legal Fools lässt er keine Sekunde im Unklaren darüber, was er von ihren Auffassungen hält.

Die BRAK

Befasst er sich mit der BRAK, dann geraten seine Ausführungen in die Nähe der Philippika: Die BRAK ist für ihn „ein kompetenzloser und politikunfähiger Debattierclub, der jeden Ansatz von Reformen wie auch einer grundrechtlichen Liberalisierung im Keim erstickt“ (Rn. 1 zu § 175 BRAO). Bei „kompetenzlos“ würde ihm vermutlich auch der Präsident der BRAK zustimmen, allerdings einen anderen Begriff wählen, aber Diplomatie ist nicht Kleine-Cosacks Sache, ich erwähnte es bereits. Die Begründung für dieses heftige Verdikt findet sich in den Rnrn. 14 ff. der Einleitung, wo er die verschiedenen Entscheidungen des BVerfG und des BGH zusammenstellt, die aus dem anwaltlichen Berufsrecht überhaupt das gemacht haben, was es heute ist. Dagegen kann man kaum etwas einwenden.

Ein Kommentar, ein Autor

Aber der Kommentar, inzwischen in 8. Auflage (die 1. Auflage erschien im Jahr 1993) empfiehlt sich nicht nur durch das Lesevergnügen der Auseinandersetzung mit den Standesorganisationen und einer von ihm als sklerotisch empfundenen Anwaltschaft. Kleine-Cosack öffnet an vielen Stellen den Blick auf berufsrechtliche Verkalkungen, aber manchmal eben vor der Zeit. Es ist der einzige Kommentar, der nur von einem Autoren geschrieben worden ist, was für eine konsistente Darstellung aller Themen sorgt; es gibt keine qualitativen Einbrüche, die man bei anderen Kommentaren doch findet. Der Kommentar ist das sprichwörtliche Werk aus einem Guss. Für Berufsrechtler ist der Kommentar ideal, weil er einen sehr guten ersten (und zweiten) Zugriff bietet und trotz seiner Kompaktheit sehr viele Rechtsprechungsnachweise liefert.

Die Kommentierung ist so eingehend und gründlich, dass der Kommentar gleichwertig neben den anderen berufsrechtlichen Kommentaren steht, die viel umfangreicher und von vielen Bearbeitern kommentiert werden. In diesem Werk ist es nicht leicht, einzelne Kommentierungen besonders hervorzuheben, aber besonders lesenswert sind die Einleitung sowie, als pars pro toto, die Kommentierungen der §§ 7, 14, 43a, 43b, 46 ff. Die Behandlung des Europarechts ist sehr eingehend und gerade für denjenigen, der das Unionsrecht nicht so gut kennt, sehr gut nachvollziehbar.

FAO und BORA

Im Anhang zu den BRAO-Kommentierungen behandelt er die FAO, die BORA und in einem vorzüglichen Teil das Berufsrecht für ausländische Rechtsanwälte in Deutschland. Die Kommentierung der BORA ist an einigen Stellen geprägt davon, dass Kleine-Cosack diesem Regelwerk nur geringe Bedeutung beimisst. Das Mission Statement der Anwaltschaft, nämlich § 1 BORA, quittiert er gallig – es sei eine „von einem für die deutsche Anwaltschaft typischen Pathos sowie freiheitsfeindlichem Idealismus getragene Bestimmung“, der „rechtlich (…) keine konkrete Funktion“ zukomme. Die mit viel Arbeit neugefasste Bestimmung des § 2 BORA hält er für weitgehend überflüssig. Sie verdanke ihre Existenz nur der „Unterbeschäftigung der Satzungsversammlung“. Vermutlich sind es diese Invektiven, die ihn in den Augen vieler Kollegen als nur schwer verdaulich erscheinen lassen, aber: bei der Kommentierung zu § 3 BORA ist die Kommentierung wieder auf der Höhe.

Den Kommentar gibt es auch in Beck Online – aber eigentlich gehört der Kommentar in die anwaltliche Handbibliothek. Im Berufsrecht ist man damit bestens versorgt.

Kleine-Cosack
Bundesrechtsanwaltsordnung: BRAO
8. Auflage 2020, XXVII, rund 980 Seiten
In Leinen € 149,00
C.H.BECK ISBN 978-3-406-72626-2

Autor: Markus Hartung

Dieser Beitrag könnte Sie auch interessieren: