Neue wirtschaftliche Risiken und Herausforderungen durch das neue Verbandssanktionsgesetz

Die Welt verändert sich rasant – die Covid-19 Pandemie wirkt dabei wie ein Turbo. Dies gilt auch für den Rechtsmarkt: Das Tempo der Digitalisierung nimmt enorm zu, während die Zahl der anfänglichen Zweifler immer weiter gegen Null geht. Das bringt viel Veränderung und schafft zahlreiche neue Geschäftschancen.
 
Gleichzeitig steigen die Haftungsrisiken für Berater. Eine zunehmend ins tägliche Geschäft eingreifende Regulierung macht sich breit und bindet mehr und mehr Managementkapazitäten: Datenschutz, Geldwäsche, berufsrechtliche Regulierung, Steuerrecht, Geheimnisschutz, internationale Handelsbeschränkungen, Anti Bribery Laws, Sozialversicherungs- und Arbeitszeitrecht. Wer langfristig erfolgreich sein will, muss die Balance schaffen zwischen mutiger Innovation und Unternehmergeist einerseits und professionellem Risk- und Crisis Management andererseits.

Im Vorfeld zur 10. Herbsttagung führte das Bucerius Center on the Legal Profession ein Interview mit Dr. Claudia Junker, Leiterin Law & Integrity/Generalbevollmächtigte und General Counsel bei der Deutschen Telekom, und Dr. Oliver Sahan, Managing Partner bei Roxin.

Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz hat Mitte des letzten Jahres den Entwurf eines Verbandssanktionsgesetzes mit dem prägnanten Titel „Entwurf eines Gesetzes zur Bekämpfung der Unternehmenskriminalität“ vorgelegt. Die Regierung hat diesen Entwurf fast unverändert gebilligt. Rechts- und Wirtschaftsausschuss des Bundesrates hingegen haben ihn nun vehement abgelehnt. Wie bewerten Sie den bisherigen Verlauf und den aktuellen Stand des Gesetzgebungsprozesses?

Junker: Der bisherige Gesetzgebungsprozess zeigt, wie umstritten das Gesetzgebungsvorhaben ist. Zunächst hat die Regierung die Gesetzesvorlage nur vier Tage nach Abschluss der Verbandsanhörungen fast „handstreichartig“ verabschiedet. Dieses Vorgehen ist nicht nur bei den Verbänden auf massives Unterverständnis gestoßen. Bemerkenswert war auch die Stellungnahme des Nationalen Normenkontrollrats, welcher dem Referentenentwurf nicht nur schwerwiegende Fehler bei der Bewertung der Kostenfolgen für Justiz und Wirtschaft attestiert, sondern zusätzlich moniert, dass er für die Prüfung und Stellungnahme nur wenige Stunden Zeit gehabt habe. Die Beschlussempfehlungen des Rechts- und Wirtschaftsausschusses des Bundesrats schließlich sprechen von einem „unausgegorenen“ und „zeitweise unter offener Missachtung der Länder betriebenen Gesetzgebungsvorhaben“. Bei dieser harschen Kritik war es überraschend, dass das Plenum des Bundesrats sich der primären Ausschussempfehlung, die Gesetzesvorlage abzulehnen, nicht angeschlossen hat, sondern stattdessen, den subsidiären Empfehlungen folgend, Änderungen und Überprüfungen zu einzelnen Punkten empfohlen hat. Die Gesetzesvorlage wird im nächsten Schritt in den Bundestag eingebracht. Auf den weiteren Gang des Gesetzgebungsverfahrens sind wir gespannt.

Das Verbandssanktionsgesetz sieht weitreichende Konsequenzen für Unternehmen, deren Verantwortliche, die anwaltliche Beratungspraxis und die Justiz vor. Wo sehen Sie die größten Risiken bzw. Herausforderungen?

Sahan: Sollte der in dem aktuell diskutierten Regierungsentwurf vorgesehene Legalitätsgrundsatz Gesetz werden, würde dies zu einem starken Anstieg der Anzahl an Strafverfahren gegen Unternehmen und somit zu deutlich mehr Arbeit für alle Beteiligten führen. Zumindest auf Seiten der Justiz dürfte dies eine der Hauptherausforderungen sein. Für die Unternehmen würde ein solcher Verfolgungszwang in Kombination mit den massiv erhöhten Strafrahmen ein deutlich gesteigertes wirtschaftliches Risiko bedeuten. Der Gesetzentwurf sieht zudem vor, dass Unternehmen einen besonderen Strafnachlass erhalten sollen, wenn sie auf eigene Kosten eine interne Aufklärung des Sachverhalts „für die Staatsanwaltschaft“ vornehmen lassen. Der Entwurf lässt dabei viele Einzelfragen hinsichtlich der geforderten Ausgestaltung einer solchen internen Aufklärung offen. Es wird daher eine große Herausforderung für die Unternehmensverantwortlichen und die anwaltlichen Berater sein, bei der strategischen Entscheidung, ob ein kooperativer Verteidigungsansatz für das Unternehmen vorzugswürdig ist, die Erwartungen der Staatsanwaltschaft zutreffend zu antizipieren. Der Entwurf sieht darüber hinaus vor, dass ein Unternehmen nur dann den vollen Bonus bei der Strafzumessung erhält, wenn die interne Aufklärung von der eigentlichen Strafverteidigung strikt getrennt wird. Eine solche Trennung würde die finanzielle Belastung für die Unternehmen noch einmal steigern. Vor allem aber würde durch die Entkoppelung der Sachverhaltsermittlung von der Verteidigung des Unternehmens der eigentlich für die intern gewonnenen Erkenntnisse geltende Grundsatz der Beschlagnahmefreiheit – das sog. „legal privilege“ – verloren gehen.

Der Gesetzentwurf bezieht sich an verschiedenen Stellen auf Compliance-Management-Systeme und Compliance-Maßnahmen. Müssen Unternehmen „Compliance“ im Falle eines Inkrafttretens des Verbandssanktionsgesetzes völlig neu definieren?

Junker: Nein, das glaube ich nicht. Wie im privaten Bereich gilt auch im Unternehmensbereich schon immer der selbstverständliche Grundsatz, dass die geltenden Rechtsvorschriften einzuhalten sind. Die Rechtskonformität des Unternehmenshandelns durch geeignete Prozesse und Maßnahmen sicherzustellen, ist dabei seit jeher eine originäre Pflicht der Unternehmensleitung. Bereits nach geltendem Recht, ich spreche von den Paragraphen 30 und 130 des Ordnungswidrigkeitengesetzes, können unternehmensbezogene Straftaten zu einer Unternehmenshaftung führen, sofern diese von einer Leitungsperson selbst begangen oder durch das Kontrollversagen einer Leitungsperson ermöglicht oder begünstigt worden sind. Diese Zurechnungskonzeption wird im Grundsatz vom Verbandssanktionengesetz in § 3 des Entwurfs übernommen. Neu ist, dass sowohl präventive als auch nachträgliche Compliance-Maßnahmen von Gesetzes wegen nach § 15 des Entwurfs des Verbandssanktionengesetzes (Nr. 6 und 7) bei der Strafzumessung zu berücksichtigen sind – auch wenn das im Gesetzestext nicht ausdrücklich als „Compliance“ bezeichnet wird. Das bedeutet aber nicht, dass Compliance neu definiert werden müsste. Selbstverständlich werden Unternehmen aber ihre bestehenden Compliance-Management-Systeme überprüfen und ggfs. nachbessern.

Die Auswirkungen des Verbandssanktionsgesetzes wird ausführlich auf der 10. Herbsttagung des Bucerius Center on the Legal Profession am 18. und 19. November behandelt. Seit 2010 ist die Tagung mit rund 300 Teilnehmenden Impulsgeber und wichtige Netzwerkplattform des Rechtsmarktes. Verantwortliche aus wirtschaftsberatenden Kanzleien treffen hier auf Unternehmensjuristinnen und Unternehmensjuristen zum gemeinsamen Gedanken- und Erfahrungsaustausch. Im Jubiläumsjahr findet die Konferenz aufgrund der Pandemie als virtuelle Konferenz statt.

Die Interviewparter

Dr. Oliver Sahan

Dr. Claudia Junker

MkG-Expo – die neue Online-Messe für junge JuristInnen

Anmeldung jetzt möglich: kostenlose Online-Messe für Anwältinnen und Anwälte am 10. und 11.11.2020

Junge Anwältinnen und Anwälte sehen sich in ihren ersten Berufsjahren mit einer Fülle an Herausforderungen konfrontiert. Für Weiterbildung bleibt im stressigen Kanzleialltag wenig Zeit. Hier setzt die MkG-Expo an – die Online-Messe für junge JuristInnen. Sie findet am 10. und 11.11.2020 statt und bietet Online-Vorträge, Produkt-Pitches und eine virtuellen Ausstellung. Besucherinnen und Besucher können außerdem am Wettbewerb um die Kanzleiwebseite des Jahres teilnehmen und Chat-Möglichkeiten zum Netzwerken nutzen – und das kostenlos.

Interessenten können sich unter mkg-expo.de anmelden.

Für wen ist die MkG-Expo besonders nützlich?

Die MkG-Expo wurde für Anwältinnen und Anwälte entwickelt, die in den ersten Berufsjahren praktische Tipps von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen suchen. Ihnen werden zudem Tools und Tipps an die Hand gegeben, die sie schnell in ihren Arbeitsalltag integrieren können, um ihre Karriere weiter zu fördern.

Was zeichnet die MkG-Expo aus?

Das Programm der Online-Messe wurde von AnwältInnen im Rahmen einer Umfrage aktiv mitgestaltet. Statt zu „erraten“, was JuristInnen interessiert, hat der FFI-Verlag als Veranstalter potenzielle TeilnehmerInnen einfach selbst gefragt: Was sind die Sorgen und Nöte junger JuristInnen? Wo herrscht akuter Wissensbedarf? Nach dem Motto „für junge JuristInnen von erfahrenen Praktikern“ werden renommierte ExpertInnen zu Themen wie RVG, Kanzleimarketing, LegalTech oder Verhandlungsführung referieren. Das Rahmenprogramm umfasst außerdem einen Wettbewerb um die Kanzleiwebseite des Jahres mit attraktiven Preisen und Auszeichnungen. Auch bei einer Online-Messe sollte der soziale Aspekt nicht fehlen: Chat-Tools bieten die Möglichkeit, um Fragen zu stellen und sich mit anderen Besucherinnen und Besuchern zu vernetzen.

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10 Argumente gegen Legal Tech

Von Prof. Dr. Stephan Breidenbach, u.a. Mitherausgeber des Rechtshandbuchs Legal Tech

1. Legal Tech – auch dieser Hype geht vorbei.

Stimmt. Soweit es sich um die plötzliche Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema handelt, geht jeder Hype vorbei. Die Digitalisierung des Rechts hat jedoch fundamentale Auswirkungen. Sie verschwindet ebenso wenig wie das Internet.

Manche Konsequenzen werden kurzfristig sichtbar werden, zum Beispiel durch neue Geschäftsmodelle im Internet oder durch aggressive Preispolitik von Kanzleien und Prozessfinanzierern.

Andere werden sich eher unbemerkt entwickeln. So wie Programme, die durch Software-Updates jedes Jahr besser werden. Erst in der Retrospektive wird man die enormen Entwicklungssprünge wirklich sehen. 

2. Mein Job lässt sich nicht durch Legal Tech ersetzen.

Stimmt. Allerdings nur teilweise. Die Frage ist, wie viele repetitive Elemente in Ihrer Tätigkeit enthalten sind. Welche Fragen, Verträge, Schriftsatzpassagen kommen häufiger vor?

Gerade die Experten in einem Gebiet sehen die Muster, die immer wieder auftauchen. Die wiederkehrenden Elemente lassen sich in einer intelligenten digitalen Bausteinwelt erfassen und abbilden.

Diese Legal-Tech-Werkzeuge erleichtern und beschleunigen dann in der Folge die Arbeit. „Und zwar nicht, weil die Computer so viel schlauer geworden sind, sondern weil wir die Arbeit so organisiert haben, dass sie für Maschinen gut zugänglich ist.“

Vor allem aber machen sie ein bisher dem erfahrenen Experten vorbehaltenes Wissen zugänglich und effektiver nutzbar für Anwender, z. B. jüngere Kollegen, mit weniger Expertise.

Das Ergebnis: mehr Arbeitsresultate in der gleichen Zeit. Dennoch erfordern sie immer noch Aufmerksamkeit und präzises Denken eines Anwenders. Selbst wenn die entsprechenden detaillierten Textelemente in einer Architektur des Wissens nachvollziehbar und zugänglich sind, ist immer noch der Jurist gefragt, der sie – bei aller Hilfestellung – in der jeweiligen Situation zuordnet und in seinen Vertrag oder Schriftsatz einfügt. Der Job bleibt. Er wird nur effektiver.

3. Durch Legal Tech gehen Jobs verloren. 

Stimmt. Und es kommen neue hinzu. Der Reihe nach: Es wird mehr Output an Texten, Verträgen und Schriftsätzen oder an Due Dilligence in der gleichen Zeit erzielt. Also wird Arbeitskraft eingespart.

Durch Digitalisierung gehen Arbeitsplätze mit alter Herangehensweise verloren. Gleichzeitig schaffen neue Geschäftsmodelle und günstigere industrielle Fertigung von juristischer Arbeit neue Marktchancen. Recht wird zugänglicher. Und eröffnet damit neue Märkte. Mehr Menschen brauchen mehr Recht. So entstehen neue juristische Arbeitsfelder.

Solche Wissensprodukte brauchen kreative Rechts-Produktentwickler. Und visionäre Juristen, die das Ökosystem Recht zugänglicher machen und so Märkte entwickeln. Und ja: Es kommen auf kurze Sicht weniger Jobs hinzu als verloren gehen. Damit sind Juristen nicht alleine. 

4. Legal Tech führt zu einem schematischen Umgang mit Recht.

Stimmt. Aber nur dort, wo es sinnvoll ist. Natürlich ist das verständnislose Zusammenstellen von Textbausteinen ein Albtraum. Juristische Arbeit mit und ohne Legal Tech braucht Verstand und Verantwortung. Beides kann ein herkömmliches Buch oder ein Textgenerator nicht ersetzen. Gleichzeitig muss in Standardsituationen das Recht gefunden werden, „anstelle es im Einzelfall neu zu erfinden“.

Verträge, Schriftsätze, womöglich im strukturierten Vortrag, und Texte in der Beratung beinhalten nur selten eine notwendige Fortentwicklung des Rechts. Mit oder ohne Legal Tech: Es geht nicht darum, ohne Verstand und Sachverhaltsanalyse „Recht“ zu produzieren. 

5. Eine individuelle Rechtsberatung ist durch nichts zu ersetzen.

Stimmt. Nur was ist individuelle Rechtsberatung? Jeder Fall ist anders. Und dennoch werden viele Fälle vor dem Hintergrund der gesetzlichen Normen gleichbehandelt. Legal Tech erleichtert die Arbeit mit Fällen, in denen wir das Recht finden, nicht „erfinden“. Ist eine Fortentwicklung notwendig, bekommt individuell einen anderen Sinn.

Auch jetzt schon lesen Juristen Kommentare und sehen sofort, was auf ihren aktuellen Fall nicht passt. In einem Legal-Tech-Werkzeug ist das nicht grundsätzlich anders. Digitalisierung ist kein Denkverbot für Juristen.

Dazu kommt: Eine besondere Sachverhaltskonstellation ist vielleicht aus der Gesamtschau des Rechtssystems gar nicht so besonders. Legal Tech hilft womöglich, solch ähnliche Fälle zu finden und zu nutzen. 

6. Eine Maschine kann keinen Anwalt ersetzen. 

Stimmt. Künstliche Intelligenz – KI – kann nicht denken. Um als Anwalt zu agieren, müsste eine Maschine Texte verstehen und dann auch noch daraus juristische Schlüsse ziehen. Es scheitert Stand heute und morgen schon an Stufe eins: „Es gibt keine Maschine, die Gelesenes versteht oder es vielleicht sogar schreiben könnte, das wird so schnell nicht gehen.“

Ein Anwalt kann allerdings ein System entwickeln, das nach begrenzten Kriterien ebenso begrenzte, meist vorläufige Antworten zu einer bestimmten Sachverhaltskonstellation, zum Beispiel bei der Entschädigung für eine Flugverspätung, gibt.

Hier ist ein Teil seines Wissens in der Logik eines Fragesystems abgebildet. Und die vorläufige Antwort – Entschädigung grundsätzlich ja oder nein – sagt nichts über komplizierte Einzelfälle aus, die nach wie vor anwaltlichen Verstand benötigen. Allerdings nur, bis daraus eine gesicherte Rechtsprechung entstanden ist. Künstliche Intelligenz – unbedingt. Die Maschine als Anwalt – nein. 

7. Legal Tech mag für einfache Standardfälle geeignet sein, aber nicht in meinem Bereich.

Hm. Jetzt kenne ich Ihren Bereich nicht. Dennoch lautet die Antwort: Das stimmt nicht. Richtig ist, dass die ersten Legal-Tech-Anwendungen von der Fluggast-Entschädigung bis zur Mietpreisbremse sich tatsächlich auf Massen von gleichgelagerten Standardfällen beziehen.

Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Die Titanic Recht fährt auf den riesigen Teil unter Wasser zu. Jedes repetitive Element in unserer Tätigkeit ist ein Hinweis auf mögliche Standardisierung. 

Nehmen Sie Verträge. Sie enthalten eine große, aber begrenzte Zahl von rechtmäßigen Optionen und ein paar nicht rechtmäßige, die auch gerne strategisch verwendet werden. Die ganze Vertragswelt wird daher bald auf hohem Niveau standardisiert und damit industrialisiert werden. Das heißt nicht, dass kein Raum für besonders kunstvolle Formulierungen und neue Varianten existiert.

Die schnelllebige M&A- und Venture Capital-Welt, um nur ein Beispiel zu nennen, erfindet sich alle paar Monate neu. Und doch bleibt vieles gleich. Und das Neue wird schnell als Standard in Updates aufgenommen. Das Handwerk wird unterstützt, Wissen verteilt und Qualität gesteigert. Der Künstler bleibt in der Gestaltung frei. Der Markt wird entscheiden, wie viel er für Kunst noch bezahlen will. 

Das Gleiche gilt für Schriftsätze und Beratungstexte. Vieles wiederholt sich. Und genau dieser Teil ist reif für Legal Tech. Und vielleicht sitzt jetzt bereits schon eine kleine kreative Truppe genau an diesem Segment.

8. Brauchen wir überhaupt Legal Tech? Es läuft doch bisher auch schon gut.

Stimmt. Und es könnte noch besser laufen. Viele wiederkehrende Arbeiten, Routinen und Elemente bieten sich an, durch Legal Tech vereinfacht oder ersetzt zu werden. Wäre es nicht sinnvoll, sich auf den Mehrwert für das Unternehmen zu konzentrieren und kreativ zu sein, statt die Zeit in repetitiver Tätigkeit zu verlieren?

Hinzukommt: Stellen Sie sich vor, Sie machen einfach nicht mit. Gut. Sie müssen dann nur zum Beispiel damit rechnen, dass Ihre Wettbewerber Verträge in kürzester Zeit mit Vertragsgeneratoren erstellen und Ihr Vertragsmanagement über die gesamte Lebensdauer von Verträgen besser im Griff haben. Wird man das irgendwann auch von Ihnen fordern?

9. Ist es nicht verrückt, sich jetzt komplett an eine Legal Tech-Lösung zu binden?

Stimmt. Wenn Sie Tools und Software gerade evaluiert haben, sind schon wieder die nächsten Lösungen auf dem Markt gekommen.  Innovation und Tempo nehmen zu.

Entscheidend ist, sich im ersten Schritt mit dem eigenen Know-how und den eigenen Wissensbeständen, insbesondere Verträgen und Prozessen, auseinanderzusetzen. Wiederkehrende Elemente in der Arbeit der Rechtsabteilung können identifiziert werden und als Bausteine aufbereitet werden.

Prozesse können analysiert und dabei schlanker gemacht werden. Industrialisierung von juristischer Tätigkeit verlangt, Regeln hinter der eigenen Tätigkeit und Bausteine der laufenden Textproduktion präzise und konsequent aufzubereiten und so das eigene Wissen zu bewirtschaften. Dabei dreht sich alles um die Leitfrage, was die Menschen in ihrer Organisation und ihre Prozesse besser unterstützt. Es geht um die Inhalte. Technologie allein wird es nicht richten. 

Lassen Sie sich dabei von Software und Tools unterstützen. Dann sollten diese vorsehen, dass die einmal geleistete Arbeit, denn um die geht es, problemlos und ohne Programmierkenntnisse aktualisiert werden kann.

Und, wenn gewünscht, auch einfach in eine andere Legal Tech-Anwendung übertragen werden kann. Digitalisierung ist nie fertig. Sie ist in sich ein Prozess, in dem ständig Prototypen entwickelt, verbessert und unter Umständen wieder abgelöst werden. Software-Silos helfen nicht.

Natürlich nicht. Technik ist zunächst einmal ein Mittel, um das, was man bisher tut, einfacher, schneller und besser zu tun. Juristen produzieren Texte – Verträge, Schriftsätze und Stellungnahmen. Vor dem Auge der Digitalisierung wird sichtbarer, dass diese Texte wiederkehrende Elemente enthalten.

10. Macht die Digitalisierung Juristen bald überflüssig?

Das ist eigentlich nichts Neues. Auch früher hat mich ich schon aus Vorlagen, Mustern und eigenen Vorarbeiten bedient, um etwa für eine neue Konstellation passend zu machen. Digitale Werkzeuge ermöglichen es nur, dies viel konsequenter zu tun.

Nun geht es nicht mehr um Wissen, welches in Dokumenten versteckt ist, sondern um Wissens-Bausteine.

Aus wiederkehrenden Elementen werden Bausteine aus denen dann Verträge oder Schriftsätze zusammengesetzt werden. Intelligente Tools organisieren diese Bausteine in einer digitalen Fertigungsstraße. Daten und Informationen werden automatisch eingefügt. Der Nutzer wird mit einer Wissensarchitektur visuell oder durch Fragen geführt. Das Rad wird so nicht mehr jedes Mal neu erfunden.  

Entscheidend ist jedoch: Benötigt wird ein Fahrer. Welche Kombination von Elementen in diesem Fall passt, entscheidet hoffentlich ein klar denkender Jurist.

Bestimmte Arbeiten werden allerdings nicht nur unterstützt, sondern fallen weg. Verträge aus Bausteinen machen über die nunmehr hochauflösende Datenbankstruktur völlig durchsichtig, wann in welcher Konstellation welche Klausel von wem mit welchen Werten und Fristen eingesetzt wurde.

Für eine Due Diligence werden dann nicht mehr hochbezahlte Associates, sondern wird nur noch ein  Klick benötigt. Werden für Prozesse oder die Ausführung von rechtlichen Vorschriften nur Daten – beispielsweise die Höhe des Einkommens – oder mit ja oder nein zu beantwortende Informationen benötigt, kann komplett automatisiert werden.

Alle Dokumente, Berechnungen und Entscheidungen entstehen in diesem regelgeleiteten Bereich ohne Zutun eines Bearbeiters, zum Beispiel Verwaltungsentscheidungen, Compliance-Prozesse oder Verträge für bestimmte Situationen.

Dennoch sind auch hier Juristen unverzichtbar. Digitale Werkzeuge entstehen nicht ohne die analytischen Fähigkeiten, die Präzision und Kreativität von juristisch geschulten Köpfen. Tools müssen ständig an eine immer schnellere Entwicklung angepasst werden, ausgebbaut und die Abläufe überprüft werden.

Es lässt sich festhalten: Technik hilft und entlastet von mühsamen, nicht kreativen Arbeiten. Die Maschine langweilt sich nicht. So werden nicht mehr, sondern eher weniger Juristen, dabei verstärkt als Gestalter, benötigt.  Überflüssig sind sie auch aus einer weiteren entscheidenden Perspektive nicht: Verträge, Entscheidungen und Prozesse drehen sich um Menschen – und um ihre Interessen und Bedürfnisse. Juristen können und müssen jetzt mehr kommunizieren. Dafür eröffnet die Digitalisierung Zeit und Raum.

Breidenbach / Glatz, Rechtshandbuch Legal Tech

Handbuch, 2. Auflage 2020.

Rund 300 S. mit Abbildungen. C.H.BECK. ISBN 978-3-406-73830-2

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beck-ak­tu­ell – DER POD­CAST

Alle 14 Tage be­rich­ten in­ter­es­san­te In­ter­view­part­ner über span­nen­de juristi­sche The­men, wich­ti­ge Ur­tei­le, Ge­set­zes­vor­ha­ben, Hin­ter­grün­de.

Die drei Gast­ge­ber: To­bi­as Freu­den­berg, Schrift­lei­ter der Neuen Juristischen Wo­chen­schrift, Prof. Dr. Klaus Weber, in der Ge­schäfts­lei­tung des Ver­la­ges C.​H.​BECK ver­ant­wort­lich für das ju­ris­ti­sche Lek­to­rat und Mathi­as Bruch­mann, Lei­ter der ju­ris­ti­schen Pres­se­ab­tei­lung, eben­falls bei C.​H.​BECK. Hören Sie rein. Wir freu­en uns auf Sie.

Podcast #1 – Interview mit Prof. Dr. Heribert Hirte MdB

Unser In­ter­view­gast in Podcast #1 ist Pro­fes­sor He­ri­bert Hirte, Mit­glied des Deut­schen Bun­des­tags, Stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Aus­schus­ses für Recht und Ver­brau­cher­schutz und Vor­sit­zen­der des Un­ter­aus­schus­ses Europa­recht. Im Fokus sind die aktuellen Entwicklungen im Insolvenzrecht. Die Ver­län­ge­rung des In­sol­venz­rechts­mo­ra­to­ri­ums ist unter Fach­leu­ten umstrit­ten. Davon un­ab­hän­gig rech­net man nach dem Mo­ra­to­ri­um mit einer gro­ßen Flut von In­sol­ven­zen.

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