Neue Zeitschrift RDi – „Recht mit digitalem Scheinwerfer“

RDi – Recht Digital – das ist der Name der neuen Fachzeitschrift zur Digitalisierung in der Rechts- und Wirtschaftspraxis von C.H.BECK. Was ist das Ziel des Zeitschriften-Teams? Welche Inhalte sollen vermittelt werden? Ein Gespräch mit den drei geschäftsführenden Herausgebern der RDi.

Wieso „Recht Digital“? Was bedeutet dieser Titel? 

Prof. Dr. Florian Möslein: Die RDi – Recht Digital ist eine breit aufgestellte juristische Fachzeitschrift, die sich thematisch nur durch einen Begriff einschränkt: Digital. Jedes weitere Wort im Titel würde dem Ansinnen nicht gerecht werden, die Querschnittsmaterie „Rechtsfragen der Digitalisierung“ in ihrer ganzen Bandbreite zu behandeln. (Zum kostenlosen RDi-Probeabo)

Weshalb braucht es dazu noch eine weitere juristische Fachzeitschrift?

Möslein: In Wissenschaft und Praxis sehen wir, dass Rechtsfragen der Digitalisierung eine ganz eigene Dynamik entwickeln – einerseits technologiespezifisch, andererseits  rechtsgebietsübergreifend. Rund um Künstliche Intelligenz, Blockchain und digitale Plattformen entstehen neue Wirtschaftszweige; Legal Tech und FinTech krempeln Rechts- und Finanzmarkt grundlegend um. Wer hier beraten oder forschen will, braucht über das juristische Fachwissen hinaus ein sehr solides Grundverständnis der Branche und auch der technischen Gegebenheiten. Hier setzt die RDi an. 

Welches Rechtsgebiet findet sich in „Recht Digital“?

Möslein: Die RDi beleuchtet das Recht in seiner gesamten Breite – allerdings mit digitalem Scheinwerfer. Sie bildet neuere technische Entwicklungen unabhängig vom Rechtsgebiet ab. Auch ihre Kategorien sind themenbezogen, nicht nach Rechtsgebieten geordnet. Um ein Beispiel zu geben: Der Bereich FinTech betrifft nicht nur das Bankaufsichts- und Kapitalmarktrecht, sondern spricht auch IT- und Steuerrechtler an. Beiträge im Bereich FinTech auf ein Rechtsgebiet zu beschränken, würde deshalb viel zu kurz greifen. Die RDi versteckt diese Themen nicht in rechtlichen Spezialzeitschriften, sondern gibt ihnen eine Bühne, auf der sie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden können.

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Die RDi deckt damit also alle Rechtsgebiete ab und richtet sich nicht nur an IT-Juristen – kann eine Zeitschrift allein diesen Anspruch überhaupt erfüllen?

Dr. Markus Kaulartz: Die RDi hat natürlich nicht den Anspruch, die Digitalisierung im Recht abschließend zu behandeln. Sie versteht sich dennoch nicht als Nischenprodukt für das IT-Recht als Kernmaterie der Digitalisierung. Vielmehr soll sie die Digitalisierung rechtsgebietsübergreifend behandeln und Juristinnen und Juristen in ihren jeweiligen Spezialgebieten abholen. Wer heute rechtlich berät, entscheidet oder forscht, kommt selbst in angestammten Rechtsgebieten wie dem Gesellschaftsrecht oder dem Bankaufsichtsrecht um neuere technische Entwicklungen nicht mehr herum. Die RDi beleuchtet diese durch die Digitalbrille und stellt Verknüpfungen her.

Informiert die RDi auch über aktuelle Rechtsprechung?

Riehm: Ja. Es werden jeden Monat praktisch alle Entscheidungen auf Relevanz für die Leserschaft der RDi untersucht. Da Urteile im Volltext aber ohnehin schon bei beck-online und in anderen Zeitschriften abrufbar sind, konzentriert die RDi sich darauf, wichtige Entscheidungen aus dem Digitalbereich kurz vorzustellen, zu kommentieren, einzuordnen und zu hinterfragen. Das finden wir im Kontext der Digitalisierung besonders wichtig und wir wollen damit auch einen Mehrwert schaffen. Teilweise werden wir auch Anmerkungen zu ausländischen Entscheidungen aufnehmen, etwa wenn es sich um die ersten ihrer Art zu wichtigen technischen Fragen handelt. 

Wie unterscheidet sich die Zeitschrift von Ihren Wettbewerbern?

Möslein: Abgesehen von den günstigen Rahmenbedingungen beim Beck-Verlag meinen wir, dass die RDi ein Team von Herausgeberinnen und Herausgebern gewinnen konnte, das in der digitalen Juristerei seinesgleichen suchen. In diesem Team steckt unendlich viel Know-how und Bandbreite, viele der Beteiligten begleiten rechtliche Innovationen schon seit Jahren aktiv mit und sind bestens vernetzt. Durch die Diversität der beruflichen Hintergründe erhoffen wir uns außerdem, digitale Entwicklungen sowohl praxistauglich als auch wissenschaftlich fundiert begleiten zu können. Bereits die Vorbereitungszeit hat uns gezeigt, wie attraktiv diese Kombination für Autorinnen und Autoren ist, und sie ist es mit Sicherheit auch für Leserinnen und Leser.

Viele Themen setzen technisches Grundverständnis voraus. Vermittelt das die RDi auch? 

Prof. Dr. Thomas Riehm: Natürlich. Dort, wo technisches Know-how nötig ist, um die rechtlichen Fragestellungen zu durchdringen, werden die Beiträge in der RDi dieses auch zielgruppengerecht aufbereiten. Wir stellen sowohl in Wissenschaft und Praxis immer häufiger fest, dass eine fundierte rechtliche Analyse nur gelingen kann, wenn man fernab von Buzzwords wirklich versteht, wie Datenflüsse und -verarbeitungen etc. eigentlich genau ablaufen. Nur dann kann man auch überzeugende Argumente in der Sache ausarbeiten oder Alternativlösungen entwickeln. Diesen Anspruch muss die RDi unbedingt erfüllen.

Die RDi wird auch als Printausgabe ausgeliefert. Passt das zu einer Digitalisierungszeitschrift?

Kaulartz: Überraschenderweise ja, denn die meisten Leserinnen und Leser bevorzugen es tatsächlich noch, eine Zeitschrift in Händen zu halten. Wir haben uns daher auch dafür entschieden, die Printausgabe durch einen Mantelteil zu ergänzen, der etwas leichtere Kost zum Schmökern enthält, insbesondere Interviews, Buchtipps, Hinweise zu Legal-Tech-Tools und ein Editorial von wechselnden Persönlichkeiten. Nichtsdestotrotz ist die RDi natürlich aber auch in beck-online verfügbar, wo sie zweifelsfrei auch hingehört. Und natürlich hat sie eine eigene Webseite, rdi.beck.de, wo Teile der Inhalte auch abrufbar sind.

Wohin wenden sich interessierte Autorinnen und Autoren?

Kaulartz: Am besten per E-Mail direkt an unseren Schriftleiter Christopher Rennig an rdi@beck.de.

Mehr Infos zu den Interviewten

Prof. Dr. Florian Möslein, Dipl.-Kfm., LL.M. (London)

Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Deutsches und Europäisches Wirtschaftsrecht an der Philipps-Universität Marburg und Gründungsdirektor des Instituts für das Recht der Digitalisierung (IRDi)

Prof. Dr. Thomas Riehm

Inhaber des Lehrstuhls für Deutsches und Europäisches Privatrecht, Zivilverfahrensrecht und Rechtstheorie und Sprecher des Instituts für das Recht der Digitalen Gesellschaft (IRDG) der Universität Passau

Dr. Markus Kaulartz

Rechtsanwalt, CMS Hasche Sigle, München

Hier geht es zur Leseprobe der RDi – Recht Digital.

10 Argumente gegen Legal Tech

Von Prof. Dr. Stephan Breidenbach, u.a. Mitherausgeber des Rechtshandbuchs Legal Tech

1. Legal Tech – auch dieser Hype geht vorbei.

Stimmt. Soweit es sich um die plötzliche Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema handelt, geht jeder Hype vorbei. Die Digitalisierung des Rechts hat jedoch fundamentale Auswirkungen. Sie verschwindet ebenso wenig wie das Internet.

Manche Konsequenzen werden kurzfristig sichtbar werden, zum Beispiel durch neue Geschäftsmodelle im Internet oder durch aggressive Preispolitik von Kanzleien und Prozessfinanzierern.

Andere werden sich eher unbemerkt entwickeln. So wie Programme, die durch Software-Updates jedes Jahr besser werden. Erst in der Retrospektive wird man die enormen Entwicklungssprünge wirklich sehen. 

2. Mein Job lässt sich nicht durch Legal Tech ersetzen.

Stimmt. Allerdings nur teilweise. Die Frage ist, wie viele repetitive Elemente in Ihrer Tätigkeit enthalten sind. Welche Fragen, Verträge, Schriftsatzpassagen kommen häufiger vor?

Gerade die Experten in einem Gebiet sehen die Muster, die immer wieder auftauchen. Die wiederkehrenden Elemente lassen sich in einer intelligenten digitalen Bausteinwelt erfassen und abbilden.

Diese Legal-Tech-Werkzeuge erleichtern und beschleunigen dann in der Folge die Arbeit. „Und zwar nicht, weil die Computer so viel schlauer geworden sind, sondern weil wir die Arbeit so organisiert haben, dass sie für Maschinen gut zugänglich ist.“

Vor allem aber machen sie ein bisher dem erfahrenen Experten vorbehaltenes Wissen zugänglich und effektiver nutzbar für Anwender, z. B. jüngere Kollegen, mit weniger Expertise.

Das Ergebnis: mehr Arbeitsresultate in der gleichen Zeit. Dennoch erfordern sie immer noch Aufmerksamkeit und präzises Denken eines Anwenders. Selbst wenn die entsprechenden detaillierten Textelemente in einer Architektur des Wissens nachvollziehbar und zugänglich sind, ist immer noch der Jurist gefragt, der sie – bei aller Hilfestellung – in der jeweiligen Situation zuordnet und in seinen Vertrag oder Schriftsatz einfügt. Der Job bleibt. Er wird nur effektiver.

3. Durch Legal Tech gehen Jobs verloren. 

Stimmt. Und es kommen neue hinzu. Der Reihe nach: Es wird mehr Output an Texten, Verträgen und Schriftsätzen oder an Due Dilligence in der gleichen Zeit erzielt. Also wird Arbeitskraft eingespart.

Durch Digitalisierung gehen Arbeitsplätze mit alter Herangehensweise verloren. Gleichzeitig schaffen neue Geschäftsmodelle und günstigere industrielle Fertigung von juristischer Arbeit neue Marktchancen. Recht wird zugänglicher. Und eröffnet damit neue Märkte. Mehr Menschen brauchen mehr Recht. So entstehen neue juristische Arbeitsfelder.

Solche Wissensprodukte brauchen kreative Rechts-Produktentwickler. Und visionäre Juristen, die das Ökosystem Recht zugänglicher machen und so Märkte entwickeln. Und ja: Es kommen auf kurze Sicht weniger Jobs hinzu als verloren gehen. Damit sind Juristen nicht alleine. 

4. Legal Tech führt zu einem schematischen Umgang mit Recht.

Stimmt. Aber nur dort, wo es sinnvoll ist. Natürlich ist das verständnislose Zusammenstellen von Textbausteinen ein Albtraum. Juristische Arbeit mit und ohne Legal Tech braucht Verstand und Verantwortung. Beides kann ein herkömmliches Buch oder ein Textgenerator nicht ersetzen. Gleichzeitig muss in Standardsituationen das Recht gefunden werden, „anstelle es im Einzelfall neu zu erfinden“.

Verträge, Schriftsätze, womöglich im strukturierten Vortrag, und Texte in der Beratung beinhalten nur selten eine notwendige Fortentwicklung des Rechts. Mit oder ohne Legal Tech: Es geht nicht darum, ohne Verstand und Sachverhaltsanalyse „Recht“ zu produzieren. 

5. Eine individuelle Rechtsberatung ist durch nichts zu ersetzen.

Stimmt. Nur was ist individuelle Rechtsberatung? Jeder Fall ist anders. Und dennoch werden viele Fälle vor dem Hintergrund der gesetzlichen Normen gleichbehandelt. Legal Tech erleichtert die Arbeit mit Fällen, in denen wir das Recht finden, nicht „erfinden“. Ist eine Fortentwicklung notwendig, bekommt individuell einen anderen Sinn.

Auch jetzt schon lesen Juristen Kommentare und sehen sofort, was auf ihren aktuellen Fall nicht passt. In einem Legal-Tech-Werkzeug ist das nicht grundsätzlich anders. Digitalisierung ist kein Denkverbot für Juristen.

Dazu kommt: Eine besondere Sachverhaltskonstellation ist vielleicht aus der Gesamtschau des Rechtssystems gar nicht so besonders. Legal Tech hilft womöglich, solch ähnliche Fälle zu finden und zu nutzen. 

6. Eine Maschine kann keinen Anwalt ersetzen. 

Stimmt. Künstliche Intelligenz – KI – kann nicht denken. Um als Anwalt zu agieren, müsste eine Maschine Texte verstehen und dann auch noch daraus juristische Schlüsse ziehen. Es scheitert Stand heute und morgen schon an Stufe eins: „Es gibt keine Maschine, die Gelesenes versteht oder es vielleicht sogar schreiben könnte, das wird so schnell nicht gehen.“

Ein Anwalt kann allerdings ein System entwickeln, das nach begrenzten Kriterien ebenso begrenzte, meist vorläufige Antworten zu einer bestimmten Sachverhaltskonstellation, zum Beispiel bei der Entschädigung für eine Flugverspätung, gibt.

Hier ist ein Teil seines Wissens in der Logik eines Fragesystems abgebildet. Und die vorläufige Antwort – Entschädigung grundsätzlich ja oder nein – sagt nichts über komplizierte Einzelfälle aus, die nach wie vor anwaltlichen Verstand benötigen. Allerdings nur, bis daraus eine gesicherte Rechtsprechung entstanden ist. Künstliche Intelligenz – unbedingt. Die Maschine als Anwalt – nein. 

7. Legal Tech mag für einfache Standardfälle geeignet sein, aber nicht in meinem Bereich.

Hm. Jetzt kenne ich Ihren Bereich nicht. Dennoch lautet die Antwort: Das stimmt nicht. Richtig ist, dass die ersten Legal-Tech-Anwendungen von der Fluggast-Entschädigung bis zur Mietpreisbremse sich tatsächlich auf Massen von gleichgelagerten Standardfällen beziehen.

Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Die Titanic Recht fährt auf den riesigen Teil unter Wasser zu. Jedes repetitive Element in unserer Tätigkeit ist ein Hinweis auf mögliche Standardisierung. 

Nehmen Sie Verträge. Sie enthalten eine große, aber begrenzte Zahl von rechtmäßigen Optionen und ein paar nicht rechtmäßige, die auch gerne strategisch verwendet werden. Die ganze Vertragswelt wird daher bald auf hohem Niveau standardisiert und damit industrialisiert werden. Das heißt nicht, dass kein Raum für besonders kunstvolle Formulierungen und neue Varianten existiert.

Die schnelllebige M&A- und Venture Capital-Welt, um nur ein Beispiel zu nennen, erfindet sich alle paar Monate neu. Und doch bleibt vieles gleich. Und das Neue wird schnell als Standard in Updates aufgenommen. Das Handwerk wird unterstützt, Wissen verteilt und Qualität gesteigert. Der Künstler bleibt in der Gestaltung frei. Der Markt wird entscheiden, wie viel er für Kunst noch bezahlen will. 

Das Gleiche gilt für Schriftsätze und Beratungstexte. Vieles wiederholt sich. Und genau dieser Teil ist reif für Legal Tech. Und vielleicht sitzt jetzt bereits schon eine kleine kreative Truppe genau an diesem Segment.

8. Brauchen wir überhaupt Legal Tech? Es läuft doch bisher auch schon gut.

Stimmt. Und es könnte noch besser laufen. Viele wiederkehrende Arbeiten, Routinen und Elemente bieten sich an, durch Legal Tech vereinfacht oder ersetzt zu werden. Wäre es nicht sinnvoll, sich auf den Mehrwert für das Unternehmen zu konzentrieren und kreativ zu sein, statt die Zeit in repetitiver Tätigkeit zu verlieren?

Hinzukommt: Stellen Sie sich vor, Sie machen einfach nicht mit. Gut. Sie müssen dann nur zum Beispiel damit rechnen, dass Ihre Wettbewerber Verträge in kürzester Zeit mit Vertragsgeneratoren erstellen und Ihr Vertragsmanagement über die gesamte Lebensdauer von Verträgen besser im Griff haben. Wird man das irgendwann auch von Ihnen fordern?

9. Ist es nicht verrückt, sich jetzt komplett an eine Legal Tech-Lösung zu binden?

Stimmt. Wenn Sie Tools und Software gerade evaluiert haben, sind schon wieder die nächsten Lösungen auf dem Markt gekommen.  Innovation und Tempo nehmen zu.

Entscheidend ist, sich im ersten Schritt mit dem eigenen Know-how und den eigenen Wissensbeständen, insbesondere Verträgen und Prozessen, auseinanderzusetzen. Wiederkehrende Elemente in der Arbeit der Rechtsabteilung können identifiziert werden und als Bausteine aufbereitet werden.

Prozesse können analysiert und dabei schlanker gemacht werden. Industrialisierung von juristischer Tätigkeit verlangt, Regeln hinter der eigenen Tätigkeit und Bausteine der laufenden Textproduktion präzise und konsequent aufzubereiten und so das eigene Wissen zu bewirtschaften. Dabei dreht sich alles um die Leitfrage, was die Menschen in ihrer Organisation und ihre Prozesse besser unterstützt. Es geht um die Inhalte. Technologie allein wird es nicht richten. 

Lassen Sie sich dabei von Software und Tools unterstützen. Dann sollten diese vorsehen, dass die einmal geleistete Arbeit, denn um die geht es, problemlos und ohne Programmierkenntnisse aktualisiert werden kann.

Und, wenn gewünscht, auch einfach in eine andere Legal Tech-Anwendung übertragen werden kann. Digitalisierung ist nie fertig. Sie ist in sich ein Prozess, in dem ständig Prototypen entwickelt, verbessert und unter Umständen wieder abgelöst werden. Software-Silos helfen nicht.

Natürlich nicht. Technik ist zunächst einmal ein Mittel, um das, was man bisher tut, einfacher, schneller und besser zu tun. Juristen produzieren Texte – Verträge, Schriftsätze und Stellungnahmen. Vor dem Auge der Digitalisierung wird sichtbarer, dass diese Texte wiederkehrende Elemente enthalten.

10. Macht die Digitalisierung Juristen bald überflüssig?

Das ist eigentlich nichts Neues. Auch früher hat mich ich schon aus Vorlagen, Mustern und eigenen Vorarbeiten bedient, um etwa für eine neue Konstellation passend zu machen. Digitale Werkzeuge ermöglichen es nur, dies viel konsequenter zu tun.

Nun geht es nicht mehr um Wissen, welches in Dokumenten versteckt ist, sondern um Wissens-Bausteine.

Aus wiederkehrenden Elementen werden Bausteine aus denen dann Verträge oder Schriftsätze zusammengesetzt werden. Intelligente Tools organisieren diese Bausteine in einer digitalen Fertigungsstraße. Daten und Informationen werden automatisch eingefügt. Der Nutzer wird mit einer Wissensarchitektur visuell oder durch Fragen geführt. Das Rad wird so nicht mehr jedes Mal neu erfunden.  

Entscheidend ist jedoch: Benötigt wird ein Fahrer. Welche Kombination von Elementen in diesem Fall passt, entscheidet hoffentlich ein klar denkender Jurist.

Bestimmte Arbeiten werden allerdings nicht nur unterstützt, sondern fallen weg. Verträge aus Bausteinen machen über die nunmehr hochauflösende Datenbankstruktur völlig durchsichtig, wann in welcher Konstellation welche Klausel von wem mit welchen Werten und Fristen eingesetzt wurde.

Für eine Due Diligence werden dann nicht mehr hochbezahlte Associates, sondern wird nur noch ein  Klick benötigt. Werden für Prozesse oder die Ausführung von rechtlichen Vorschriften nur Daten – beispielsweise die Höhe des Einkommens – oder mit ja oder nein zu beantwortende Informationen benötigt, kann komplett automatisiert werden.

Alle Dokumente, Berechnungen und Entscheidungen entstehen in diesem regelgeleiteten Bereich ohne Zutun eines Bearbeiters, zum Beispiel Verwaltungsentscheidungen, Compliance-Prozesse oder Verträge für bestimmte Situationen.

Dennoch sind auch hier Juristen unverzichtbar. Digitale Werkzeuge entstehen nicht ohne die analytischen Fähigkeiten, die Präzision und Kreativität von juristisch geschulten Köpfen. Tools müssen ständig an eine immer schnellere Entwicklung angepasst werden, ausgebbaut und die Abläufe überprüft werden.

Es lässt sich festhalten: Technik hilft und entlastet von mühsamen, nicht kreativen Arbeiten. Die Maschine langweilt sich nicht. So werden nicht mehr, sondern eher weniger Juristen, dabei verstärkt als Gestalter, benötigt.  Überflüssig sind sie auch aus einer weiteren entscheidenden Perspektive nicht: Verträge, Entscheidungen und Prozesse drehen sich um Menschen – und um ihre Interessen und Bedürfnisse. Juristen können und müssen jetzt mehr kommunizieren. Dafür eröffnet die Digitalisierung Zeit und Raum.

Breidenbach / Glatz, Rechtshandbuch Legal Tech

Handbuch, 2. Auflage 2020.

Rund 300 S. mit Abbildungen. C.H.BECK. ISBN 978-3-406-73830-2

Legal Tech 2020: 150 Angebote für Kanzleien

Marktübersicht von Herausgeber Markus Hartung bietet aktuellen Überblick von Deutschlands Legal Tech-Landschaft

Einer aktuellen Umfrage zufolge ist für 55 Prozent aller Juristinnen und Juristen eine der größten Herausforderungen, einenÜberblick über die aktuellen Entwicklungen im Bereich Legal Tech zu behalten. Hier leistet die neue Fachinfo-Broschüre Legal Tech 2020 Unterstützung: In dieser werden in einer gut strukturierten und aktuellen Gesamtübersicht die wichtigsten Produkte und Dienstleistungen des Legal Tech-Marktes mit 150 Angeboten speziell für Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte aufgeführt.

Der Legal Tech-Markt wächst

Immer mehr Tools und Softwarelösungen zur Digitalisierung und Optimierung der juristischen Arbeit stehen Anwältinnen und Anwälten zur Verfügung. Waren es in der letzten Auflage noch gut 100 Angebote, so finden sich in der diesjährigen bereits knapp 150 Angebote für Kanzleien und Rechtsabteilungen.

Die passende Lösung für die eigene Kanzlei finden

Um die Auswahl der zur eigenen Kanzlei passenden Legal Tech-Lösungen zu erleichtern, informiert die Marktübersicht in elf Kategorien über aktuelle Angebote auf dem deutschen Legal Tech-Markt. Das Verzeichnis steht als PDF zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Kategorien der Legal Tech-Angebote:

  • Dokumentenerstellung
  • Dokumentenanalyse
  • Mandantenkommunikation
  • Kanzlei-Tools
  • Anwaltsmarktplätze
  • Recruiting
  • Legal Outsourcing
  • Beratung
  • Kanzleisoftware
  • Software für Rechtsabteilungen
  • Juristische Datenbanken

Eine hilfreiche Lektüre wünscht Ihnen Ihr Kanzleiforum-Team

Legal Tech in Deutschland: Stand 2020

Berlin Legal Tech

Die Legal Tech Berlin fand vom 26.–28.02.2020 zum vierten Mal statt. Diese von dem Berliner Legal Tech Pionier Prof. Breidenbach initiierte Veranstaltung hat sich zu einem bedeutenden Treffen der Branche sowie des interessierten Publikums entwickelt. Die Besonderheit liegt in dem interaktiven, kommunikativen Veranstaltungskonzept, das junge Nachwuchs-Entwickler, Startups, Software zu eigenen Zwecken entwickelnde Großkanzleien und etablierte Anbieter zu einem fruchtbaren Austausch zusammenführt – ein Konzept, das einen sehr hohen Wissens- und Erfahrungs-Ertrag für die Teilnehmer gewährleistet.

Der Autor nahm als Referent an der Veranstaltung teil und möchte mit diesem Artikel den derzeitigen Stand von Legal Tech in Deutschland der Fachöffentlichkeit als Orientierungshilfe vermitteln.

Als Legal Technology (LegalTech,LT) wird die Unterstützung, Automatisierung oder Ersetzung  von durch Menschen erbrachten juristischen Leistungen durch EDV bezeich-net. Der Autor schlägt dazu einen kürzenden Sprachgebrauch vor: Assistenz-LT / Automat-LT / Autonom-LT

1. Assistenz-LT

LT-Assistenz-Systeme unterstützen den Juristen bei seiner

  • geistigen juristischen Tätigkeit
  • Büro-Organisation einschließlich seiner Hilfskräfte
  • Kommunikation mit Dritten in der Anbahnung oder in der Durchführung.

Klassiker als LT-Assistenz-System sind die anwaltlichen Kanzlei-EDV-Systeme, juristische Online-Datenbanken und Anwaltssuchdienste. Ein aktueller Schwerpunkt der Entwicklung von Assistenz-Systemen – insb. von Startups – ist der Bereich der digitalen Dokumente hinsichtlich Erstellung, inhaltlicher Analyse und Auswertung. Da allgemeine und individuelle Juristen-Erfahrung zunehmend in einer großen, beständig ansteigenden Anzahl von digitalen Dokumenten gespeichert ist, liegt es nahe, die Beschränktheit des menschlichen Gehirns in Erinnerung, Suche nach Ähnlichkeiten und Mustern sowie hinsichtlich zusammenschauender Auswertung von Dokumenten durch EDV zu ergänzen. Hier wird in Zukunft künstliche Intelligenz (KI) zunehmend an Bedeutung gewinnen. Der solche LT-Assistenz-Instrumente nutzende Jurist hat Zeit-/Kosten- und Wettbewerbsvorteile, woraus sich ein Business Case für diese Systeme ableiten lässt und damit Investitionskapital angezogen wird, was diese Entwicklung weiter befeuert.

An neuartigen LT-Assistenz-Tools sind konzeptionell interessant der Arbeitsrechts-Vertragsgenerator des Startups Legal OS sowie das Startup codefy, das juristische Texte inhaltlich analysiert und dazu relevante Rechtsprechung aus Online-Datenbanken ermittelt.

Die klassischen LT-Assistenz-Systeme wie Kanzleiorganisations-Software nehmen zunehmend die Arbeitsleistung des Juristen in den Fokus. Legal Tech Tools werden immer mehr in das Kanzlei-Organisationskonzept eingebunden. Die bislang dem Anwalt persönlich vorbehaltene Entgegennahme und Aufbereitung von Falldaten wird zunehmend durch Softwarelösungen unterstützt und ersetzt, so durch Online-Mandantenkonten mit Online-Mandatserteilung und Online-Dateneingaben der Mandanten direkt in die Kanzlei-EDV-Systeme.

2. Automat-LT

Bei der LT-Automatisierung ersetzt der Computer bei typisch wiederkehrenden Einzelschritten der juristischen Dienstleistungen vollständig die geistige und praktische Arbeitsleistung des Juristen. Dieser hat dabei (nur) eine beaufsichtigende – weil die Verantwortung tragende – Funktion.

LT-Automatisierung führt umso mehr zu Arbeitseinsparungen und Kostenvorteilen, je mehr gleichartig gelagerte Fälle als juristische Dienstleistungen zu bearbeiten sind. Hier sind einige Großkanzleien mit eigenen Entwicklungen, auch eigenen Programmierabteilungen, aktiv, insbesondere im Bereich von „Dieselskandal“ sowie von Wertpapier-Sammelklagen. Es ist denkbar, dass dort gewonnene Erkenntnisse und Lösungen zu Produkten führen, die auch Kanzleien mit kleineren Fallzahlen anwenden könnten.

Einen neuartigen Ansatz hierzu hat RA-MICRO in der Entwicklung, in dem im Online‑Mandantenkonto der Anwaltskanzlei dem Mandanten von der Kanzlei für typische Fallgestaltungen generierte Daten-Erfassungsmasken zur Verfügung gestellt werden, die bei Auftragserteilung und während des laufenden Mandats vom Mandanten online mit Daten befüllt werden. Diese Daten werden automatisch in das RA-MICRO Textbaustein-Variablensystem übernommen, sodass der (fehlerträchtige) Arbeitsschritt der Übertragung der Daten (z. B. Kfz-Daten, Grundbuch-/Katasterbezeichnungen u. a.) in das Kanzlei-EDV-System entfällt. Dies ermöglicht in Standard-Konstellationen wie Räumungsklagen und Mahnverfahren automatisiert ablaufende Verfahrensabschnitte der anwaltlichen Dienstleistung.

3. Autonom-LT

Die autonome Legal Tech will den Juristen vollständig durch den Computer ersetzen. Experimentell hat das KI-System IBM Watson erste Ergebnisse gezeigt, die aber weit von praktischer Nutzbarkeit entfernt sind. Derzeit ist die Idee eines „Computer-Juristen“ Science-Fiction und es ist auf dem heutigen Stand der Technik nicht abzusehen, ob und wie eine solche Zukunft jemals Realität werden könnte.

Als Consumer Legal Services haben sich allerdings einige Systeme etabliert, die massenhaft auftretende, einfach gelagerte Sachverhalte mit juristischen Dienstleistungen automatisiert bearbeiten (ohne mit dem Rechtsdienstleistungsgesetz zu kollidieren) wie „Flugrecht“, „Flightright“ „Geblitzt“, „Wenigermiete“, „Aboalarm“, „myright“.

Im Fall des Vertragsgenerators Smartlaw ist ein Verstoß gegen das RDG vom LG Köln erkannt worden. Das ist deshalb richtig, weil nach dem heutigen Stand der Technik eine intellektuell juristische geistige Leistung durch einen Computer – wie dies die Gestaltung eines Vertrages unzweifelhaft erfordert – unmöglich ist.

Autor:

RA Dr. Peter Becker, Berlin

Wie sich der Rechtsmarkt für Kanzleien und Rechtsabteilungen verändern wird

Der Rechtsmarkt ist im Wandel. Insbesondere die Digitalisierung sorgt für maßgebliche Veränderungen. Aber auch jenseits von Legal Tech gibt es spannende Entwicklungen. Mit der Legal ®Evolution hat sich eine große Kongressmesse zum Thema etabliert. Initiator ist der Anwalt und Investor Dr. Jochen Brandhoff. Die NJW hat mit ihm über Gegenwart und Zukunft des Rechtsmarkts gesprochen.  Weiterlesen

Experten-Interview: „Juristen müssen sich zu Smart Contracts eine Meinung bilden“

Die Liste der Buzzwörter wird immer länger: Legal Tech, Blockchain, FinTech – und jetzt Smart Contracts. Was steckt hinter diesen smarten Verträgen? Tom Braegelmann und Dr. Markus Kaulartz, Herausgeber des neuen „Rechtshandbuch Smart Contracts“ (C.H.BECK), blicken im Interview in die Zukunft – und erklären, warum inbesondere Juristen sich schon jetzt unbedingt mit dem Thema auseinandersetzen sollten.   Weiterlesen

Arbeitsrecht und Legal Tech – Interview mit Markus Hartung

Markus Hartung hat sich als Geschäftsführer der neugegründeten Kanzlei „Chevalier“ dem Arbeitsrecht gewidmet, um Arbeitnehmer, in zum Teil existenzbedrohenden Situationen, zu beraten. Die Kanzlei setzt stark auf Legal Tech. Auf der Website der Kanzlei heißt es, man wolle den Weg für eine neue Generation von Anwaltskanzleien bahnen. Was dahintersteckt, wie die Kanzlei arbeitet und wie die Idee entstanden ist, erfahren Sie im Interview mit den Kollegen von legal-tech.de.

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Neue Initiative KAPITAL UND KÖPFE FÜR (LEGAL) TECH

Neue Plattform für Kooperationen und Investments im Bereich Legal Tech und mehr

Kooperationen zwischen Kanzleien und Legal Tech Unternehmen und untereinander helfen dabei, Innovationen und Wachstum voranzutreiben. Die Kooperationspartner sparen Geld und Zeit und profitieren vom Know-how des anderen Partners. Gerade junge Unternehmen im Bereich Legal Innovation benötigen darüber hinaus oft mehr Kapital, als sie selbst aufbringen können, zum Beispiel um Informatiker beschäftigen oder eine Vertriebsstruktur aufbauen zu können. Der Bedarf, Kapitalgeber, Kooperationspartner und Mitgründer zu finden, ist riesig. Nur ist es schwer, den geeigneten Partner zu finden. Um dies zu ermöglichen, hat die LEGAL ®EVOLUTION Expo & Congress die Initiative KAPITAL UND KÖPFE FÜR (LEGAL) TECH ins Leben gerufen. Die Initiative bringt Anwälte, Kanzleien, Anbieter, Gründer, Investoren und Kreditgeber in den Bereichen Legal Tech, Legal, Compliance Tech, Compliance, E-Discovery, RegTech, PropTech, InsurTech, Tax Tech, GovTech und Legal HR kostenlos zusammen. Weiterlesen

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Legal Tech Verzeichnis: 100 Angebote für Rechtsanwälte!

Während die Digitalisierung bereits fester Bestandteil anderer Branchen ist, steht Legal Tech, also die Technisierung der juristischen Arbeit, noch sehr am Anfang seiner Entwicklung. Doch längst zählt Legal Tech nicht mehr zur Kategorie „Nice-to-have“, sondern zur Kategorie „Must-have“. Denn nur mit modernen Technologien lässt sich die Rechtsanwaltskanzlei zukunfts- und konkurrenzfähig gestalten. Weiterlesen

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Erstes Legal Tech-Verzeichnis für Unternehmensjuristen geht online

Für Rechtsabteilungen birgt Legal Tech Chancen und Wachstumspotential. Unternehmen, die dies erkannt haben, stehen allerdings vor vielen Fragen: Wie komme ich an entsprechendes Know-how? Kann ich das Risiko neuer Investitionen tragen? Hier bietet legal-tech-kanzleien.de Hilfestellung.

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