Den schreienden Kollegen kann man nicht wegatmen: Vorschläge zur Stressreduktion im Alltag

Arbeitstage bis 22:00 Uhr, ständiger Termindruck und das Handy liegt neben der Tastatur und piept 30-mal in der Stunde. Stress ist im Alltag für Anwälte und Personen im juristischen Bereich nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Ob Aktenberge, unaufschiebbare Termine oder die Vorbereitung von Schriftstücken – es gibt immer viel zu tun, was auch nicht mal eben aufgeschoben werden kann.

Stress gehört bei diesem Beruf einfach dazu. Das ist auch zunächst nicht schlimm, denn Stress an sich ist wie ein Lebenselixier: Er macht uns wach, leistungsbereit und kreativ. Viel Arbeit ist nicht gleich viel Stress und wenig Arbeit ist nicht automatisch wenig Stress. Zumindest dann, wenn wir gut mit dem Stress umgehen lernen. Und lernen kann das jeder, sobald er weiß, wo er ansetzen kann!

Fest steht, dass pauschale Rezepte zur Stressvermeidung nichts nützen. Man kann den Stress, die Aktenberge, den Mandanten, den Gerichtstermin nicht einfach so wegatmen. Was hilft wirklich? Wo habe ich den größten Veränderungsbedarf? Mit welchen einfachen Maßnahmen erziele ich den maximalen Erfolg in kurzer Zeit?

Dr. Manuela Jacob-Niedballa beantwortet diese Fragen in ihrem neuen Buch: “Den schreienden Kollegen kann man nicht wegatmen“. Sie sagt Ihnen, was wirklich hilft: Ein Blick aufs Ganze, eine Methode, mit der Sie Ihre Stresssituation aus acht verschiedenen Perspektiven strukturiert checken und verbessern können. Sie liefert eine Reihe von Lösungsideen und praxiserprobten, einfachen Maßnahmen, mit denen Sie deutlich weniger Stress empfinden bei gleicher Arbeitsmenge.

Hier eine Auswahl schnell umsetzbare Lösungsideen, wenn es mal wieder einfach zu viel wird:

30 Minuten störungsfreie Zeit pro Tag

Permanente Erreichbarkeit, ständige Störungen und Unterbrechungen sind ein Hauptstressor – nicht nur für Anwälte. Das Klingeln eines Telefons löst in uns dieselben hormonellen Reaktionen aus wie das Brüllen eine Säbelzahntigers und steigert deutlich das Stresslevel.
Deshalb ein wertvoller Tipp: planen Sie pro Tag mindestens eine halbe Stunde störungsfreie Zeit ein: kein Telefon, keine Besucher, keine E-Mails checken. Damit Sie Ihren Fokus uneingeschränkt auf Ihre wichtigste Aufgabe lenken können.

Vermeiden Sie Multitasking!

Multitasking wird immer als das hohe Ideal der Arbeitswelt präsentiert. Aber: Es funktioniert nicht wirklich. Wir brauchen in der Regel deutlich mehr Zeit und machen deutlich mehr Fehler. Sobald eine Aufgabe wichtig ist und Konzentration erfordert, leidet zwangsläufig eine andere, die Sie parallel bearbeiten.

Besser ist es, bewusst zwischen Aufgaben zu wechseln. Am besten wechseln Sie zwischen Blöcken mit hoher Konzentration und automatisierten Tätigkeiten wie Sortieren.

Struktur am Morgen

In der digitalen Welt mit ihrer Informationsflut ist es wichtig, Struktur ins Chaos zu bringen und gehirngerechtes Arbeiten zu erlernen. Ich empfehle ein einfaches Verfahren: die Morning Map (basierend auf David Rock). Skizzieren Sie am Morgen auf einem Blatt Papier drei Kästchen. Das sind Ihre drei für diesen Tag wichtigsten Hauptbereiche, Projekte oder Prozesse. In jedes Kästchen schreiben Sie maximal 3-4 Aufgaben. Dann schätzen Sie: Wie lange brauche ich für jede Aufgabe? Planen Sie die Zeit ein und beachten Sie, mehr als 60 % des Tages sollten Sie nicht verplanen. Dann checken Sie: Wo liegt Ihre A-Priorität? Was können Sie delegieren oder streichen? Was brauchen Sie unbedingt? Das steht auf der Morning Map und mit diesem Überblick beugen Sie schon ein Stück weit dem Gefühl der Ohnmacht vor.

Vorsicht Rückdelegation!

„Chef, Sie sind doch so erfahren, könnten Sie nicht mal schauen? Da ist ein Schriftsatz, mit dem komme ich nicht so gut zurecht, darf ich Ihnen den geben?“ Sobald Sie „Ja“ sagen, bekommen Sie nicht nur diesen Schriftsatz, sondern wahrscheinlich auch in Zukunft noch viele andere, die wieder auf Ihren Schreibtisch zurückflattern.

Das Thema Rückdelegation ist einer der größten Stressoren. Ein wichtiger Tipp: Bleiben Sie standhaft, auch wenn es schwerfällt. Helfen Sie, aber nehmen Sie es nicht ab. Planen Sie gegebenenfalls Zeitpuffer ein, damit Verbesserungsschleifen möglich sind. Delegieren ist der erste Schritt zu Ihrer Entlastung. Der zweite, nicht weniger wichtige ist, Rückdelegationen zu verhindern.

Pausen: wichtiger Teil der Arbeitszeit

Unsere Arbeitsleistung fällt im Laufe des Tages ab. Die einzige Möglichkeit, trotzdem konzentriert, kreativ und innovativ zu bleiben, sind regelmäßige Pausen.

Stehen Sie spätestens alle 2 Stunden kurz auf, lüften Sie und holen sich etwas zu trinken. Wichtig ist eine halbstündige Mittagspause, in der Sie sich bewegen, in Ruhe etwas essen und bewusst den Arbeitsplatz verlassen. Die Kreativitätsforschung hat sogar herausgefunden, dass Pausen in der Natur noch effektiver sind. Also wenn es geht, ab in die Grünanlage oder einmal um den Block laufen.

Dankbarkeit am Abend

Besonders in stressigen Zeiten neigen wir dazu, vor allen Dingen die Probleme und unerledigten Aufgaben wahrzunehmen. Das führt zu Frustration und noch mehr Stress.

Um diesen negativen Gedankenkreislauf zu durchbrechen, ist eine Dankbarkeitsübung am Abend perfekt: Schreiben Sie jeden Abend ein bis drei Dinge auf, die Ihnen geglückt sind, die Ihnen ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert haben und für die Sie dankbar sind. Damit können Sie Ihren Fokus deutlich auf das positivere lenken – denn Ihr Fokus bestimmt Ihre Realität.

Bleiben Sie gesund in Führung!

Jacob-Niedballa

Den schreienden Kollegen kann man nicht wegatmen

Effektives Stressmanagement für Führungskräfte und Mitarbeiter

2021, 256 Seiten

Hardcover € 19,99

Wiley VCH 978-3-527-51034-4

Zusätzlich können Sie sich hier ein Interview der Autorin mit dem Bayrischen Rundfunk anhören:

Dr. med. Manuela Jacob-Niedballa ist sowohl Arbeitsmedizinerin als auch Unternehmensberaterin. Mit ihrem Fachwissen, ihren Einblicken in unterschiedlichste Unternehmen und ihrer eigenen Führungserfahrung verbindet sie verschiedenste Perspektiven. Ihr Ziel: zukunftsfähige Organisationen, in denen menschengerecht geführt wird und in denen Mitarbeiter und Führungskräfte mit Stress vernünftig umgehen.

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